sehepunkte 22 (2022), Nr. 3

Ángel Herrerín: The Road to Anarchy

Im historischen Bewusstsein ist das Bild des spanischen Bürgerkriegs nicht zuletzt durch das Wirken der Anarchisten geprägt, die seiner ersten Phase eine tiefgreifende sozialrevolutionäre Ausrichtung gaben, bis sie vor allem aus außenpolitischen Erwägungen - Hoffnungen auf eine dann mögliche Hilfe der Westmächte - im Zuge einer allgemein-antifaschistischen Neu-Ausrichtung marginalisiert wurden.

Die bekannteste Darstellung davon ist sicherlich das Buch von Hans Magnus Enzensberger über den "kurzen Sommer der Anarchie", ausgedrückt in der Biographie des berühmtesten spanischen Anarchisten, Buenaventura Durruti. Neben Augenzeugenbefragungen griff Enzensberger dabei vor Allem auf zahlreiche, schon unmittelbar nach Bürgerkriegsende einsetzende Selbstdarstellungen aus der Bewegung zurück. Wegen der Franco-Diktatur wurden sie unvermeidlicherweise im Ausland veröffentlicht, wie auch die später einsetzende umfangreiche historische Forschung zunächst an ausländischen Universitäten stattfand. Doch mit Francos Tod 1975 fielen noch existierende Beschränkungen für die Möglichkeiten zur Forschung wie zur Publikation. So kehrte das Thema in das Land zurück, in dem sich der historische Gegenstand überhaupt entwickelt hatte. Seitdem sind die Veröffentlichungen zum spanischen Anarchismus insbesondere während der 1930er Jahre kaum noch überschaubar. Die Mehrzahl umfasst biographische und lokalgeschichtliche Aspekte, ist also eher kleinteilig ausgerichtet. Vor allem aber sind diese Arbeiten mehr oder weniger auf die Entwicklung im Bürgerkrieg fokussiert, da dieser Zeitraum nun einmal den Höhepunkt des anarchistischen Einflusses darstellte (allerdings eben auch den Umschlagpunkt zum Abstieg).

Durch diese spätere Entwicklung sind die vorausgehenden Jahre der Republik ab 1931 bis zum Bürgerkriegsausbruch 1936 verdeckt. Dieser Zeitraum wird oft genug zur einfachen Vorgeschichte, ohne ihn eigenständig als eine Art Inkubationsprozess zu analysieren, in dem sich die von einer scharfen innerorganisatorischen Auseinandersetzung begleitete Radikalisierung mit der Herausbildung der im Juli 1936 maßgeblichen Wortführer (und nur wenigen Wortführerinnen) vollzog. Sie bestimmte die Hegemonialstellung der Anarchisten in den ersten Monaten vor allem in Katalonien. Doch parallel zu diesem Radikalisierungsprozess wurden zwischen 1931 und 1936 auch jene Widersprüche angelegt, die dann, nach dem Zurückdrängen des anarchistischen Einflusses im Jahre 1937, zu inneren Auseinandersetzungen und nach der Niederlage 1939 schließlich im Exil zu einem Spaltungsprozess führen sollten.

Diese Jahre des Aufschwungs und der Vorbereitung nach der Proklamation der spanischen Republik sind Gegenstand einer umfassenden Monographie von Ángel Herrerín, Historiker an der spanischen Fernuniversität UNED. Erfreulicherweise wurde seine Studie bereits ein Jahr nach Erscheinen ins Englische übertragen - zweifellos Ausdruck eines weiterhin vorhandenen internationalen Interesses an dem Themenkomplex. Herrerín hat mit einer aus seiner Dissertation hervorgegangenen und zu einem Standardwerk avancierten umfangreichen Studie zum Anarchismus in den Jahren des Franquismus, sowohl im innerspanischen Widerstand wie im Exil, bereits gezeigt, wie gut er sich mit den oftmals nicht sehr leicht zu beschaffenden Quellen auskennt. [1] Denn neben den "offiziellen" Quellen der Bewegung, die 1939 zu einem guten Teil gerettet werden konnten und auf dem Umweg über das Amsterdamer Institut für Sozialgeschichte den Weg zurück nach Spanien fanden, gibt es zahlreiche private Sammlungen und nicht zuletzt eine Vielzahl an allerdings oftmals nur unvollständig erhaltenen Publikationen einer Bewegung, die auf Diskussionsfreudigkeit und auf die Bedeutung des lokalen, nicht-zentralisierten Handelns Wert legte. Dazu kommen wichtige staatliche Archive, die insbesondere den Zusammenstoß der Anarchisten mit der Staatsmacht dokumentieren und in den Jahrzehnten der Franco-Diktatur selbst für die dem Bürgerkrieg vorhergehenden Jahre keineswegs mit Blick auf spätere Historiker gepflegt wurden, sondern durch gezielte "Säuberungen" eher lückenhaft sind.

