sehepunkte 4 (2004), Nr. 2

Rezension: Republicanism. A Shared European Heritage

"There is not a more unintelligible word in the English language than Republicanism", seufzte John Adams in seiner Korrespondenz mit Thomas Jefferson. [1] Seine begriffliche Unklarheit hat bis heute nicht dazu geführt, dass der Republikanismus als Untersuchungsobjekt an Popularität eingebüßt hätte: Vor einem Jahr legten Quentin Skinner und Martin van Gelderen die Ergebnisse eines von der European Science Foundation finanzierten Forschungsvorhabens in einem zweibändigen Sammelband vor. In ihrer Einleitung geben die Herausgeber keine Definition des Begriffs 'Republikanismus'. Sie klären auch nicht den im Titel behaupteten Zusammenhang zwischen diesem Konzept und einer gemeinsamen europäischen Kultur. Die Gliederung folgt einem chronologischen Schema vom "classical republicanism" bis hin zum Zusammenhang zwischen Republikanismus und aufkommender moderner Wirtschaftsgesellschaft.

Der erste Band beginnt in Anlehnung an die Unterscheidung Machiavellis zwischen "repubbliche" und "principati" [2] mit der Definition des Republikanismus als Anti-Monarchismus. Diesen setzen die beiden Herausgeber als "classical republicanism" zu Beginn ihrer europäischen Gesamtschau. Begründungszusammenhänge von Widerstandtheorien gegen Monarchien und Monarchen untersuchen die Autoren Wyger R.E. Velema, Martin Dzelzainis, Anna Grzeskowiak-Krwawicz und Jonathan Scott in England, den Niederlanden und erfreulicherweise auch in Polen, das bis heute immer noch einen weißen Fleck in der europäischen politischen Ideengeschichtsschreibung darstellt. Alle Beiträge zeigen, wie eng der Anti-Monarchismus mit konkreten zeitgenössischen politischen Umständen verwoben ist: So war er zum Beispiel in England Folge, nicht Voraussetzung der Hinrichtung Charles' I, in Polen artikulierte er sich erst mit der Furcht vor einem Erstarken des Königs parallel zu der Herausbildung von Herrscherfiguren wie Louis XIV im europäischen Zusammenhang.

Unter der Überschrift "The Republican Citizen" sind Beiträge von Markku Peltonen, Karin Tilmans, Robert von Friedeburg und Edward Opalinski zu Republikanismus und Bürgerkonzeption in so unterschiedlichen europäischen Gebieten wie dem Elisabethanischen England, dem Reich und Polen versammelt.

Da die Konzeption des Bürgers immer auch von der Qualität der jeweiligen Verfassung abhängt, widmet sich der Abschnitt "The Republican Constitution" der Frage nach der Verbindung von Republikanismus und konstitutioneller Theorie. Der Abschnitt "Republicanism and Political Values" beschäftigt sich mit der politischen Kultur des europäischen Republikanismus. Im Gegensatz zu der Deutung des Anti-Monarchismus im englischen Bürgerkrieg als einer Folge der Hinrichtung Charles' I betont Quentin Skinner in seinem Beitrag die ideologischen Wurzeln des englischen Bürgerkriegs in einer neo-klassischen, stark dem "civic humanism" verbundenen Tradition. Gerade die Beiträge dieses Abschnitts gewinnen an Aussagekraft durch die Kontextualisierung republikanischer Traditionen im Zusammenhang mit anderen politischen und gesellschaftlichen Konzeptionen. Vittorio Conti stellt zum Beispiel die Frage nach republikanischen Repräsentationsformen im Ritual, wobei er allerdings trotz des viel versprechenden Titels "The Mechanisation of Virtue: Republican Rituals in Italian Political Thought in the Sixteenth and Seventeenth Centuries" allein Venedig behandelt. Ian Hampsher-Monk und Jean Fabien Spitz diskutieren wiederum den Zusammenhang zwischen republikanischem Tugenddiskurs und der Durchsetzung "höf-licher" Verhaltensweisen.

Da der republikanische Tugenddiskurs immer wieder die Rolle der Frauen als entscheidend für die Formung beziehungsweise Korrumpierbarkeit des Bürgers ansieht, ist es konsequent, dass einige Aufsätze sich des Themas "The Place of Women in the Republic" annehmen. Alle Autorinnen skizzieren den Zusammenhang zwischen Republikanismus und der Beurteilung und Wahrnehmung des weiblichen Geschlechts mit Hilfe großzügiger, kaum durch konkrete Textanalyse vertiefte historische Entwicklungslinien. So teilt zum Beispiel Christine Fauré die Geschichte der Frau im europäischen Republikanismus in die drei Stufen "Virtuous Women", "The Sumptuary Laws" und "On the Equality of the Sexes", um wie auch Judith A. Vega in ihrem Beitrag zur "Feminist Republicanism and the Political Perception of Gender" mit Mary Wollstonecraft als teleologischem Schlusspunkt zu enden.

Unter dem Oberthema "Republicanism and the Rise of Commerce" weisen Marco Geuna, Fania Oz-Salzberger, Bela Kapossy, Eluggero Pii, Michael Sonnenscher und Donald Winch in ihren Beiträgen auf die Grenzen einer grundsätzlichen Opposition von europäischem republikanischem, vom Tugenddiskurs bestimmten Denken und dem Aufkommen der modernen Wirtschaftsgesellschaft im 18. Jahrhundert und ihren Vertretern des Liberalismus hin: Im Gegensatz zu deutschsprachigen Denkern, die eher dazu tendierten, das wirtschaftlich aktive Subjekt in ein statisches Staatsmodell mit utopischen Zügen einzubauen, sahen zum Beispiel schottische Aufklärer wie Adam Ferguson die politische Beteiligung der Bürger als notwendig zur Erreichung des größtmöglichen Glückszustandes in der Gesellschaft an.

