sehepunkte 19 (2019), Nr. 11

Frederike Zindler: Kultur ist Politik ist Kultur

Studien über Vermittlerfiguren sind immer noch gerne gelitten in der Zeitgeschichte. Das Handeln dieser Gruppe von historischen Akteuren als Transferprozess zwischen verschiedenen Nationen und Gesellschaften, über Grenzen und Konfliktlinien hinweg ist nach wie vor interessant. Inzwischen gibt es in den Kultur-, Literatur- und Geschichtswissenschaften eine beachtliche Zahl von Einzelstudien, die sich den Vermittlern (weniger den Vermittlerinnen) annehmen sowie neue Überlegungen zu den theoretischen Grundlagen des Forschungsfeldes bieten. [1]

Frederike Zindlers kulturwissenschaftliche Dissertation, die am Institut für niederländische Philologie der Universität Münster entstand, fügt sich so in eine kleine Konjunktur der Vermittlerstudien ein. Sie selbst schlägt den Begriff des "Mittlers" als wertneutrale Alternative vor (17). Zentral steht in der Qualifikationsschrift die Frage nach dem Kulturtransfer zwischen Deutschland und den Niederlanden mit seinen Kontexten, den transportierten Identitätskonstruktionen, den sozialen Rollen und Diskursen, die damit einher gehen. Gestaltungsprinzip der Arbeit ist eine klassische Biografie in vier chronologisch gegliederten Kapiteln. Die Quellen der Untersuchung stammen im Wesentlichen aus dem Nachlass ihres Protagonisten im Amsterdamer International Institute of Social History. Im Zentrum steht Wilhelm Kweksilber, besser bekannt unter seinem Pseudonym H. Wielek.

Auf knapp 300 Seiten gelingt es Zindler, ihre Quellen zu einer dichten Beschreibung von Wieleks Leben, seinen Aktivitäten in Kultur- und Bildungsarbeit und den darin vorscheinenden Selbst- und Fremdbildern zu verbinden. Die Stärke der Arbeit liegt in der kenntnisreichen Rekonstruktion eines Diskursraumes zwischen sozialistischem Internationalismus, Nationalstaaten und politischem Exil. Zugleich schreibt Zindler eine Geschichte der Transfers und der Übersetzungen deutscher, antifaschistisch konnotierter Literatur und Filme in den Niederlanden. Wertschätzung verdient nicht zuletzt das mühevoll zusammengestellte Publikationsverzeichnis, das Wieleks Gesamtwerk erstmals in einer Übersicht erschließbar macht.

Als Kind einer staatenlosen jüdischen Familie in Köln besuchte Wielek entgegen aller Chancen ein humanistisches Gymnasium und begann sich schon während seiner Schulzeit für die linke politische Kultur der Weimarer Republik zu interessieren. Begeistert von den Werken Mehrings, Brechts und Tucholskys suchte er den Anschluss zum Organisationsspektrum zwischen KPD und SPD, trat aber auch selbst in einem Kabarett auf und verfasste politische Lyrik. Um der nationalsozialistischen Verfolgung nach dem Reichstagsbrand zu entkommen, flüchtete er 1933 nach Amsterdam und setzte im niederländischen Exil seine Aktivitäten zugunsten antifaschistischer Kulturschaffender fort. Unter schwierigen Bedingungen arbeitete er im Netzwerk der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei der Niederlande (SDAP) und in den deutschen Exil-Organisationen im Land. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Westeuropa sah sich Wielek den anti-jüdischen Maßnahmen der Besatzer ausgeliefert, entging aber durch seine Ehe mit einer nicht-jüdischen Niederländerin und seiner Funktion im Amsterdamer Judenrat zunächst der Deportation. Mitte 1943 wurden er und seine Familie dennoch festgenommen und in das Durchgangslager Westerbork gebracht. Wielek gelang es unter ungeklärten Umständen, aus dem Lager entlassen zu werden. Seine Eltern und seine Schwester wurden dagegen in den deutschen Vernichtungslagern ermordet. Es ist schade, dass Zindler die erzwungene Mitarbeit Wieleks im Judenrat im weiteren Verlauf der Arbeit nicht stärker als Erklärungsmoment heranzieht. Und es ist umso verwunderlicher, da die Erinnerung an die Shoah Wieleks Aktivitäten nach 1945 an vielen Stellen prägte und die Judenvernichtung speziell in Amsterdam auch in der Forschungsliteratur gut erschlossen ist. [2]

