Wenn in der Geschichtswissenschaft von Zeitschichten die Rede ist, kommt vielen als Erstes Reinhart Koselleck in den Sinn: In seiner 2000 erschienenen Aufsatzsammlung 'Zeitschichten' entwirft er im titelgebenden Kapitel ein geschichtstheoretisches Modell zu den verschiedenen Schichten historischer Zeiten. [1] Darin verwendet er die geologische Metapher, um mehrere Veränderungsweisen und Wandlungsgeschwindigkeiten zu unterscheiden. Mit Kosellecks Zeitschichten hat man sich umfassend und durchaus kritisch auseinandergesetzt [2], insbesondere seit in den letzten Jahren Zeit verstärkt in den Fokus der Forschung gerückt ist. In diesem Zuge wurden auch neue Begriffe wie 'Pluritemporalität' [3] eingeführt, um die Vielzahl an Zeiten und Zeitrelationen in einer Gegenwart zu fassen. Zugleich taucht die Metapher Zeitschichten immer häufiger in Gedenkstätten und Museen auf, wo sie oft synonym zu Zeitabschnitt eingesetzt wird.
Der von Achim Saupe herausgegebene Band greift diese aktuellen Entwicklungen auf, indem er die Verwendung und Bedeutung von Zeitschichten in der Geschichtskultur auslotet und mittels neuer zeittheoretischer Konzepte über das Potential der Metapher reflektiert. Im Zentrum steht die Frage, welche Auswirkungen es hat, "Geschichte in 'Zeitschichten' wahrzunehmen, zu lokalisieren und darzustellen" (Klappentext). Der Sammelband steht in enger Verbindung zur Arbeit des Leibniz-Forschungsverbunds 'Wert der Vergangenheit'. [4] Viele Beiträge gehen auf eine 2022 veranstaltete Tagung zurück. [5] Der Band bringt Wissenschaftler*innen mit verschiedenen fachlichen und institutionellen Hintergründen zusammen, die auf methodisch vielfältige Weise Zeitschichten in unterschiedlichen Kontexten beleuchten. Ihre Fallstudien sollen zum "Austausch über unterschiedliche Temporalitätsmodi an und in geschichts- und erinnerungskulturellen Stätten" anregen [6] und als "explorative Probebohrungen [...] dazu beitragen, das Feld pluritemporaler Forschung im Bereich der Geschichtskultur weiter auszubauen" (13). [7]
Der Sammelband umfasst zwölf Kapitel. In der Einleitung ordnet der Herausgeber das Thema in die aktuelle Forschung ein und fasst die Beiträge zusammen. Die folgenden Aufsätze sind thematisch gegliedert: Achim Saupe zeichnet die Geschichte der Metapher Zeitschichten von ihren geologischen Ursprüngen über Koselleck bis zur aktuellen Geschichtstheorie nach. Daran anschließend untersuchen Ulrike Jureit und Axel Drecoll Zeitschichten in Gedenkstätten, wo die Metapher meist im Sinne historisch abgelagerter Vergangenheiten oder Spuren verwendet wird. Gavin Lucas analysiert, dass in der Archäologie die Multiplizität von Zeit als Vektor oder als Schicht konzipiert wird. Christoph Bernhardt und Andreas Putz zeigen, dass in der Stadtforschung ein Verständnis von Zeitschichten als materiellen Überlagerungen vorherrscht und sie in der Denkmalpflege im Sinne eines vereinfachten Generationenmodells verwendet werden. Vier Beiträge widmen sich Museen: Joachim Baur stellt eine geringe Rezeption von Kosellecks Zeitschichten in der Forschung, aber vielfältige Erscheinungsformen in der Ausstellungspraxis fest. Andreas Ludwig betrachtet das komplexe Zusammenspiel von Zeit und Raum im Museum. Stefanie Jovanovic-Kruspel beobachtet in der architektonischen Gestaltung von Naturkundemuseen eine Verschränkung verschiedener Zeitschichten. Jutta Helbig zeigt den Umgang mit den Zeitschichten und Zeitzeugnissen im Berliner Naturkundemuseum auf. Den Abschluss bildet Katja Stopkas Analyse von Zeit in künstlerischen Landschaftsdarstellungen der DDR. Der Sammelband endet ohne ein Fazit. Am Schluss finden sich lediglich Kurzbiographien der Autor*innen sowie das Abbildungsverzeichnis.
