sehepunkte 6 (2006), Nr. 5

Eckhard Wirbelauer (Hg.): Oldenbourg Geschichte Lehrbuch. Antike

Die Entzauberung der Geschichte und die Eröffnung eines Zugangs für Studierende der Geschichtswissenschaften, für interessierte Nachbarwissenschaften und Gymnasiasten ist das Anliegen des Herausgebers (7). Mit den drei "T"s -Thema, Technik und Theorie der Geschichtswissenschaft - will das didaktische Konzept des Oldenbourg Geschichte Lehrbuchs (OGL) in bewusster Abkehr von der traditionellen Ereignisgeschichte moderne Akzente setzen. [1] Statt der herkömmlichen Gliederung der Alten Geschichte in fünf Epochen (OGG) ruht es auf vier, in Wahrheit aber fünf Säulen der Wissensvermittlung: Auf einen chronologischen Längsschnitt durch die Epochen der Geschichte (I) folgt ein systematischer, an Themen orientierter Querschnitt, der Zugänge zur Geschichte der antiken Menschen in ihren Gemeinschaften anbietet (II). Ein Blick in die Werkstatt der Geschichtswissenschaft macht den Studierenden mit dem Vorgehen der Forschung (IIIa), der Rezeption der Antike (IIIb) und den Einrichtungen der Forschung (IV) vertraut.

In unserem Jahrhundert, in dem die alten Sprachen "tot" gesagt werden, setzt Hans-Joachim Gehrke auf Anspruch und Attraktivität der Wissensvermittlung. Im Sinne von Horaz' Ars poetica soll das Buch Lerneffekt (prodesse) mit Leselust (delectare) kombinieren (9). Das ist in Teil II hervorragend gelungen. Innovative siedlungsarchäologische Surveys stellen den antiken Menschen in seine Umwelt (121-42). Ein moderner mikrohistorischer Kulturvergleich zwischen Griechenland, Rom und Spätantike erschließt systematisch seine Nahbeziehungen im Oikos, in Altersgruppen, in der von dem Familienoberhaupt dominierten römischen familia, in Klientel und Freundschaft (143-180). Der Mensch steht im Fokus unterschiedlicher, historisch gewachsener Gesellschaften - in den Institutionen der Polis, in der Konstruktion des Prinzipats, in der durch soziale Mobilität und 'inneren Ausstieg' geprägten Spätantike (181-224). Er wird auf der Bühne internationaler Beziehungen präsentiert, wie er Gastfreundschaften und Verträge schließt, Asyl sucht oder ins Exil vertrieben wird (225-236). Seine Erfahrungen mit der Götterwelt von der rituellen Polisreligion bis zu einem spirituellen Christentum (237-262) und seine Selbstwahrnehmung als Schöpfer von Literatur (263-283) und Kunst (284-290) beleuchten neben der religiösen und handwerklichen Praxis Emotionalität und Könnensbewusstsein des antiken Menschen. Die Antike erscheint hier als das "nächste Fremde" [2], das den Blick auf die eigene Vergangenheit, aber auch auf eine andere Welt des Entfernten und Exotischen als alter ego öffnen soll (12, 362).

Daher ist es schade, dass es nicht gelungen ist, diese vielversprechende, ideenreiche Konzeption überall so konsequent umzusetzen. Im Rahmen moderner Globalhistorie hätte sich die Chance geboten, konventionelle Epocheneinteilungen und deren Einengung auf Griechen und Römer aufzubrechen (15 und 25), um die Geschichte der Antike an ihren Ursprüngen und an ihrem Ende über die Barbarentopik hinaus zum Orient hin zu öffnen (I Epochen; III, 362 ff.: Identität und Alterität) und die mykenische Kultur im zweiten Jahrtausend v. Chr. einzubeziehen. Nicht nur, dass das "nächste Fremde" plastischer im Blick auf seine "Gegenwelten" im Vorderen Orient, Schwarzmeergebiet und Indien hervortritt. Auf der Folie achaimenidischer Quellen, die jetzt in Übersetzungen vorliegen, erscheint das persische Großreich als Alternativentwurf zu der kleinräumigen, auf Autonomie bedachten Politik der Poliswelt, und die Geschichte der Perserkriege und Alexanders des Großen muss nicht mehr nur einseitig von griechischer Seite gelesen werden. [3] Kulturkontakte und Wissenstransfer der syrischen Hochschulen von Nisibis und Edessa schlagen eine Brücke zwischen islamischer und christlich geprägter, westeuropäischer Welt. [4]

