Die deutschsprachige Historiografie hat sich verstärkt mit der Pariser Friedensordnung von 1919/20, vor allem mit Versailles, befasst. Dagegen sind die Friedensverträge gleichen Orts von 1947 für die mit Hitler verbündeten Staaten aus dem Fokus geraten. Betroffen waren Bulgarien, Italien, Finnland, Rumänien und Ungarn; eine abschließende Regelung für Deutschland blieb bis zum Zwei-plus-Vier-Vertrag 1990 aus. [1]
Umso mehr Beachtung verdient, dass Mihály Fülöp, emeritierter Professor für Geschichte der Diplomatie und der Internationalen Beziehungen der Ludovika-Universität Budapest für öffentlichen Dienst, sich der vernachlässigten Thematik gewidmet hat. Seine Monografie erschien zuerst auf Ungarisch, Französisch und Rumänisch, dann folgte 2011 eine erste englische Ausgabe [2], die nun - ergänzt und aktualisiert - neu aufgelegt worden ist.
Das Werk gliedert sich in sieben Kapitel: Zuerst geht es um die ungarischen Friedensvorbereitungen, die Konferenz in London im September 1945 und die Friedensvertragspläne der Siegermächte, die Moskauer Außenministerkonferenz vom Dezember 1945 und die ungarisch-tschechoslowakischen Verhandlungen in Prag, die Londoner Konferenz der stellvertretenden Außenminister und die Siebenbürgen-Frage, gefolgt von den Außenministertreffen in Paris 1946 sowie Besuche der ungarischen Delegation in Washington, London und Paris. In zwei weiteren Kapiteln werden die Pariser Friedenskonferenz sowie die New Yorker Außenministerkonferenz 1946 und der ungarische Friedensvertrag behandelt.
In Potsdam hatten Amerikaner, Briten und Sowjets allein einem Außenministerrat die Ausarbeitung von Friedensverträgen mit Hitlers ehemals Verbündeten überantwortet, die ab 1943/44 die Seiten gewechselt und Deutschland den Krieg erklärt hatten. Die Frage der Reintegration Deutschlands und Österreichs in die zweite europäische Nachkriegsordnung wurde aufgeschoben. Hatte in Paris 1919/20 mit Saint-Germain-en-Laye für Österreich und Trianon für Ungarn imperialistisches Denken die Feder der Diktate geführt [3], so zwangen die neuen Beschlüsse den besiegten Staaten wieder Gebietsverluste und Reparationen auf. Fülöp erhellt die Mängel und Vorzüge des begrenzten zweiten Pariser Friedenssystems. Trotz Rhetorik von Fairness und Versöhnung gab es 1945/46 weder ausgleichende Verhandlungen noch effektive Vereinbarungen zwischen Siegern und Besiegten. Die Mitteleuropäer waren von den Entscheidungen der Sieger zutiefst betroffen, die größtenteils ohne Mitwirkung der Verlierer erfolgten, weshalb ihnen nichts anderes übrigblieb, als mildernde Umstände zu ihrer Verteidigung geltend zu machen. Gezeigt wird, wie und warum die Interessen der beiden Supermächte strittige Gebiete des Nachkriegseuropas prägten, oft ohne Rücksicht auf die von ihnen aufgestellten Prinzipien der Atlantik-Charta sowie die Rechte der Minderheiten in den betroffenen Ländern. Fülöp geht nicht nur auf ungarische Friedensillusionen ein, sondern benennt auch die zahlreichen Herausforderungen, die sich aus der regional eingeschränkten Friedensregelung ergaben, so dass nur ein Flickwerk übrigblieb. Deutlich wird, warum Bukarest, Helsinki und Sofia teilweise besser abschnitten als Rom und Budapest. Bulgarien ging aus dem Krieg unter vergleichsweise günstigeren Umständen hervor, da es die Süddobrudscha zurückerhielt und deutlich geringere Reparationszahlungen leisten musste als die anderen Balkanländer. Ungarn hingegen war Hauptverlierer. Die Wiederherstellung der Grenzen von Trianon - mit Ausnahme des Brückenkopfes Bratislava (Pressburg), der an die Tschechoslowakei abgetreten wurde - ging mit der Auferlegung von 300 Millionen US-Dollar Reparationszahlungen einher, einer Belastung, die derjenigen Rumäniens und Finnlands ähnelte. Finnland musste Gebietsverluste im Ausmaß von zwölf Prozent seines Territoriums hinnehmen, wurde jedoch nicht von der Roten Armee besetzt, während sich die sowjetischen Truppen relativ früh aus Bulgarien zurückzogen. Im krassen Gegensatz dazu blieb Ungarn bis Juni 1991 unter sowjetischer Besatzung, während Rumänien nur bis Juli 1958 sowjetische Militärpräsenz erlebte - beides war auf einen britischen Vorschlag zurückzuführen (377).
