sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8

Jan-Christian Wilkening: Schüler:innen mit Lernschwierigkeiten konstruieren Geschichte

In seiner Dissertationsschrift untersucht Jan-Christian Wilkening, wie Schüler:innen mit Lernschwierigkeiten in inklusiven Lernumgebungen Geschichte konstruieren. Dazu beobachtet er zwei Gruppen von Schüler:innen mit Lernschwierigkeiten im Umgang mit von ihm bereitgestellten Quellen und Darstellungen zu den Special Olympics sowie Fußball in den USA und versucht zu erfassen, wie historische Erzählungen in den Gruppen gemeinsam konstruiert werden. Dass diese Studie vorliegt, ist sehr zu begrüßen, rückt sie doch einen in der geschichtsdidaktischen Forschung nach wie vor randständigen Personenkreis ins Zentrum und bietet gleichzeitig auch für die Regelschule interessante Einblicke.

Im Theoriekapitel (Kapitel 2) zeichnet der Autor zunächst den grundlegenden Diskurs um Inklusion und Behinderung nach. Besonders anerkennenswert ist Wilkenings Orientierung am Selbstbestimmungsrecht des beforschten Personenkreises. Er reflektiert dabei kritisch Fragen partizipativer Forschung und ordnet sein eigenes Vorgehen dahingehend transparent ein. Daran schließt ein lesenswerter Forschungsüberblick zu Diskurslinien der inklusionsorientierten Geschichtsdidaktik sowie zu Konzepten historischen Denkens an. Wilkening problematisiert gelungen terminologische Hürden zwischen deutschsprachiger und englischsprachiger Forschungstradition und setzt die Studien dennoch äußerst gewinnbringend zueinander in Beziehung.

Zur Operationalisierung greift der Autor auf das FUER-Modell, die Modellierung historischen Lernens im Reckahner Modell sowie das Universal Design for Learning (UDL) zurück. Diese Wahl ermöglicht es systematisch, historisches Denken in Abhängigkeit von individuellen und intersubjektiven Perspektiven sowie Unterstützungsstrukturen zu erfassen. Die genannten Modelle können naturgemäß nicht alle geschichtsdidaktischen und sonderpädagogischen Facetten in letzter Tiefe abbilden, aber es wäre interessant gewesen, den Bereich der Unterstützungsstrukturen, vor dem Hintergrund seiner "große[n] Wichtigkeit" (106), noch breiter auszudeuten. Die gewählte Fokussierung auf UDL und sprachliche Repräsentationen ist dennoch gewinnbringend und vor dem Hintergrund des narrativistisch-konstruktivistischen Paradigmas im FUER-Modell konsequent. Darüber hinaus wird immer wieder der enorme und beeindruckende Vorbereitungsaufwand deutlich, der in die elaborierte Materialerstellung geflossen ist.

Im Methodenteil (Kapitel 3) begründet Wilkening sein ethnographisches Setting. Die Entscheidung für Ethnographie bleibt dabei nicht ganz frei von Spannungen und es hätte deutlicher herausgestellt werden können, inwiefern es sich eben nicht um eine Laborsituation (140) handelt, zumal die teils deduktive Auswertung mittels qualitativer Inhaltsanalyse und Frequenzanalysen diesen Eindruck verstärkt. Bereichernd ist allerdings die pointierte Diskussion des Verhältnisses von Grounded Theory Methodology (GTM) und Geschichtsdidaktik, in der Wilkening das Spannungsgefüge zwischen der theoretischen Enge des Fachs und dem offenen Zugang der GTM nachvollziehbar darlegt (183).

