sehepunkte 23 (2023), Nr. 6

Nicolas Berg (Hg.): Der Berliner Antisemitismusstreit

Fraglos war der Berliner Antisemitismusstreit ein Wendepunkt in der Geschichte moderner Judenfeindschaft: Ausgelöst von einem längeren Artikel des Historikers und nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Heinrich von Treitschke mit dem Titel "Unsere Aussichten", der im November 1879 in den Preußischen Jahrbüchern erschien, machte er antisemitische Einstellungen in universitären Kreisen sicht- und sagbar - den sogenannten intellektuellen oder Universitätsantisemitismus (12). Bis Anfang 1881 schalteten sich viele weitere Personen - Juden wie Nichtjuden, Gelehrte wie Nichtgelehrte - mit eigenen Artikeln und Stellungnahmen ein. Eine unmittelbare Folge war die an Bismarck gerichtete Antisemitenpetition vom August 1880, die die Ausweisung der in Deutschland lebenden Juden, eine Drosselung der Einwanderung und den Entzug der bei der Reichseinigung 1871 erworbenen Bürgerrechte der jüdischen Bevölkerung forderte; viele Studierende schlossen sich diesem Ansinnen an, hofierten auch Treitschke (der die Petition nicht offen unterstützte, allerdings auch nicht verurteilte) und bewarben sie mit den von ihm geprägten Stichworten. Langfristig löste die Agitation Treitschkes und seiner Anhänger eine antisemitische Radikalisierung der deutschen Gesellschaft aus, die in der Verfolgung und Ermordung der Juden durch den Nationalsozialismus kulminierte; Treitschkes Verdikt "Die Juden sind unser Unglück" zierte schließlich auch die Titelseite des Stürmers.

Im Jahre 1965 veröffentlichte der Publizist Walter Boehlich eine Sammlung von 22 Texten im Insel Verlag und prägte dabei auch die Bezeichnung "Berliner Antisemitismusstreit", der als Titel der Edition fungierte. Nachdem 1988 eine Neuausgabe mit einem erweiterten Nachwort und 2003 eine vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) verantwortete 953 Seiten starke Zusammenstellung nahezu sämtlicher mit dem Streit in Zusammenhang stehender Texte erschien, folgt nun eine kommentierte und erweiterte Neuausgabe der Fassung Boehlichs, die von Nicolas Berg (Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur - Simon Dubnow Leipzig) ediert wird. Diese war tatsächlich überfällig: Während die Ausgabe des ZfA aufgrund ihres Umfangs und hohen Preises eher das Fachpublikum ansprechen sollte, war es Boehlichs Anliegen, eine breite öffentliche Debatte über den zeitgenössischen Antisemitismus und seine Wurzeln im Kaiserreich anzustoßen - wobei die Forschung in den knapp 60 Jahren seit der Erstausgabe vorangeschritten ist und viele seiner damaligen Urteile korrigierte.

Berg gibt nicht nur die 22 Texte neu heraus, sondern ergänzt sie um drei weitere Texte und vereinzelt auch um von Boehlich gekürzte Abschnitte. Vor allem ist es sein Verdienst, in einer umfangreichen Einleitung und in den jeweiligen Texten vorangestellten Kommentaren Diskussion und Ergebnisse der jüngeren Forschung zu integrieren, die Urteile Boehlichs bisweilen zu revidieren und sie seinerseits historisch zu kontextualisieren.

Bergs Einführung liefert daher neben einem Überblick über die Auseinandersetzungen im Kaiserreich eine Darstellung der gesellschaftlichen Umstände, in denen die Erstausgabe Boehlichs erschien: In den 1960er Jahren, als mit den Auschwitz-Prozessen die allmähliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen begann, während Treitschke gleichzeitig noch öffentlich (unter anderem mit Straßenbenennungen) geehrt und sein Beitrag zum Antisemitismus von der Historikerzunft systematisch relativiert, geleugnet oder ignoriert wurde. Das Anliegen Boehlichs, der von der Kritischen Theorie Max Horkheimers und Theodor W. Adornos beeinflusst war, ging also über eine simple Dokumentation des Streits hinaus: Er wollte die Kontinuitäten des Antisemitismus vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus bis in die Gegenwart der Ära Adenauer sichtbar machen - zugleich aber auch zeigen, dass jederzeit Widerspruch möglich war und auch geäußert wurde. Die Stilisierung des Althistorikers Theodor Mommsen zu Treitschkes großem (liberal-demokratischen) Antipoden diente dazu, ihn der Gesellschaft der zeitgenössischen Bundesrepublik als Vorbild für Zivilcourage zu präsentieren, wie Berg herausstellt.

