sehepunkte 22 (2022), Nr. 9

Robert Klugseder (Hg.): Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte des Klosters Aldersbach

Die zu besprechende Darstellung zum Kloster Aldersbach geht auf die Tagung am gleichnamigen Ort am 1. und 2. Oktober 2020 zurück. Den zwei Organisatoren, Robert Klugseder und Bernhard Lübbers, gelang es, renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diverser Fachdisziplinen zu gewinnen. Als 55. Ergänzungsband der von der Historischen Sektion der Bayerischen Benediktinerakademie herausgegebenen Reihe widmet sich die Veröffentlichung im 900. Gründungsjahr Aldersbach in Niederbayern, dem mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ordenshaus der Augustinerchorherren (circa 1120) und Zisterzienser (ab 1146-1803).

Einen guten Überblick zur Frage der Einbindung Aldersbachs in das politische Herrschaftsgeflecht der Zeit und des Raums gewähren zu Beginn des Bandes Bernhard Lübbers, Richard Loibl und Herbert W. Wurster, die seit Gründung des Ordenshauses als Augustiner-Chorherrenstift einen "Brennpunkt im Vilstal" (17) entdecken, bei dem der Einfluss des Bamberger Bischofs mit der "Einflusssphäre der Passauer Kirche" (17)

zusammenstieß. Während die wissenschaftliche Forschung zur Motivationsfrage der Umwandlung des Chorherrenstiftes in ein Zisterzienserkloster uneins ist, besteht bei dessen Datierung kein Zweifel: das Jahr 1146. In diesem Jahr mussten die Chorherren nach Reichersberg ausweichen, wo der mächtige und "vehemente Kirchenreformer" (19) Gerhoch von Reichersberg als Probst amtierte.

Sebastian Kalla stellt in seinem Beitrag (31), mit dem er die bisherige Auffassung über zisterziensische Entvogtungen weitgehend über den Haufen wirft, fest, dass in Aldersbach "zisterziensische Entvogtungstendenzen im 12. und 13 Jh. nicht deutlich genug aus den Quellen hervortreten" (44). Alois Schmid argumentiert zur Integration Aldersbachs in den Wittelsbacher Territorialstaat mit dem Ergebnis, dass sich diese in mehreren Schritten in einem langandauernden Prozess vollzog. Er setzte mit Herzog Ludwig I. dem Kelheimer ein und kam unter Ludwig dem Bayern "nach fast eineinhalb Jahrhunderten zum Abschluss" (59).

Tobias Appl beschäftigt sich mit den Beziehungen zu den niederbayerischen Herzögen für die Zeit zwischen 1255 und 1340 und relativiert frühere Aussagen, etwa von Boshof (Festschrift 1996), wonach das Ordenshaus die "einflussreichste Zisterze" gewesen sei (79). Aldersbach war zweifellos wichtig und bedeutsam, es gab daneben jedoch weitere "Schwergewichte", etwa Niederaltaich und Seligenthal (79).

Die Schriftlichkeit im Archiv des Klosters und die Bedeutungsfrage alter Repertorien für die Forschung ist das Themenfeld von Susanne Wolf. Ungewöhnlich ist der Text von Adelheid Krah zur Entstehung des monastischen Konvents sowie dem Streit um die Zugehörigkeit der Pfarre Thaya am Ende des 13. Jahrhunderts, in dem die Autorin über eine der wenigen erhaltenen Frauenurkunden aus dieser Zeit berichten kann. Sie zeigt auf, "dass über Frauengut nicht unwidersprochen verfügt werden konnte" (135).

Anhand der Forschungsergebnisse seiner Dissertationsschrift stellt Bernard Lübbers die ältesten (erhaltenen) Aldersbacher Klosterrechnungen (entstanden zwischen 1291 und 1362) und deren Quellenwert vor. Die Rechnungsunterlagen erlauben "vielfältige Einblicke in den Alltag der Mönche ebenso wie in die sogenannte große Geschichte" (159). Vergleichbare Aufzeichnungen, von Lübbers nicht erwähnt, finden sich 150 Jahre später in den Überlieferungen des Aldersbacher Tochterklosters Fürstenfeld.

Mit den Handschriften Aldersbachs setzt sich Carolin Schreiber auseinander und fügt ihren Ausführungen die Übersicht der "identifizierten und bisher nicht identifizierten [Texte] aus der Liste älterer Handschriften" bei (190-200).

