sehepunkte 19 (2019), Nr. 6

Christopher Clark: Von Zeit und Macht

Dieser Zyklus von vier Vorlesungen über deutsche, vor allem preußische Geschichte wurde 2015 in Princeton zu Ehren von Lawrence Stone vorgetragen. Dadurch erklärt sich das episodische Konzept des Buches, das sich nichtsdestoweniger als sachlich höchst kohärent erweist. Denn es geht - ein bisschen paradox - um einen Beitrag zum temporal turn der Geschichtswissenschaft selbst. Doch statt wie üblich einen "Prozess des Wandels ohne Akteur" zu analysieren, untersucht Clark die "Verzerrung der Zeitlichkeit durch die Macht, die Aneignung der Geschichtlichkeit" durch die verschiedenen Machthaber (232), "die in die zeitliche Ordnung eingriffen" (19). Zwar wird in der höchst reichhaltigen Einleitung zwischen Geschichtlichkeit (Historizität) und Zeitlichkeit (Temporalität) unterschieden, aber diese Trennung ließ sich in der Praxis nicht aufrechterhalten (14, 31, 63f.).

Bereits die "Zeitmaschine" des Großen Kurfürsten wurde mithilfe Pufendorfs zusätzlich in "Geschichte" verwandelt, als Friedrich Wilhelm gegen die ererbte Privilegienstruktur der Stände seiner Länder unbeirrt Kurs auf die Selbstbehauptung der Monarchie hielt, ungeachtet aller wechselnden Optionen. Dazu gehörte auch sein konfessioneller Kurs, der reformiert und keineswegs tolerant war, wie es die Legende wollte. Daraus ergab sich später auch das innovativ konstruierte preußische Königtum seines Sohnes. Das alles ist aber nicht eigentlich neu.

Ungleich origineller ist die Darstellung Friedrichs II. als bester Historiker seiner selbst. Das Quellenmaterial des Königs war nämlich ebenso hervorragend wie seine Beherrschung aufgeklärter Geschichtsschreibung in der Manier Voltaires, einschließlich der Herausarbeitung von Entwicklungsunterschieden zwischen verschiedenen Kulturen. Die Konflikte seines Urgroßvaters mit den Ständen wurden freilich beschwiegen, denn das hätte Friedrichs konservativer Adelspolitik widersprochen. Außerdem ist in seinen historischen Schriften das durchgehende Bedürfnis nach politischer Legitimation nicht zu übersehen. In erster Linie allerdings hatten Friedrichs historische Werke dem persönlichen Ruhm des Königs zu dienen. Auf diese Weise kam aber ein deutlich repetitives, zyklisch-ahistorisches Geschichtsbild zustande. Nicht die Dynastie mit ihrem Aufstieg steht im Mittelpunkt, sondern ein abstrakter, zeitunabhängiger "Staat" als Gegenüber des ruhmsüchtigen Monarchen. Dessen Zeitsinn läuft auf die eigene historische Größe als Friedrich der "Einzige" hinaus, ein Geschichtsbewusstsein, das von Zeitgenossen wie Nachwelt nur zu gerne übernommen wurde. [1] Selbst die Homosexualität des Königs blieb nicht reine Neigung, sondern wurde zum Selbstdarstellungsprogramm des Egomanen stilisiert.

Auf den ersten Blick könnte Bismarcks Zeitgefühl nicht gegensätzlicher sein. Immer wieder erklärte er sich zum "Steuermann im Strom der Zeit", der nicht mehr souverän lenken konnte, sondern stattdessen unablässig versuchen musste, einen Weg durch die ständig wechselnden Konstellationen seiner Zeit zu finden. Denn seit der Zeit Friedrichs hatte sich die Welt geändert, unterlag sie doch inzwischen der allgemeinen Beschleunigung des Lebens. Damit wurde "Geschichte" als Totalität überhaupt erst möglich. Nicht nur Hegel, sondern auch der eigentlich nicht fortschrittsgläubige Ranke und Bismarck selbst gingen selbstverständlich von einer Gesamtbewegung aus, von der "die" Geschichte angetrieben wird. Das bedeutet Geschichte im ständigen Fluss des Werdens. Bismarck selbst dachte in diesem Sinne, analog zum Schachspiel. Er verabscheute die Revolution von 1848, aber akzeptierte sie, insofern er das Beste daraus zu machen wusste. So wurde er zum Meister ständiger Nicht-Bindung in der endlosen Kette mehr oder weniger offener Optionen und kritischer Augenblicke. Meisterhaft war nach Clark zum Beispiel 1866 Bismarcks Ausreizen des allgemeinen Wahlrechts gegen die Liberalen - bis neuartige Faktoren wie das Zentrum und die SPD auftraten. Bismarcks Zeitempfinden war von der Überlegenheit des Augenblicks als empirische und hermeneutische Kategorie geprägt (165). Sein einziger politischer Fixpunkt blieb das preußische monarchische Prinzip, abstrakter: der Staat, notabene aber nicht die Verfassung. Im Gegenteil, die Verfassung von 1871 war im Sinne Bismarcks sogar als Inbegriff eines ergebnisoffenen Konstrukts gemeint. Sein Zeitgefühl war insofern durchaus entwicklungsorientiert, aber eben nicht fortschrittlich gegenüber den neuen Kräften.

