sehepunkte 21 (2021), Nr. 2

Pavel Soukup: Jan Hus

Deutschsprachige interessierte Kreise erinnern sich an die deutsche Ausgabe des hier auf Englisch vorgelegten Werkes: Jan Hus, Stuttgart, Kohlhammer Verlag, 2014, die nicht eine Übersetzung, sondern eine Erstpublikation darstellte. Pavel Soukup ist weiterhin tätig als Forscher am "Zentrum für Mittelalterstudien", das zum "Institut für Philosophie" der "Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik" gehört. Derzeit arbeitet er in einem Projekt zum Thema "From Performativity to Institutionalization: Handling Conflict in the Late Middle Ages (Strategies, Agents, Communication)". Sein deutschsprachiges Werk wurde von ihm selbst in einer leicht erweiterten und überarbeiteten Form ins Tschechische übersetzt und 2015 in Prag publiziert. Die nun veröffentlichte englische Übersetzung beruht auf der tschechischen Ausgabe. Die entscheidende Erweiterung gegenüber der deutschen Fassung liegt in dem hinzugefügten Kapitel 2 "Jan Hus in the Hands of Historians", das "at the request of the Czech publisher" (X) geschrieben wurde. Es enthält einen knappen Überblick von der unmittelbaren Rezeptionsgeschichte in den zeitgenössischen Chroniken des Konstanzer Konzils bis zur heutigen Forschungsliteratur.

Ein Verzeichnis der Werkausgaben von Jan Hus sowie der internationalen Sekundärliteratur (v.a. tschechisch, englisch, deutsch) sowie ein Register dokumentieren die breiten Hintergrundkenntnisse des Verfassers und ermöglichen den eigenständigen Umgang mit den angeführten Quellen und Studien, während das "Glossar" zum deutschen Text entfallen ist. Die Anmerkungen sind gegenüber der deutschen Ausgabe erheblich erweitert; ihre Platzierung im Anhang ist beibehalten. So bleibt der narrative, flüssig lesbare Stil des Haupttextes erhalten. Stichproben im Vergleich zur deutschen Ausgabe zeigen keine substantiellen textlichen Unterschiede, allerdings kleinere Akzentverschiebungen in der Wertung der historischen Aspekte.

Der Verfasser gibt Einblick in die Zielsetzung seines Beitrags zur Hus-Forschung: Ihm ist bewusst, wie stark Jan Hus in der Rezeptionsgeschichte zu einer Symbolfigur verschiedener weltanschaulicher Bewegungen geworden ist: von der zeitgenössischen Kirchenreform über die durchaus vielgestaltige "hussitische" Bewegung, die tschechische Nationalkultur bis hin zu marxistischen Vereinnahmungen. In diesem Rahmen lautet seine Option: "The following pages want to reduce Jan Hus to his proper, original environs - the late medieval Church" (IX) - auch wenn ihm selbst die anachronistische Rede von der "katholischen Kirche" unterläuft, die für die Vorreformationszeit missverständlich ist. In der gewählten Perspektive nimmt Hus deshalb als der angeklagte, verurteilte und schließlich verbrannte Ketzer auf dem Konzil von Konstanz im vorletzten, 15. Kapitel recht wenig Raum ein. Über sein Geschick ist entschieden, als er nach Konstanz kommt. Die Kapitel bis zum tragischen Ausgang sind chronologisch aufgebaut, beginnend mit einem knappen Lebensüberblick. In den folgenden Kapiteln wird Hus, dem Prediger und generell dem "Kommunikator" (vgl. Kap. 9), besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Das Predigeramt "became his life's mission" (27). Die "Tschechische Postille" des Jahres 1413, Auslegungen zu allen Sonntagsevangelien, wird als "the pinnacle of his literary production" (135) dargestellt. Bis hin zur diakritischen Orthographie wurde er auf diese Weise sprach- und stilbildend für die volkssprachliche Literatur (vgl. Kap. 14). "The step that had the most far-reaching consequences, however, was made by Hus and his companions when they first brought the internal criticism of the clergy from within the synodal aula of the bishop's court, and from the lecture halls of the university, to the public lay audience" (58).

