sehepunkte 20 (2020), Nr. 2

Duncan Hardy: Associative Political Culture in the Holy Roman Empire

Wie nähert man sich dem politischen Leben im Heiligen Römischen Reich des späten Mittelalters, das einem Rätsel gleicht? Diese Frage stellte sich Duncan Hardy in seiner Dissertation, die nun in Buchform vorliegt. "The Holy Roman Empire: A Historiographical Enigma" (1) ist denn auch eine recht passend erscheinende Überschrift für sein Einleitungskapitel.

Mit fortschreitender Territorialisierung der politischen Gebilde im Heiligen Römischen Reich der Vormoderne bildete sich eine eigene politische Kultur aus - so das Fazit des hier besprochenen Buches. Darin legt sein Verfasser den geographischen Fokus auf die nach Peter Moraw so genannten königsnahen Räume des oberdeutschen Raumes südlich des Main. Der von ihm untersuchte Zeitraum erstreckt sich von der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis in das Zeitalter der Reformation in den 1520er Jahren.

Hardy strukturiert seine Studie in drei Teile, denen eine Einführung vorausgeht. In der Einführung stellt er die traditionellen Modelle der Verfassungsgeschichte - Otto Brunners Theorem von Land und Herrschaft auf der einen, Peter Moraws Modell einer gestalteten Verdichtung der Reichsverfassung auf der anderen Seite - einander gegenüber, um neue Fragen zu entwickeln. Er fragt danach, wie man die von Gerd Althoff und Barbara Stollberg-Rilinger in die Forschungsdiskussion eingebrachten Aspekte zu gemeinsam eingeübtem Verhalten, symbolischer und ritueller Kommunikation der Zeitgenossen auf die politischen Verhältnisse des Spätmittelalters hin anwenden könne (9). Als Hilfe zum Verständnis der diversen politischen und rechtlichen Abhängigkeiten zwischen den adligen Akteuren bietet Hardy die Konzepte an, wie sie sich in Rechtsbüchern des Sachsenspiegels, des Schwabenspiegels, im Land- und Lehnsrecht sowie in der sogenannten Heerschildordnung widerspiegelten (12-13). Dabei zeigten sich nicht nur die vertikalen Hierarchien, sondern auch vertikale Abhängigkeiten.

Im ersten Teil widmet sich Hardy vier allgemeinen Begriffen und Erscheinungen, die das politische Verhalten der handelnden Personen des Untersuchungszeitraums prägten. Sie agierten zwischen zunehmender Schriftkultur und rituellem Handeln (21-40), ihre Konflikte suchten sie zwischen außergerichtlicher Verhandlung und Verfahren der Parajustiz zu lösen (41-55), sofern die Konflikte nicht in Fehden und Kriege eskalierten (56-68). Dabei hatten gerade die nicht ohne Weiteres ins Englische übersetzbaren Begriffe der Herrschaft ("lordship") und der Verwaltung ("administration") (69-89) die Konflikte und ihre Beilegungsmöglichkeiten bedingt.

Im zweiten Teil seines Buches arbeitet Hardy die Bedeutung von Bündnissen und Verträgen heraus. Dabei zeigt sich zunächst die teils lange Dauer von Bündnissen zwischen Herrschaftsträgern (93-122). Diese Verträge und Bündnisse hatten dabei zwei wichtige Funktionen: Die der Hilfeleistung für die Bündnispartner ("Assistance") und die interne Konfliktbehandlung vor Schiedsgerichten ("Adjudication") (123-140). Aus diesen Funktionen heraus entwickelten sich Diskurse über Frieden, das Gemeine Wohl und letztlich auch das Reich (141-158). Diese sich untereinander teils bedingenden Faktoren fasst Hardy als "associative political culture" zusammen (159-176).