Fülöp verweist darauf, dass der unvollständige Frieden Folgen zeitigte, die bis in unsere Tage spürbar sind. Das gilt etwa für fehlende Bestimmungen für Schutz und Selbstverwaltung der ungarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten. Diese und andere offene Fragen konnten erst nach dem Ende des Sowjetimperiums und flankierend zur Vorbereitung der Osterweiterung der Europäischen Union sukzessive geregelt werden.
Die Behandlung der ehemaligen Verbündeten der Achsenmächte sollte eine Wende in der Geschichte Europas im Sinne einer "regelbasierten Weltordnung" einleiten. Die Friedensverträge waren ursprünglich auch als erster und vorläufiger Schritt für eine integrale kontinentale Einigung gedacht, blieben aber unvollständig, weil weitere Verhandlungen aufgrund des einsetzenden Kalten Kriegs zum Stillstand kamen. So wurden alle Verträge schon am 10. Februar 1947 unterzeichnet, womit das Friedensprojekt für Mitteleuropa unvollendet blieb. Das bipolare Mächtegleichgewicht blockierte einen umfassenden Frieden für Gesamteuropa. Die "Pax Sovietica" für Mittel- und Südosteuropa sowie die "Pax Americana" für West- und Südeuropa erzeugten nur einen geteilten und kalten Frieden. Ein österreichischer Staatsvertrag kam - als Ersatz für einen Friedensvertrag - 1955 gerade noch zustande. [4]
Fülöp synthetisiert frühere Arbeiten und bettet neue Erkenntnisse in den Forschungsstand der ungarischen Historiografie und des beginnenden Kalten Kriegs ein. Basierend auf Archiven in den USA, im Vereinigten Königreich, in Frankreich, Italien, Sowjetunion/Russland, Ungarn und Rumänien und den gedruckten Conference Proceedings zeichnet sich seine Studie durch zahlreiche Belege wie auch einen bibliografischen Essay aus (383-401).
Trotz des für Ungarn enttäuschenden Friedenswerks liefert Fülöp eine ausgewogene und objektive Interpretation, indem er über den klassischen Zugang nationaler Betrachtung hinausgeht und eine Internationale Geschichte vorlegt. Der Schwerpunkt liegt zwar auf Ungarn, doch bezieht er auch die übrigen vier Verlierer-Staaten ausreichend ein, so dass eine aufschlussreiche Länder vergleichende Studie vorliegt, die die Komplexität der Verhandlungsergebnisse aufzeigt, die zu einem geteilten Kontinent mit einem negativen Frieden in Mittel- und Osteuropa führten. Fünf illustrative Landkarten und ein Nachwort von Géza Jeszenszky - ungarischer Außenminister zwischen 1990 und 1994 - runden ein Buch ab, das unverzichtbar für eine komparativ motivierte Friedensvertrags- und Ursachenforschung des Kalten Kriegs in Zentraleuropa ist.
Anmerkung:
[1] Heike Amos / Tim Geiger (Bearb.): Die Einheit. Das Auswärtige Amt, das DDR-Außenministerium und der Zwei-plus-Vier-Prozess, hgg. v. Horst Möller / Ilse Dorothee Pautsch / Gregor Schöllgen / Hermann Wentker / Andreas Wirsching, Göttingen 2015.
[2] Mihály Fülöp: The Unfinished Peace. The Council of Foreign Ministers and the Hungarian Peace Treaty of 1947 (= CHSP Hungarian Studies Series; 22), Boulder 2011.
[3] Arnold Suppan: The Imperialist Peace Order in Central Europe: Saint-Germain and Trianon, 1919-1920, Vienna 2019.
[4] Gerald Stourzh / Wolfgang Mueller: A Cold War over Austria. The Struggle for the State Treaty, Neutrality, and the End of East-West Occuptaion, 1945-1955, Lanham / Boulder / New York / London 2018; Dies.: Der Kampf um den Staatsvertrag 1945-1955. Ost-West-Besetzung, Staatsvertrag und Neutralität Österreichs, Wien / Köln / Weimar 2020.
Mihály Fülöp: The Unfinished Peace. The Council of Foreign Ministers and the Hungarian Peace Treaty of 1947, Second, revised and enlarged edition, Budapest: Ludovika University Press 2025, 456 S., DOI: https://doi.org/10.36250/01213, ISBN 978-963-653-166-9, EUR 12,70
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