sehepunkte 20 (2020), Nr. 5

Gerd Fesser: Sedan 1870

Was moderne Operationsgeschichte jenseits von Legenden und lieb gewordenen Nacherzählungen heute zu leisten vermag, haben die Studien von Karl Heinz Frieser, Peter Lieb und Roman Töppel inzwischen eindrucksvoll gezeigt. Töppels viel beachtetes Buch über die Kursker Schlacht von 1943 gehört dabei zu einer neuen Reihe von militärgeschichtlichen Analysen, die der Paderborner Schöningh-Verlag unter dem Rubrum "Stationen der Weltgeschichte" seit einigen Jahren in unregelmäßigen Abständen herausbringt.

Pünktlich zum anstehenden 150-jährigen Gedenken des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 hat nun in derselben Buchreihe der Jenaer Historiker Gerd Fesser eine Beschreibung der am 1. September 1870 geschlagenen Schlacht von Sedan vorgelegt, die bekanntlich am folgenden Tag mit der Gefangennahme der Masse der französischen Chalons-Armee und des sie begleitenden Kaisers Napoleon III. endete. Zum ersten Mal in der europäischen Kriegsgeschichte seit der antiken Schlacht von Cannae (216 v. Chr.) war damit eine fast 100.000 Mann starke Armee durch beiderseitige Umfassung umzingelt und bis auf geringe Reste gefangen genommen oder zerschlagen worden. Den deutschen Truppen, die Generalstabschef Helmuth von Moltke führte, gelang damit ein Erfolg, den selbst Napoleon I. weder bei Austerlitz (1805) noch bei Jena (1806) hatte erreichen können.

Die politische Vorgeschichte des Krieges von 1870/71, die Armeen beider Seiten und die ersten Schlachten bis zur Einschließung der Armée du Rhin in Metz (18. August 1870) stellt Fesser in den beiden ersten Teiles seines Bandes routiniert und gelegentlich recht trocken vor. Hier referiert er hauptsächlich den Forschungsstand, ohne selbst Akzente oder neue Positionen zu entwickeln. In einer auf eine einzelne Schlacht fokussierten Studie erscheint diese Beschränkung durchaus zweckmäßig. Die Leser sollen den notwendigen Kontext kennenlernen und zugleich möglichst schnell an das Ereignis herangeführt werden.

Allerdings ist man dann doch erstaunt, wenn Fesser, immerhin ein ausgewiesener Militärhistoriker mit etlichen Veröffentlichungen zu Schlachten und Feldzügen des 19. Jahrhunderts, sich bei der Schilderung und Analyse des eigentlichen Themas seines Buches auf nur 31 Seiten beschränkt und in diesem sehr knapp bemessenen Raum auch noch seitenweise aus Fontanes (fraglos großartiger) Geschichte des deutsch-französischen Krieges über die Schlacht zitiert (73-79). Auch für die Kapitulationsverhandlungen zwischen Moltke, Otto von Bismarck und General Emanuel von Wimpffen in der Nacht zum 2. September liefert Fesser nur seitenlang (82-91) die wörtliche Wiedergabe des erstmals im französischen Generalstabswerk veröffentlichten Gesprächsprotokolls. Dieses Werk hat Fesser allerdings gar nicht herangezogen (wie überhaupt die französische Quellenlage bei ihm arg zu kurz kommt), sondern er zitiert hier aus den Gesprächen Moltkes, die Eberhard Kessel 1940 herausgegeben hat. Den verbliebenen Raum füllt der Verfasser mit einer knappen Beschreibung der Gefechtsabläufe im Verlauf des 1. Septembers, die in der Hauptsache Denis Showalters' kurzem Abriss in dem von Stig Förster (u.a.) 2001 herausgegebenen Band "Schlachten der Weltgeschichte" folgt [1], wozu noch gelegentliche Anreicherungen u.a. aus dem seit 1874 erschienenen fünfbändigen Generalstabswerk kommen. [2] Gerade bei der Kürze der Schilderung wäre es freilich zu begrüßen gewesen, wenn Fesser einige Errata vermieden hätte, wie etwa die Aussage, dass sich die deutschen Flügel schon am 31. August nördlich von Sedan vereinigt haben. Auch war das Gelände im Süden von Sedan durchaus nicht von Anhöhen geprägt, denn dort lagen im offenen Gelände die Ortschaften Bazeilles und Balan, die den Zugang zur Festungsstaat bildeten. Ob die französischen Soldaten am Vorabend der Schlacht bereits "erschöpft und demoralisiert" (66) waren, bleibt eine Vermutung. Der bayerische Soldat Florian Kühnhäuser, der am nächsten Tag an den Kämpfen um Bazeilles teilnahm, berichtete jedenfalls in seinen Kriegserinnerungen von Gesang und ausgelassener Stimmung an den Lagerfeuern der Franzosen am Vorabend der Schlacht. [3]

