sehepunkte 18 (2018), Nr. 9

Ray Takeyh / Steven Simon: The Pragmatic Superpower

Der Nahostkonflikt ist der Dauerkonflikt, der Nahe Osten die Krisenregion schlechthin. Das war so seit dem Ersten Weltkrieg und erhielt nach 1945 mit dem Kalten Krieg und der Gründung Israels 1948 eine ganz besondere Dimension. Die gesamte Region wurde zu einem wichtigen Schauplatz der Blockkonfrontation, nicht zuletzt auch wegen des dort vorhandenen Erdöls. Es folgte ein Krieg nach dem anderen, zumeist in klassischer Stellvertretermanier.

Jahrzehntelang waren die Briten die Herren im Nahen Osten. Ihre Herrschaft endete abrupt mit dem Suezkrieg 1956. An ihre Stelle traten die USA, während die Sowjetunion ihren Einfluss in Ägypten und Syrien verstärkte. Im Suezkrieg, im Sechstagekrieg 1967 und im Jom-Kippur-Krieg 1973 drohte Moskau, militärisch einzugreifen. Am Ende stand 1978 auf Vermittlung von US-Präsident Jimmy Carter das Camp David-Abkommen, das im März 1979 im Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten mündete. Die Sowjetunion war seit dem Jom-Kippur-Krieg an all dem nicht mehr beteiligt - immerhin zwölf Jahre vor dem Ende des Kalten Krieg und dem Zerfall der Sowjetunion.

Das alles ist weitgehend bekannt. Mit umso größerem Interesse greift man daher zu dem Band von Ray Takeyh und Steven Simon, verspricht doch der Klappentext, dass die Autoren - ehemalige Mitarbeiter des US-State Department - "neues Licht" auf die Entwicklung im Nahen Osten werfen. In der Einleitung betonen sie überdies, dass ihre Forschungen in US-Archiven ergeben hätten, es sei nicht Washingtons Bestreben während des Kalten Krieges gewesen, demokratische Regimes zu unterstützen (XIII). Das klingt vielversprechend. Umso größer ist dann die Enttäuschung.

Die Autoren beschäftigen sich in ihrem Buch mit zehn der wichtigsten Krisen im Nahen Osten - neben den oben genannten noch Iran 1946, 1953 und 1979; Iran-Irak-Krieg; Golfkrieg. Sie liefern dabei leider nichts Neues.

Da gibt es kein bislang nicht bekanntes Dokument, keine Archivarbeit, obwohl an manchen Stellen der gegenteilige Eindruck erweckt wird. Ein gutes Beispiel ist der berühmte Harrison-Report vom 1. August 1945. US-Präsident Truman hatte den US-Delegierten Earl Harrison beauftragt, die Lage der jüdischen Displaced Persons (DPs) in Europa zu untersuchen. Aus dessen Bericht zitieren die Autoren ausführlich (29) mit folgender Quellenangabe: "Harrison Report, Harry S. Truman Office File (HSTOF), Part III, Reel 33, Roosevelt Study Centre (RSC), Middleburgh, The Netherlands." (342). Das sieht auf den ersten Blick sehr nach wissenschaftlicher Archivarbeit aus. Aber: Dieser Bericht wurde bereits vollständig am 30. September 1945 in der New York Times abgedruckt und damals als Sonderdruck des Weißen Hauses verbreitet - und ist inzwischen mehrfach wörtlich im Netz zu finden (unter anderem im United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C.). Und dass im selben Kapitel "The Palestine Question" aus einem Aufsatz gleich zehnmal zitiert wird, ist auch nicht besonders innovativ.

Beim Sechstagekrieg findet sich kein Wort über den anhaltenden bitteren Historikerstreit in Israel über die Rolle der Sowjets. Nichts Neues auch beim Jom-Kippur-Krieg. Hier wird der wissenschaftliche Anspruch sogar etwas absurd: Die Autoren zitieren mehrfach - korrekt - aus dem Foreign Relations of the United States (FRUS)-Band über diesen Krieg, der seit 2011 in gedruckter Form und online vorliegt. Es gibt dann aber auch solche Quellenangaben: "Memcon between Meir, Nixon, and Kissinger, 1 November 1973, 12:10 p.m., Source: RG 59, Records of Henry Kissinger, 1973-1977, Box 2. NODIS Action Memos, 1973-1976. NPL" (362), obwohl auch dieses Dokument in dem genannten FRUS-Band enthalten ist! [1] Man merkt die Absicht und ist doch etwas verstimmt. Gerade über diesen Krieg, als Israel unmittelbar vor dem Untergang stand, hätte man sich von ehemaligen State Department-Mitarbeitern neue Fakten erwarten können (dafür machen die Autoren in diesem Kapitel den für das Desaster mitverantwortlichen Mosche Dajan zum israelischen Stabschef (200); er war indes Verteidigungsminister!).

Es fehlt in diesem Buch dann auch logischerweise ein Hinweis auf ungedruckte Quellen, die es darin ja nicht gibt - und auch ein Literaturverzeichnis.

Fazit: Für jeden, der sich erstmals mit der im Untertitel des Buches genannten Problematik beschäftigt, trotz allem eine solide, gut lesbare Darstellung auf der Basis der vorhandenen Literatur, allerdings ohne neue Erkenntnisse. Die These der Autoren ist dabei: Die amerikanische Nahostpolitik sei eine große Erfolgsstory gewesen: "The United States got it right" (XVIII) im Nahen Osten - und haben dort den Kalten Krieg gewonnen. Das ist im Prinzip korrekt - war aber auch bekannt. Mit Blick auf das offizielle Ende des Jom-Kippur-Krieges hatte das Henry Kissinger schon 1982 in seinen Erinnerungen so formuliert: "Amerika war zum entscheidenden Faktor in der Nahost-Politik geworden." [2]


Anmerkungen:

[1] Vgl. Memorandum of Conversation, 1. November 1973, in: FRUS 1969 - 1973, Vol. XXV (Arab-Israel Crisis and War), Washington D.C. 2011, Doc. 306, 826-836, URL: https://history.state.gov/historicaldocuments/frus1969-76v25/d306 (02.07.2018).

[2] Henry Kissinger: Years of Upheaval, Boston 1982, 612.

Rezension über:

Ray Takeyh / Steven Simon: The Pragmatic Superpower. Winning the Cold War in the Middle East, New York: W.W. Norton & Company 2016, XX + 396 S., ISBN 978-0-393-08151-0, GBP 17,99

Rezension von:
Rolf Steininger
Innsbruck
Empfohlene Zitierweise:
Rolf Steininger: Rezension von: Ray Takeyh / Steven Simon: The Pragmatic Superpower. Winning the Cold War in the Middle East, New York: W.W. Norton & Company 2016, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 9 [15.09.2018], URL: http://www.sehepunkte.de/2018/09/30563.html


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