sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8

Derek L. Stauff: Lutheran Music and the Thirty Years War

Dass im frühneuzeitlichen Europa nicht nur mit Opern, Freudenfesten und Balletten, sondern auch mit geistlicher Musik Politik gemacht wurde, ist für das 17. Jahrhundert bislang vor allem in katholischen Kontexten dargelegt worden.[1] Der am privaten Hilsdale College in Michigan lehrende Musikwissenschaftler Derek Stauff widmet sich in seiner überarbeiteten Dissertation nun der lutherischen geistlichen Musik dieser Zeitspanne.

Die untersuchte Musik u.a. von Heinrich Schütz, Johann Herrmann Schein, Melchior Franck, Samuel und Tobias Michael sowie Andreas Hammerschmidt stammt dabei aus dem Kursachsen der späten 1620er und frühen 1630er Jahre. Stauff klopft diese Musik auf Bezüge zu den Zeitläuften des Dreißigjährigen Krieges auf lokaler, regionaler und reichsgeschichtlicher Ebene ab und verspricht damit mehr als eine konfessionell neu zugeschnittene Ergänzung des katholischen Blicks auf den Zusammenhang von Musik und Politik um die lutherische Perspektive. Vielmehr möchte er zeigen, wie lutherische Protestanten Musik vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges aufnahmen "and what this music could have meant to its earliest listeners." (6) Stauff ist überzeugt davon, dass die Musiken aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges viel direkter einzelne Politiken und politische Ereignisse abbilden, als gemeinhin vermutet und dass diese Umstände ein Hörerlebnis mit sich zogen, das bei den Zuhörern "something more specific that we no longer hear" (5) auslöste.

In acht Kapiteln, ergänzt um zahlreiche Tabellen, Musikbeispiele und Abbildungen, spürt Stauff möglichen politischen Bedeutungen von Musikstücken nach. Nachdem die Einleitung Zeitraum, Auswahl und Vorgehen begründet und einen weiten Begriff von Politik für die Analyse vorschlägt, der alles umfasse, was "wordly wisdom" or public life more generally" (3) tangiere, etablieren Kapitel zwei und drei vor dem Hintergrund des Restitutionsedikts eine Lesart der lutherischen Musik, welche Stauff mit "ecclesial" (36) bezeichnet. "Ecclesial" wird zum Schlüsselkonzept, mit dem Stauff das Verhältnis von Politik und Sakralmusik im gesamten Band verdichtet. Es umschreibt eine musikalisch-dialogische Interpretation der benutzten Bibelzitate, in der der Zuhörer in die Gemeinschaft einer Kirche unter Verfolgung einbezogen wird und den Dialog mit Gott gleichsam im Stück erfährt. Als Beispiel dient Stauff das Concerto Zion spricht von Johann Herrmann Schein, welches dieser zur Ratswahl 1629 und im Schatten des kaiserlichen Restitutionsedikts schrieb. Schein verband über den zugrundeliegenden Psalm (Jes. 49, 14-6), über die Besetzung der Stimmen und über die eingesetzten musikalischen Stilmittel eine lokale, konfessionelle Perspektive mit den politischen Geschicken des Reiches und denen anderer Nationen. In Zeiten religiöser Spannung, wie etwa in der Folge des Restitutionsedikts, könne ein Stück wie Scheins Concerto auf Jes. 49 mit politischer Bedeutung aufgeladen werden. (36-9) Gleich der Musik bediente sich die theologische Polemik spezifischer biblischer Passagen, die Stauff in der Folge "ecclesial passages" nennt, "passages referring to or prefiguring the church as an institution." (57)

Kapitel drei verknüpft solcherart zeitgenössisch ausgedeutete Bibelpassagen in Flugschriften, Psaltern und Bibelmarginalia und zeigt, wie Zuordnungen bestimmter Passagen die in den Musikstücken angewandte Dialogstruktur zwischen der Kirche in Bedrängnis, einem tröstenden, helfendem Gott und der konkreten politischen Lage vorbereiten. Jeweils sechs Kompositionen zu Jes. 63, 1-3 und Jeremiah 31:20 verdeutlichen, wie Musik als Echo der religiösen Polemik fungierte. Das vierte Kapitel nimmt sich fünf musikalische Deutungen des Psalm 83 vor und setzt sie in Bezug zum Leipziger Konvent von 1631, genauer zu einer dort gehaltenen Predigt des Oberhofpredigers Matthias Hoë von Hoënegg auf diesen Psalm, um zu zeigen, wie Hoëneggs Emphasen in den Musiken vertont werden. Ein Überblick über spätere, schlesische Kompositionen auf diesen Psalm setzt die Rezeptionslinie vorsichtig fort.