Vergleicht man die Beiträge, fällt auf, dass von den beiden im Titel genannten Begriffen 'Zeitschichten' und 'Pluritemporalität' der Schwerpunkt deutlich auf dem ersten liegt.
Die Metapher Zeitschichten bildet den roten Faden des Sammelbands: Sie kommt in allen Beiträgen vor, fünf tragen sie sogar explizit im Titel. Während manche Autor*innen sie eher beiläufig verwenden, definieren viele ihr Verständnis explizit. Einige beschreiben mit Zeitschichten Veränderungsgeschwindigkeiten, andere Zeitabschnitte. Auf diese Mehrdeutigkeit der Metapher wird wiederholt hingewiesen.
Die Autor*innen zeigen Schwächen der Metapher, wie ihre fehlende Dynamik, Unterkomplexität und Missverständlichkeit, auf und kritisieren ihren übermäßigen, theoretisch unreflektierten Einsatz als "Zauberwort" (79). Als Stärken betrachten sie die Anschaulichkeit und das Assoziationspotential des Sprachbildes. Mehrere Beiträge loten die Grenzen und Möglichkeiten der Metapher Zeitschichten aus und gelangen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen: Bernhardt hält "Stadt als Palimpsest" für geeigneter (134). Für Saupe und Drecoll braucht es neue Konzepte wie Pluritemporalität, auch wenn Zeitschichten zum Weiterdenken anregen (21; 104). Putz sieht nur in der Koselleck'schen Bedeutung Potential (153). Für Lucas funktioniert die Metapher nicht für Zeit als Vektor, aber für Zeit als Schicht (117). Für Baur können Zeitschichten im Sinne von gleichanwesenden Zeiten als Analysewerkzeug dienen (157). Stopka zieht das Konzept Zeitschichten wegen seiner räumlichen Komponente der Pluritemporalität vor (260). Das Spektrum reicht somit von ausgeprägter Skepsis bis zu klarer Favorisierung.
In den Fallstudien wird auf eine Vielzahl zeit- und geschichtstheoretischer Begriffe und Konzepte zurückgegriffen: Neben Kosellecks omnipräsenten 'Zeitschichten' begegnen vor allem Fernand Braudels 'durées' [8], Achim Landwehrs 'Pluritemporalität', 'Chronoferenzen' und 'Zeitschaften' [9], Lucian Hölschers 'Zeitfiguren' [10] und François Hartogs 'Zeitregime' [11]. Viele Autor*innen entwickeln eigene Kategorien, einige führen sogar neue Begriffe ein: So spricht Bernhardt von der "Granularität der Überlieferung" (134), was an Nadia Bartolinis 'Brekziierung' erinnert [12], Drecoll vom "Bild eines dreidimensionalen Mosaiks" der Zeitdimensionen (98), Lucas von "multiplicity as a vector" (107) und Stopka von "Zeitlandschaften" (262).
Insgesamt kristallisieren sich bezüglich der Zeitschichten zwei zentrale Herausforderungen heraus: zum einen, inwiefern die Schichtmetaphorik überhaupt für Zeitphänomene geeignet ist, zum anderen, wie sich konstruktiv mit der Polysemie der Metapher umgehen lässt. Die Pluralität der Antworten ist bereichernd, unterstreicht aber zugleich, wie essentiell es ist zu kommunizieren, in welcher Bedeutung man Zeitschichten verwendet.
Der gut edierte Band versammelt reflektierte und innovative Aufsätze von hoher Qualität. Er bringt Perspektiven verschiedener Disziplinen zusammen und macht die Vielfalt möglicher Verständnisse und Verwendungsweisen von Zeitschichten sichtbar. Ein Fazit, das die Beobachtungen bündelt, die Positionen vergleicht und das Potential der Metapher übergreifend diskutiert, hätte das aufschlussreiche Gesamtbild noch besser zur Geltung bringen können. Für weiterführende Recherchen und das Auffinden zentraler Begriffe wären zudem ein Literaturverzeichnis und ein Register willkommene Ergänzungen gewesen.