Anstelle einer eigenständigen Analyse des Geschehens, in der die Ursachen der vollständigen Niederlage der Franzosen hätten erörtert werden müssen, referiert Fesser zum Schluss seines eigentlichen Hauptteils aus einem Aufsatz des französischen Oberst Fernand Thibéaud Schneider, der in dem 1970 vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt herausgegeben Sammelband zum Deutsch-Französischen Krieg erschienen war. [4]

Weshalb aber war nun "Sedan" ein unheilvoller Sieg, wie es im Untertitel des Buchcovers heißt? Vielleicht war es ja nur eine Idee des Verlages, denn Fesser selbst spricht in seiner Einleitung von einem "grandiosen Sieg" (7) ohne es durch die Anwendung von Anführungszeichen als zeitgenössische Interpretation zu kennzeichnen. Im letzten Kapitel versucht der Autor immerhin eine Erklärung: "Sedan" sei demnach der Saatboden einer deutschen Hybris gewesen, die gelegentlich auch in einem süffisanten Sedan-Lächeln zum Ausdruck gekommen sei und die in der Einschließungsschlacht das Geheimnis des entscheidenden Sieges ausgemacht zu haben glaubte.

Tatsächlich aber war der gesamten Generation der Kriegsteilnehmer von 1870/71 stets vollkommen bewusst gewesen, dass selbst ein Sieg von den Ausmaßen Sedans einen Krieg zwischen großen Nationen keineswegs zu einem Ende bringen musste. Statt zu kapitulieren, hatten die neuen Machthaber in Paris und Tours auch nach dem Untergang der kaiserlichen Armee den Kampf noch fünf quälende Monate fortgesetzt, bis im Januar 1871 die Schlachten von Le Mans, St. Quentin und die Internierung der Armee Bourbaki (80.000 Mann) im schweizerischen Les Verrières keinen Ausweg mehr zuließen. Hochrangige Militärs wie Helmuth von Moltke wussten seither nur zu gut, dass ein Volkskrieg nicht mehr durch einzelne Schlachten entschieden werden konnte, sondern allein durch ein vielleicht jahrelanges Niederringen des Gegners. Der nächste große Krieg könne ein neuer Siebenjähriger oder gar ein Dreißigjähriger Krieg werden, hatte der 90-jährige Greis in einer seiner letzten Reden vor dem Reichstag gewarnt. [5] Selbst sein heute vielfach gescholtener Nachfolger als Generalstabschef, Alfred Graf von Schlieffen, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seinem gleichnamigen Plan darauf gesetzt hatte, Frankreich in nur sechs Wochen niederwerfen zu können, wusste genau, dass ein neues "Cannae" (oder Sedan) nur selten zu finden sei. Denn außer einem Hannibal (oder von Moltke) benötigte man dazu auf der Gegenseite auch einen Terentius Varro. [6]


Anmerkungen:

[1] Dennis A. Showalter: Das Gesicht des modernen Krieges, Sedan, 1. und 2. September 1870, in: Stig Förster / Marcus Pöhlmann / Dirk Walter (Hgg.): Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Dien Bien Phu, München 2001, 239 ff.

[2] Der Deutsch-Französische Krieg, 1870-71, hrsg. von der Kriegsgeschichtlichen Abteilung I des Großen Generalstabs, 5 Bde., 3 Kartenbde., Berlin 1874-1881.

[3] Florian Kühnhäuser: 1870-1871. Kriegserinnerungen eines Soldaten des königlich-bayerischen Infanterie-Leibregiments, Neuauflage Waging a. See 2002, 66.

[4] Fernand Thiébaut Schneider: Der Krieg in französischer Sicht, in: Wolfgang von Groote / Ursula von Gersdorf (Hgg.): Entscheidung 1870. Der deutsch-französische Krieg, Stuttgart 1970, 165 ff.

[5] Rede vom 14. Mai 1890, in: Stig Förster (Hg.): Moltke. Vom Kabinettskrieg zum Volkskrieg, Bonn 1992, 638 f.

[6] Alfred Graf von Schlieffen: Cannae, Berlin 1936, 262.

Rezension über:

Gerd Fesser: Sedan 1870. Ein unheilvoller Sieg (= Schlachten - Stationen der Weltgeschichte), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2019, 202 S., 28 s/w-Abb., 4 Kt., ISBN 978-3-506-79235-8, EUR 29,90

Rezension von:
Klaus-Jürgen Bremm
Osnabrück
Empfohlene Zitierweise:
Klaus-Jürgen Bremm: Rezension von: Gerd Fesser: Sedan 1870. Ein unheilvoller Sieg, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 5 [15.05.2020], URL: http://www.sehepunkte.de/2020/05/33284.html


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