Die beiden umfangreichsten Kapitel der Studie entfallen, auch aufgrund der besseren Quellenlage, auf Wieleks Aktivitäten in der Nachkriegszeit, in der er sich bewusst für einen Verbleib in den Niederlanden entschied. Von dort begleitete er die politische und kulturelle Entwicklung in Westdeutschland und in geringem Umfang auch in der DDR. Mit Blick auf die geschichtspolitischen Konflikte zwischen den beiden deutschen Staaten besteht eine Leerstelle der Untersuchung, weil Zindler nicht auf Wieleks Rolle bei der bekannten Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz" eingeht, die mit seiner Hilfe in einer veränderten Version 1960 auch in Amsterdam präsentiert werden konnte. [3]

Zindler weist aus, wie gegenwärtig die nationalsozialistische Vergangenheit für Wielek Zeit seines Lebens blieb. Ob als Mitarbeiter für Kulturarbeit in der Gemeinde Amsterdam, als sozialdemokratischer Abgeordneter des niederländischen Parlaments oder als Vorsitzender der Stiftung J'Accuse: für Wielek blieben nationalsozialistische Verbrechen, die Fragen nach Schuld und Kollaboration im Zweiten Weltkrieg und der kulturelle Widerstand des "anderen Deutschland" die Maßstäbe seines eigenen Wirkens. Oft polemisch und sehr kritisch konnte er bis zu seinem Tod das Misstrauen gegenüber den deutschen Nachkriegsgesellschaften nie überwinden.

Zindler arbeitet dabei sehr gut heraus, wie antagonistisch die von Wielek an die niederländische Öffentlichkeit getragenen Deutschlandbilder waren. An ihrer Bewertung sind aber Zweifel angebracht. An vielen Stellen (136, 181, 251, 274), besonders aber im Fazit der Untersuchung hebt sie die Inadäquanz dieser Polemiken prominent hervor. "Wielek kreierte Bilder von rückständigen Deutschen und erkannte nicht, dass seine Bilder selbst rückständig waren", (294) ist dort etwa zu lesen, oder auch, dass er "[...] extrem undifferenzierte und somit diskreditierende Deutschlandbilder" (295) verbreitet habe. Das Entgegenhalten der Perspektive des historischen Akteurs und der nachträglichen, wertenden Einordnung durch die Wissenschaftlerin klingt an diesen Stellen fast vorwurfsvoll, trägt aber kaum zum Verständnis der kulturpolitischen Mittlertätigkeit und biographisch-politischen Genese von Wieleks Interpretationsansätzen bei.

Zusammenfassend machen die aufgezeigten Irritationen die Studie nicht weniger lesenswert. Zindlers Wielek-Biografie ist eine Empfehlung für alle, die sich für die Schnittmengen zwischen Kulturtransferforschung und Biografiegeschichte interessieren und eine gelungene Darstellung einer bisher kaum bekannten historischen Figur in ihren europäischen Kontexten.


Anmerkungen:

[1] Für eine Übersicht siehe: Nicole Colin / Joachim Umlauf: Im Schatten der Versöhnung. Deutsch-französische Kulturmittler im Kontext der europäischen Integration, Göttingen 2018.

[2] Siehe etwa Katja Happe: Viele falsche Hoffnungen. Judenverfolgung in den Niederlanden 1940-1945, Paderborn 2017.

[3] Stephan A. Glienke: Die Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz". (1959-1962). Zur Geschichte der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen, Baden-Baden 2008, 137-139.

Rezension über:

Frederike Zindler: Kultur ist Politik ist Kultur. Der Emigrant und "Holländer" H. Wielek (1912-1988) als Mittler im deutsch-niederländischen Raum, Wien: Praesens 2017, 332 S., 1 Tabl., 9 s/w-Abb., ISBN 978-3-7069-0917-4, EUR 31,10

Rezension von:
Markus Wegewitz
Europäisches Kolleg Jena
Empfohlene Zitierweise:
Markus Wegewitz: Rezension von: Frederike Zindler: Kultur ist Politik ist Kultur. Der Emigrant und "Holländer" H. Wielek (1912-1988) als Mittler im deutsch-niederländischen Raum, Wien: Praesens 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 11 [15.11.2019], URL: http://www.sehepunkte.de/2019/11/31685.html


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