Rezension über:

Olga Palagia (ed.): Handbook of Greek Sculpture (= Ancient Greek and Roman Art and Architecture; Vol. 1), Berlin: de Gruyter 2019, X + 789 S., zahlr. Abb., ISBN 978-1-61451-540-1, EUR 229,95
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Rezension von:
Ralf von den Hoff
Institut für Archäologische Wissenschaften, Universität Freiburg i. Br.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Ralf von den Hoff: Rezension von: Olga Palagia (ed.): Handbook of Greek Sculpture, Berlin: de Gruyter 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 7/8 [15.07.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/07/33807.html


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Olga Palagia (ed.): Handbook of Greek Sculpture

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Handbücher zur antiken Kunst und Architektur haben Konjunktur. Olga Palagia, eine der besten Kennerinnen antiker Plastik, hat mit einem internationalen Team nun ein Handbuch der griechischen Skulptur vorgelegt. Es soll "students and scholars an up-to-date survey of the principal tenets of our field" (V) bieten. Dies schließt das kaiserzeitliche Griechenland ein. Und anders als in früheren Handbüchern zum Thema [1] geschieht es nicht in einer Geschichte der griechischen Plastik oder ihrer Künstler, sondern systematisch: "exploring key aspects in its development" (1).

Die ersten Kapitel ("Part I") behandeln nicht-skulpturale Zeugnisse. Dimitris Plantzos (7-21) warnt davor, der "translation" griechischer Skulptur in "Roman thought and ideology" (19) bei Plinius und Pausanias zu unkritisch zu folgen. Den Primärquellen der Bildhauersignaturen und ihrem Erkenntniswert jenseits der Künstlergeschichte widmen sich Alan Johnston und Olga Palagia (22-49) in einem diachronen Durchgang, während Andrew Stewart (50-88) systematisch Daten zu Auftraggebern, Werkstätten und Kosten sowie zu Künstlerbild und -status zusammenstellt. Damit ist ein Rahmen geschaffen.

Zwei folgende Teile widmen sich Skulpturgattungen: In "Part II: Function" führt Peter Schultz (91-122) in die Architekturplastik ein. Er erklärt die figürlichen Skulpturen vor allem in Giebeln und Friesen als Experimentierfelder von "visual narratives" und "story-telling" (115). Demgegenüber wird neuerdings ihre ästhetische Rolle als Teil des kosmos von Architektur diskutiert. [2] Katia Margariti beschreibt Grabplastik anhand attischer Grabreliefs des 6. bis 4. Jh.s v. Chr. (123-159) in einer additiven ikonographischen Skizze. Der Porträtplastik gilt "Part III" zunächst mit einem ausgewogenen Überblick zu Ehrenstatuen von Sheila Dillon (163-193). Herrscherporträts des Hellenismus behandelt François Queyrel anhand der Ptolemäer (194-224). Dabei wird auch die Verbreitung von Modellporträts als Vorläufer kaiserzeitlicher Bildnistypen besprochen (213-217). Solche Bildnistypen (in der griechisch-kaiserzeitlichen Bildhauerpraxis) und die Methoden ihrer Interpretation führt Hans Rupprecht Goette an den Porträts des Herodes Atticus und seines Kreises (225-258) vor.

"Part IV: Styles" stellt die globale Entwicklung griechischer Plastik bis zum Hellenismus ins Zentrum. Mary C. Sturgeon beschreibt (261-295) archaische Skulpturen entlang traditioneller Entwicklungsmodelle ("over time ... bodies become more natural", 292). Gianfranco Adoratos Analyse der Transformationen von der Archaik bis zum späten 5. Jh. v. Chr. (296-327) ist weiterführend. Er argumentiert unter Einbeziehung retrospektiver Kunsturteile der Kaiserzeit für eine kontinuierliche Entwicklung über die Perserkriege hinweg. Olga Palagia behandelt die nur sekundär bezeugten gewaltigen Gold-Elfenbein-Kultbilder des Phidias (328-359). Iphigeneia Leventi arbeitet die Skulptur des 4. Jhs. v. Chr. anhand bedeutender Künstler und ihrer 'Meisterwerke' ab, bespricht aber die Methodik von Zuschreibungen und Oeuvreanalysen nicht kritisch. Marion Meyer verteidigt für den Hellenismus die Form- bzw. Stilanalyse auch als Mittel der Chronologie (395-426) und möchte dabei sogar an einem Monument, dem Pergamonaltar, Stilunterschiede als Zeichen chronologischen Distanz verstehen [405, 412]. [3]

In "Part V" werden regionale Besonderheiten den globalen Linien in "Part IV" gegenübergestellt. Clemente Marconi arbeitet für das archaische und klassische Sizilien (429-472) drei Modelle der Skulpturproduktion heraus: lokale Persistenz, punktuelle externe Einflüsse und wechselnde fremde Bildhauer (438-442). Die Peripherie scheint ein Entwicklungsraum skulpturaler Praxis gewesen zu sein, die in den Zentren bereits überholt sein konnte (447). Es überrascht, dass er unkonventionelle Lösungen gleichwohl der persönlichen (?) "creativity" sizilischer Bildhauer zuschreibt (456). Katalogartig, aber materialreich sind Panagiotis Konstantinidis Fallstudie (473-502) zu Melos, Dimitris Damaskos' Blick auf Makedonien (503-535) und Petros Themelis Studie zu Messene (536-576).

