Henrik Mouritsen hat schon eine beachtliche Menge von Artikeln und Büchern zur späten Römischen Republik verfasst, deren Ideenreichtum und scharfsinnige Analysen ihm hohen Respekt eingetragen haben. Mit dem hier vorgestellten Werk hat er nun erneut gezeigt, dass er über ein bemerkenswertes Talent verfügt, auch in viel bearbeiteten Themen neue Wege zu erkennen und zu gehen und somit den Stand der Forschung erheblich zu bereichern. Diesmal hat er sich vor allem mit den boni beschäftigt und so einen Ansatz entwickelt, der von den tendenziell dualen Antagonismen der Klassen und Gruppen in Rom wegführt und die vernachlässigte Bedeutung der reichen Leute, die nicht nach führenden Funktionen im Senat und in der Reichsverwaltung strebten, klarer herausarbeitet. Die Bedeutung dieses Terminus zeigt schon die Tatsache, dass im umfangreichen Œuvre Ciceros 470mal die boni genannt werden, aber nur 75mal die optimates (15). Indem Mouritsen die boni in den Vordergrund seiner Untersuchungen verschiebt, werden die vielfach behandelten Verhaltensweisen von Patriciern und Plebeiern, Senatoren und Rittern, Stadt- und Landbewohnern über die boni insgesamt stärker relativiert. Mouritsen macht deutlich, dass die boni vor allem eine socio-ökonomische Kategorie waren und nicht notwendig die verlässliche Unterstützergruppe einer übergeordneten Optimatenideologie (23). Damit ergibt sich ein anderer Blickwinkel, der vielversprechend ist.
Das Label "boni" sieht Mouritsen primär als ein Phänomen der späten Republik und frühen Kaiserzeit, das vor allem auf Reichtum aufgebaut ist, auf dem die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe basiert. Die Interessen der boni sind daher dominiert von der Beibehaltung und ggfs. vom Zugewinn ihrer Besitztümer, und dieses Kernziel schiebt senatorische Ämter und militärische Aktionen in den Hintergrund. Ihre Lebensweise war primär charakterisiert durch das otium, die Ausrichtung auf Ruhe und Selbstbestimmung im ungestörten Genuss der angenehmen und geschätzten Handlungen, weitgehend unbehelligt von intensiver Arbeit und anderen Verpflichtungen. Dazu gehörte auch, dass sie sich nicht sonderlich in Bürgerkriege einmischten (5). Mouritsen sieht in dieser Verhaltensweise ein typisches Niedergangszenario: die Reichen wollen sich um nichts Anderes kümmern als um ihren Reichtum - und das geht üblicherweise nur eine gewisse Zeit lang gut (6).
Die boni sind häufig mit den locupletes verbunden, was bedeutet, dass den 'Guten' die 'Betuchten' zur Seite stehen. Offenkundig liegen hier keine Differenzen vor, sondern nur kleinere Abweichungen, die sich letztlich zu einem gemeinsamen Kern verbinden (27f.). Die locupletes sind denn auch keineswegs nur auf den Reichtum reduziert, sondern sie zählen ebenfalls zu den Guten und Anständigen. Mouritsen stellt besonders heraus, dass die römische Haltung zum Reichtum anerkennend war: auch wenn es in bestimmten Fällen eine Abwertung gab, wie sie z.B. bei den Stoikern anzutreffen ist, war doch die gängige Auffassung selbstverständlich positiv hinsichtlich der materiellen Ressourcen, wie es auch Cicero vertrat (30f.). Selbstverständlich gab es daneben positive Darstellungen der Begrenzung von Reichtum und des Stolzes auf pekuniäre Bescheidenheit; dennoch ist, wie Mouritsen verdeutlicht, der Respekt vor Zurückhaltung keineswegs als eine durchgängige Ablehnung des Reichtums zu verstehen, der vielmehr generell als ein Element des Glücks betrachtet wird. Dass die einfachen Leute dieses Glück nicht genossen, machte sie schon von vornherein verdächtig, sich anderweitig zu entschädigen, nicht zuletzt durch verpönte Handlungen wie Lügen und Stehlen (32-4).