Bilder sind "schnelle Schüsse ins Gehirn". [5] Exakt einhundert sind über das Lehrbuch verteilt. Diese Fülle ausgezeichnet kommentierter Bildquellen, Karten und Sozialmodelle, von Querverweisen, Forschungsstimmen [6] und Detailskizzen bildet eine eigene Kategorie historischer Erkenntnis - und unterbricht stets aufs Neue den Fließtext. Wie in unserer eigenen Informationsgesellschaft wird der Leser durch eine Flut unterhaltsamer Kurzinformationen und visueller Eindrücke von einer intensiven Lektüre mit ihrer ohnehin komplizierten Gedankenführung abgelenkt. Der didaktische Effekt wäre größer, wenn die "schnellen Schüsse ins Gehirn" an wenigen zentralen Stellen eines Kapitels konzentriert wären. Ein Index würde die Suche nach den gewünschten Illustrationen erleichtern.

Bei der Konstruktion des Gedankengebäudes werden intendierte Ordnungsprinzipien durchbrochen. Für die Darstellung der Epochen der Antike (I) und ihrer kulturellen Errungenschaften (II Literatur - Kunst und IIIa Historiographie - Restliche Literatur) stellt sich die Frage, ob Teamgeist oder ein einheitlicher strukturgeschichtlich-anthropologischer Zugriff die bessere Lösung gewesen wäre. [7] Die allseits gelobten, ausführlichen Zeittafeln [8] könnten bei dem einleitenden Geschichtsüberblick (I) zusammen mit einem Hinweis auf OGG helfen, den Weg durch das Dickicht der Ereignisgeschichte zu bahnen. Die anschaulich demonstrierte Arbeitsweise der Quelleninterpretation am Beispiel des Colosseum (unter Epochen: I 103-116) und die Präsentation der Arbeit mit den Quellen im allgemeinen (unter Vorgehen der Forschung; III, 437-452) wären gemeinsam mit den verschiedenen Quellengattungen in einem großen Kapitel Technik (II) besser platziert als in drei verschiedenen Kontexten. Sinnvoll zur Vermeidung von Doppelungen und für das Verständnis einheitlicher ideengeschichtlicher Konzepte dürfte sich auch eine Zusammenführung der literatur- und kunsthistorischen Überblicke erweisen, die unter Zugänge zur Geschichte (II) und Techniken (III) verstreut behandelt werden. Anstelle einer chronologischen Auflistung sämtlicher Autoren und ihrer Werke könnten wie bei Jochen Althoff und Mischa Meier kulturelle Höhepunkte, eingebettet in Informationen über zeitgenössische Diskurse und Inszenierungstechniken, in den Fokus gerückt und an den Maßstäben von Kanonisierung und Erinnerungskultur gemessen werden. [9]

Ideengeschichtliche Debatten über die Ursprünge des demokratischen Verfassungsgedankens verschwinden in einem Halbsatz (35, 392) oder hinter den zweifellos interessanten Einzelheiten der institutionellen Gremien (185-188). [10] Im Kontext der Schlüsselbegriffe Macht und Herrschaft vermisst man den bereits im antiken Sprachgebrauch eng damit verbundenen Begriff des Reichtums [11]; die Problematik Krieg und Gewalt wird im Rahmen der internationalen Beziehungen (II) nur flüchtig gestreift. Forschungskontroversen über die Ausgestaltung der "herausragenden Rolle" Caesars (70) oder die politischen Auftritte des Bischofs Ambrosius (220) treten vor einem in sich stimmigen Geschichtsbild zurück [12], und innenpolitische Konfliktstoffe wie die Ständekämpfe oder das Reformprogramm der Gracchen, das sowohl für die Formierung der römischen Gesellschaft als auch für die Kolonisation der Provinzen tiefgreifende Folgen zeitigte, werden ganz ausgeblendet. [13]

