sehepunkte 20 (2020), Nr. 9

Manfred Richter: Johann Amos Comenius und das Colloquium Charitativum von Thorn 1645

Manfred Richters umfangreiche Studie zum ökumenischen und irenischen Denken von Johann Amos Comenius (1592-1670) erschien 2015 in erster Auflage. Darauf anlässlich der unveränderten Neuauflage in der Reihe Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens noch einmal aufmerksam zu machen, rechtfertigt "das hohe Gegenwartsinteresse", das ihrem Gegenstand und Anliegen in Rezensionen zur ersten Auflage bescheinigt wurde (6) und das heute nach den dramatischen weltweiten agonalen Entwicklungen der letzten Jahre vielleicht noch mehr gegeben ist. Das Colloquium Charitativum von Thorn wollte im Ausgang des Dreißigjährigen Krieges eine Versöhnung der Konfessionen und damit zugleich eine politische Pazifizierung bewirken. Beides war vor allem in seiner zweiten Lebenshälfte auch ein leidenschaftliches Anliegen von Johann Amos Comenius, dessen maßgebliches Zuarbeiten zur Durchführung des Religionsgesprächs bereits eine praktische Erprobung der großen Vision einer Allgemeinen Beratung darstellte, deren Grundlagen und Durchführungsbedingungen sein spätes Hauptwerk De rerum humanarum emendatione consultatio catholica (Allgemeine Beratung über die Verbesserung der menschlichen Dinge) gewidmet sein sollte, dessen Beginn in die Zeit ebenjenes Thorner Gesprächs fiel. Richter spricht diesen Praxisbezug direkt an und nennt zum Beispiel Comenius' Vorschläge für die Vorbereitung erfolgreicher Verhandlungen "ein 'Coaching' der künftigen Gesprächsteilnehmer" (261).

Die Studie bietet Mehrfaches; zum einen eine Darstellung der Geschichte und des Ablaufes des Thorner Religionsgesprächs mit Porträts einiger ihrer Akteure und Positionen. Dazu gehören sowohl die Einbettung des Ereignisses in die (Kirchen-) Geschichte Polens als auch eine Würdigung seiner Bedeutung für die nachfolgenden ökumenischen Bestrebungen in Europa. Zum Religionsgespräch hat schon 2004 Hans-Joachim Müller eine bedeutende Monografie [1] vorgelegt, auf die sich Richter wiederholt bezieht (so schon im Vorwort, Seite 12). Die Besonderheit seiner Studie ist nun darin zu sehen, dass in ihr das Wirken und der irenische Universalismus von Comenius mit dem Religionsgespräch unmittelbar in Beziehung gesetzt werden, um damit nicht zuletzt die Relevanz deutlich zu machen, die Comenius' Werk und seine politischen und konfessionellen Bemühungen um Versöhnung und Befriedung für die gegenwärtige und weitere Ökumene und Friedenspolitik haben können. Richter hofft dabei auf die zukünftige Wirkung des comenianischen Denkens. Im Vorwort zur 2. Auflage schreibt er: "Des Copernicus Einsichten brauchten Zeit, bis sie anerkannt wurden - heute sind sie Gemeingut. Des Comenius Einsichten brauchen noch immer Zeit - möge die Zeit kommen, in der auch sie Gemeingut werden" (9). Dass Richter selbst diese Zeit vorantreiben möchte, ist bei der Lektüre unverkennbar.

Ein großer Teil des Werkes ist Comenius selbst gewidmet und lässt sich auch unabhängig von seinem Einfluss auf das Thorner Religionsgespräch als informative und anregende Einführung in sein Leben, Werk und Anliegen lesen. Kapitel 1 stellt "die Entwicklung seines Denkens im europäischen und polnischen Kontext bis 1642" dar und informiert über Comenius' Lebensweg bis zum Thorner Religionsgespräch. Behandelt werden frühe und mittlere Schriften wie Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1623, 1631) und Via lucis (Der Weg des Lichts, 1641/42). Kapitel 2 bietet eine Analyse von sechs Schriften im Vorfeld und zur Vorbereitung des Colloquium Charitativum. Von Kapitel 3 "Das Kolloquium von Thorn und die weitere Entwicklung der ökumenischen Vision" ist mit den Abschnitten 3-4 weit über die Hälfte dem Leben von Comenius ab der Mitte der 1640er Jahre bis zu seinem Exil und Tod in Amsterdam (1656-1670) sowie der ausführlichen Besprechung des Spätwerks von Consultatio catholica bis zu Unum necessarium (Das einzig Notwendige, 1668) gewidmet. Der Schlussteil mit dem Titel "Zu einer Nachgeschichte, die noch nicht beendet ist: Von Leibniz bis zum Ökumenismus heute" behandelt die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des comenianischen Denkens.