Aber gerade an der Bewertung Mommsens durch Boehlich entzündete sich Kritik, die Berg in seinem Kommentar rekapituliert. Bereits zeitgenössische jüdische Autoren lasen den letzten Absatz seines Leserbriefs "Auch ein Wort über unser Judentum" mit gewissem Befremden. Immerhin heißt es darin, dass "soweit die Juden es können, [...] es ihre Pflicht [ist], die Sonderart nach bestem Vermögen von sich zu weisen und alle Schranken zwischen sich und den übrigen deutschen Mitbürgern mit entschlossener Hand niederzuwerfen" (404). Die problematische Aufforderung Mommsens an die deutschen Juden, sich an die "Christenheit" im Sinne einer "internationalen Zivilisation" (403) zu assimilieren, und die kritischen Stimmen aus der damaligen jüdischen Gemeinde berücksichtigte Boehlich nicht weiter. Berg bespricht nicht nur diese, sondern stellt auch die Auffassungen der jüngeren Forschung heraus, die Boehlichs Bewertung relativieren: Mommsen sei es nämlich weniger um eine Verurteilung des Antisemitismus und den Schutz der Juden gegangen als um eine Verteidigung liberaler Werte, die er von Treitschke und den Antisemiten angegriffen sah; dabei sei der Liberalismus aufgrund einer fehlenden "Theorie seiner eigenen Krise" (386) gar nicht in der Lage gewesen, den Antisemitismus zu verstehen. Zu kritisieren sei die vergleichsweise späte Intervention Mommsens knapp ein Jahr nach der Veröffentlichung von "Unsere Aussichten" und das fehlende Bündnis mit jenen jüdischen Gelehrten, die bereits von Anfang an Treitschke entgegengetreten sind, von Mommsen aber ignoriert wurden.

Berg gelingt es, ein Standardwerk der historischen Antisemitismusforschung gleichzeitig neu aufzulegen und in seiner Vielschichtigkeit als Dokumentation des kaiserzeitlichen Antisemitismus sowie als Dokument der Antisemitismuskritik in der frühen Bundesrepublik kritisch zu würdigen. Abgerundet wird es durch einen Anmerkungsapparat und eine umfangreiche Bibliografie zur Forschung. Im Unterschied zur Edition des ZfA bleibt diese Ausgabe erschwinglich und wegen des geringeren Umfangs gut zugänglich. Ihr Anspruch ist es, die Texte "neu in die Gegenwart zu übersetzen", wobei "Boehlichs ursprüngliche Absicht, seine Textsammlung als ein aufklärerisches Lesebuch für Viele zu verstehen, beibehalten" werden soll (52). Was damit gemeint ist, wird zwar nicht weiter erläutert, doch braucht man über die Relevanz einer Beschäftigung mit bildungsbürgerlichem Antisemitismus nicht lange zu sinnieren: Man denke an das einstige Image der Alternative für Deutschland (AfD) als "Professorenpartei" oder an den hohen Bildungsgrad in Teilen der Querdenken-Bewegung. [1] Der Veröffentlichung bleibt eine breite Rezeption zu wünschen, um auch heute noch als Mahnung für Zivilcourage und als Intervention gegen einen Antisemitismus der Intellektuellen zu wirken.


Anmerkung:

[1] Vgl. Oliver Nachtwey/Robert Schäfer/Nadine Frei: Politische Soziologie der Corona-Proteste, Basel 2020, S. 7 und S. 9; https://osf.io/preprints/socarxiv/zyp3f/ (15.05.2023).

Rezension über:

Nicolas Berg (Hg.): Der Berliner Antisemitismusstreit. Eine Textsammlung von Walter Boehlich, Berlin: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2023, 543 S., ISBN 978-3-633-54311-3, EUR 28,00

Rezension von:
Andreas Rentz
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Rentz: Rezension von: Nicolas Berg (Hg.): Der Berliner Antisemitismusstreit. Eine Textsammlung von Walter Boehlich, Berlin: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2023, in: sehepunkte 23 (2023), Nr. 6 [15.06.2023], URL: https://www.sehepunkte.de/2023/06/38137.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.