sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

David Bardey: Les ducs de Bourgogne et l'administration du duché (1272-1349)

Der "Staat" der Valois-Herzöge von Burgund (1363-1477) zählt zu den bekanntesten Gegenständen der mittelalterlichen Geschichte. Das kapetingische Herzogtum Burgund ist weniger gut erforscht. Mit seiner Untersuchung der burgundischen Verwaltungsstrukturen des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts trägt David Bardey daher zur Auflösung eines Forschungsdesiderates bei. Den zeitlichen Rahmen bildet die Regierung Roberts II., Hugos V. und Odos IV.; der jung verstorbene letzte Kapetinger - Philipp von Rouvres - wird nicht mehr berücksichtigt, da die Verwaltung des Herzogtums während seiner Minderjährigkeit vom französischen König übernommen und nach Pariser Maßstäben reorganisiert wurde.

Obwohl die drei Herzöge ebenso wie die Herzoginwitwe Agnes - eine Tochter Ludwigs IX. - in der Untersuchung eine wichtige Rolle spielen, liegt der Fokus von Bardeys "histoire documentaire" vor allem auf der miteinander verzahnten Geschichte von Verwaltung und Verwaltungsschriftlichkeit. Letztere wird sowohl als Zeugnis wie auch in gewissen Grenzen als Faktor der historischen Entwicklung gesehen. Die Untersuchung beruht zum Teil auf der Autopsie und intensiven Untersuchung zentraler Bestände des herzoglich-burgundischen Verwaltungsschriftguts, zum Teil auf der zusammenfassenden und vertiefenden Auswertung einschlägiger Forschungsliteratur.

Die von Bruno Lemesle und Xavier Hélary betreute Dissertation ordnet sich in zwei große Forschungskontexte ein. Zu nennen ist zum einen die Geschichte des burgundischen Herrschaftsverbandes: Zu den wichtigsten Grundlagen zählen neben den aktuellen Forschungen zum Burgund der Valois-Herzöge denn auch die älteren Untersuchungen zum kapetingischen Herzogtum; dies gilt insbesondere für die Arbeiten von Jean Richard. Zum anderen versteht sich die Arbeit als Beitrag zur vergleichenden Untersuchung der Verwaltungsstrukturen im westeuropäischen Spätmittelalter. Als Referenzpunkte fungieren unter anderem die Arbeiten von Gaël Chenard (zur Verwaltung der Apanagen des Alphonse de Poitiers), von Olivier Canteaut (zu den Regierungsstrukturen der letzten kapetingischen Könige), von Philippe Charon und Christelle Balouzat-Loubet (zur Regierung der Grafschaften Évreux und Artois), vor allem aber von Olivier Mattéoni (zu den fürstlichen Rechnungskammern). Wesentlich ist in beiden Bereichen die Auseinandersetzung mit der Expansion der Verwaltungsschriftlichkeit, die die fürstliche Herrschaft seit dem 13. Jahrhundert revolutionierte.

Der Fokus auf die entstehende Verwaltungsschriftlichkeit prägt insbesondere den ersten der drei chronologischen Großteile, in die sich die Arbeit gliedert. Im Zentrum steht das sogenannte "Memorial[-buch]" des Maître Raoul (Floichart) de Beaune, der die Verwaltung des Herzogtums nach der umstrittenen (und kostspieligen) Erbfolge Roberts II. reorganisierte und intensivierte. Bardey zeigt anhand der im "Memorial" überlieferten Listen und Inventare überzeugend das Wechselspiel zwischen Verwaltungspraxis und -schriftlichkeit auf; er illustriert eindrucksvoll die räumlichen Logiken des Verwaltungshandelns, die sich in der Struktur der Archive niederschlagen (z. B. 243-249). Vor allem dieser erste Großteil mit seiner zentralen Leitquelle erinnert in gewisser Weise an Ulla Kyptas Untersuchung des englischen Exchequers [1], von der sich die vorliegende Dissertation freilich nicht nur durch die methodisch-theoretische Ausrichtung, sondern auch durch den Umfang des aufgearbeiteten prosopographischen Materials unterscheidet.