Donatella Frioli (in italienischem Originaltext und deutscher Übersetzung) sowie Martin Roland beteiligen sich mit Beiträgen zu den Handschriften im Skriptorium der Zisterze. Von Roland wird erstmals, begleitend von den im Anhang farbig abgedruckten Bildern, eine beeindruckende kunsthistorische Studie zur Aldersbacher Buchmalerei vorgestellt, angeführt von der musiktheoretischen Handschrift Clm 2599 als "rätselhaftem Spitzenstück" (244). Der Herausgeber des Buches, Robert Klugseder, bietet einen Überblick zur Musik- und Literaturgeschichte, der auf der erweiterten Fassung (im Internet zu finden, 324) seiner Regensburger Magisterarbeit aufbaut.

Als "Fremdkörper in der südostbayerischen Chorallandschaft" (350) sieht David Hiley die liturgischen Gesänge, denn nirgendwo anders sind diese und deren Melodienfassungen so unterschiedlich wie bei den Zisterziensern (358). Gemeint ist die Andersartigkeit der Choräle zwischen der Diözese Passau und Aldersbach, wohin der Choral mit ostfranzösischem Akzent und reformierten Melodienlauf mitgebracht wurde.

Mit der insbesondere wegen ihres Buchschmucks bekannt gewordenen Handschrift "Musica und Pythagoras" (Clm 2599), die die Deckseite der Veröffentlichung ziert, wird von Daniela von Aretin die einzig nennenswerte Aldersbacher Quelle für die mittelalterliche Disziplin der ars musica vorgestellt.

Für die "Histographie in Stein?" (373) interessiert sich Ramona Baltolu und behandelt so Aldersbacher Gedenkplatten, deren Gestaltung eine Besonderheit der bayerischen Inschriftenlandschaft zwischen Wohltätermemoria und historiographischem Interesse an der Klostergeschichte bilden. (390)

In einer mit baurelevantem und reichem Quellenmaterial gut recherchierten umfangreichen Darstellung stellt Klugseder die Baugeschichte des Klosters vor. Die im Beitrag genannte Zahl von 46 Aldersbacher Grangien im Hochmittelalter ist allerdings unrealistisch (448). Winfried Schenk, Christian Malzer und Thomas Büttner verfolgen die "Raumwirksamkeit zisterziensischer Narrative und deren Persistenzen", benutzen dabei das Modewort "Narrativ" inflationär oft und bedauern, dass die Kulturlandschaftinventarisation für Aldersbach noch nicht so weit gediehen ist, um Erkenntnisse differenzieren bzw. validieren zu können.

Die abschließenden Beiträge von Ludger Drost und Maximilian Vogeltanz behandeln die in Aldersbach bis in 15. Jahrhundert hinein eher unbeliebte Wallfahrt nach Kösslarn, bei der es mehr um die Bewohner des Ortes, als um die Pilger selbst geht. Dies geschieht auf der Grundlage digital erfasster Texte, die am Beispiel der Abt-Hörgerchronik (reg. 1651-1669) sehr gut erläutert werden.

Leider fehlt im Buch die Beschäftigung mit den Aldersbacher Tochtergründungen, Fürstenfeld, Fürstenzell und Gotteszell, was für die zisterziensische Tradition mit Verpflichtungen aus General- und Provinzkapiteln, Reformationswirren usw. bedeutsam wäre. Stellung und Verpflichtung Aldersbachs als visitierendes Mutterkloster der Töchter dürfen nicht ausgeblendet werden, zumal die Archivalien zahlreich vorliegen.

Das Verzeichnis der Autorinnen und Autoren, ein ausführliches und zuverlässiges Personen- und Ortsregister sowie der Anhang mit farbigen Abbildungen einschlägiger, im Text vorgestellter Literalien, vervollständigen die sehr empfehlenswerte Veröffentlichung über ein bedeutendes niederbayerisches, zugleich wichtiges süddeutsches Zisterzienserkloster. Dem Sammelwerk ist weite Beachtung zu wünschen.

Rezension über:

Robert Klugseder (Hg.): Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte des Klosters Aldersbach. Bericht zur interdisziplinären Tagung „Mittelalterliche Geschichte des Klosters Aldersbach“ am 1. und 2. Oktober 2020 (= Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Bendediktinerordens und seiner Zweige; 55), St. Ottilien: EOS Verlag 2021, XIII + 570 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-8306-8079-6, EUR 59,95

Rezension von:
Klaus Wollenberg
Hochschule München
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Wollenberg: Rezension von: Robert Klugseder (Hg.): Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte des Klosters Aldersbach. Bericht zur interdisziplinären Tagung „Mittelalterliche Geschichte des Klosters Aldersbach“ am 1. und 2. Oktober 2020, St. Ottilien: EOS Verlag 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 9 [15.09.2022], URL: http://www.sehepunkte.de/2022/09/36611.html


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