sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

Phillip H. Stump: Conciliar Diplomacy at the Council of Constance (1414-1418)

Eine Diplomatiegeschichte des Konstanzer Konzils - was mag das sein? Nur zum Teil handelt es sich um eine Studie zum konziliaren Gesandtschaftswesen. Die Konzilsgesandtschaften werden weder vollständig noch systematisch erfasst, sondern nur insoweit sie einen Beitrag zur Lösung des großen abendländischen Schismas leisteten, dem eigentlichen Thema des Bandes. Hierfür unternimmt der Autor eine Darstellung des Konzils als Friedenskongress, als europäische Bühne der Diplomatie, und versucht darüber hinaus, Konsensbildung und Entscheidungsfindung auf dem Konzil konsequent in diplomatischen Kategorien zu denken. Es geht also im Grunde um eine Politisierung oder auch Enttheologisierung, genauer: Entpneumatisierung, des Konzilsgeschehens.

Einwände gegen diese Sichtweise wären leicht möglich, aber Stump strebt keine totale Geschichte des Konstanzer Konzils an, sondern eine möglichst umfassende Erklärung, wie die Lösung des jahrzehntelang andauernden, großen abendländischen Schismas gelingen konnte. Stumps Antwort: auf diplomatischem Wege, also friedlich, ohne Rekurs auf die via facti, durch langandauernde, geduldige Verhandlungen und durch fein ausbalancierte Entscheidungsverfahren, die einen größtmöglichen Konsens zwischen allen Konfliktparteien herstellten.

Da das Buch im Prinzip chronologisch die Geschichte des Konstanzer Konzils abschreitet, die hier nicht nacherzählt werden soll, orientieren wir uns am besten an den drei bereits skizzierten Säulen der konziliaren Diplomatiegeschichte.

1) Das Konzil als diplomatischer Akteur: Eigentlich war das Konzil ungeeignet für Diplomatie, denn Fürsten und Kommunen verhandelten lieber mit päpstlichen Legaten als mit Konzilsgesandten. Auf dem Höhepunkt der Konzilsdiplomatie, den Einigungsverhandlungen von Perpignan (Kap. 4, 92-124) war eine stolze Schar von nicht weniger als 12 Konzilsgesandten beteiligt, die alle durch unterschiedliche Loyalitäten und Interessen geprägt waren. Die diplomatischen Initiativen des Konzils waren stark überlagert von den Aktivitäten König Sigismunds und anderer Mächte. Stump interpretiert diese "synergetische Diplomatie" als besonderen Vorzug, aber eigentlich bleibt die genuin konziliare Diplomatie blass. Ein Exkurs zu den Frauen als diplomatische Akteurinnen (Kap. 6, 154-169) führt weg von den naturgemäß männlichen Konzilsgesandten und widmet sich weiblichen Akteuren europäischer Diplomatie, vor allem Katharina von Lancaster, Königin von Kastilien, und Johanna II., Königin von Neapel.

2) Das Konzil als Friedenskongress [1]: Die dynamische Meinungsbildung auf dem Konzil folgte trotz der opulenten gelehrten Reden, Predigten und Traktate nicht den eisernen Zwängen von Theologie und Kanonistik, sondern einer diplomatischen Logik, die auf politische Verständigung setzte und allen Seiten erlaubte, das Gesicht zu wahren. Auch die organisatorische Struktur des Konzils, vor allem die Einteilung in zunächst vier, dann nach dem Eintreffen der Spanier fünf Konzilsnationen, diente letztlich diesem Ziel, indem sie half, die numerische Überlegenheit der Anhänger Johannes' XXIII. zu überwinden und die Voraussetzungen für die Einigung mit den anderen Obödienzen zu schaffen. Das berühmte Dekret 'Haec sancta' erscheint in dieser Perspektive als friedfertige - diplomatische - Reaktion auf die nach der Flucht Johannes' XXIII. entstandene Situation, in der eine neuerliche Spaltung oder Auflösung des Konzils fast unabwendbar schien (57). Da die Integration der vormals avignonesischen Obödienz besonders heikel war, werden die Aktivitäten der iberischen Konzilsmitglieder in einem eigenen Kapitel analysiert (125-153).

