sehepunkte 19 (2019), Nr. 2

Kiran Klaus Patel: Projekt Europa

Die Geschichte der Europäischen Integration wird in der medialen Öffentlichkeit oft als Fortschrittserzählung präsentiert: Ausgehend von der Katastrophe der Weltkriege hätten sich einzelne Staaten zur Integration entschlossen, die seit 1945 immer weiter vertieft und erweitert worden sei. Das Hauptziel des in Maastricht lehrenden Historikers Kiran Patel ist es, den von den Mitgliedstaaten der EU und den Europäischen Institutionen gepflegten, in den Verträgen kodifizierten Mythos vom immer engeren Zusammenwachsen der Völker zu relativieren. Die Europäische Integration, so Patel, sei nicht die Umsetzung eines großen Planes, sondern geprägt durch gegenläufige und widersprüchliche Entwicklungen. Die vielfältigen Kompromisse führten zu Dysfunktionalitäten, viele Entscheidungen hatten nicht nur beabsichtigte Konsequenzen, sondern führten zu ganz anderen, nicht intendierten Ergebnissen. In insgesamt acht Kapiteln geht der Autor daran, seine These zu untermauern. Bewusst ist das Buch daher nicht chronologisch angelegt. Vielmehr liest sich die Darstellung eher wie eine gut strukturierte Aufsatzsammlung, die einzelne Aspekte der Europäischen Integrationsgeschichte beleuchtet.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der experimentellen Phase der Europäischen Integration nach 1945. Patel zeigt, dass die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, aus der die Europäische Union institutionell hervorging nur eine unter vielen europäischen Organisationen dieser Zeit war. Zu Recht hebt er die Bedeutung der Marshallplan-Organisation (OEEC) und den Europarat hervor, verweist aber ebenso auf die NATO, die Westeuropäische Union sowie die europäischen Unterorganisationen der Vereinten Nationen. In den 1950er Jahren war keineswegs klar, dass die supranationale Montangemeinschaft und die 1958 gegründete Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) einmal eine solch dominante Rolle in Europa spielen würden.

Im zweiten Kapitel rüttelt Patel am Selbstbild der EU als Friedensgarant in Europa. Ohne dies völlig abzulehnen stellt er die These auf, dass die Gemeinschaft in ihrer Anfangsphase mehr vom Frieden in Europa profitierte als dass sie ihn selbst geschaffen habe. Wichtiger in dieser Hinsicht seien die NATO und die Westeuropäische Union gewesen. Der These ist insofern zuzustimmen, als es tatsächlich das Ensemble der internationalen Organisationen war, das seit 1945 größere militärische Konflikte in Europa verhindert hat. Allerdings spielten die Montangemeinschaft und die EWG/EG/EU in diesem Kontext eine Schlüsselrolle, weil sie insbesondere für Frankreich, die Benelux-Staaten und Italien durch die Supranationalität jene Sicherheit schufen, ohne die friedliche Beziehungen in dieser Phase nicht möglich waren. Die Montangemeinschaft entstand ja gerade weil der Europarat, die OEEC und der Brüsseler Pakt aus der Sicht Frankreichs und der anderen europäischen Staaten in dieser Hinsicht nicht ausreichten.

Ein wichtiger Grund, warum die EG ab den 1960er Jahren an Bedeutung gewann, ist ihr wirtschaftlicher Erfolg. Vor allem gegenüber der von Großbritannien seit 1959 geführten Europäischen Freihandelszone EFTA schnitten die Länder der EWG in Bezug auf das Wirtschaftswachstum bedeutend besser ab. Im dritten Kapitel versucht Kiran Patel, diesen Einfluss unter Verweis auf ökonomische Forschungen zu relativieren. Dies allerdings ist nur bedingt überzeugend. Zum einen wird die wachstumsfördernde Bedeutung der EWG nur von wenigen Ökonomen in Frage gestellt, die Mehrheit der Fachleute hebt die Bedeutung des Gemeinsamen Marktes für das westeuropäische "Wirtschaftswunder" der 1950er bis 1970er Jahre hervor. Zum anderen suchten so viele Staaten in den 1960er Jahren den Anschluss an die EWG, weil sie bedeutende wirtschaftliche Erfolge zu verzeichnen hatte.