Beide Bände bieten einen differenzierten und tatsächlich europäischen Überblick über Traditionen politischer Theorie der Frühen Neuzeit. Allerdings folgen die Herausgeber in ihrer chronologischen und thematischen Einteilung mehr oder weniger unbewusst dem von John G.A. Pocock's "The Machiavellian Moment" [3] vorgegebenen Schema vom frühen, in Italien aufgekommenen 'civic humanism' hin zu dessen Verpflanzung in die aufkommenden Wirtschaftsgesellschaften des 18. Jahrhunderts über den Transfer im 17. Jahrhundert in Großbritannien und dessen "classical republicanism". Am deutlichsten wird dieses Nachwirken Pococks am Übergewicht der Beiträge zu Großbritannien und den Niederlanden: Sieben Beiträgen zu Großbritannien und sechs zu den Niederlanden stehen etwa nur drei Beiträge zu Italien und einer zur Schweiz (Bern) gegenüber. Negativ wirkt sich auf die Schwerpunktsetzung der beiden Bände aus, dass die Herausgeber sich weder um eine präzisere Arbeitsdefinition von "Republikanismus" bemüht haben, noch Debatten aus nicht angelsächsischen Zusammenhängen, wie etwa um das "Kommunalismus-Konzept" Peter Blickles [4] oder auch um die Ansätze Heinz Schillings, den Stadtrepublikanismus als Teil des europäischen politisch-kulturellen Erbes zu untersuchen [5], für die Gliederung des heterogenen Stoffes fruchtbar gemacht haben.

Enttäuschend ist außerdem, dass trotz der beiden viel versprechend gestalteten Titelcover, die zeitgenössische Gemälde des venezianischen Markusplatzes und der Amsterdamer Börse zeigen, die Frage nach Konfigurationen von Republik in anderen als in rein politiktheoretischen Texten nur in Ansätzen gestellt wird.

Beide Bücher bilden deshalb trotz ihres umfassenden chronologischen und geografischen Charakters keinen adäquaten Ersatz für den 1988 von Helmut G. Koenigsberger herausgegebenen Sammelband "Republiken und Republikanismus im Europa der Frühen Neuzeit", in dem sowohl verschiedene Konzeptionen dargelegt, wie auch Beiträge zur Frage der nicht textuellen republikanischen Repräsentation versammelt sind. [6]

Anmerkungen:

[1] Zitat nach: Daniel T. Rodgers: Republicanism: the Career of a Concept, in: The Journal of American History 79 (1992), 38.

[2] Niccolò Machiavelli: De principatibus I, zitiert nach der Ausgabe: Niccolò Machiavelli, Il Principe e Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio, hg. von Sergio Bertelli, Mailand 1960, 15.

[3] John G.A. Pocock: The Machiavellian Moment: Florentine Political Thought and the Atlantic Republican Tradition, Princeton 1975; vergleiche zur Diskussion um Pocock den Überblick bei Werner Sewing: John G.A. Pocok und die Wiederentdeckung der republikanischen Tradition, in: Ders.: Die andere Bürgergesellschaft. Zur Dialektik von Tugend und Korruption(= Edition Pandora; 12), Frankfurt / New York / Paris 1993, 7-32.

[4] Zuletzt in Peter Blickle: Von der Leibeigenschaft zu den Menschenrechten. Eine Geschichte der Freiheit in Deutschland, München 2003. Zur Diskussion um Blickles Kommunalismus-Konzept vergleiche zum Beispiel Volker Press: Kommunalismus oder Territorialismus ? Bemerkungen zur Ausbildung des frühmodernen Staates in Mitteleuropa, in: Heiner Timmermann (Hg.): Die Bildung des frühmodernen Staates - Stände und Konfessionen (= "Dokumente und Schriften" der Europäischen Akademie Otzenhausen; 62), Saarbrücken-Scheidt 1989, 109-135, und Olaf Mörke: Die städtische Gemeinde im mittleren Deutschland (1300-1800). Bemerkungen zur Kommunalismusthese Peter Blickles, in: Peter Blickle (Hg.): Landgemeinde und Stadtgemeinde in Mitteleuropa: ein struktureller Vergleich (= HZ Beiheft; N.F. 13), München 1991, 289-308.

[5] Vergleiche zum Beispiel Heinz Schilling: Gab es im späten Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit in Deutschland einen städtischen "Republikanismus"? Zur politischen Kultur des alteuropäischen Stadtbürgertums, in: Helmut G. Koenigsberger (Hg.): Republiken und Republikanismus im Europa der Frühen Neuzeit (= Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien; 11), München 1988, 101-143.

[6] Helmut G. Koenigsberger (Hg.): Republiken und Republikanismus im Europa der Frühen Neuzeit (= Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien; 11), München 1988.

Rezension über:

Martin van Gelderen / Quentin Skinner (eds.): Republicanism. A Shared European Heritage. Volume I: Republicanism and Constitutionalism in Early Modern Europe, Cambridge: Cambridge University Press 2002, XI + 420 S., ISBN 978-0-521-80203-1, GBP 45,00

Martin van Gelderen / Quentin Skinner (eds.): Republicanism. A Shared European Heritage. Volume II: The Values of Republicanism in Early Modern Europe, Cambridge: Cambridge University Press 2002, XI + 402 S., ISBN 978-0-521-80756-2, GBP 45,00

Rezension von:
Ruth Schilling
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Ruth Schilling: Republicanism. A Shared European Heritage (Rezension), in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 2 [15.02.2004], URL: https://www.sehepunkte.de/2004/02/4115.html


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