Herreríns Arbeit ist vor allem eine Organisations- und Wirkungsgeschichte der beiden wichtigsten, eng verflochtenen Säulen des spanischen Anarchismus, das heißt zum einen des Millionen Mitglieder zählenden "breiteren" gewerkschaftlichen Dachverbandes CNT (Confederación Nacional del Trabajo), zum anderen der 1927 gegründeten Federación Anarquista Ibérica (FAI). An der Bewahrung und Sicherung der anarchistischen Prinzipien orientiert, war letztere ein "engerer" Zusammenschluss der auf gemeinsamen Interessen oder auch nur langjähriger Zusammenarbeit beruhenden sogenannten spezifischen Gruppen ("Grupos específicos" oder "de afinidad"). Die FAI wirkte quasi wie eine Partei auf die Massenorganisation ein.

Im Wesentlichen folgt die Darstellung der Chronologie und ist dabei in Kapitel gegliedert, die der innerorganisatorischen Entwicklung und den daraus abgeleiteten politisch-strategischen Wendungen der Bewegung folgen, die nicht unbedingt mit den verschiedenen Entwicklungsphasen der Republik kongruent sind. Auf die Wiedergewinnung der vollständigen Legalität durch die Errichtung der Republik im April 1931 folgte ein zunächst unaufhaltbar scheinender organisatorischer Aufschwung voller Hoffnungen, die allerdings nach wenigen Monaten bereits in Enttäuschung über das zu wenig Erreichte umschlugen. Dies löste verschiedene Wellen von Streiks, lokalen Zusammenstößen und Aufstandsversuchen aus, die dann auch zu Konflikten zwischen mehr abwartenden Gewerkschaftern und auf die revolutionäre Aktion drängenden Gruppierungen führten, was 1933 Ausschlüsse und eine Abspaltung einer syndikalistischen Opposition zur Folge hatte. Diese Entwicklung fand den Höhepunkt im Oktober 1934 im Kampf gegen eine ultrarechte Regierungsbildung, bei dem sich ein Teil - vor allem in Asturien - an der "Arbeiterallianz" mit den Sozialisten beteiligte, während der weitaus stärkere in Katalonien unter dem Einfluss der FAI diese boykottierte. Ein abschließendes Kapitel zeichnet den Neuaufschwung der Bewegung ab Mitte 1935 nach, hin zum linken Wahlsieg im Februar 1936: Die sich dabei vollziehende Radikalisierung führte zur Wiederherstellung der Einheit der CNT.

Das alles ist von Herrerín sehr präzise herausgearbeitet. Er zeigt deutlich das Wechselverhältnis zwischen Radikalisierung und staatlichen Repressionsmaßnahmen auf. Sie waren überproportional gegen die Anarchisten gerichtet, wie anhand einiger Vorfälle detailliert nachgewiesen wird. Damit kann er die These zurückweisen, die CNT habe die Hauptverantwortung für die Destabilisierung der Republik zu tragen. Sie ist zu einseitig und abstrahiert von den sozialen Zuständen im Land. Allerdings ist auch das Bild einer sehr harmonischen inneren Entwicklung, wie sie oft in der anarchistischen Erinnerung gezeichnet wird, nicht kompatibel mit der Realität der in ihren Reihen geführten harten Auseinandersetzungen. Bleibt abschließend noch, auf das ausführliche Register und die sehr nützlichen sechzehn Diagramme zur Illustration der sozialen Konflikte (unter anderem Streikübersichten, Opferzahlen bei Zusammenstößen, Arbeitslosenzahlen) und zur organisatorischen (vor allem Mitglieder-)Entwicklung hinzuweisen, für die aber eine Übersicht im Inhaltsverzeichnis hilfreich gewesen wäre.


Anmerkung:

[1] Vgl. Ángel Herrerín López: La CNT durante el franquismo. Clandestinidad y exilio (1939-1975), Madrid 2004.

Rezension über:

Ángel Herrerín: The Road to Anarchy. The CNT Under the Spanish Second Republic (1931-1936), Brighton: Sussex Academic Press 2020, 400 S., ISBN 978-1-78976-031-6, GBP 85,00

Rezension von:
Reiner Tosstorff
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Empfohlene Zitierweise:
Reiner Tosstorff: Rezension von: Ángel Herrerín: The Road to Anarchy. The CNT Under the Spanish Second Republic (1931-1936), Brighton: Sussex Academic Press 2020, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 3 [15.03.2022], URL: http://www.sehepunkte.de/2022/03/35930.html


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