Grundsätzlich war die römische Welt vor allem durch finanzielle Kriterien definiert, die geradezu ein universelles Element für Eliten unabhängig von Zeit und Raum darstellten (35). Der Ausdruck 'boni' wurde durchaus auch auf die optimates angewendet und damit generell auf die senatorische Elite, aber darüber hinaus wurden auch die gutgestellten Herrschaften mit dem Ausdruck 'boni' belegt, die sich häufig außerhalb Roms aufhielten und nicht zu den Senatoren gehörten, so dass sie nicht regelmäßig in die politischen Auseinandersetzungen eingriffen. Der Terminus ist also weder einseitig noch eindeutig. Nach unten hin war der Status der boni klarer, wie die Werke Ciceros verdeutlichen, die immer wieder eine übergeordnete Stellung der boni gegenüber dem populus bzw. der plebs erkennen lassen. Die Zugehörigkeit der boni zur römischen Elite ist offenkundig eine Selbstverständlichkeit, auch wenn die genaue Definition in Relation zu Senatoren und Optimaten nicht so klar zu erkennen ist. Mouritsen sieht in den boni daher vor allem ein soziales Segment und nicht nur einen vagen Hinweis auf Leute, die in ihren Vorstellungen die Optimaten unterstützten (37). Letztlich konnte der Terminus boni aber für Senatoren wie auch für reiche Geschäftsleute und Landbesitzer benutzt werden (39). Die boni im Sinne reicher, aber nicht generell aktiv in der Politik stehender Männer pflegte man nicht nur unterhalb der Senatoren, sondern auch unterhalb der equites einzuordnen (46-49; 51f.). Insgesamt waren die boni aber wohl schon aufgrund der losen Verwendung des Terminus sowie ihrer unterschiedlichen Präsenz und ihres differenten Engagements in der römischen Politik schwer als eine leidlich kohärente Gruppe zu betrachten. Diese etwas diffuse Gruppenkonstruktion spricht aber nicht gegen Mouritsens Feststellung, dass die boni durchaus ein Teil der Elite waren in dem Sinne, dass sie erhebliches Ansehen genossen und von ihrer Position aus weit über dem normalen Volk standen, also keineswegs nur eine Zwischenstation zwischen Oben und Unten in der römischen Hierarchie waren (56).
Die Stellung gegenüber den equites ist allerdings nicht klar, weil die equites selbst nicht als homogene Einheit organisiert und entsprechend eingestuft waren. Bei den Gerichtsverhandlungen waren die 'Geschworenenbänke' mit drei verschiedenen Gruppen bestückt, der prima classis, den equites und den tribuni aerarii, die allesamt als boni bezeichnet werden konnten. Da die equites einerseits den equus publicus haben konnten, andererseits aber viele equites ohne diese Auszeichnung blieben, ist der Sinn der Verteilung von Geschworenen auf drei Gruppen (durch die lex Aurelia 70 v.Chr.) und der jeweilige Status dieser Gruppen nicht genauer zu ergründen. Mouritsen analysiert jedoch auch dieses Phänomen scharfsinnig (58-68) und bemüht sich um eine Lösung, die unsere Quellen aber nicht vollständig hergeben. Überzeugend ist seine Vermutung, dass der Terminus 'boni' für alle drei Gruppen gebraucht werden konnte und auch wurde.
