sehepunkte 22 (2022), Nr. 1

Roman Widder: Pöbel, Poet und Publikum

Die Arbeit besteht aus einer Schilderung von in Lyrik, Dramatik und Roman, aber auch in Zeitungen/Flugschriften präsenten "arbeitenden Armen" als "Sozialfiguren" (51), dann aus der Analyse ihres Schicksals vor dem Horizont einer Wirtschafts- und Politikgeschichte des heraufziehenden Kapitalismus. Damit wendet sich die Studie einem vernachlässigten Feld der Historiographie, nämlich dem Leben und Arbeiten am gesellschaftlichen Rand, zwischen Integration und Ausgrenzung, zu.

Zudem ist sie eine Analyse der "Redefigur" des "Pöbels" (50) zwecks sozialer Stigmatisierung. "Pöbel" wird nie als Selbstbezeichnung, sondern immer als Negativlabel oder Verbalinjurie (74) verwendet. Widder nennt das griffig "Missachtungsformel" (9; 43; 424). Prinzipiell kann sie auch Adel und Reichtum mit der Absicht der Diffamierung oder der Differenzierung in "ehrenhafte" und "ehrlose" Teilgruppen treffen (133). Diese Kombination von Differenzierung und Diffamierung wird aber eher auf andere Gruppen, z.B. auf den sich im Bauernkrieg oder in Handwerkeraufständen empörenden gemeinen Mann, angewandt (71-75). "Pöbel ist der Name für die Illegitimität der gewaltsamen Politisierung und Militarisierung des gemeinen Mannes" (75).

Die Sozialgeschichte des Buches beginnt mit der literarischen Figur des Pickelhering ("Scharfrichter umd Pickelhering um 1621", 139-171). Diese nach gepökeltem Hering als einer Speise der Armen bezeichnete Gestalt ursprünglich des englischen Theaters (140) tritt als neuer Prototyp der komischen Figur um 1621 auf die kontinentale Bühne, "explizit in der Rolle des Lohnarbeiters" (53). Mal erscheint sie als Scharfrichter (139), zeitweise auch als Knecht, dann als Herr, mal als Soldat, mal als Bettler, mal als Wirt oder dann als "Ritter gar hoch geehrt" (151). Aufstieg und Fall, Rettung ans Ufer der sozialen Anerkennung, die Vanitas, diese Stellung als dauerhaft misszuverstehen, das Absinken in die Unehrlichkeit und Vagantität - die Volatilität der Existenz in Armut und Not wird hier deutlich sichtbar, ebenso wie im zweiten Pickelhering-Kapitel zur "Absurda Comica Oder Herr Peter Squentz" (172-209).

Die Pikaros (213-248), die Widder anschließend in verschiedenen Romanen verfolgt, leben alle von niederen Hilfsarbeiten, meist in prekärer, nicht gesicherter Stellung, zeitweise aber durchaus jenseits von Not und Hunger. Ursprünglich ist der Begriff eine Bezeichnung für Küchenjungen oder Gelegenheitsarbeiter - "ehrliche, wenn auch niedere Berufe" (226), für die es sogar noch einen Platz in ständischen Kleiderordnungen gibt. Immer bedroht sie aber die Entlassung, das Abdriften in unehrliche Berufe oder in völlige "soziale Entbindung" (213). Entsprechend werden sie im Deutschen zu "Schelmen" (226) - zu unehrlichen Menschen. In der Forschung werden sie deshalb "als Vertreter eines Standes von marginalisierten Outcasts verstanden: der Vaganten, Bettler und Huren, deren Randständigkeit in der Frühen Neuzeit die Exklusion etwa von Leprakranken ersetzt" (225). Widder meint dagegen, diese Gruppe mache "einen großen Teil der Gesellschaft" aus. Weil in der Frühen Neuzeit "die Durchsetzung der Lohnarbeit [...] mit der Diffamierung der arbeitenden Armen als 'Vaganten' einhergeht, wäre es falsch, diese Diffamierung zu wiederholen." (225) Lazarillo de Tormes z.B. sei ein "gewöhnlicher, nach Anstellung suchender und deshalb umherziehender Lohnarbeiter" (225).

Simplicissimus (248-294) und Landstörzerin [Landstreicherin] Courasche (295-321), die ebenfalls zur literarischen Form der Pikareske gehören, sind Figuren, die in die Situation von Krieg und Zerstörung gesellschaftlicher Ordnung gestellt sind. Beide pendeln zwischen einem Leben innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung und einem Leben als Outcasts, als Landstreicher, Bettler, Söldner, Huren (301-311), einmal als ehrenwerte, wenn auch arme Bürger und ein andermal als verruchte ehrlose, wenn auch vielleicht zeitweise vermögende Menschen außerhalb der Normalität sozialer Räume von Dorf und Stadt. Für dieses Pendeln am Rande der Gesellschaft, für das wir sehr wenige Egoquellen haben, ist die sprachlich brillante und germanistisch hochbelesene und historisch im Detail fundierte Studie eine hervorragende Ergänzung.