3) Diplomatische Konfliktlösung: Die einigende Kraft von Konzilien gehörte zum kirchengeschichtlichen Allgemeingut und wurde als traditioneller Topos auch in den Einberufungsschreiben beschworen (29). Die besondere Qualität der Konfliktlösung auf dem Konstanzer Konzil lag aber in der Logik der Entscheidungsfindung: Man verzichtete auf eine Überwältigung der Minderheit durch Mehrheitsvoten, sondern bemühte sich mit großem Aufwand um einen maximalen Konsens. Die bei Abstimmungen abgegebenen Voten waren im Grunde mehrfach gestufte Positionspapiere, aus denen der Dissens konkret ersichtlich wurde, so dass Nachverhandlungen die Abweichler doch noch zu einem Konsens bringen konnten. Die Liturgie der Sessionen (81) und begleitende Prozessionen (238) trugen als veritable Choreographie der Friedensstiftung zur Konfliktlösung bei. Konzilsdekrete erwiesen sich in ihren Formulierungen als Produkt politischer Verhandlungen zwischen den Obödienzen, indem sie allenthalben die Feststellung des wahren Papstes vermieden und nicht einmal zur Datumsangabe auf Papstjahre zurückgriffen, sondern nach den (unstrittigen) Regierungsjahren König Sigismunds datierten. Das Konzil wurde mehrfach formal neu einberufen, um den neu hinzukommenden Obödienzen einen gesichtswahrenden Kompromiss zu eröffnen. Diplomatische Notwendigkeiten hatten direkten Einfluss auf die innere Struktur und die Kommunikationsabläufe des Konzils.

Zu erklären bleibt noch die im Untertitel aufgeworfene weltgeschichtliche Perspektive. Gemeint ist damit nur zum Teil das globalgeschichtliche Framing und die weltgeschichtliche Bedeutung des Konstanzer Konzils selbst. Dem Autor kommt es vor allem auf den universellen Erkenntniswert seiner Beobachtungen auch für weit entlegene Zusammenhänge an. Kühne Exkurse zur (meist amerikanischen) Zeitgeschichte reißen den Leser immer wieder aus der detailreich erzählten Welt des Spätmittelalters und führen ihn etwa in die Finanzkrise von 2008 (68), zu G7-Gipfeln (31) oder zu den amerikanischen Prärieindianern (248). Anekdoten über Trump, Obama (175) oder auch aus dem Leben des Autors selbst (170) sollen die universelle Relevanz der Konzilsgeschichte aufzeigen. Die Parallelen wirken bisweilen assoziativ: fünf Konzilsnationen damals, fünf Kontinente heute (66), und steigern sich zu einer geradezu mantischen Zahlenmystik, wenn das Datum der Abdankung Gregors XII. (4. Juli 1415) sinnigerweise mit dem der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zusammenfällt (75) oder die Koinzidenz der Jahresdaten von Konstanzer Konzil (1414-18) und Erstem Weltkrieg (1914-18) universalhistorisch ausgedeutet wird (254).

Dass die Erzählung dennoch nicht ins Skurrile abgleitet, ist vor allem der stupenden Quellenkenntnis und bewundernswerten Akribie Stumps zu verdanken, der längst nicht nur die gedruckten und bereits ausgewerteten Quellenberichte ausschreibt, sondern sich auch durch das Dickicht der ungedruckten Sammelakten kämpft, wie den Codex 2599 der Universitätsbibliothek Salamanca, dessen Inhalt im Anhang sehr ausführlich beschrieben wird (262-271). Über das Buch verteilt finden sich hilfreiche Übersichtstafeln zur Chronologie der Ereignisse sowie eine nach Obödienzen geordnete Kardinalsliste (210f.).

Der Band wird also nicht so sehr in die zuletzt aufblühende Geschichte des Gesandtschaftswesens einzuordnen sein, sondern trägt vor allem dazu bei, die Konzilsgeschichte noch mehr aus dem theologisch grundierten Feld der Kirchengeschichte zu lösen und als integralem Bestandteil der politischen Kulturgeschichte ernst zu nehmen.


Anmerkung:

[1] Zu ergänzen wäre der hier nicht berücksichtigte Artikel von Ansgar Frenken: Der Kirche Einheit und der Welt Frieden - Das Konstanzer Konzil als Einheitskonzil und Friedenskongress, in: Annuarium Historiae Conciliorum 48 (2018), 192-219.

Rezension über:

Phillip H. Stump: Conciliar Diplomacy at the Council of Constance (1414-1418). Unity and Peacemaking in a World Historical Perspective (= Studies in the History of Christian Traditions; Vol. 207), Leiden / Boston: Brill 2024, XVIII + 294 S., ISBN 978-90-04-53841-2, EUR 112,35

Rezension von:
Thomas Woelki
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Woelki: Rezension von: Phillip H. Stump: Conciliar Diplomacy at the Council of Constance (1414-1418). Unity and Peacemaking in a World Historical Perspective, Leiden / Boston: Brill 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/40273.html


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