Mouritsen betrachtet die boni als eine sehr wichtige Anhängerschaft (constituency) der Republik (69ff.). Das ist allgemein wohl richtig, aber unter denen, die unter dem Label "boni" liefen, werden sich eine ganze Menge nur teilweise in der römischen Politik engagiert haben - wobei wir das Ausmaß des Einsatzes natürlich nicht genauer erfassen können und ebenso wenig das Ausmaß der Nichtbeteiligung. Das Lob der boni durch Cicero bei seinem Einsatz, die lex Manilia durchzusetzen und Pompeius damit ein erneutes großes Kommando zu verschaffen (72), dürfte eher auf den pekuniären Befürchtungen vieler Geschäftsleute als auf deren generellem Interesse an der Politik basiert haben. Aber wie dem auch sei: zweifellos hatten die boni als Kollektiv eine beachtliche Bedeutung und konnten immer wieder mobilisiert werden, um der einen oder der anderen Senatsgruppierung Unterstützung zu geben.
Die grundlegende Sammlung der zahllosen Nennungen von boni in den Texten der Zeit ist ganz zweifellos eine sehr nützliche Leistung, die hohe Anerkennung verdient. Doch scheint mir mit den boni ein besonderes Problem verbunden zu sein: der Terminus wurde, wie Mouritsen allgemein verdeutlicht, schon in der Antike generell für reiche und angesehene Männer verwendet, die hohe Anerkennung erfuhren, doch lässt sich erkennen, dass Status und Lebensweise der boni sehr unterschiedlich waren. Die zahllosen Verweise in der zeitgenössischen Literatur auf die boni dürften daher wohl nicht auf eine große Gruppierung verwiesen haben, die an einem Strang zog, sondern eher auf eine heterogene Schar von zwischen Plebs und equites angesiedelten Personen, deren Stand und pekuniäre Position schwankte zwischen ordentlichem Auskommen und gigantischem Reichtum. Wenn also gerne die boni bemüht wurden, wenn Cicero (und sicher viele andere Redner) Unterstützung in den anstehenden Auseinandersetzungen verdeutlichen wollten, dann war keineswegs schon klar, dass es sich dabei durchgängig um aktive, reiche und in Rom präsente Herrschaften mit erheblicher Reputation handelte oder nur um eine allgemeine Kategorie, die manchmal tatsächlich eine große Gruppe von angesehenen Männern außerhalb des Senats war, aber auch ein diffuses Label für Bessergestellte, mit dem man breite Unterstützung suggerieren konnte, auch wenn die meisten sich gar nicht um die Probleme kümmerten.
Im zweiten großen Kapitel "Property and Politics" geht es zunächst um die Schwächen der boni. Ihre Positionen basierten primär auf dem allgemein geschätzten Reichtum, aber die dazugehörige Moral war häufig nicht gegeben. Entsprechend weisen Cicero in De Officiis und Sallust in seinen Historiae deutlich darauf hin, dass es auch Arme gibt, die das Gute erkennen und dafür eintreten, und dass es umgekehrt Reiche gibt, die sich in keiner Weise an die Tugend halten (87f.). Insgesamt steht aber in den öffentlichen Bemerkungen zu den boni die positive Version klar im Vordergrund. Mouritsen verweist im übrigen auch darauf, dass es zu den divitiae, den Reichtümern, keinen direkten Gegenbegriff gab, so dass man sich mit den bona behelfen musste, mit denen man nebeneinander das Gute und den Besitz einigermaßen erfasste, ohne negative Assoziationen hervorzurufen (90).
Aber natürlich gab es Leute, die sich über die moralischen Regeln hinwegsetzten. Vor Gericht gehörte es sogar zu den üblichen Verhaltensweisen, dass Verteidiger und Ankläger ganz nach den Interessen ihrer Mandanten die jeweilige Gegenseite der Verstöße gegen alle Verhaltensregeln eines vir bonus bezichtigten, was ihre Reputation beschädigen sollte (97-104). Der Terminus des vir bonus war also in der lobenden Variante eine unsichere Zuschreibung, die schnell durch eine gegenteilige Einschätzung zu einer Herabsetzung in der römischen Hierarchie werden konnte. Von daher sind die boni in der römischen Praxis eine unsichere Benennung, die je nach Einschätzung (und Interessenhorizont) der jeweiligen 'Analytiker' der Akteure positiv oder negativ ausfallen konnte (siehe 105-123).