Den Gegenstand des zweiten Großteils bildet die Übergangsphase zwischen der von Raoul de Beaune dominierten Entstehung einer herzoglichen Zentralverwaltung und deren enormer Expansion, die mit dem Erwerb von Artois und (Pfalz- bzw. Frei-)Grafschaft Burgund durch Odo IV. im Jahre 1330 einherging. Wichtige Themen dieses Großteils sind die ersten Ansätze einer Sesshaftwerdung der herzoglichen Institutionen in Dijon sowie die Spannung zwischen burgundischen Verwaltungstraditionen und Einflüssen aus der französisch-königlichen Verwaltungspraxis. Interessant ist auch das den Rahmen der übrigen Untersuchung teilweise sprengende Kapitel zur Regentschaft der Herzoginwitwe Agnes, die die burgundische und französische Politik ihrer Söhne Hugo und Odo nachhaltig prägte.

Im Zentrum des dritten Großteils schließlich stehen der Hof Herzog Odos, die in Dijon angesiedelte Rechnungskammer sowie die Beziehungen der herzoglichen Regierung zu der letztgenannten Stadt, die nach Bardeys Deutung ab den 1320er Jahren zunehmend Hauptstadtfunktion erlangte. Wie der Autor überzeugend ausführt, changierte das herzogliche Verhältnis zu Dijon zwischen wechselseitiger Angewiesenheit und Konflikt, was 1343 zu einem partiellen Revirement innerhalb der Verwaltung geführt habe. Auch in anderer Hinsicht legt er plausible (Neu-)Deutungen vor, insbesondere zur Existenz einer voll institutionalisierten Rechnungskammer bereits unter Odo IV. (die bisherige Forschung datiert die endgültige Entstehung der Rechnungskammer zumeist in die Regierungszeit Philipps des Kühnen).

Die Arbeit präsentiert eine Vielzahl wichtiger Erkenntnisse und Überlegungen unterschiedlicher Reichweite, die hier nicht alle gewürdigt werden können. Hervorzuheben ist neben der knappen Darstellung der Überlieferungsgeschichte der burgundischen Bestände (27-45) etwa die Bedeutung unterschiedlich gearteter Kreditbeziehungen auf allen Ebenen des Herrschafts- und Verwaltungshandelns. Über manche Interpretation oder Schwerpunktsetzung wird vielleicht noch zu streiten sein. So bleibt Bardeys Deutung der burgundischen Geschichte letztlich einem fürstenzentrierten Paradigma verhaftet (vgl. sehr prägnant 593: "L'histoire du duché de Bourgogne au temps des derniers ducs capétiens est celle d'une affirmation princière"), obwohl sein Ansatz doch gerade die stärkere Berücksichtigung der Apparate und Amtsträger und deren jeweiliger Interessen und Agenden nahegelegt hätte. Auch wäre zu überlegen, ob die zumeist nur knapp angerissenen Konflikte innerhalb der politischen Gesellschaft des Herzogtums nicht nähere Berücksichtigung verdient hätten. Ähnliches gilt für die ebenfalls nur knapp berührten Beziehungen zwischen Herzog und Königtum, die - etwas paradox - aus der Perspektive der königlichen, nicht der herzoglichen Interessen betrachtet werden. Angesichts der engen Verflechtung zwischen burgundischen und französischen Regierungs- und Verwaltungsinstanzen und den enormen Geldsummen, die Herzog Odo von König Philipp VI. erhielt (555), hätte man deren Geschichte auch ganz anders erzählen können.

Indes bedeuten solche kritischen Einwände keine Schmälerung des Wertes der vorgestellten Arbeit. Wer sich mit Verwaltungs- und Archivpraktiken beschäftigt, wird an diesem Buch ebenso wenig vorbeikommen wie die Forschung zum spätmittelalterlichen Burgund. Da das Werk durch Personen- und Ortsindizes sowie eine vorbildlich gegliederte Übersicht der ungedruckten Quellen erschlossen wird, steht seine Bedeutung als prosopographisches und quellenkundliches Hilfsmittel überdies außer Zweifel.


Anmerkung:

[1] Ulla Kypta: Die Autonomie der Routine. Wie im 12. Jahrhundert das englische Schatzamt entstand, Göttingen 2014.

Rezension über:

David Bardey: Les ducs de Bourgogne et l'administration du duché (1272-1349). Une histoire documentaire de la principauté capétienne de Bourgogne (= Études d'Histoire Médiévale; 19), Paris: Editions Honoré Champion 2025, 686 S., ISBN 978-2-7453-6327-5, EUR 75,00

Rezension von:
Georg Jostkleigrewe
Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Empfohlene Zitierweise:
Georg Jostkleigrewe: Rezension von: David Bardey: Les ducs de Bourgogne et l'administration du duché (1272-1349). Une histoire documentaire de la principauté capétienne de Bourgogne, Paris: Editions Honoré Champion 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/40295.html


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