sehepunkte 22 (2022), Nr. 3

Stefan Samerski: Alfred Bengsch

An Studien zur Geschichte der christlichen Kirchen in der SBZ und DDR besteht gut drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung kein Mangel. Das Interesse kirchlicher Zeitgeschichtsforschung katholischer Provenienz richtet sich dabei aufgrund des besonderen Amts- und Kirchenverständnisses stets auch auf Papst und Episkopat. In der Reihe der entsprechenden, vornehmlich von katholischen Theologen verfassten Studien über Bischöfe in der DDR fehlte bislang Alfred Kardinal Bengsch. Anlässlich der Wiederkehr von dessen 100. Geburtstag beauftragte daher die Berliner Bistumsspitze den Kirchenhistoriker Stefan Samerski mit entsprechenden Nachforschungen. Die Aufgabe war anspruchsvoll. Denn wie kaum ein zweiter Bischof hat Bengsch in der ostdeutschen Kirche schon aufgrund seiner langen Amtszeit, aber auch wegen seiner einflussreichen Stellung als Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz tiefe Spuren hinterlassen. Seinen Lebensweg als Theologe, Seelsorger, "Kirchenpolitiker" und Mensch auf der Höhe des inzwischen erreichten Forschungsstandes auf 200 Druckseiten nachzuzeichnen, verlangte deshalb eine auf das Wesentliche konzentrierte Darstellung.

Es verdient daher besondere Anerkennung, dass Samerski zusätzlich zu den bereits verfügbaren Quelleneditionen auch die ihm zugängliche Sachakten- sowie Nachlassüberlieferung in den Diözesanarchiven von Berlin und Erfurt gesichtet und außerdem zahlreiche Zeitzeugen zu ihren Erinnerungen an den Berliner Kardinal befragt hat. Sein Lebensbild gliedert der Autor in die Jahre des "jungen Alfred Bengsch" bis 1961 und die anschließende Amtszeit als "Bischof von Berlin" von August 1961 bis zu seinem Tod im Dezember 1979.

Der 1921 geborene Bengsch ist bis heute der einzige Berliner Bischof, der aus der Bistumskapitale selbst stammte. Der Autor beschreibt dessen steilen Aufstieg aus einfachen Verhältnissen einer katholischen Familie in Schöneberg über die Kriegsteilnahme als Theologiestudent (1941-1945) und seine Priesterweihe (1950) bis zur Promotion (1955) und Beauftragung mit der Priesterausbildung in der DDR (1957-1959). Mit seiner Ernennung zum Weihbischof mit Sitz in Ost-Berlin und der Bischofsweihe durch den Berliner Kardinal Julius Döpfner war der erst 37-jährige Kleriker 1959 bis in die Führungsspitze der katholischen Kirche in der DDR gelangt.

Zu Recht identifiziert der Autor Bengschs Kreuzestheologie als einen wesentlichen Schlüssel zu dessen Selbstverständnis und Wirken. Sie hätte insbesondere dem theologisch weniger bewanderten Leser noch substantieller in ihrer Begrifflichkeit von Schuld, Sühne und Opfer erschlossen werden können. Handelt es sich doch um religiöse Deutungsmuster, die zum Rüstzeug einer ganzen Generation sogenannter "Priestersoldaten" gehörten. Sie ziehen sich folglich wie ein roter Faden bereits durch Bengschs Tagebuchaufzeichnungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Spiritualisierung der Kriegserfahrung im Licht der Selbsthingabe Jesu Christi am Kreuz blieb für den begabten und hochreflektierten Geistlichen offenbar zeitlebens ein bedeutender Angelpunkt seines theologischen Denkens, seiner priesterlichen Existenz sowie seiner sprachmächtigen Predigten. Inwieweit sich dies mit seinem selbstkritisch als "schwarzseherisch" bezeichneten Skeptizismus (135) verband, wäre eine interessante Frage. Aus dieser kriegsbedingten Erfahrungsperspektive könnte auch der prägende Einfluss, den Persönlichkeiten aus dem Jesuitenorden und der älteren Klerusgeneration auf den "jungen Alfred Bengsch" ausübten, möglicherweise noch stärkere Konturen gewinnen. Dem nachzugehen ist künftiger Forschung ebenso aufgegeben wie der vom Autor nur gestreifte Vergleich mit dem kreuzestheologischen Selbstverständnis seines nur acht Jahre älteren, 1961 von Berlin nach München gewechselten Amtsvorgängers Döpfner.

Die 18 Amtsjahre als Berliner Bischof nimmt der Autor anhand von zehn ausgewählten Aktionsfeldern in lockerer chronologischer Folge und mit unterschiedlicher Tiefenschärfe in den Blick: die Kirchenpolitik gegenüber dem SED-Staat, das Zweite Vatikanische Konzil und seine Rezeption in der DDR, die Vatikanische Ostpolitik, die Predigten von Bengsch und ihre Wirkung, die Ordens- und Jugendseelsorge, die 68er-Krise in West-Berlin und schlussendlich Bengsch als Mensch, sein Sterben und Tod. Die entscheidende Deutungsachse bildet für Samerski der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) angestoßene innerkirchliche Reformprozess, der in "dynamischen Zeiten" (Axel Schildt) die tradierten katholischen Frontstellungen gegenüber der gesellschaftlichen Moderne einschließlich des Kommunismus aufbrach. Auf sämtlichen genannten Aktionsfeldern stritt Bengsch leidenschaftlich und entschlossen gegen jegliches kirchliche "Aggiornamento", das die innere Einheit und Geschlossenheit der katholischen Kirche aufweichen und damit auch ihre - im osteuropäischen Maßstab vergleichsweise günstige - kirchenpolitische Stellung in der DDR gefährden konnte.

