sehepunkte 20 (2020), Nr. 6

Jo Applin: Lee Lozano

"DON'T BELIEVE ANYTHING YOU HEAR ABOUT ME" (152), notierte Lee Lozano (1930-1999) in einem Brief an ihren Galeristen Richard Bellamy im Februar 1969. Zu diesem Zeitpunkt galt die Künstlerin als Aushängeschild der konzeptuellen Szene in New York und arbeitete an den elf Gemälden ihrer "Wave Series" (1967-70). Im gleichen Zeitraum füllte sie insgesamt elf Notizbücher mit tagebuchartigen Einträgen, grafischen Skizzen (etwa für die Gemälde der "Wave Series") sowie sprachlich verfassten konzeptuellen Arbeiten. [1] Besonders sei hier auf "Dialogue Piece" (1969), "General Strike Piece" (1969), "Dropout Piece" (1970) und "Decide To Boycott Women" (1971) verwiesen. In diesen Einträgen legte die Künstlerin pointiert ihre Sichtweise auf das 'etablierte' New Yorker Kunstmilieu und ihre eigene Rolle darin dar. Bemerkenswert sind die Doppelfunktion der Einträge sowie die fortwährende Vermischung von Privatem und Öffentlichem. Im Januar 1972 folgte mit "Dropout Piece" Lozanos endgültiger Ausstieg aus der Kunstszene, in künstlerischer wie auch privater Hinsicht.

Die Forschungsliteratur rezipierte Lozano bisher fast ausschließlich als "Doyenne of Withdrawals". [2] Helen Molesworths Aufsatz "Tune In, Turn On, Drop Out: The Rejection of Lee Lozano" aus dem Jahr 2002 gilt hier als wegweisend: Sie unterteilt das künstlerische Œuvre in drei Werkgruppen - das malerische Frühwerk, die "Wave Series" sowie die Notizbucheinträge - und positioniert Lozanos "Dropout" als Geste der Ablehnung. [3] Im Jahr 2008 beleuchtete Katy Siegel den Marktwert der Künstlerin seit ihrem "Dropout" für eine Spezialausgabe von Artforum. [4] Besonders hervorzuheben ist auch Sarah Lehrer-Graiwers Monografie "Lee Lozano. Dropout Piece" von 2014. [5] Ausgehend von dem titelgebenden Schlüsselwerk rekonstruiert sie mithilfe von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen wie Dan Graham, Stephen Kaltenbach, Lucy Lippard, Gerry Morehead und David Reed fast forensisch Lozanos weiteren Verbleib. Im Jahr 2016 veröffentlichte Martin Herbert die Essaysammlung "Tell Them I Said No!". Von Lozanos "Dropout" inspiriert, erschloss Martin den künstlerischen Protest und Rückzug als eine notwendige konzeptionelle Geste in zehn Kapiteln. Pro Essay wird eine neue Künstlerhaltung respektive Ausstiegsposition vorgestellt und diskutiert. [6]

Jo Applin durchbricht diese einseitige Fixierung der Forschungsliteratur auf Lozanos "Dropout" mit ihrer aufwendig gestalteten und reich bebilderten Monografie. Befreit von dem biografischen Korsett ihrer Vorgänger, bietet Applins Zugriff nicht nur eine willkommene Orientierungshilfe, sondern eine erfrischende Sicht auf die Künstlerin, ihr heterogenes Œuvre und ihren künstlerischen Impetus im schillernden New York der 1960er und 1970er Jahre. Applin charakterisiert Lozanos künstlerische Laufbahn als ein Wechselspiel aus Erfolg und Scheitern, das letztendlich in einem ausweglosen Untertauchen der Künstlerin endete.

"I want to keep in play Lozano's status as something of an irritant - a critic, as much as a participant - in the New York art world of the 1960s." (18) So beschreibt die Autorin ihr Vorhaben einleitend und navigiert stringent in vier lose chronologisch angeordneten Kapiteln durch die Werkphasen der Künstlerin. Applin erläutert und erschließt die markantesten Schlüsselwerke pro Werkphase in ihrem ästhetischen und kulturellen Kontext (27-31) und erweitert Lehrer-Graiwers Ansatz damit auf das ganze Œuvre. Daher beschränken sich ihre Ausführungen nicht nur auf den Fall Lozano, sondern bieten zusätzlich eine lebendige und detailreiche Einführung in die New Yorker Kunst- und Kulturszene der Zeit.

Ein besonderes Augenmerk richtet Applin auf das ständige Wechselspiel zwischen Erfolg und Scheitern. Im ersten Kapitel untersucht sie Lozanos Ankunft in New York zu Anfang der 1960er Jahre und die aus Zeichnungen und Gemälden von Werkzeugen - wie Hämmern, Schraubzwingen oder Bohrern - bestehende "Tool Series". Angesichts erotisch anmutender Nahaufnahmen beschädigter Schraubzwingen stellt Applin überraschende, aber überzeugende Verbindungen her zu Julien Offray de La Mettries Vorstellungen der "Maschine Mensch" (42-43) und entsprechenden Bildtafeln aus Diderots und d'Alemberts Encyclopédie (53-57), beide aus dem 18. Jahrhundert.

In Kapitel 2 befasst sich die Autorin mit dem elfteiligen Gemäldezyklus der zwischen 1967 und 1970 entstehenden "Wave Series". Gegenstand sind Energiewellen in Form von Licht, dessen Ondulationen die Künstlerin nach einem ausgefeilten mathematischen Schema in kontinuierlichen Sitzungen ohne Pause auf die Leinwand auftrug. Das Brechen des Schemas im letzten Gemälde der "Wave Series" symbolisiert für Applin den sich anbahnenden "Dropout" (88).