Der 'Nachnutzung' älterer griechischer Skulpturen widmet sich "Part VI" - allerdings ohne die aktuelle Debatte zu kaiserzeitlichen Kopien zu reflektieren (dazu erst 728-729 mit Anm. 7; 11). Eugenio La Rocca verfolgt (579-619) Stufen der Aneignung griechischer Skulptur in Rom bis zur frühen Kaiserzeit. Zeitlich anschließend widmet sich Stylianos Katakis (620-654) wieder in einer Regionalstudie dem griechischen 'Kopienwesen' in der Kaiserzeit und arbeitet Besonderheiten heraus, so das Interesse vor allem an lokalen Bildwerken.

Zwei Kapitel gelten Bildhauertechniken: Anstückungen und Reparaturen (Raphael Jacob, 657-689) sowie der Polychromie (Thomas Katsaros und Constantinos Vasiliadis, 690-723). [4] Michael Squires Schlusskapitel (727-767) stellt die Geschichte griechischer Skulpturen seit der Kaiserzeit und bis zur Gegenwart in klarer Linie dar - und schafft damit auch einen kritischen Hintergrund für die Beiträge des Bandes.

Das Handbuch besticht durch die Vielfalt der Forschungsperspektiven, und dies rechtfertigt unvermeidliche Lücken und Richtungswechsel. Mal wird die systematische Darstellung, mal die additiv-diachrone bevorzugt, mal die beispielhafte Einzelstudie. Der Band erfüllt sein Ziel "not to talk around Greek sculpture but about it" (1). Die behandelten Stücke sind in diesem Sinne durch ein ausführliches Museumsregister (770-786) gut auffindbar. "The emphasis is on material culture rather than theoretical approaches" (2). Dabei dominiert eher "material" vor "culture", und kritische Methodenreflexion hätte mehr Gewicht verdient. Leider schwankt auch das Niveau der Beiträge. Einzelne Themen bräuchten weitere Reflexion, so die geometrische Plastik, der nur eine halbe Seite gilt (264), oder das Verhältnis von Regionalität zu überregionaler koiné. Wenn vielfach unpubliziertes Material herangezogen wird, ist dies ein Zeichen intensiver Forschung; es macht aber ein Handbuch nicht leichter nutzbar. Andererseits wird oft kaum Forschungsliteratur oder es werden nur ältere Handbucheinträge genannt. Vor allem vermisst man am Ende der Kapitel Bemerkungen zu wichtigen Ergebnissen und neue Forschungszielen. [5] Doch schmälert das nicht den Lektüreertrag. Die Regionalstudien und die technischen Kapitel führen innovative Ansätze weiter. Dies macht den "fresh approach" (1) aus, zu dem das in Perspektiven und Reichweite vielfältige Handbuch zur griechischen Skulptur beitragen möchte.


Anmerkungen:

[1] Josef Floren: Die griechische Plastik 1, Handbuch der Archäologie, München 1987; Andrew Stewart: Greek Sculpture. An Exploration, New Haven 1990; Peter C. Bol: Geschichte der antiken Bildhauerkunst, 5 Bde., Mainz / Worms 2002-2019; Nigel J. Spivey: Greek Sculpture, Cambridge 2013; Marc D. Fullerton: Greek Sculpture, Chichester 2016.

[2] Clemente Marconi: Kosmos: The Imagery of the Archaic Greek Temple, in: Res. Anthropology and Aesthetics 45 (2004), 209-224; Tonio Hölscher: Architectural Sculpture: Messages? Programs? Towards Rehabilitating the Notion of 'Decoration', in: Peter Schultz / Ralf von den Hoff (eds.): Structure, Image, Ormanent. Architectural Sculpture in the Greek World, Oxford 2009, 54-67.

[3] Vgl. Adolf H. Borbein: Die Skulpturen des Parthenon. Wie vollzieht sich Stilentwicklung?, in: Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts 131 (2016), 93-147.

[4] Zu diesen Themen auch: Clarissa Blume: Polychromie hellenistischer Skulptur. Ausführung, Instandhaltung und Botschaften, Petersberg 2015; Martin Szewczyk: Entretenir et réparer, in: François Queyrel / Ralf von den Hoff (éds.): La vie des portraits grecs. Statues-portraits du Ve au Ier siècle av. J.-C. Usages et recontextualisations, Paris 2017, 39-83.

[5] Vgl. diverse Beiträge zur Skulptur in: Achim Lichtenberger / Rubina Raja (eds.): The Diversity of Classical Archaeology, Turnhout 2017.

Ralf von den Hoff