Der mit dieser Festschrift Geehrte lehrt am "Department of Jewish History" der Universität Tel Aviv. Aus seinem breiten Schaffen sind insbesondere seine wegweisenden Monografien The Friars and the Jews: The Evolution of Medieval Anti-Judaism (1982), Living Letters of the Law: Ideas of the Jew in Medieval Christianity (1999) sowie The Salvation of Israel. Jews in Christian Eschatology from Paul to the Puritans (2022) zu nennen. Themen, die ihn dabei umtreiben, sind die Frage nach dem Verhältnis christlicher Autoren zum Judentum, das sich von Augustin zu den jungen Mendikantenorden im 13. Jahrhundert signifikant wandelte, sowie die Frage, inwieweit das christlich etablierte Bild vom Judentum eher als eine hermeneutische Kategorie betrachtet werden müsse.
Letzteren Terminus haben die Herausgeber der Festschrift, Ram Ben-Shalom (Jerusalem) und Yosi Yisraeli (Ramat-Gan), als Titel für die Sammlung von fünfzehn Aufsätzen von Schülerinnen und Schülern sowie Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern aufgegriffen. In ihrer Einleitung führen sie kurz in Cohens historischen Ansatz ein und betonen, dass er mit seinem Versuch, mittelalterliche hebräisch-jüdische und lateinisch-christliche Quellen ins Gespräch zu bringen, ein Wegbereiter für die weitere Forschung geworden sei. Zugleich verweisen sie auf sein Konzept, dass die Darstellung jüdischer Gesprächspartner in christlicher Literatur immer eine starke hermeneutische Komponente aufweise: "Put differently, the Hermeneutical Jew brought the 'hermeneutical circle' to the historiographical forefront of Jewish-Christian relations" (15). Zugleich habe das christliche Konzept eines "hermeneutischen Judentums" seinerseits einen Einfluss auf die jüdische Selbstwahrnehmung ausgeübt: "Thus, the Hermeneutical Jew, initially a Christian prop, became part of the Jewish self-imagination, a tool with which Jews could make sense of their place in the Christian world." (18)
Die insgesamt fünfzehn Beiträge sind in vier sehr unterschiedlich umfangreiche Abschnitte unterteilt. Den Auftakt des ersten Teils ("Literary Mirrors and Inter-Religious Representations") macht Israel Yuval mit einer Analyse eines liturgischen Gedichts (piyyut), das Ähnlichkeiten zum Dies irae der lateinischen Totenmesse aufweise. Eli Yassif zeigt auf, wie am Anfang des 16. Jahrhunderts (CE) der kretische Rabbi Eliyahu Capsali seine Erfahrungen aus fünfzehn Monaten im christlichen Italien für seine eigenen literarischen Ambitionen fruchtbar machte. Roni Cohen widmet sich einem Exkurs in einer aramäischen Übersetzung (Targum) des biblischen Buches Ester, in dem der Gegner Israels, Haman, eine umfassende anti-jüdische Anklage in den Mund gelegt wird. Uri Z. Shachar untersucht muslimische Darstellungen des römischen Kaisers Konstantin, die zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert neue Begründungen für die Konversion des Kaisers suchten, der die Konversion vom paganen zum christlichen Rom einleitete. Avital Davidovich-Eshed untersucht den Ort von jüdischen Frauen im Rahmen des Konzepts vom "hermeneutischen Juden".
Einen anderen Zugang wählen die vier Beiträge des zweiten Teils ("Physical and Figurative Encounters"). Ora Limor untersucht die Rezeption von drei dem biblischen König Salomo zugeschriebenen Gegenständen in Jerusalem (Ring, Stein und Horn) in spätantiker und mittelalterlicher christlicher Pilgerliteratur. [1] Irven M. Resnick widmet sich der Geste der Bekreuzigung und der Bedeutung des ausgestreckten Mittelfingers als anti-jüdischem Ausdruck. Ausgehend von einer Beschreibung eines aufrechtstehenden Kreuzes im Konversionsbericht von Hermann von Köln zeigt Ephraim Shoham-Steiner verschiedene Reaktionen im zeitgenössischen Judentum auf christliche Kunst. [2] Katrin Kogman-Appel gibt eine Neuinterpretation der Bilder der sog. Kennicott-Bibel, die 1476 im galizischen A Coruña entstanden ist, und deutet den gemalten Kampf der Katzen und Mäuse als einen Kampf zwischen den nicht-jüdischen Nationen.
Im dritten Teil ("Agents of Anti-Jewish Discourse") werden Fragen an das Konzept des "hermeneutischen Juden" gestellt. Anna Sapir Abulafia fragt danach, wie hermeneutisch die Darstellung von Juden im Decretum Gratianum sei. William Chester Jordan zeigt, wie Evelyn Faye Wilson, die 1946 eine Edition von John of Garlands (ca. 1190-1270) Stella Maris vorlegte, zugleich dessen umfassende antijüdische Besessenheit offenlegte. Piero Capelli präsentiert eine Wiederentdeckung des Konvertiten und antijüdischen Agitators Manuforte von Trani, dessen Wirken zwischen 1267 und 1271 durch vier Nennungen in den Akten des Archivo di Stato von Neapel belegt ist, und stellt ihn in den Kontext anderer Konvertiten und ihres Wirkens insbesondere im 13. Jahrhundert.
Den vierten Teil ("The Transformability of the Jews and the Hermeutics of Inter-Religious Conversion") bilden ebenfalls drei Beiträge. Ryan Szpiech widmet sich einem wenig beachteten Aspekt von Alfonoso de Valladolids Konversionsbericht: der Bedeutung des Judentums für die Welt. David Nirenberg zeigt auf, dass in der Folge des Almohaden-Kalifats die Nachkommen von Konvertiten zum Islam auch in den nächsten Generationen stigmatisiert wurden. Claude B. Stuczinski analysiert eine Predigt des Inquisitors João de Ceita vom 14. Juli 1624, die vor verurteilten Konvertiten gehalten wurde, sowie eine Polemik gegen diese, die der Autor in einem Archiv entdeckt hat. Der Band wird mit einem Register abgeschlossen.
Aus der Skizze dürfte deutlich werden, dass die Beiträge eine nur lose Verbindung zueinander aufweisen; dennoch demonstrieren sie auf bemerkenswerte Weise den breitgefächerten Einfluss Jeremy Cohens auf die Darstellung der christlich-jüdischen Geschichte. Jeder Beitrag des Bandes ist für sich lesenswert, und in seiner Gesamtheit stellt die Festschrift eine würdige Ehrung dar.
Anmerkungen:
[1] Auf Seite 137 halte ich die Übersetzung von "deformem" mit "ugly" für unglücklich.
[2] Zwei formale Ungereimtheiten fallen im Beitrag Shoham-Steiners auf: Zum einen werden auf den Seiten 160 und 161 Angaben zum Bericht Hermanns nahezu wortgleich wiederholt, zum anderen irritiert, dass in einer Festschrift ein Artikel dem Andenken an einen anderen (sehr verdienten) Wissenschaftler gewidmet wird (so 159).
Ram Ben-Shalom / Yosi Yisraeli (eds.): The Hermeneutical Jew. Essays on Inter-Religious Encounters in Honour of Jeremy Cohen (= Cultural Encounters in Late Antiquity and the Middle Ages; Vol. 42), Turnhout: Brepols 2025, 355 S., 4 Farb-, 1 s/w-Abb., ISBN 978-2-503-61209-6, EUR 110,00
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