Die Situation im Dreißigjährigen Krieg ist allerdings - obwohl sie noch lange nachwirkt - nicht typisch für die gesamte Frühe Neuzeit. Und von ihr aus kann man nicht auf Gesamttendenzen der Frühen Neuzeit schließen. Sie bildet aber - wie andere extreme Krisensituationen, wie wir sie gerade in der Corona-Pandemie erleben - ein Brennglas, in dem wir etwas "im Lichte" sehen, was sonst "im Dunkeln" liegt.

Widder setzt jedoch "umherziehende Lohnarbeit" und Lohnarbeit gleich (225): "dann lassen sich [...] die Bettler und Vaganten unschwer als Lohnarbeiter und Lohnarbeiterinnen entzifferern." (42) Damit greift er interpretatorisch zu weit. Statt seine Studie als Analyse von Randständigkeit oder eines Lebens zwischen sozialer Integration und Desintegration zu verstehen, erhebt er den Anspruch, gezeigt zu haben, "dass die um sich greifende Rede vom Pöbel jenem Prozess zugeordnet werden kann, auf den Marx als 'sog. ursprüngliche Akkumulation des Kapitals' rekurriert hat und der mit einer Produktion massenhafter mobiler und sozial entbundener Arbeitskraft verbunden war." (423) Widder kann dann nicht mehr plausibel erklären, wieso aufbegehrende Handwerker mit der Unehrlichmachung bedroht werden konnten (334-345). Und sesshafte working poor dominierten nicht nur in den traditionellen Sektoren des Handwerks und der Landarbeiter, sondern auch in der Protoindustrie.

Eingerahmt werden die beiden Großkapitel "Pickelhering" und "Pikaro" durch sich überlappende Ausführungen zu Poeten (97-136) und Publikum (325-422). War in der Frühen Neuzeit "der gemeine Mann das affirmative Gegenstück zum 'Pöbel', so ist es nun [im 18. Jh.] das Publikum." (329) Und das wird zunehmend mit dem bürgerlichen Mittelstand gleichgesetzt (377). Für die Aufklärung ist der Pöbel (franz. "canaille") "das Negativ der bürgerlichen Gesellschaft", des "Volks" (407f.), er ist die "selbst verschuldete Unmündigkeit".

Dem korrespondiert, besonders akzentuiert im Kapitel "Die Ökonomisierung poetischer Gelehrsamkeit" (97-136), die Ausgrenzung des "Poeten-Pöbels" (97; 120-124; vgl. schon 20-25) durch die sich als die wahren Dichter oder Poeten für ein ehrenwertes Publikum Verstehenden angesichts "der zunehmenden Warenhaftigkeit der dichterischen Produktion." (115) Beginnend mit dem Kampf gegen den Meistersang (196-209) über Opitz' Strategie der Diffamierung der Gelegenheitsdichtung im Barock (78f., 97f.) richtet sich die Abgrenzungsstrategie (423f.) dann im 18. Jahrhundert auch gegen Konkurrenten, die den "Pöbel" aus Pickelheringen, Pikaros, Hanswursten und Harlekins auf die Bühne bringen, wie in den Ausführungen zu Gottsched und Friedrike Caroline Neuber (351-366) nachzulesen ist und auch im Kapitel zu Justis Dichterinsul (412-417) ausführlich diskutiert wird.

Als Studie zur Ökomonisierung von Poesie wie als Präsentation der nichtsesshaften arbeitenden Armut ist die Studie ein wichtiger, auch für Historiker bedeutsamer Beitrag, der uns die Literatur und das Theater als Quellen erschließt.

Rezension über:

Roman Widder: Pöbel, Poet und Publikum. Figuren arbeitender Armut in der Frühen Neuzeit, Konstanz: Konstanz University Press 2020, 482 S., 7 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-9116-1, EUR 39,90

Rezension von:
Heinrich R. Schmidt
Historisches Institut, Universität Bern
Empfohlene Zitierweise:
Heinrich R. Schmidt: Rezension von: Roman Widder: Pöbel, Poet und Publikum. Figuren arbeitender Armut in der Frühen Neuzeit, Konstanz: Konstanz University Press 2020, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 1 [15.01.2022], URL: http://www.sehepunkte.de/2022/01/34590.html


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