In der Historiografie zur Herausbildung des internationalen Kommunismus nach 1917 stehen üblicherweise die sozialdemokratischen Massenparteien im Vordergrund. Doch wird damit ein in nicht wenigen Ländern ebenfalls wichtiger, aber politisch anders ausgerichteter Ausgangspunkt übersehen: das syndikalistisch-anarchistische Milieu, selbst wenn es in einer Globalanalyse gegenüber dem sozialdemokratisch-sozialistischen Element nur eine Minderheit darstellte. Das war indes in manchen Ländern in Südeuropa und Lateinamerika, teils aber auch in Nordamerika von besonderem Gewicht. Dabei ragt Spanien heraus, die anarchistische Hochburg par excellence. Dort handelte es sich allerdings um einen Anarchismus in der besonderen Form syndikalistischer Gewerkschaften, die sich für selbstgenügsam erklärten, das heißt, die eine Allianz mit einer politischen Partei nach dem klassischen sozialdemokratischen Modell und damit auch die Beteiligung an parlamentarischer Politik ablehnten, und die auf den Sturz des Kapitalismus über direkte Aktion orientiert waren. Seit 1911 existierte in Spanien der Gewerkschaftsbund Confederación Nacional del Trabajo (CNT/Nationaler Bund der Arbeit), der vor allem in Katalonien, der wichtigsten Industrieregion des Landes, dominierte, wo der sozialistische Gewerkschaftsbund hingegen fast nicht präsent war.
Zoffmann Rodríguez untersucht in der vorliegenden Monografie, die auf seine Dissertation am European University Institute in Florenz zurückgeht, wie sich das Verhältnis der CNT zur bolschewistischen Revolution in deren ersten Jahren entwickelte - und das angesichts des Paradoxons, dass in ihr nun nicht unbedingt anarchistische Prinzipien verwirklicht wurden. In seiner Studie folgt der Autor im Wesentlichen der Chronologie der Ereignisse. Dabei verschiebt sich der Fokus über die sieben Jahre der Darstellung. Sie beginnt mit den sozialen Erschütterungen in Spanien, die sich in den Jahren 1917 bis 1919 zeigten und für die sich zeitgenössisch der Terminus "trienio bolchevique" fand. Das beleuchtet die zahlreichen Kämpfe vor allem der Industriearbeiterschaft Kataloniens und des Landproletariats in Andalusien und die dadurch hervorgerufene Radikalisierung. Dies ist somit der Blick auf die soziale Basis der CNT.
Im zweiten Teil verschiebt sich die Sicht auf die anarchistischen Kader und ihre ideologischen Diskussionen, um ihre revolutionären Aktivitäten mit der Entwicklung in Russland in Verbindung zu bringen. Das begann zunächst mit den Schwierigkeiten, einen gesicherten Informationsstand zu gewinnen. Mangels russischer Sprachkenntnisse war man auf das angewiesen, was an Berichterstattung über Spaniens Nachbarländer kam. Unbezweifelbar fand in Russland eine tiefgreifende Revolution statt, und diese Tat war zunächst bedeutender als die Frage nach der Verwirklichung anarchistischer Vorstellungen einer herrschaftsfreien Gesellschaft.
Detailliert rekonstruiert der Autor die Diskussionen in den Reihen der CNT, von ihrer Presse bis hin zu verschiedenen Konferenzen. Bei aller Reserviertheit sprach sich der CNT-Kongress im Dezember 1919 für den Beitritt zu der wenige Monate zuvor gegründeten Komintern aus. Man beschloss die Entsendung von Vertretern, die vor Ort die Frage klären sollten, ob Bolschewismus und spanischer Anarchismus tatsächlich vereinbar waren. Zwei Missionen führender CNT-Kader gelangten schließlich 1920 zum zweiten Komintern-Kongress und 1921 zum Gründungskongress der Roten Gewerkschaftsinternationale in Verbindung mit dem dritten Komintern-Kongress nach Moskau. Die dort gewonnenen Eindrücke waren ganz unterschiedlich: Der Vertreter des Jahres 1920 Ángel Pestaña legte nach der Rückkehr, basierend auf den klassischen anarchistischen Vorstellungen, eine scharfe Abrechnung vor. Die Delegation des Folgejahres, Andreu Nin und Joaquín Maurín, dagegen solidarisierte sich mit den Bolschewiki und sollte schließlich den Anschluss an die kommunistische Bewegung finden.