Bei der Datenauswertung (Kapitel 4) zeigt sich eindrucksvoll, dass historische Kompetenzen in allen beobachteten Settings nachweisbar sind. Um der beachtlichen Heterogenität der Lernenden gerecht zu werden, spannt Wilkening die Kompetenzbereiche des FUER-Modells teils sehr weit auf, etwa wenn die Gruppen "bestimmte Informationen explizit ausgewählt" (208) haben, wird dies bereits als Methodenkompetenz gewertet. Dies offenbart keine Schwäche der Arbeit, sondern zeigt vielmehr eindrücklich die Grenzen klassischer narrativistischer Annahmen der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik, deren Modellierungen historischen Denkens ja weit über das Nacherzählen von Geschichte hinausgehen. Gegebenenfalls könnten sich Modelle aus dem englischsprachigen Raum hier als gewinnbringend erweisen.

In den induktiv geprägten Passagen belegt die Studie plastisch die hohe Relevanz personaler Unterstützung (etwa durch Impulse oder Strukturierungshilfen) und zeigt detailliert, durch welche Handlungen sich Konstruktionsprozesse von Geschichte in Gruppen manifestieren. Wilkening arbeitet die Heterogenität des Personenkreises sensibel heraus und es lässt sich annehmen, dass viele der beobachteten Konstruktionsprozesse höchstwahrscheinlich schulformübergreifende Gültigkeit besitzen. Eine explizit praxistheoretische Rahmung (wie der Untertitel der Studie suggeriert) findet sich nicht. Hier bietet sich ein großes Potenzial, um beispielsweise die von Wilkening bereits berührten Aspekte der Leiblichkeit, wie sie bei Völkel [1] oder Rein [2] angedacht werden, zu vertiefen. Gerade in den Erziehungswissenschaften und der Inklusionsforschung [3] sind praxistheoretische Zugänge bereits etabliert und auch in der Geschichtsdidaktik existieren diesbezüglich erste Überlegungen [4], an die angeknüpft werden könnte.

Insgesamt legt Jan-Christian Wilkening eine überaus wichtige und sehr lesenswerte Studie vor, die eine Lücke in der Forschungslandschaft schließt und Menschen mit Lernschwierigkeiten konsequent ressourcenorientiert als kompetente Lernende ernst nimmt. Die Arbeit zeigt differenziert auf, wo etablierte geschichtsdidaktische Modelle in inklusiven Lernumgebungen ihre Stärken ausspielen und wo sie an Grenzen stoßen. Dass dabei theoretische und methodische Desiderate für die Zukunft verbleiben, mindert den Wert der Studie in keiner Weise. Im Gegenteil markiert Wilkening genau jene neuralgischen Punkte, die der inklusionsorientierten Geschichtsdidaktik als produktive neue Forschungsfelder dienen können.


Anmerkungen:

[1] Bärbel Völkel: Inklusive Geschichtsdidaktik, Schwalbach (Taunus) 2017.

[2] Franziska Rein: Historisches Lernen im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, Göttingen 2021.

[3] Jürgen Budde / Martin Bittner / Andrea Bossen / Georg Rissler (Hgg.): Konturen praxistheoretischer Erziehungswissenschaft, Weinheim 2018.

[4] Vgl. etwa die entsprechende Sektion auf der Zweijahrestagung der Konferenz für Geschichtsdidaktik 2022 in München: Holger Thünemann / Helen Wagner: "Zwei Seiten einer Medaille?" Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur aus praxistheoretischer Perspektive, in: Michele Barricelli / Lale Yildirim (Hgg.): Geschichtsbewusstsein - Geschichtskultur - Public history. Ein spannendes Verhältnis, Göttingen 2024, 257-326.

Rezension über:

Jan-Christian Wilkening: Schüler:innen mit Lernschwierigkeiten konstruieren Geschichte. Teilhabeorientierte Praktiken einer inklusiven Geschichtsdidaktik , Göttingen: V&R unipress 2025, 379 S., ISBN 978-3-8471-1896-1, EUR 70,00

Rezension von:
Caroline Clormann
Justus-Liebig-Universität, Gießen
Empfohlene Zitierweise:
Caroline Clormann: Rezension von: Jan-Christian Wilkening: Schüler:innen mit Lernschwierigkeiten konstruieren Geschichte. Teilhabeorientierte Praktiken einer inklusiven Geschichtsdidaktik , Göttingen: V&R unipress 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/07/41025.html


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