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Stephan Conermann: Islamische Welten: Neuere Forschungen zur Sklaverei und zu anderen Formen starker asymmetrischer AbhĂ€ngigkeit II. Einführung, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 1 [15.01.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
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Islamische Welten: Neuere Forschungen zur Sklaverei und zu anderen Formen starker asymmetrischer AbhÀngigkeit II

Einführung

Von Stephan Conermann

Das Exzellenzcluster "Beyond Slavery and Freedom: Asymmetrical Dependencies in Pre-Modern Societies" (www.dependency.uni-bonn.de) lĂ€uft nun seit gut einem Jahr. Die Infrastrukturen (etwa die Etablierung der Forschergruppen und der GeschĂ€ftsstelle, die Einrichtung der Masterprogramme, des strukturierten Promotionsprogrammes und des Kollegs) sind aufgebaut, die ersten Workshops und Konferenzen durchgefĂŒhrt und das erste Themenjahr "Semantics, Lexical Fields, Narratives" hat im Oktober 2019 begonnen. Da Sklaverei als eine der prominenten Formen starker asymmetrischer AbhĂ€ngigkeit fĂŒr uns ein zentrales Thema darstellt, ist auch dieses zweite FORUM einigen Neuerscheinungen auf diesem Gebiet gewidmet (vgl. das erste FORUM zu dieser Thematik in sehepunkte 19 (2019), Nr. 1).

Um verschiedene Arten der Sklaverei transkulturell miteinander vergleichen zu können, sind neben einer Definition auch Modelle mitunter hilfreich. In einem von Noel E. Lenski und Catherine M. Cameron herausgegebenen Sammelband wird vor diesem Hintergrund zum einen die von Moses Finley vor gut einem halben Jahrhundert vorgenommene Einteilung der Welt in "slave societies" und "societies with slaves" kritisch ĂŒberprĂŒft und zum anderen eine SchĂ€rfung des Begriffes vorgenommen. (Bischoff zu Lenski/Cameron)

Da ĂŒber das römische Recht antike Vorstellungen von Sklaverei Eingang in die im Zuge der SpĂ€tantike entstandenen christlichen und islamischen Kulturbereiche gefunden haben, sind römische und griechische Varianten in den letzten Jahrzehnten intensiv diskutiert worden. Dabei ist sehr deutlich geworden, dass man nicht von einer "antiken" Form der Sklaverei reden kann. Vielmehr handelt es sich um ein sehr großes Spektrum von starken asymmetrischen AbhĂ€ngigkeiten, die sehr sorgfĂ€ltig voneinander geschieden werden mĂŒssen. (Vössing zu Hunt)

Die meisten Publikationen zum Thema Sklaverei beschĂ€ftigen sich natĂŒrlich mit dem Transatlantischen Sklavenhandel und den in den Amerikas errichteten Plantagensystem. So gab es etwa um die Mitte des 18. Jahrhunderts auf Jamaika 455 und auf Saint-Domingue sogar 556 Zuckerplantagen, auf denen nicht nur Zuckerrohr angepflanzt und geerntet, sondern auch verarbeitet wurde. In vielerlei Hinsicht handelte es sich bei den Plantagen um proto-industrielle Komplexe, die als VorlĂ€ufer der Entwicklung im 19. Jahrhundert in Europa gesehen werden sollten. (Conermann zu Burnard/Garrigus) Auf beiden Inseln entwickelte sich darĂŒber hinaus "Rasse" in zunehmender Weise zu einem Differenzkriterium.

Ein weiteres interessantes Thema ist die Missionierung von SklavInnen in den protestantischen (d.h. insbesondere in den britischen und niederlĂ€ndischen) Kolonien in der Karibik im 17. und 18. Jahrhundert. Über die Vereinbarkeit von Christentum und Sklaverei gab es recht verschiedene staatliche und kirchliche Auffassungen. Die Sklavenhalter standen einer Konversion dabei in der Regel eher skeptisch gegenĂŒber. FĂŒr die SklavInnen selbst bedeutete ein Überstritt zum christlichen Glauben daher nicht unbedingt eine Erleichterung ihrer Lebenssituation. (Gymnich zu Gerbner)

Neben den direkt in den atlantischen Sklavenhandel verwickelten Staaten (in erster Linie Portugal, Spanien, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich) profitierten indirekt auch Regionen im nord-, mittel, und osteuropĂ€ischen Hinterland von den auf dem RĂŒcken der SklavInnen errichteten Weltwirtschaftssystem. DarĂŒber hinaus wurden die in den Handel mit der menschlichen Ware beteiligten Akteure und Gruppen nicht selten aus diesen auf den ersten Blick von dem Geschehen weit entfernten Gegenden rekrutiert. (Conermann zu Brahm/Rosenhaft)

Den normativen islamischen Diskurs ĂŒber den Status von SklavInnen spiegeln zahlreiche Werken zum islamischen Recht. Es handelt sich dabei um ausdifferenzierte Rechtsnormen, die jedoch nur sehr wenige RĂŒckschlĂŒsse auf die Alltagspraxis zulassen. (Kollatz zu Oßwald)

Sklaverei war jedoch fest in die Sozialordnung muslimischer Gesellschaften eingebunden. Dies zeigt auf sehr schöne Weise eine Arbeit ĂŒber hĂ€usliche Sklaverei in Ägypten und Syrien zur Zeit des sogenannten Mamlukensultantes (1250-1517). Anhand einer Vielzahl unterschiedlicher Quellen kann der Verf. dem Leser einen guten Einblick in die damaligen Sklavereistrukturen geben. So erfahren wir neben den Ausbeutungsmechanismen auch viel ĂŒber die Regularien des Sklavenmarktes, die Handlungsmöglichkeiten von Sklavinnen und Sklaven im öffentlichen wie im privaten Raum und ĂŒber die Situation nach ihrer (nicht unĂŒblichen) Freilassung. (Conermann zu Hagedorn)

Die VielfÀltigkeit und HeterogenitÀt der Sklavereien in (vor allem, aber nicht nur) islamisch geprÀgten Gesellschaften sowie die diversen heutigen kollektiven Erinnerungen an das schwierige Erbe bilden den Fokus eines weiteren Sammelbands. (Kollatz zu Fay)

Um Erinnerungskulturen geht es auch in dem letzten Buch. Im Mittelpunkt stehen hier die nach Toni Morrisons Roman "Beloved" (1987) entstandenen afro-amerikanischen Formen der retrospektiven Auseinandersetzung mit Sklaverei. Die Autorinnen und Autoren, die zur sogannnten post-black generation gehören, beschÀftigen sich in literarischen Texten, audiovisuellen Medien und visuellen und multimedialen Kunstwerken mit dem Erbe der Sklaverei in den USA. Spannend. (Gymnich zu Ashe/Saal)

Also: in den letzten Jahren sind viele wichtige Werke zur Sklaverei veröffentlicht worden, die man zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man sich fĂŒr dieses Thema interessiert.

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