sehepunkte 22 (2022), Nr. 11

Jan Kusber: Katharina die Große

Jan Kusber, seit Jahrzehnten einer der wichtigsten deutschen Experten für die Geschichte Russlands im 18. Jahrhundert, hat eine neue Biografie Katharinas der Großen vorgelegt. Dies ist nicht die erste Lebensbeschreibung der russischen Kaiserin, und es wird auch nicht die letzte sein; in den letzten Jahren sind vor allem in französischer und russischer Sprache Werke zu Katharina erschienen. Nun also nochmals ein Buch in deutscher Sprache. Gerade für Studierende und eine breitere Leserschaft, aber auch für das akademische Publikum ist dieses Projekt ausdrücklich zu begrüßen.

Kusber bietet einen konzisen Überblick, der eine alte Geschichte überzeugend in neuem Licht erscheinen lässt. Er bindet die Biografie Katharinas, ihre innenpolitischen Reformen und außenpolitischen Allianzen und Konflikte in Perspektiven ein, die sich aus neuen Forschungsdebatten ergeben. Entscheidend für diese Perspektiven sind vor allem eine höchst engagiert geführte Diskussion um das Wesen des russländischen Imperiums, die Kontroversen um Autokratie und Absolutismus sowie neue Ansätze zur Erfassung symbolischer Kommunikation. Indem Kusber immer wieder auf Kontroversen und neue Erkenntnisse, aber auch auf bestehende Unsicherheiten verweist, gelingt es ihm, seiner Leserschaft nicht einfach eine eindeutig-langweilige faktografische Abhandlung zu präsentieren, sondern die Arbeitsweise der Geschichtswissenschaft zu reflektieren. Hier werden keine scheinbar klaren Tatsachen präsentiert; vielmehr wird immer wieder deutlich, wie problematisch der Umgang mit Quellen und die Anwendung von Konzepten und Begriffen sein können. Die in der Einleitung formulierte Bemerkung von dem neuen Blick einer jeden Generation auf Katharina wird so mit Sinn und Leben gefüllt und in der akademischen Debatte verankert.

Kusbers Katharina ist eine interessante - aber in keiner Weise idealisierte - Persönlichkeit. Insbesondere die Orientierung am Konzept der symbolischen Kommunikation macht es möglich, Katharinas Selbstdarstellung als historische Quelle ernst zu nehmen, ohne ihr naiv auf den Leim zu gehen. Die vielgelesenen und vielzitierten Memoiren der Kaiserin sind in mancherlei Hinsicht "falsch" - deshalb aber als Quelle für Katharinas Politik und ihre Zeit nicht weniger wichtig, zeigen sie doch viel über ihr Selbstbild, ihre Interessen und vor allem ihre politischen Strategien. Mithilfe dieser Perspektive vermeidet Kusber es auch sehr erfolgreich, den in Biografien oft so gern bemühten Gegensatz von "Mythos" und "Wahrheit" aufzubauen; stattdessen schreibt er eine überzeugende und für ein breites Publikum zugängliche Kulturgeschichte. Angesichts der so wichtigen Rolle, die das Konzept bzw. die Praktiken der symbolischen Kommunikation in Kusbers Darstellung übernimmt, ist es verwunderlich, dass dieser Begriff (oder ein ähnlicher) es nicht in den Titel des Buches geschafft hat. Denn ganz offensichtlich funktionierte die Legitimation der Herrschaft Katharinas eben nicht nur "durch Reform und Expansion", sondern in großen Teilen auch durch Symbole, Bilder, Narrative.

Der Begriff der Legitimation hingegen ist sehr gut gewählt. Diese Biografie macht immer wieder deutlich, wie problematisch die nach wie vor verbreitete Vorstellung von der Allmacht russländischer Zaren und Kaiser ist. Katharina musste - ebenso wie ihre Vorgänger und Nachfolger - ihre Herrschaft legitimieren und sichern, Allianzen schmieden und Kompromisse eingehen. Diese Notwendigkeit, das ständige Lavieren, das Spannungsverhältnis von Ambition und Realität werden hier geradezu meisterhaft dargestellt. Wohl am wichtigsten daran ist, dass mit dieser Darstellung ein traditionelles Narrativ sehr erfolgreich vermieden wird: Die Erzählung vom "rückständigen" Russland und von einer aus Mitteleuropa stammenden Kaiserin, deren hehre aufklärerische Ziele an der Starrköpfigkeit des altertümlichen Russland scheitern. Kusbers Darstellung zeigt die Komplexität der Situation, in der philosophische und politische Ideen, Machthunger, soziale und politische Pfadabhängigkeiten, persönliche Verbindungen und nicht zuletzt außenpolitische Wendungen auf immer neue Weise zusammenkamen. Schließlich kommt, wie es sich für eine Biografie gehört, auch die Persönlichkeit Katharinas nicht zu kurz. Besonders hervorzuheben ist, dass diese Abschnitte konzeptionell nicht von anderen Darstellungen getrennt sind - uns wird keine "Katharinas Persönlichkeit und ihre Zeit" präsentiert. Vielmehr wird beispielsweise das häufig so skandalisierte Liebesleben der Kaiserin in einen direkten Zusammenhang mit kulturhistorischen Umständen und politischen Logiken gesetzt.

Ein wenig schade ist, dass der Autor sich an einigen Stellen zu wenig Raum genommen hat - oder möglicherweise vom Verlag nicht bekommen hat. Vor allem mit Blick auf ein studentisches und ein historisch interessiertes Laienpublikum erscheinen manche Absätze allzu dicht formuliert und mit Namen und Informationen überladen. Nicht selten wird ein interessanter Gedanke formuliert, dann aber nicht ausgeführt. Hier wäre mehr tatsächlich einmal mehr gewesen.

Dennoch handelt es sich zweifellos um ein wichtiges Werk, das sich sowohl für die durchgehende Lektüre als auch als Nachschlagewerk für die Arbeit im Studium und in Lehre und Forschung eignet.

Rezension über:

Jan Kusber: Katharina die Große. Legitimation durch Reform und Expansion (= Urban-Taschenbücher), Stuttgart: W. Kohlhammer 2022, 370 S., 6 Kt., 12 Abb., ISBN 978-3-17-021630-3, 34,00

Rezension von:
Martina Winkler
Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Empfohlene Zitierweise:
Martina Winkler: Rezension von: Jan Kusber: Katharina die Große. Legitimation durch Reform und Expansion, Stuttgart: W. Kohlhammer 2022, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 11 [15.11.2022], URL: http://www.sehepunkte.de/2022/11/30069.html


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