Dies traf zuallererst für die frühzeitige Verpflichtung der katholischen Kirche auf einen Kurs "politischer Abstinenz" (65) zu; dieser zielte auf einen verfassungsrechtlich marginalisierten, indes erträglichen modus vivendi, ohne damit der differenzierungspolitischen "Sicherung" durch die Staatssicherheit entgehen zu können. Es galt aber ebenso für den reformorientierten, von Bengsch bereits während des Konzils deutlich abgelehnten "Dialog" der Kirche mit der "Welt". Dieser wurde auf der nachkonziliaren Dresdner Pastoralsynode (1973-1975) zunächst kontrovers ausgelotet und schließlich von ihm faktisch unterbunden. Sowohl die päpstlich autorisierte "vatikanische Ostpolitik" als auch die von ihm kaum zu steuernden, vermeintlich "demokratischen" Verwerfungen und Illoyalitäten im West-Berliner Teil seiner Diözese deutete der Berliner Bischof geradezu als Menetekel zentrifugal wirkender Kräfte, die nunmehr innerhalb der Kirche wirksam wurden.

Unklar bleibt, welche inneren Gewissensnöte bei Bengsch daraus für seine Loyalität und seinen Gehorsam gegenüber dem Papst einerseits beziehungsweise seines Diözesanklerus ihm als Bischof gegenüber andererseits entstanden. Sie lassen sich aber anhand der von ihm wiederholt ins Feld geführten Kreuzesnachfolge und der "Berliner Priesterkrise" von 1970 erahnen, als Bengsch trotz Priestermangels abweichende "revolutionäre" Priester kurzerhand von ihren geistlichen Aufgaben entband. Dieser Frage weiter nachzugehen wäre auch deshalb reizvoll, weil der Bischof in seiner vertrauten Umgebung einen unkonventionellen Umgang pflegte, wie nicht zuletzt zahlreiche Anekdoten und manche der erstmals veröffentlichten Privatfotos belegen.

Alles in allem präsentiert Samerski dem Leser mit spürbarer Sympathie ein Bild, das seinen Protagonisten ausschließlich in dessen unmittelbaren Berliner Wirkungszusammenhängen in den Blick nimmt: Es zeigt einen unter der Parole der "Einheit" kämpfenden Bischof im Widerstand sowohl gegen den ideologischen und praktischen "Materialismus" in Ost wie West als auch gegen die gleichsam unheilige, weil auf die definitive Teilung seines Bistums gerichtete Allianz aus DDR- und Vatikan-Mächtigen. Jedoch fehlen dieser vom Autor markant antimodern ausgeprägten Charakterisierung die notwendigen Leitplanken, um zeitgenössische Motive, Urteile und das daraus resultierende Handeln des Berliner Bischofs quellenkritisch zu kontextualisieren und historisch einzuordnen. Die nicht wenigen, selbst in den Kreisen seiner bischöflichen Mitbrüder vorhandenen Kritiker seines Kurses dienen dem Autor gewissermaßen nur als Negativfolie oder bleiben von vorneherein ausgeblendet.

Samerski weiß um solche Schwächen seines verengten perspektivischen Zugriffs, wenn er eingangs für seine Ausführungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Dass er DDR-weite oder gesamtdeutsche Kirchenzusammenhänge nicht berücksichtigt, erscheint gleichwohl nur schwer vertretbar angesichts der weit über seine Diözese ausgreifenden Stellung des Berliner Kardinals und des dazu erreichten differenzierten Forschungsstandes. Die biographisch und thematisch geradezu gebotene Behandlung der kirchlichen Ver- und Entflechtungen im geteilten Berlin unterbleibt - und mit ihr die Möglichkeit, der von Bengsch gegenüber sämtlichen Akteuren strategisch betriebenen Instrumentalisierung der "Einheitsparole" sowie deren wechselseitigen Wahrnehmungen nachzugehen. Auch vermisst der Leser einen das Gesamtbild abrundenden Ausblick. Der Beginn der "Ära nach Bengsch" (Martin Höllen) fiel in eine bis in die jüngste Gegenwart reichende "Zeitenwende" (Frank Bösch). Sie war vom nachdrücklichen Bemühen der nachfolgenden Bischofsgeneration bestimmt, die pastoralen Fehlentwicklungen des Bengsch-Kurses wirksam zu korrigieren, um Anschluss an die spürbaren Veränderungen in der sozialistischen Gesellschaft zu gewinnen. Fazit: Samerski knappes Buch steuert zu einer noch zu schreibenden Bengsch-Biographie einen sehr prononcierten und dezidiert berlinspezifischen Baustein bei.

Rezension über:

Stefan Samerski: Alfred Bengsch. Bischof im geteilten Berlin, Freiburg: Herder 2021, 256 S., ISBN 978-3-451-38820-0, EUR 38,00

Rezension von:
Christoph Kösters
Kommission für Zeitgeschichte, Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Kösters: Rezension von: Stefan Samerski: Alfred Bengsch. Bischof im geteilten Berlin, Freiburg: Herder 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 3 [15.03.2022], URL: http://www.sehepunkte.de/2022/03/36578.html


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