sehepunkte 19 (2019), Nr. 11

Rainer Bendel / Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller 1880-1947

Bis in die Gegenwart wird das Bild von Bischof Maximilian Kaller vor allem durch zwei Motive geprägt: Kallers Aufruf an die katholischen Christen vom März 1933 zur Mitarbeit an der Erneuerung des deutschen Volkes, was ihn für viele Zeitgenossen zum Sympathisanten des NS-Regimes machte, sowie durch die Erinnerung an den 'Bischof der Vertriebenen', der in der unmittelbaren Nachkriegszeit für die heimatlos gewordenen ostdeutschen Katholiken eine seelsorgliche Betreuung organisierte. Rainer Bendel und Hans-Jürgen Karp modifizieren diese partielle Wahrnehmung durch ihre differenzierte und ausgewogene Studie einer durch die politischen und sozialen Verwerfungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert gekennzeichneten priesterlichen Biografie. In zehn Kapiteln entfalten sie das Bild eines Geistlichen, der sich sowohl in der katholischen Diaspora auf Rügen als auch in der Berliner Großpfarrei St. Michael als guter Organisator und Seelsorger bewährte. Kaller setzte auf moderne Ansätze in der Seelsorge, insbesondere auf die Einbeziehung von Laien, auf eine intensive Jugendarbeit sowie auf die persönliche Ansprache der Gemeindemitglieder. Den Autoren gelingt es, das priesterliche Wirken Kallers unter schwierigen Zeitumständen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert, auf die Kaller in seinen Ansprachen und Hirtenbriefen einging, einzuordnen und ihn als einen wachen Zeitgenossen zu beschreiben, der den Gläubigen Halt gab und Orientierung aufzeigte. All dies blieb der Berliner Nuntiatur nicht verborgen, die entscheidend daran mitgewirkt hatte, Kaller zunächst die Leitung der Freien Prälatur Schneidemühl zu übertragen und ihn 1930 als Bischof von Ermland zu berufen.

Danach besprechen die Verfasser den eigentlichen Schwerpunkt der Biografie: Kallers bischöfliches Wirken in Ostpreußen und insbesondere dessen Verhalten gegenüber dem NS-Regime und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Ausgehend von Kallers anfänglicher Offenheit, sich für den nationalsozialistischen Staat einzubringen, arbeiten Bendel und Karp die kurze Zeit später erfolgte Distanzierung heraus. Sie sehen in Kaller einen durchaus mutigen Ordinarius, der auch bereit war, in seinen Ansprachen und Hirtenbriefen eine kritische Haltung gegenüber dem NS-Regime einzunehmen. Sie bescheinigen Kaller 'Widersetzlichkeit' und zählen ihn zu den regimekritischen Bischöfen innerhalb der deutschen Bischofskonferenz. Hinsichtlich des Kriegsausbruchs war sich Kaller mit seinen Amtsbrüdern, denen in dieser Frage eine kritische Distanz fehlte, jedoch gänzlich einig. Hier dominierte das patriotische Pflichtgefühl vor dem Mitgefühl gegenüben den Menschen in den besetzten Ländern. Einen ähnlichen Mangel an kritischer Distanz zeigte Kaller bei seinem Werben für eine katholische Siedlung in den 'evakuierten' polnischen Gebieten. Die Autoren sehen hierin zwar eine ausschließlich seelsorgliche Motivation Kallers (187), doch dass mit der Zwangsaussiedlung von katholischen Polen eine bereits bestehende kirchliche Seelsorgestruktur zerstört worden war, schien Kaller nicht weiter beschäftigt zu haben. An dieser Stelle hätten die Autoren durchaus kritischer sein können.

Bendel und Karp heben Kallers Weitsicht und Klarheit hinsichtlich der Nachkriegsrealitäten hervor, konkret die Rückkehr von ostdeutschen Flüchtlingen und Vertriebenen in ihre Heimat. Kaller erkannte sehr schnell, dass solche Erwartungen eine Illusion waren, was ihm ermöglichte, authentisch und plausibel für einen Neuanfang im Westen zu werben. Dieser Ansatz ist umso bemerkenswerter, als er selbst die Erfahrung des Heimatverlustes erlitten und als Bischof von Ermland seiner Jurisdiktion verloren hatte. (Klugerweise erliegen die Verfasser nicht der Versuchung, Kallers erzwungenen Amtsverzicht im Sommer 1945, der auf Betreiben des polnischen Primas Kardinal Hlond erfolgt war, breit zu thematisieren, und bewahren damit die Biografie vor dem Sog der Kontroverse um die sogenannten 'Hlond'schen Vollmachten'.) Gerade in der Zeit als Bischof ohne Bistum sprach er für viele Ostdeutsche die bittere Wahrheit aus, dass die Heimat endgültig verloren war, um ihnen aber zugleich Mut und Zuversicht zuzusprechen. Noch 1946 ernannte ihn Papst Pius XII. zum Sonderbeauftragen für die katholische Flüchtlingsseelsorge in Deutschland; dieses Amt konnte er zwar noch antreten, aber nicht mehr lange ausüben. Kaller starb am 7. Juli 1947.

Den Verfassern ist eine wohltuend entpolitisierte Biografie Kallers gelungen. Frei von Polemiken, suchen und finden sie in Kaller einen modernen Seelsorger und verleihen ihm so ein Profil, das in den vorherigen Diskussionen über dessen Verhalten in der NS-Zeit deutlich in den Hintergrund trat. So gelingt es ihnen, Kallers zahlreiche geistliche Facetten zu beschreiben und von der oben angesprochenen selektiven Fokussierung auf einzelne bekannte Aussagen beziehungsweise Aufgaben abzurücken beziehungsweise diese neu einzuordnen. Dieser gut lesbaren Studie, die nicht nur an ein Fachpublikum gerichtet ist, ist eine entsprechende breite Resonanz zu wünschen.

Rezension über:

Rainer Bendel / Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller 1880-1947. Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Unter Mitarbeit von Werner Christoph Brahtz, Münster: Aschendorff 2017, 350 S., ISBN 978-3-402-13260-9, EUR 24,80

Rezension von:
Severin Gawlitta
Essen
Empfohlene Zitierweise:
Severin Gawlitta: Rezension von: Rainer Bendel / Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller 1880-1947. Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Unter Mitarbeit von Werner Christoph Brahtz, Münster: Aschendorff 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 11 [15.11.2019], URL: http://www.sehepunkte.de/2019/11/33666.html


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