Im abschließenden Teil verfolgt Zoffmann Rodríguez das Echo auf diese Reisen in der CNT, über die jeweils ausführliche Berichte vorgelegt wurden. Dabei setzte sich schließlich die Position des Bruchs mit Moskau durch, der zu Bemühungen um eine eigenständige anarcho-syndikalistische Internationale führte. Neben den klassischen ideologischen Differenzen von Anarchisten und Marxisten war dies ein Reflex auf die großen Rückschläge der CNT ab 1920, von Niederlagen in großen Kämpfen bis zu scharfer Verfolgung durch die verschiedenen Regierungen. Den Anhängern des Kommunismus in der CNT blieb nichts anderes übrig als die Organisierung einer eigenen, aber sehr minoritären Strömung. Hinzu kam die Folgewirkung der Errichtung der Militärdiktatur Primo de Riveras im September 1923, die alle oppositionellen Strömungen in die Illegalität trieb.
Der Aufschwung der revolutionären Nachkriegswelle hatte das Aufeinanderzugehen von Anarchisten und Bolschewisten ermöglicht und Differenzen in den Hintergrund rücken lassen. Der Abschwung schob sie wieder in den Vordergrund und brachte das Ende der Annäherung. Das ist das Fazit, das Zoffmann aus seiner Darstellung zieht.
Der Autor hat die verschiedenen Elemente dieses Prozesses detailliert rekonstruiert und in ihrer Verflochtenheit präzise zugeordnet. Die zum Teil gegensätzlichen Faktoren, die im Verlauf dieser Entwicklung ein unterschiedliches Gewicht annahmen, werden dadurch deutlich. Im Prinzip ist der große Rahmen dieses Prozesses nicht ganz unbekannt. Über diesen Zeitraum liegen schon eine Reihe von Monografien vor, nicht zuletzt auch anarchistische Selbstdarstellungen. Doch was diese Arbeit auszeichnet, ist die Auswertung eines für all diese früheren Autoren, deren Arbeiten er auch heranzieht, nicht zugänglichen Quellenbestandes: das Archiv der Kommunistischen Internationale in Moskau. Das erlaubt ihm vor allem die innere Dynamik der zeitgenössischen Diskussionen sehr viel detailreicher nachzuzeichnen. Damit werden auch die oftmals dahinterstehenden Erwartungshaltungen und nicht zuletzt die taktischen Überlegungen und internen, aber eben nicht nach außen getragenen Widersprüche sehr viel deutlicher, als dies zuvor aufgrund der Quellenlage möglich war.
Allerdings ist der Fokus leider ganz auf Spanien konzentriert und eine Zuordnung zu ähnlichen Bewegungen - auch wenn Spanien mit der anarchistischen Hegemonie ein Sonderfall war, gab es doch vergleichbare zumindest als Minderheitsströmungen in anderen Ländern - wird von ihm nicht vorgenommen. Das ändert aber nichts daran, dass Zoffmanns Buch einen wichtigen Beitrag zur Historiografie der revolutionären Nachkriegsentwicklung und der Herausbildung der internationalen kommunistischen Bewegung wie auch des Anarchosyndikalismus liefert.
Arturo Zoffmann Rodriguez: The Spanish Anarchists and the Russian Revolution, 191724. Anguish and Enthusiasm (= Routledge/Cañada Blanch Studies on Contemporary Spain; 30), London / New York: Routledge 2023, 256 S., ISBN 978-1-03-253518-0, GBP 145,00
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