Die boni waren von ihrer normalen Grundhaltung her unpolitisch, sie schauten eher zu als dass sie eingriffen, und sie waren logischerweise darauf orientiert, dass ihre Wünsche erfüllt wurden. Wesentlich waren dabei Frieden und Stabilität, denn auf dieser Grundlage konnten sich die boni auf einem Feld bewegen, in dem sie ihre materiellen Wünsche und Hoffnungen mit einiger Wahrscheinlichkeit realisieren und ihren Status genießen konnten (122f.).
In Rom war der öffentliche Diskurs stärker auf den Charakter orientiert als auf die Politik, wie Mouritsen hervorhebt (112). Das bedeutet, dass die Stabilität des Charakters die boni wesentlich ausmachte, während die wechselhafte Politik dafür letztlich unbedeutend war: wie Mouritsen darlegt, ging es immer nur um Moral und mentale Gebrechen, nie um echte Politik. Diese Priorität deutet darauf hin, dass die reichen und oft auch angesehenen Römer außerhalb des Senats gerne unter die boni eingeordnet werden wollten, dass sie sich aber nicht so gerne wie 'die Guten' verhielten, wenn es um die umkämpften Interessen ging, die in der Politik verhandelt wurden. Zudem war das otium, letztlich die Freizeit, aber auch der beruhigende Genuss des Wohlstands in einer wenig bedrohten Lage, eine ganz wesentliche Form ihres Lebens (141). Doch gehört auch dazu, dass die Absicherung vor gewalttätigen Übergriffen vor allem in den ländlichen Regionen fern von Rom kaum stabil garantiert werden konnte (144). Schlimmer noch waren die von Sulla durchgesetzten Proskriptionen, die mit ihren Konfiskationen und brutalen Morden für die gesamte römische Elite inklusive der boni ein Trauma darstellten, von dem sie sich bis zum Ende der Republik nicht mehr so richtig erholen konnte (152-154; 156). Wie Mouritsen verdeutlicht, ist der Kern der zahllosen Auseinandersetzungen, die Besitzverhältnisse betrafen, die häufige Differenz zwischen denjenigen, deren Finanzen gut aufgebaut und erhalten waren, und denjenigen, die eher erfolglos waren bei ihren Versuchen, den eigenen Reichtum aufzubauen und zu stabilisieren. Durch Letztere wurde, so Mouritsen, der Besitz und damit auch der ruhige Genuss des otium gefährdet, denn die potentiellen Pleitegeier schoben ihre leichtsinnigen und rücksichtslosen Finanzrisiken in den öffentlichen Raum (162).
In seiner Rede Pro Sestio machte Cicero die Unterschiede zwischen optimates und populares deutlich. Die optimates sieht er als die Führungsfiguren der Politik, doch interessanter Weise begrenzt er diese Gruppe nicht auf die Senatoren und andere herausragende Figuren, sondern bezieht auch auf dem Lande lebende und agierende Männer ein und sogar Freigelassene. Offenkundig sind hier die privaten Geschäfte so massiv in den Vordergrund getreten, dass die Stellung in der politischen Hierarchie sekundär geworden ist - darauf deutet zumindest Cicero (164). Das hatte wohl auch etwas mit der Entwicklung der Schulden zu tun, die offenbar nicht nur bei den weniger prominenten Römern stark zugenommen hatten, sondern auch viele Angehörige der prominenten Führungsgruppen erreichten, die eigentlich die Fäden der Politik in der Hand haben sollten und wollten. Die längere Analyse der Schulden und ihrer Konsequenzen führt Mouritsen zu der interessanten Einschätzung, dass die Römer die Ökonomie als Nullsummenspiel auffassten, in dem man eben nur gewinnen konnte, wenn andere verloren (174). Insgesamt sieht Mouritsen bei den Römern einen starken Drang, Schulden zu vermeiden, die sie dann dennoch oft nicht vermeiden konnten. Mouritsen diagnostiziert hier einen geradezu exponentiellen Anstieg der Schulden, den man nicht richtig verhindern konnte (176). Allerdings berichten unsere Quellen von Caesar und anderen, die ihre gigantischen Schulden vor allem durch Beute kompensieren und bezahlen konnten.