Obwohl die Europabewegung in der unmittelbaren Nachkriegszeit vor allem bei jungen Menschen äußerst populär war, konnten die europäischen Organisationen trotz des wirtschaftlichen Erfolgs keine großen Emotionen wecken. Ihr technokratischer Charakter, so Patel, ließ sie in der Öffentlichkeit kalt und emotionslos erscheinen. Dabei, und das zeigt der Autor sehr klar, waren die Institutionen der Gemeinschaft keineswegs die bürokratischen Wasserköpfe als die sie in den Medien gerne beschrieben werden. Die Europäische Kommission war in vielerlei Hinsicht unterbesetzt. Hinzu kam, dass die nationalen Regierungen oft ein Doppelspiel betrieben: Erfolge der europäischen Politik reklamierten sie für sich selbst, für die Probleme hingegen wurden die Brüsseler Institutionen verantwortlich gemacht.

Die mangelnde Begeisterung der Öffentlichkeit für die EG/EU hat auch damit zu tun, dass die Gemeinschaft zwar hohe Werte und Normen für sich beansprucht, diese in der konkreten Politik aber oft nicht umsetzen kann. Patel zeigt überzeugend, dass der Wertediskurs in den europäischen Organisationen in "diskontinuierlichen Schüben" verlief. Die Menschenrechte und Grundwerte spielten in der unmittelbaren Nachkriegszeit insbesondere für den Europarat eine Rolle, dann wieder in den 1970er Jahren und schließlich nach dem Ende des Ost-West-Konflikts seit 1990. Zugleich aber war die Gemeinschaft immer wieder in die Realpolitik eingebunden. Die hieraus resultierenden Wiedersprüche konnte sie nicht auflösen.

Zudem war die EG/EU immer in starkem Maße eine Rechtsgemeinschaft. Insbesondere der Europäische Gerichtshof war eine in der Öffentlichkeit massiv unterschätzte Institution, die den Integrationsprozess entscheidend vorantrieb. Das war insofern sehr weitreichend, weil durch die Europäisierung des Rechts auch die Struktur der nationalen Verwaltungen nachhaltig verändert wurde. Hier, so Patel, liegt ein in der Öffentlichkeit immer noch unterschätzter Aspekt der Europäischen Integration, dessen geschichtswissenschaftliche Erforschung noch in den Anfängen steckt.

Die gegenwärtige Diskussion um den sogenannten "Brexit" führte wohl dazu, dass das siebte Kapitel, in dem es vor allem um den Austritt Algeriens und Grönlands aus der EG geht, so ausführlich geworden ist. Einerseits weist Patel darauf hin, dass der Austritt aus der Gemeinschaft nichts Neues ist, andererseits ist ihm klar, dass die Bedeutung Grönlands und Algeriens nicht mit der Großbritanniens gleichgesetzt werden kann. Die Eintrittsbedingungen beider Länder in die Gemeinschaft waren ganz anders als die des Vereinigten Königreichs, auch ihr wirtschaftliches und politisches Gewicht entspricht nicht ansatzweise dem Großbritanniens. Gleichzeitig wird auch an diesen Beispielen deutlich, dass das in den Verträgen verankerte Narrativ von der immer engeren Union der europäischen Staaten auch eine Kehrseite hat.

Schließlich geht der Autor auf die Bedeutung der Europäischen Gemeinschaft für die Welt ein. Insbesondere die ambivalente Rolle der USA als Förderer und Konkurrent der Europäischen Integration wird beleuchtet, aber auch die Entstehung einer europäischen Politik gegenüber Afrika von den "Eurafrique"-Konzeptionen der 1950er Jahre zu den Verträgen von Lomé und Yaundé.

Auch wenn nicht jedes Argument zu überzeugen vermag: Kiran Patel hat ein höchst lesenswertes, anregendes Buch geschrieben. Er resümiert nicht einfach handbuchartig den Wissensstand, sondern öffnet zum Teil auf der Basis neuer archivalischer Quellen Perspektiven für die Forschung.

Rezension über:

Kiran Klaus Patel: Projekt Europa. Eine kritische Geschichte, München: C.H.Beck 2018, 463 S., 12 s/w-Abb., 6 Tbl., 3 Kt., ISBN 978-3-406-72768-9, EUR 29,95

Rezension von:
Guido Thiemeyer
Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Empfohlene Zitierweise:
Guido Thiemeyer: Rezension von: Kiran Klaus Patel: Projekt Europa. Eine kritische Geschichte, München: C.H.Beck 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 2 [15.02.2019], URL: http://www.sehepunkte.de/2019/02/32441.html


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