Politisches Tagungswesen, das sich auch ohne königliche Beteiligung zwischen den Kurfürsten herausbildete, wie wir aus den Studien von Gabriele Annas wissen, analysiert Hardy im dritten Kapitel anhand von vier Fallstudien: Zunächst beleuchtet er den sogenannten Städtekrieg zwischen dem Schwäbischen Städtebund und den bayerischen Herzögen in den Jahren 1376 bis 1389 (179-197), in dem sich der König als oberster arbitrator zu gerieren suchte. Die letzten Jahrzehnte des 14. Jahrhunderts seien, so Hardy, untypisch für dieses Jahrhundert und würden besser zu den Prozessen des 15. Jahrhunderts passen (197). Das zweite Fallbeispiel ist Oberdeutschland unter der Herrschaft Sigismunds von Luxemburg 1410-1437 (198-214). Hier zeige sich, dass sich der Begriff des Reiches innerhalb der politischen Vorgänge wandle. Die burgundische Herrschaft am Oberrhein 1468-1477 mit den Burgunderkriegen bildet Hardys dritte Fallstudie (215-232). Anhand der Burgunderkriege zeige sich beispielhaft das Assoziative in der spätmittelalterlichen Politik. Im Gegensatz zu ihren französischen und burgundischen Gegenspielern hätten sich die Eliten des Reichs darauf spezialisiert, in und mit dezentralen sowie multilateralen Lagen und Akteursgruppen zu handeln. Schließlich zeigt Hardy anhand der Reformen unter Kaiser Maximilian I. 1486-1519 und der zwei nachfolgenden Jahre bis zum Kaisertum Karls V. 1521 als vierte Fallstudie (233-255), dass die zentral wirkenden, neu ins Leben gerufenen Institutionen des Reichstags, des Reichsregimentes sowie des Reichskammergerichts ebenfalls assoziativen Charakter hatten. Die Reichsreformen trieben den Multilateralismus auf die Spitze.

In der Lektüre bleibt der Fokus auf den oberdeutschen Raum immer sehr klar. Leider unterbleibt ein Seitenblick auf Gegenden nördlich der Mittelgebirge. Nur in der vergleichenden Interpretation wird deutlich, dass sich das politische Leben in seinen Begleiterscheinungen im oberdeutschen Raum ganz ähnlich ausgestaltete wie im niederdeutschen Raum. [1]

Insgesamt bietet Hardy mit seiner Dissertation eine überzeugende Interpretation des politischen Lebens im Reich des späten Mittelalters an, deren Wert nicht zuletzt in der Definition des oberdeutschen Raumes und der eingehenden Diskussion der unterschiedlichen Modelle von Verfassungsgeschichte des spätmittelalterlichen Reiches liegt. Der Leser freut sich zudem über eine konzise Belegführung sowie ein nützliches Register.


Anmerkung:

[1] Vgl. auch den Beitrag Duncan Hardy: Assoziative politische Kultur im Heiligen Römischen Reich: der Oberrhein, ca. 1350-1500, in: Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte, 10. Januar 2016, http://mittelalter.hypotheses.org/7485. Die von Florian Dirks: Konfliktaustragung im norddeutschen Raum des 14. und 15. Jahrhunderts. Untersuchungen zu Fehdewesen und Tagfahrt, Göttingen 2015 diskutierten Ausgestaltungen des politischen Lebens sieht Hardy auch im oberdeutschen Kontext als gültig an, siehe Hardy, Duncan: "Tage" (Courts, Councils and Diets). Political and Judical Nodal Points in the Holy Roman Empire, c. 1300-1550, in: German History 36 (2018), 381-400.

Rezension über:

Duncan Hardy: Associative Political Culture in the Holy Roman Empire. Upper Germany, 1346-1521 (= Oxford Historical Monographs), Oxford: Oxford University Press 2018, XIII + 302 S., 2 Kt., 11 s/w-Abb., ISBN 978-0-19-882725-2, GBP 75,00

Rezension von:
Florian Dirks
Kreisarchiv Verden (Aller)
Empfohlene Zitierweise:
Florian Dirks: Rezension von: Duncan Hardy: Associative Political Culture in the Holy Roman Empire. Upper Germany, 1346-1521, Oxford: Oxford University Press 2018, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 2 [15.02.2020], URL: http://www.sehepunkte.de/2020/02/33418.html


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