Im dritten und letzten Großkapitel des Buches geht es um die boni und das Ende der Republik, also grundsätzlich um die Frage, was denn die boni letztlich mit dem Untergang der Republik zu tun hatten. Mouritsen hebt hervor, dass diejenigen unter den besser gestellten Römern, die zur ökonomischen und politischen Führungsgruppe gehörten, also zur nobilitas, im Endeffekt die wichtigen Positionen zu okkupieren pflegten. Das bedeutete für die schwächere Seite der Newcomer, dass sie, wenn sie sich überhaupt eine höhere Position erarbeiten konnten, diese nur unter erheblichem Aufwand und oft belastet durch kränkende Abweisungen erreichten. Mouritsen verweist auf die Werke des Sallust (203-206), der unter anderem die militärischen Leistungen von C. Marius hervorhob, der ja aus einer nicht-senatorischen Familie stammte und sich recht mühselig als Kriegsheld ganz nach oben kämpfte - und später wieder absackte. Sallusts Hinweise auf die Schwierigkeiten der Aufsteiger, in Konkurrenz mit den nobiles langfristige Anerkennung und hohe Ämter zu erlangen, entsprachen zweifellos den Realitäten; aber sie waren eben auch ein Produkt seiner Geschichtsschreibung, die er erst nach Caesars Tod begann und damit als Privatmann, der sich nach seinem unappetitlichen Griff in die Staatskasse wohl alternativlos aus der Politik zurückzuziehen hatte und nun auch sein eigenes Schicksal verarbeitete. Interessanterweise waren Ciceros Perspektiven aber nicht sonderlich von denen Sallusts entfernt; auch er attackierte die nobiles immer wieder mit Seitenhieben, die seine Feindseligkeit aufblitzen ließen. Allerdings wies er auch darauf hin, dass er in seiner Eigenschaft als homo novus ohnehin von den nobiles verachtet werde (210). Doch wie Mouritsen verdeutlicht, war die Nobilität in Rom eben keine automatische Führungsgruppe in Positionen, die für alle anderen nicht erreichbar waren, sondern eine durch Abstammung herausgehobene Gruppe, deren Angehörige dadurch bessere Chancen hatten für den eigenen Aufstieg, aber keine Garantien. An der Wahlurne waren es letztlich die boni, die nicht zwangsläufig, aber durchaus erwartbar in größeren Mengen die nobiles zu unterstützen pflegten, doch verweist Mouritsen hier auf eine Aufweichung des Abstimmungsverhaltens der boni in den 50er Jahren mit der Folge, dass sich die Nobilität auf diese Rückendeckung nicht mehr verlassen konnte (216-7).
Angesichts der unklaren und differenten Zuweisung einer hohen oder niedrigen Herkunft und eines ebenso volatilen Status ist eine klare Definition, welcher Römer mit bekannten Vorfahren und passabel gefülltem Portemonnaie als nobilis akzeptiert werden sollte, schlichtweg unsicher und hängt von den konkreten Handlungen der Kollegen ab. Mouritsen behandelt in einem kurzen Survey Herkunft und Karriere der römischen Senatoren, und dabei wird erwartungsgemäß deutlich, dass die Angehörigen der vornehmen Familien, also der nobiles, in den hohen Rängen deutlich überdimensional vertreten waren in Relation zu Aufsteigern aus weniger prominenten Familien (224-230). Dass nobiles in der Lage waren, sich regelmäßig nach oben zu bewegen, lag wohl an einer Reihe von Gründen: Bekanntheit der Familien, Ungeschicklichkeit von Konkurrenten, Unsicherheit der Wähler hinsichtlich neuer Konkurrenzkandidaten mit geringem Background, Prestigegewinn durch Geld und Spiele, und nicht zuletzt die Erfolge der Vorfahren, die die Suggestion hervorriefen, dass die gegenwärtigen Nachkommen selbstverständlich in die Fußstapfen treten würden. Dennoch ist es durchaus bemerkenswert, dass gerade die boni, die einigermaßen reich, zudem auch erfahren und informiert waren, die nobiles offenbar immer wieder unterstützten, obwohl die jeweiligen nobilitären Personen des Öfteren wenig überzeugend waren. Mouritsen hält denn auch den so regelmäßig wiederkehrenden Aufstieg von nobiles mit langen Reihen von Vorfahren für eine Fortführung des schon bekannten und in der Vergangenheit erfolgreichen Wiederholungsprozesses, der mit der Fortführung des alten Musters eine gewisse Sicherheit und Prosperität verhieß auch dann, wenn man von den gegenwärtigen Nachfahren keineswegs begeistert war (236).