Kapitel fünf und sechs widmen sich der musikalischen Erinnerungskultur der Schlacht von Breitenfeld, von Stauff breit kontextualisiert in der theologischen Polemik Sachsens, welche das schwedisch-sächsische Bündnis rechtfertigte. Im fünften Kapitel steht Heinrich Schütz, Kapellmeister am Hof Johann Georgs I., mit dem auf das erste Erinnerungsfest 1632 komponierten Konzert Saul, Saul, was verfolgst Du mich im Zentrum. Stauffs Analyse der musikalischen Umsetzung durch Schütz glänzt durch Tiefe und Klarheit, mit der er den Einsatz der Musik als politischer Sprache nachvollziehbar darstellt. Logisch folgen im nächsten Kapitel Kompositionen von Samuel Michael und Marcus Dietrich, die sich sehr viel schwieriger datieren und verorten lassen und doch vor dem Hintergrund des vorhergegangenen Kapitels überzeugend mit dem Gedenken an die Schlacht verbunden werden. Das siebte Kapitel befasst sich mit der musikalischen Vertonung des Glaubensexils, die immer wieder den Bogen zu lokalen Ereignissen - der Freiberger Ratswahl von 1632 - und der allgemeinen musikalischen Thematisierung der Exilerfahrungen - etwa in Samuel Michaels Psalmodia Regia (1632) spannt. Ein letztes Kapitel diskutiert schließlich, wie sich die wandelnde Haltung der lutherischen Bevölkerung zu Schweden um 1635 in der Musik verfolgen ließe. Trotz der Schwierigkeiten, die Entstehungszeit der analysierten Stücke von Tobias Michael genauer einzugrenzen, führt die Analyse Stauffs das mentalitätsgeschichtliche Potential musikalischer Quellen vor Augen.

Stauffs Studie besticht durch wissenschaftliche Sorgfalt, kluge Argumentation und sprachliche Präzision. Die Verzahnung mit dem historischen Kontext, den theologischen Polemiken, der musikhistorischen Tradition und sozialstrukturellen Vorgaben erzeugt eine sogartige Leserichtung in jedem einzelnen Kapitel. Gleich dem Schälen einer Zwiebel führt er zielgerichtet über mehrere Schichten zum inneren Kern, der interpretatorischen Verortung eines Musikstücks. Wie sorgfältig und systematisch Stauff vorgeht, wird anhand der bislang in der Literatur nicht beachteten Quellenfunde deutlich, die er aus polnischen Archiven zusammenträgt, darunter lutherische Druckschriften, die nicht im VD17 verzeichnet sind oder Musikstücke die im RISM (repertoire internationale des sources musicales) nur oberflächlich verschlagwortet wurden. Es ist ein großes Verdienst, auf die noch zu hebenden Schätze in polnischen Archiven aufmerksam zu machen. Der enge zeitliche und geographische Fokus ist in der Natur der Quellen und Stauffs Anspruch begründet, durch Tiefenbohrungen möglichst viele Bedeutungsebenen zu erfassen. Die musikalische Ausdeutung von Psalmen ist jedoch, soviel sei als Kritik angemerkt, ein zeitgleich in ganz Europa anzutreffendes Phänomen, das grundsätzlich nicht konfessionell gebunden ist. Vor diesem Hintergrund wirkt das Label "lutherisch" wie eine zu dick markierte Grenze. [2] Das ist freilich ein Malus, der sich angesichts dieses beeindruckenden Buches klein ausnimmt.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Alexander J. Fisher: Music, Piety and Propaganda. The Soundscapes of Counter-Reformation Bavaria, New York 2014; Andrew H. Weaver: Sacred Music as Public Image for Holy Roman Emperor Ferdinand III, Farnham, Surrey 2013; Steven Saunders: Cross, Sword, and Lyre. Sacred Music at the Imperial Court of Ferdinand II of Habsburg (1619-1637) Oxford 1995; Peter Bennett: Music and Power at the Court of Louis XIII. Sounding the Liturgy in Early Modern France, Cambridge 2021.

[2] Zu den Grauzonen musikalischer Konfessionalität vgl. Matthew Laube: 'The Harmony of One Choir'? Music and Social Unity in Reformation Heidelberg, Ders.: "The Acoustics of Peace. Singing and Religious Coexistence in Seventeenth-Century Mechelen", in: Early Modern Toleration. New Approaches, ed. by Benjamin Kaplan / Jaap Geraerts, London 2023, 49-66. Für Sachsen: Mary E. Frandsen: Crossing Confessional Boundaries. The Patronage of Italian Sacred Music in Seventeenth-Century Dresden, Oxford 2006.

Rezension über:

Derek L. Stauff: Lutheran Music and the Thirty Years War. Confession, Politics, Devotion, Oxford: Oxford University Press 2025, XVI + 287 S., Diverse s/w-Abb., ISBN 978-0-19-774942-5, EUR 79,80

Rezension von:
Elisabeth Natour
Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Empfohlene Zitierweise:
Elisabeth Natour: Rezension von: Derek L. Stauff: Lutheran Music and the Thirty Years War. Confession, Politics, Devotion, Oxford: Oxford University Press 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/07/40798.html


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