Kapitel 3 und 4 sind den bereits genannten konzeptuellen Spracharbeiten gewidmet, die ab 1967 simultan zu "Wave Series" entstanden und meist in Großbuchstaben auf karierten US Letter-Notizbuchseiten verschriftlicht wurden. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Lozano laut Applin auf dem Höhepunkt ihres Schaffens (105). Als Konzeptkünstlerin sei sie nun vermehrt daran interessiert gewesen, ihre künstlerische Praxis in eine Reihe von partizipatorischen Dialogen zu übersetzen (116-125). Hieraus ergibt sich für Applin auch die zunehmende Vermischung von Biografie und Werk.

Im Mittelpunkt der Untersuchung von Kapitel 3 steht "Dialogue Piece", eine Reihe von nicht aufgezeichneten Gesprächen mit zahlreichen Künstlerkollegen und Künstlerkolleginnen aus New York und Kalifornien zwischen April und Dezember 1969. Die Autorin positioniert die Praxis des Notizbuchführens und Informationsaustauschs als eine gesellschaftspolitische, gar utopische Geste (116-127). Lozanos Scheitern begründet sie frei nach Hannah Arendts "Vita Activa oder vom tätigen Leben" mit dem Vorrang der Reflektion vor dem Handeln (125-127).

In Kapitel 4 liegt Applins Augenmerk auf dem Impuls und den unmittelbaren Folgen des "Dropout". Sie positioniert Lozanos Verhalten als eine ungewöhnlich dramatische und doch nicht unübliche Geste ihrer Zeit (143). Der Rückzug sei als mögliche, wenn auch utopische, unhaltbare, unpolitische und unerklärbare Forderung nach einem von jeglichen Einschränkungen wie Geschlecht oder Arbeitsbedingungen befreiten Leben zu interpretieren (151). Hier grenzt sich Applin entschieden von Molesworth ab, die das "Dropout" als Geste der Ablehnung versteht (162, Anm. 10).

Einen durchläufigen Faden stellt Lozanos ambivalente Einstellung zum Feminismus und der Bezeichnung "Woman Artist" dar. In Kapitel 2 beleuchtet Applin Lozanos Verhalten als aktive Künstlerin (88-91), während sie in Kapitel 4 eine detaillierte Einbettung in die teilweise divergierenden Positionen des feministischen Diskurses von Journalistinnen, Künstlerinnen und Theoretikerinnen wie Shulamith Firestone, Anne Koedt, Kate Millett, Jill Johnston, Joan Didion und Valerie Solanas wagt (137-144). Applin diskutiert die polemische Entscheidung des Whitney Museum of American Art, die Einzelausstellung der "Wave Series" im Jahr 1970 als Aushängeschild für die Frauenquote zu nutzen, kurz bevor Lozano selbst jeglichen Kontakt zu Frauen ablehnte (88). Auch zieht sie überzeugende Vergleiche zu den Künstlerinnen Jo Baer und Agnes Martin, die ebenfalls nach der Vollendung mehrteiliger Gemäldezyklen New York verließen (91) und die Einordung als "Woman Artist" stets ablehnten (138).

Die Autorin schließt ihre Ausführungen mit einem kritisch diskutierten Thema, nämlich der Tatsache, dass der Nachlass Lozanos seit 2004 durch die Galerie Hauser & Wirth repräsentiert wird. Applin rechtfertigt die Entscheidung pointiert mit Lozanos Unvermögen, sich zu ihren Lebzeiten an eine Galerie zu binden - ein Gedankenspiel, welches sich häufig in den Notizen der Künstlerin wiederfindet (159-160).

Mit elegantem Ausdruck und großer Leichtigkeit manövriert Jo Applin durch Lee Lozanos komplexes Œuvre und integriert eine Vielzahl von Hintergrundinformationen, Randbemerkungen und Bezügen aus Philosophie, Psychologie, Kunst und Literatur in ihre Argumentation. Gestalterisch besticht die Monografie mit dem für Lozano charakteristischen Notizbucheinband mit Edding-Aufschrift; auf die für die Künstlerin typische Zitierweise in Majuskeln wurde im Textverlauf zugunsten des Leseflusses verzichtet.


Anmerkungen:

[1] In Zusammenarbeit mit der Galerie Hauser & Wirth, die den Nachlass der Künstlerin verwaltet, publiziert das Verlagshaus Karma Publishing in New York seit Sommer 2016 Faksimileausgaben von Lozanos Notizbüchern, den sogenannten "Private Books". Bisher sind sieben von insgesamt elf Bänden erschienen.

[2] Martin Herbert: Tell Them I Said No!, Berlin / New York 2016, 17, Anm. 5.

[3] Helen Molesworth: Tune In, Turn On, Drop Out: The Rejection of Lee Lozano, in: Art Journal 61 (2002), Nr. 4, 64-71.

[4] Katy Siegel: Market Index: Lee Lozano, in: Artforum, 46 (2008), Nr. 8: Art and its Markets, 330, 390-392.

[5] Sarah Lehrer-Graiwer: Lee Lozano. Dropout Piece, Cambridge, Ma. / London 2014.

[6] Martin Herbert: Tell Them I Said No!, Berlin / New York 2016.

Rezension über:

Jo Applin: Lee Lozano. Not Working, New Haven / London: Yale University Press 2018, 191 S., 108 Farb-, 5 s/w-Abb., ISBN 978-0-300-22327-9, GBP 35,00

Rezension von:
Maximiliane Leuschner
London
Empfohlene Zitierweise:
Maximiliane Leuschner: Rezension von: Jo Applin: Lee Lozano. Not Working, New Haven / London: Yale University Press 2018, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 6 [15.06.2020], URL: http://www.sehepunkte.de/2020/06/32247.html


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