In den Philippica erinnert Cicero sein Publikum daran, dass sich die nobiles mit der Ermordung Caesars in die Fußstapfen ihrer Vorfahren zu Beginn der Republik begeben hatten (265). Entsprechend wird gerade Brutus besonders hervorgehoben, hatte doch nach dem allgemeinen Geschichtsbild ein Brutus für den Anfang der Republik gesorgt, indem er die Herrschaft der Könige beendet und die der nobiles geschaffen hatte, die von den boni allgemein unterstützt wurde. Eben diese Rückkehr zu den nobilitären Anfängen mit Unterstützung der boni scheint eine besondere Wunschvorstellung Ciceros gewesen zu sein. Bekanntermaßen sind jedoch die aus der Vergangenheit geadelten Gegenwartsvorschläge Ciceros nicht einmal ansatzweise umgesetzt worden, sondern stattdessen sorgten die Triumvirn mit ihren Proskriptionen dafür, dass Massen von Menschen der Führungsschicht, darunter auch Cicero, ermordet wurden.
Aus den zahllosen Schriften, die von Cicero überliefert sind, hat Mouritsen den Schluss gezogen, dass Cicero die boni besonders anerkannte und in ihnen die wesentliche Stütze der römischen Republik sah (253ff.). Dass er gerade diesen außerhalb des Senats tätigen Römern eine solch hohe Bedeutung zuschrieb, könnte ihm aber auch deshalb besonders am Herzen gelegen haben, weil er damit eine Gruppe lobte, förderte und zum Handeln aufforderte, die ihm als homo novus wohl näher stand als die optimates, die auf ihn herabsahen (auch wenn sein Vater immerhin zu den equites gehört hatte). Das läuft darauf hinaus, dass Cicero sich von der Welt seiner Vorfahren leiten ließ. Dass er, wie Mouritsen resümiert, aufgrund der besonderen Verbindung mit den zahlreichen boni ein höheres Gewicht in der römischen Politik besaß als die Forschung ihm allgemein zuzusprechen bereit ist, scheint mir allerdings fraglich zu bleiben, auch wenn Ciceros mutige Forderungen und Attacken in den Philippicae imponierend sind. Als Cicero 51 v.Chr. auf Senatsbeschluss die Statthalterschaft in Kilikien übernehmen musste, machte er aus seinem Widerwillen keinen Hehl, versuchte aber dann, aus den eher bescheidenen Militäraktionen einen großen Sieg mit Perspektive auf einen Triumphzug zu machen. Mouritsen vermutet (277), dass Cicero angesichts des drohenden Bürgerkriegs militärische Autorität anstrebte, doch scheint mir das recht unwahrscheinlich zu sein. Cicero wäre lieber in Rom geblieben als sich in die kilikischen Berge zu begeben (siehe Cicero, ad familiares 3,2,1-2), aber da er nun schon einmal dort war, wollte er die Chance nutzen und sich den hochangesehenen Triumphzug sichern, von dem viele vornehme Römer träumten. Doch war sein Sieg in der Schlacht bei Pindenessos eine eher kleine, wenig bedeutsame Aktion, so dass es nicht überraschend war, dass er bei seiner Rückkehr keine nennenswerte Unterstützung des Senats für den ersehnten Triumph gewinnen konnte. Jedenfalls dürfte der Wunsch nach einem Triumph eher eine Konsequenz der ciceronischen Eitelkeit gewesen sein als eine Aktion, die mit dem drohenden Bürgerkrieg zu tun hatte.