Dieser transzendente Staat Hegels, Rankes und Bismarcks zerbrach 1918. Die Weimarer Republik wurde zu einer Mitspielerin neben anderen im politischen Alltagsgeschäft. Die Krise des Historismus war insofern keine Krise der professionellen Aktivitäten der Historiker, sondern das Ende der deutschen Geschichte als Inbegriff essentialistischer Geschichtlichkeit von Politik überhaupt. Dabei konnte aber nach Clark von einem "deutschen Sonderweg" allenfalls insofern die Rede sein, als die kritischen Episoden sich hier sehr viel rascher und folgenreicher ablösten als anderswo (234).

Das Ergebnis war jedenfalls ein Bruch im Zeitgefühl und im Geschichtsbild. Clark arbeitet diese besonders originelle These am Vergleich "revolutionärer" Museen im nationalsozialistischen Deutschland, im faschistischen Italien und in der Sowjetunion heraus. Während die "Revolutionen" in Italien und Russland trotz aller Radikalität bloße Modifikationen der grundsätzlich linearen Geschichtsbilder hervorbrachten, gab es zwar auch in Deutschland lineare Vorstellungen von nationalsozialistischer Zukunft. Hitler selbst bewährte sich dabei durchaus als erfolgreicher Taktiker im Sinne Bismarcks. Bei ihm und anderen wie Goebbels oder Himmler stand aber in letzter Instanz mehr dahinter: das Ausscheiden aus der Geschichte überhaupt zugunsten eines ahistorischen Biologismus, das in der eschatologischen Metapher vom "tausendjährigen Reich" zum Ausdruck kam. Statt chronopolitischen Manipulationen, aber immer noch mit dem Zuschnitt linearer Zeitlichkeit, statt Kampf der Staaten oder Klassen wie dort sollte hier Rassenkampf angesagt sein, statt mehr oder weniger prognostischem Kalkül unerbittliche Prophetie.

Clarks großer Essay überzeugt nicht nur durch seine Argumentation, sondern auch durch den imposanten Apparat an Querverweisen im Text und in den Endnoten. Seine voraus- und nachgeschickten hochaktuellen Kommentare zur Welt- und Europapolitik fallen allerdings nicht besonders optimistisch aus (25-27, 240-47). "Überlegungen zu der Frage, wie die Träger und Gestalter politischer Macht in [...] der Vergangenheit ihre Politik verzeitlicht haben, werden kaum dazu beitragen, den zeitgenössischen Reiz solcher Manipulationen zu mindern, aber sie können uns zumindest helfen, sie aufmerksamer zu lesen." (27)

Aufmerksame Lektüre führte freilich auch zu Lesefrüchten wie "Ländereien Brandenburg-Preußens" (91) und zu dem "Palast" von Rheinsberg (122) beziehungsweise Sanssouci (125), ein merkwürdiger, aber üblicher Sprachgebrauch des Übersetzers, oder zu Jesus als Ganymed des Apostels Johannes (129), wo doch vermutlich, wenn schon, dann die umgekehrte Beziehung gemeint sein soll. Da mir der englische Text nicht vorliegt, war eine Überprüfung nicht möglich.


Anmerkung:

[1] Vergleiche neben zahlreichen anderen Veröffentlichungen zum Beispiel: Georg Friedrich Kolb: Das Leben Friedrichs des Einzigen, Speyer 1828.

Rezension über:

Christopher Clark: Von Zeit und Macht. Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, München: DVA 2018, 313 S., 12 s/w-Abb., ISBN 978-3-421-04830-1, EUR 26,00

Rezension von:
Wolfgang Reinhard
Freiburg/Brsg.
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Reinhard: Rezension von: Christopher Clark: Von Zeit und Macht. Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, München: DVA 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 6 [15.06.2019], URL: http://www.sehepunkte.de/2019/06/32613.html


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