Dem stehen auf der Habenseite innovative Forschungsfelder wie die Gender-Studies, die Rezeption der Antike in Teil III und ein mit intelligentem Pinselstrich skizzierter Abriss der Wissenschaftsgeschichte (IV 457-462) positiv gegenüber, die von der Aktualität einer 'lebendigen' Antike in Europa zeugen und der Selbstfindung der eigenen Rolle als Historiker oder Historikerin dienen. Sie geben, gemeinsam mit einer Einführung in die Techniken (I 103, II 291, III 437) und einer heutzutage unverzichtbaren Übersicht über einschlägige Websites und Datenbanken sowie Forschungseinrichtungen (IV), Einblick in die methodischen Probleme und die Organisation moderner und längst vergangener Altertumswissenschaft. [14] Das OGL ist kein Buch, das zu kontinuierlicher Lektüre und tiefgehender Auseinandersetzung verleitet, aber eines, das, je öfter man es zur Hand nimmt, vielfältige Anregungen und Ideen bietet, wie und wo Alte Geschichte in der Pluralität ihrer Lebenswirklichkeiten und Forschungsansätze interessant ist. Insofern scheint es mir weniger ein Lehrbuch für Anfänger und Gymnasiasten zu sein als ein Lesebuch, eine 'Einladung in die Antike', für diejenigen, die Orientierung und neue Wege suchen.


Anmerkungen:

[1] So die Werbung http://deutschesfachbuch.de/info/news.php?keyword= Oldenbourg+Geschichte+Lehrbuch &image2.x=0&image2.y=0&code=alle_catalog&type=skin&_enc= %26%231088%3B%26%231105%3B%E4%DC.

[2] Begriff von Uvo Hölscher; vgl. T. Hölscher (Hg.): Gegenwelten zu den Kulturen Griechenlands und Roms in der Antike, München / Leipzig 2000 und jetzt aktuell J. Dummer / M. Vielberg (Hg.): Der Fremde - Freund oder Feind? Überlegungen zu dem Bild des Fremden als Leitbild, Stuttgart 2004, bes. 22-42: A. Dihle: Die Begegnung des Fremden im Alten Griechenland.

[3] Siehe neuerdings J. Wiesehöfer: Die Griechen und der Orient im 1. Jahrtausend v. Chr., in: H.-J. Gehrke / H. Schneider (Hg.): Geschichte der Antike (2. Aufl., Stuttgart, im Druck); Alte Geschichte und Alter Orient, oder: Ein Plädoyer für Universalgeschichte, in: A. Luther / H. Rollinger / J. Wiesehöfer (Hg.): Getrennte Welten? Kommunikation, Transkulturalität und Wahrnehmung zwischen Ägais und Vorderasien im Altertum, (= Oikumene 3) (Frankfurt, im Druck). Die Forschung stimulierende Neuerscheinungen demonstrieren die Pionierrolle der Orientalistik: M. Brosius: Ancient Archives and Archival Traditions, Oxford 2003; W. Burkert: Babylon, Memphis, Persepolis. Eastern Contexts of Greek Culture, Cambridge, Mass. 2004; Übersetzungen der Königsinschriften und anderer Quelleneditionen der Perserzeit bei M. Brosius (2000), P. Lecoq (1997) und R. Schmitt (1991; 2000).

[4] P. Bruns (Hg.): Von Athen nach Bagdad. Zur Rezeption griechischer Philosophie von der Spätantike bis zum Islam, Bonn 2003; P. Brown: The Rise of Western Christendom, 2. Aufl., Oxford 2003.

[5] Sentenz des Saarbrücker Verhaltenswissenschaftlers und Marketing-Papstes W. Kroeber-Riel. Siehe Rainer Gries: Rezension zu Stefan Aust / Stefan Kiefer: Die Kunst des SPIEGEL. Titel-Illustrationen aus fünf Jahrzehnten, Kempen 2004, in: H-Soz-u-Kult, 28.03.2006, URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ 2006-1-203.