Soukups Buch kann als Einführung in Leben und Werk von Jan Hus gelesen werden, ist aber auch für Forschende nicht ohne Interesse. Weiterhin beunruhigt ja die Frage: Wie konnte es zu seiner tragischen Verurteilung kommen, wenn Hus doch in seinem Reformanliegen mit dem Konstanzer Konzil und selbst mit seinen schärfsten Gegnern und Richtern übereinstimmte? Zu dieser Frage liefert der Verfasser durch seine politischen, kulturellen und universitätspolitischen Hintergrundinformationen aufschlussreiche Beiträge. Sie bündeln sich in seinem "Epilogue: Hussitism and Reformation". Hus darf nicht als "Vorläufer der Reformation" betrachtet werden - darin ist sich Soukup mit der Forschung einig. Allerdings läuft seine Begründung der gängigen Sicht entgegen: Hus ist selbst der Beginn der Reformation! Mit ihm erlischt das Vertrauen, dass die spätmittelalterliche Kirche, insbesondere in ihrer hierarchischen Struktur, reformierbar sei. Sein weitgehend auf John Wyclif basierender Traktat "De ecclesia" (vgl. Kap. 13) stellt die Kirche als unsichtbare Gemeinschaft der Prädestinierten dar. So verläuft die Trennlinie zwischen Heil und Unheil nicht mehr zwischen Kirche und Welt, sondern mitten durch die kirchliche Gemeinschaft selbst: "'being in the Church' is not the same als 'belonging to the Church'" (126).

Mit Recht kann in dieser Perspektive der Beginn der "Reformation" symbolisch datiert werden auf den 18. Oktober 1412 (vgl. Kap. 12 und S. 164), als Hus von der Kanzel der Bethlehemskapelle aus gegen seine Exkommunikation an Christus appellierte. Damit ging er über alle bisher bekannten vergleichbaren Akte hinaus, insofern er nur an Christus appellierte - und dies gegen eine bereits gültige kirchliche Verurteilung. Unter den historischen Umständen ist sein Schritt verständlich: Keine irdische Rekursinstanz war ihm noch verfügbar. Tiefer betrachtet ist hier ein Bruch mit allen irdischen Autoritäten vollzogen, die ihm weder kirchliche noch weltliche Machthaber verzeihen konnten. So verlor er nach und nach seine einflussreichen Protektoren. "In the eyes of his judges, Hus was exposing the Church to the dangers of excessive subjectivity" (133). Paradoxerweise erhielt er, was er propagierte: Gerade weil die Anklagepunkte gegen Hus sich immer mehr reduzierten, stand am Ende weder der akademische noch der kirchliche Disput über die Wahrheit, sondern die Frage nach der Person: "whether or not Hus was a heretic" (151).

In dieser Dialektik zwischen der Wahrheit Christi jenseits aller irdischen Autoritäten und dem individuellen Zeugen dieser Wahrheit gründet die Kontinuität und die Dialektik der Reformation. Soukups Schlusskapitel beginnt mit zwei konträren Urteilen Luthers über Hus: Nachdem der Wittenberger Reformator mit Begeisterung "De ecclesia" gelesen hatte, identifizierte er sich zunächst bedingungslos mit Hus: "Until now, I have unknowingly taught and espoused all the views of Jan Hus" (zit. 160). Später relativierte er dieses Urteil: "They do wrong who call me a Hussite. He [Hus] does not think the same as I" (ibid.). Zu fremd schienen ihm wohl die moralisierenden Appelle an die Besserung des Lebens, zu nahe an den Menschenwerken, die der Rechtfertigung sola gratia weichen mussten.

Für Hus selbst blieb die Dialektik verborgen, die er provoziert hatte. Er meinte bis zum Schluss, wegen der moralischen Kritik am Klerus seiner Zeit verurteilt worden zu sein. So wurde er zum Zeugen und zum Märtyrer einer Subjektivität, die in ihrem Entstehen zugleich in ihrer Endlichkeit und Ohnmacht offenkundig wird.

Rezension über:

Pavel Soukup: Jan Hus. The Life and Death of a Preacher (= Central European Studies), West Lafayette, IN: Purdue University Press 2020, XI + 223 S., ISBN 978-1-55753-876-5, USD 49,99

Rezension von:
Barbara Hallensleben
Theologisches Seminar, Université de Fribourg
Empfohlene Zitierweise:
Barbara Hallensleben: Rezension von: Pavel Soukup: Jan Hus. The Life and Death of a Preacher, West Lafayette, IN: Purdue University Press 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 2 [15.02.2021], URL: http://www.sehepunkte.de/2021/02/34517.html


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