Dass die boni ein großes Potential in der Politik besaßen, hat Mouritsen durchaus zurecht hervorgehoben. Aber wie er selbst betont (280), waren die boni keineswegs willens, sich in schwierigen Phasen mit Verve für die erwünschte Richtung in den Ring zu werfen. Diese von Mouritsen erkannte und benannte Schwäche der boni musste dazu führen, dass es faktisch eben doch die nobiles waren, die sich in die militärischen Auseinandersetzungen begaben, während die boni schon den Rückzug angetreten hatten. Letztlich war auch Cicero nicht darauf eingestellt, kriegerische Handlungen einzubeziehen, und so ist sein rector rei publicae eben ein ziviler Führer (280f.). Dass der Bürgerkrieg so nicht beendet werden konnte, musste allen klar sein. Als dann nach Caesars Ermordung bald neue interne Kriegshandlungen begannen, war Cicero besser gewappnet, aber die Niederlagen von Brutus und Cassius zogen die Proscriptionen nach sich, die Cicero und viele andere das Leben kosteten.
Zweifellos ist das hier vorgestellte Werk von Henrik Mouritsen eine große und originelle Leistung - und das in dem Feld der späten Römischen Republik, die in der Alten Geschichte immer wieder bearbeitet worden ist. Doch Mouritsen hat mit seinem Ansatz, sich umfassend um die Stellung und Bedeutung der boni zu kümmern, eine Perspektive in den Vordergrund geschoben, die bisher tendenziell hinter den nobiles und equites weitgehend verdeckt war und wenig Aufmerksamkeit erfuhr. Doch wie Mouritsen deutlich macht, hatte diese Gruppe der Reichen, die nicht in den Senat strebten und nicht wie die equites direkt hinter den Senatoren eingeordnet waren, schon aufgrund ihrer pekuniären Potentiale eine erhebliche Bedeutung, aber auch durch ihre Rollen im Gericht und bei den Wahlen. Der Newcomer Cicero, der selbst aus dem Ritterstand kam und der erste seiner Familie war, der den cursus honorum durchlief und das sogar bis zum Consulat, dieser überragende Aufsteiger hat den boni besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Wie Mouritsen deutlich macht, waren die boni für Cicero die entscheidende Gruppe zur Durchführung vernünftiger, die res publica fördernder Entscheidungen - eine besonnene, auf den Status quo ausgerichtete Politik, bei der die Erhaltung des eigenen Vermögens und der Genuss des otium eine besondere Rolle spielte. Allerdings waren die boni nicht willens und in der Lage, ihre Vorstellungen auch in Phasen massiver Auseinandersetzungen durchzusetzen, wie die Bürgerkriege zeigen - was Cicero selbstverständlich auch erkannte und bedauerte. Ihre Kalmierungspotentiale verschwanden denn auch schnell, wenn die großen Feldherrn Sulla, Pompeius und Caesar ihre Wünsche mit Truppen untersetzten. Doch unabhängig von den Grenzen der boni, was ihre Durchsetzungsmöglichkeiten anging, offenbart uns Henrik Mouritsens imponierende Analyse ihrer Rollen und Ziele ein wichtiges Element in der Struktur der Römischen Republik.
Henrik Mouritsen: The Roman Elite and the End of the Republic. The Boni, the Nobles and Cicero, Cambridge: Cambridge University Press 2022, VII + 322 S., ISBN 978-1-009-18065-8, GBP 75,00
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