[6] Es ist fraglich, ob eine Nennung der Position eines Professors (187: J. Bleicken) und nicht dessen Bedeutung in der scientific community für die Autorität seiner Forschungsstimme notwendig ist.

[7] Während Bleckmanns originelle Kontrastierung der drei antiken Großpoleis (25-44) vorwiegend die politische Geschichte ins Visier nimmt, ist Martins konzise Analyse spätantiker Transformationsprozesse (87-101) rein strukturgeschichtlich-anthropologisch: Sie hätte leicht gegen das stärker ereignisgeschichtlich orientierte Kapitel im systematischen Teil II (212-23) ausgetauscht werden können.

[8] S. die Rezensionen von Sven Guenther (Mainz),URL: http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2005/ 2005-11-08.html und Andreas Hartmann (Eichstätt), URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ 2005-2-007.

[9] Hierzu die wegweisenden Forschungen von Aleida und Jan Assmann: dies.: Kanon und Zensur, München 1987; Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis, 4. Aufl., München 2002; Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, 3. Aufl., München 2006 und von M. Hose: Die Kehrseite der Memoria, in: A&A 48 (2002) 2-17.

[10] J. Bleiken: Die Athenische Demokratie, 2. Aufl., Paderborn 1994 datiert demokratisches Denken spät mit den Reformen des Ephialtes, während Chr. Meier: Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Frankfurt 1980 (pb 1989) auf eine allmähliche Entwicklung seit Solon zurückblickt. Siehe P. Funke, in: GGA 240 (1988) 20-49.

[11] J.K. Davies: Wealth and the power of wealth in classical Athens, New York 1981; F. Vannier: Finances publiques et richesses privées dans les discours athéniens aux Ve et IVe siècles, Paris 1988; St. Hodskinson: Property and wealth in classical Sparta, London 2000; I. Shatzman: Senatorial wealth and Roman politics, Brüssel 1975; S. Mratschek-H.: Divites et praepotentes. Reichtum und soziale Stellung in der Literatur der Prinzipatszeit, Stuttgart 1993 und J. Schlumberger: Die potentes in der Spätantike. Untersuchungen zu einem sozialgeschichtlichen Begriff und seiner historischen Bedeutung, Habil. Tübingen 1980.

[12] Bis heute ungelöst ist die Frage nach der Historizität von Caesars 'Streben' nach dem Königtum; vgl. H. Gesche: Caesar, Darmstadt 1976, 154-62. N.B. McLynn: Ambrose of Milan, Berkeley / Los Angeles 1994, passim, weist darauf hin, dass der politische Einfluss des Bischofs auf Theodosius in hohem Maße auf seiner Selbststilisierung beruhte.

[13] So bereits die Rezensionen von S. Guenther , p. 2 und A. Hartmann, p. 1 mit zahlreichen Parallelen (s. Anm. 8).

[14] Bei Chr. Schäfers Internetportalen (481-492) handelt es sich um eine nützliche erste 'Anlaufstelle', auch wenn zu Recht kritisiert wird, dass Online-Updates im Internet praktikabler wären. Siehe S. Guenther, p. 3 und die komplette Liste der ergänzungsbedürftigen Links bei A. Hartmann, Eichstätt [8], p. 4-5 (s. Anm. 8).

Rezension über:

Eckhard Wirbelauer (Hg.): Oldenbourg Geschichte Lehrbuch. Antike. Mit einem Geleitwort von Hans-Joachim Gehrke, München: Oldenbourg 2004, 526 S., ISBN 978-3-486-56663-5, EUR 34,80

Rezension von:
Sigrid Mratschek
Heinrich-Schliemann-Institut für Altertumswissenschaften, Universität Rostock
Empfohlene Zitierweise:
Sigrid Mratschek: Rezension von: Eckhard Wirbelauer (Hg.): Oldenbourg Geschichte Lehrbuch. Antike. Mit einem Geleitwort von Hans-Joachim Gehrke, München: Oldenbourg 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de/2006/05/7810.html


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