Mit Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichtskultur greift der Sammelband ein aktuelles Thema auf und leistet einen wichtigen Beitrag zur Temporalitätsforschung. Obwohl - oder gerade weil - "die Metapher letztlich mehr Probleme aufwirft, als sie zu klären imstande ist" (21), regt sie zu theoretischen Reflexionen über Zeit und Zeitlichkeit an. Die Open-Access-Veröffentlichung [13] ermöglicht dem Band eine große Reichweite. Inhaltlich bietet er zahlreiche Anknüpfungspunkte für künftige Studien, etwa durch die Einbeziehung weiterer Disziplinen wie der Geologie oder die Analyse vormoderner Fallbeispiele. Zusätzlich könnten eine noch internationalere Diskussion und ein Vergleich mit dem begrifflichen Repertoire anderer Sprachen weitere Einsichten in pluritemporale Phänomene und die Metapher Zeitschichten eröffnen.
Die Lektüre dieses anregenden Bandes lohnt sich und sei allen, die sich mit Geschichtstheorie, Zeitlichkeit oder Fragen der Geschichtsvermittlung beschäftigen, wärmstens empfohlen.
Anmerkungen:
[1] Reinhart Koselleck: Zeitschichten, in: ders.: Zeitschichten. Studien zur Historik. Mit einem Beitrag von Hans-Georg Gadamer, Frankfurt am Main 2000, 19-26. Erstdruck in: Heinrich Pfusterschmid-Hardtenstein (Hg.): Zeit und Wahrheit. Europäisches Forum Alpbach 1994, Wien 1995, 95-100.
[2] Beispielsweise Chris Lorenz: Probing the Limits of a Metaphor: On the Stratigraphic Model in History and Geology, in: Zoltán Boldizsár Simon / Lars Deile (eds.): Historical Understanding: Past, Present, and Future, London 2022, 203-216; Achim Landwehr: Zeitschichten, in: Martin Sabrow / Achim Saupe (Hgg.): Handbuch Historische Authentizität, Göttingen 2022, 545-553; Fernando Esposito: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Eine Geschichte und Theorie historischer Zeiten, Konstanz 2025, 291-373.
[3] Achim Landwehr: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, Frankfurt am Main 2016; ders.: Diesseits der Geschichte. Für eine andere Historiographie, Göttingen 2020.
[4] Website des Forschungsverbunds: https://www.leibniz-wert-der-vergangenheit.de (05.08.2026); vgl. auch dessen Blog: https://valuepast.hypotheses.org (05.08.2026).
[5] Tagungsankündigung: https://www.hsozkult.de/event/id/event-129902 (05.08.2026); Tagungsbericht: https://www.leibniz-wert-der-vergangenheit.de/aktuelles/news-und-berichte-2/tagungsbericht-zeitschichten-und-pluritemporalitaet-in-der-geschichts-und-erinnerungskultur-1 (05.08.2026).
[6] Tagungsankündigung, siehe [5].
[7] Vgl. auch das Gespräch von Achim Saupe mit Achim Landwehr "Über 'Zeitschichten' in der Geschichtskultur und 'Zeiten haben' zwischen Klimakrise und Endlichkeit (Teil 1)" (04.06.2026): https://valuepast.hypotheses.org/6721 (05.08.2026).
[8] Fernand Braudel: La Méditerranée et le monde méditerranéen à l'époque de Philippe II, Paris 1949. Vgl. ders.: Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II., übers. Grete Osterwald / Günter Seib, 3 Bde., Frankfurt am Main 1990.
[10] Lucian Hölscher: Zeitgärten. Zeitfiguren in der Geschichte der Neuzeit, Göttingen 2020.
[11] François Hartog: Régimes d'historicité, présentisme et expériences du temps, Paris 2003. Vgl. ders.: Regimes of Historicity. Presentism and Experiences of Time, übers. Saskia Brown, New York/NY 2015.
[12] Nadia Bartolini: Critical Urban Heritage: From Palimpsest to Brecciation, in: International Journal of Heritage Studies 20(5), 2014, 519-533.
[13] https://doi.org/10.46500/83535930 (05.08.2026).
Achim Saupe (Hg.): Zeitschichten und Pluritemporalität in der Geschichtskultur (= Wert der Vergangenheit; Bd. 12), Göttingen: Wallstein 2026, 290 S., Zahlreiche Farb-, s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-5930-7, EUR 34,00
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.