Der Anspruch des Buches, Comenius nicht nur als bedeutende historische Figur sowohl detailreich als auch exemplarisch in seinem Wirken und Schreiben für ein bestimmtes Ereignis zu charakterisieren, sondern auch als Denker und Denkanstoß, vielleicht sogar als maßgeblichen Inspirator eines zukünftigen irenischen Denkens und Redens (dessen Zeit noch kommen muss) in die Gegenwart zu holen, kann nicht ohne Schwierigkeiten bleiben. Darauf weist Richter selbst hin, wenn er im Zusammenhang mit der ambivalenten Beziehung zwischen Descartes und Comenius von der Skepsis spricht, die einem solchen Unterfangen gerade in der Comenius-Forschung entgegengebracht wird, unter anderem von Jan Patočka, Franz Hoffmann und Klaus Schaller (106). Eine solche Skepsis hat auch unlängst wieder Andreas Lischewski geäußert. [2] Richter selbst lässt die emphatische Frömmigkeitshaltung von Comenius nicht unerwähnt, die schon seine Zeitgenossen befremden konnte (371). Er meint zwar, dass die Verbindung von "Frömmigkeit mit einem Anspruch voller wissenschaftlicher Objektivität" Comenius "uns möglicherweise wiederum nahebringen" kann (ebenda), doch diese Hoffnung ist wohl nur dann möglich, wenn die Frömmigkeit des letzten Bischofs der Böhmischen Brüder geteilt wird, was bei dem Theologen Richter, der lange Jahre Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung in Berlin sowie deren Präsident in Europa war, sicher der Fall ist. Der starke Gottesbezug und das Bewusstsein einer Mittler-, wenn nicht Prophetenrolle, die bei Comenius vielfach aufscheinen, tragen nüchtern betrachtet jedoch eher nicht dazu bei, dass sein Denken im säkularen Umfeld zum "Gemeingut" (9) werden kann. Doch unabhängig von Fragen des Glaubens und Erlebnissen der Frömmigkeit lassen sich daraus, wie Comenius sich in brisante Debatten einbrachte und welche Vorschläge und Strategien er für diese und zukünftige Beratungen, wie er es selbst nannte, ausarbeitete, Perspektiven für eine universale irenische Kommunikations- und Verhandlungspraxis in der Gegenwart ableiten bzw. weiterentwickeln. Daher ist es besonders begrüßenswert, dass Richter sehr ausführlich die konkreten Verhandlungsformen vorstellt und kommentiert, die Comenius für das Colloquium Charitativum erarbeitete und später in Consultatio catholica weiter ausbaute. So stellte er schon zwei Jahre vor dem Gespräch in Thorn eine Liste der Bedingungen für gelingende Versöhnung zusammen, zu denen Sätze gehören wie "Die zu Versöhnenden dürfen nicht allzu sehr auf ihrem Recht bestehen" und "Die zu Versöhnenden dürfen nicht den Versöhnern misstrauen" (151).

Comenius' Texte sind nicht ganz leicht zugänglich. Das Monumentalwerk Consultatio catholica ist nur teilweise ins Deutsche übersetzt und erschließt sich auch in der Übersetzung dem heutigen Leser bzw. der heutigen Leserin nicht unmittelbar. Es ist gut, dass Manfred Richter in seiner Studie einen Teil des in ihnen verborgenen Schatzes im Wechsel von Zitat und Kommentar lesbar gemacht hat.


Anmerkungen:

[1] Hans Joachim Müller: Irenik als Kommunikationsform. Das Colloquium Charitativum von Thorn 1645, Göttingen 2004.

[2] Andreas Lischewski: Die Geburt der modernen Pädagogik aus der Erfahrung des "Labyrinthischen", in: Comenius-Jahrbuch 26 (2019), 85-87.

Rezension über:

Manfred Richter: Johann Amos Comenius und das Colloquium Charitativum von Thorn 1645. Ein Beitrag zum Ökumenismus (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens; Nr. 41), 2. Aufl., Münster: Copernicus-Verlag 2018, 545 S., ISBN 978-3-924238-55-1

Rezension von:
Holger Kuße
Institut für Slavistik, Technische Universität, Dresden
Empfohlene Zitierweise:
Holger Kuße: Rezension von: Manfred Richter: Johann Amos Comenius und das Colloquium Charitativum von Thorn 1645. Ein Beitrag zum Ökumenismus, 2. Aufl., Münster: Copernicus-Verlag 2018, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 9 [15.09.2020], URL: http://www.sehepunkte.de/2020/09/34709.html


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