Rezension über:

Winfried Becker / Günter Buchstab / Anselm Doering-Manteuffel / Rudolf Morsey (Hgg.): Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2002, 785 S., ISBN 978-3-506-70779-6, EUR 50,00
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Rezension von:
Carlies Maria Raddatz
Landeskirchenarchiv der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Carlies Maria Raddatz: Rezension von: Winfried Becker / Günter Buchstab / Anselm Doering-Manteuffel / Rudolf Morsey (Hgg.): Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 1 [15.01.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/01/3558.html


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Winfried Becker / Günter Buchstab / Anselm Doering-Manteuffel / Rudolf Morsey (Hgg.): Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland

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Das Lexikon soll, so die Herausgeber Winfried Becker, Günter Buchstab, Anselm Doering-Manteuffel und Rudolf Morsey (7), der "Standortbestimmung der Christlichen Demokratie" dienen, die sie "in [...] CDU und CSU verkörpert ..." sehen (ebd.). Der Untersuchungsgegenstand wird im einführenden Essay "Christliche Demokratie" (Winfried Becker) skizziert, der die Entwicklung vom ersten Auftauchen des Begriffs "démocratie chrétienne" während der Französischen Revolution bis zu einem Vortrag Angela Merkels im Jahr 2001 verfolgt und mit einer Empfehlung für das aktuelle Parteiprogramm der Union schließt. Eine einleuchtende Definition bietet Becker nicht. Der unvoreingenommene Leser wird unter dem Begriff "Christliche Demokratie" mehr verstehen als die Unionsparteien und ihre europäischen Schwesterparteien.

Die "Historischen Überblicke" informieren solide über die Geschichte christlich-sozialer Bestrebungen und die Geschichte der CDU/CSU einschließlich der CDU in der DDR. Sie werden ergänzt durch Zeittafeln und einen Anhang, der unter anderem Listen der Parteitage, Parteiprogramme, Funktionsträger und Wahlen enthält. Hinzu kommen ein "Biographisches Lexikon" (167-411), das über "prominente Funktions- und Mandatträger der Parteien der Christlichen Demokratie" (8) informiert, sowie ein "Sachlexikon" (411-701), das wesentliche Begriffe und Institutionen der Christlichen Demokratie erläutert.

Nur angesichts der Engführung der "Christlichen Demokratie" durch die Herausgeber erscheint die fast ausschließliche Konzentration einiger Sachartikel auf die Westzonen/Bundesrepublik als mit dem Titel des Lexikons vereinbar. So informiert der Artikel "Flucht und Vertreibung" (Josef Stingl) unter anderem ausführlich über das Lastenausgleichsgesetz, erwähnt aber die Problematik der so genannten "Umsiedler" in der SBZ/DDR gar nicht. Dieter Riesenberger berücksichtigt im Artikel "Friedensbewegung" die DDR nur im Zusammenhang mit dem Verbot der Deutschen Friedensgesellschaft in der DDR 1953. Zur Friedensarbeit kirchlicher Gruppen in der DDR, die in den 1980er Jahren einige Bedeutung für die politische Entwicklung hatte (erinnert sei an "Schwerter zu Pflugscharen"), erfährt der Leser im Sachlexikon nichts. Er kann aber dem Artikel Peter Masers über Rainer Eppelmann entnehmen, dass dieser Bausoldat war und "zu den zentralen Figuren der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR" gehörte (229). Was ein Bausoldat war, wird im Lexikon freilich nicht erklärt. Die Christliche Friedenskonferenz (CFK), die in beiden deutschen Staaten agierte, erwähnt Manfred Agethen (113) in seinem Überblick "Die CDU in der DDR", ohne Erläuterung zu ihrer Zielsetzung und den beteiligten Personen zu geben.

Anderes ist schlecht recherchiert: Die Behauptung Heinrich Oberreuters im Artikel "Akademien": "Ihr Erfolg im Westen hat nach der Wiedervereinigung unverzüglich zur Gründung kirchlicher A. in Ostdeutschland geführt" (419), ist falsch. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens zum Beispiel zeigte der SMAD den Arbeitsbeginn ihrer Akademie am 12. Mai 1948 an. [1] In Magdeburg und Ost-Berlin entstanden evangelische Akademien 1948 beziehungsweise 1951. [2] Die Möglichkeit, mit diesem an ein "breites Publikum" (7) gerichteten Lexikon über christlich motivierte demokratische Arbeit im gesamten Deutschland zu informieren, wird so für die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht recht genutzt. Verdienstvoll ist hingegen die Berücksichtigung fast in Vergessenheit geratener Bewegungen des Kaiserreichs, wie zum Beispiel des Evangelisch-Sozialen Kongresses (Jochen-Christoph Kaiser, 516f.), oder christlicher Splitterparteien, wie der Christlich-Nationalen Bauern- und Landvolkpartei (Martin Schumacher, 461f.) und der Christlich-Sozialen Reichspartei (Michael Hausmann / Denise Lindsay, 463f.).

Die biografischen Artikel beziehen neben prominenten Unionspolitikern, die allerdings manchmal mit sehr wenig Distanz geschildert werden (Hans-Otto Kleinmann über Kurt Biedenkopf: "Eine sehr große Hilfe ist ihm dabei das soziale Engagement seiner zweiten Frau Ingrid", 194), der "Christlichen Demokratie" zugeordnete Persönlichkeiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein. Auch weniger bekannten Frauen wie Hedwig Dransfeld (Doris Pack), Mathilde Gantenberg (Angela Keller-Kühne), Elfriede Nebgen (Reinhard Schreiner) und Agnes Neuhaus (Monika Pankoke-Schenk) sind prägnante Kurzbiografien gewidmet. Die Auswahl der Porträtierten folgt allerdings nicht immer den Kriterien der Herausgeber: Peter-Michael Distel fehlt im Lexikon, während Hans-Wilhelm Ebeling und Günther Krause vertreten sind.

Die unzureichende Redaktion des Lexikons, die seinen Wert als Nachschlagewerk beeinträchtigt, ist im Interesse der mehr als 230 Autoren und Autorinnen zu bedauern. Der Artikel "Entnazifizierung" (Clemens Vollnhals) bietet jedoch trotz der gebotenen Kürze einen instruktiven Einstieg in die Problematik. Im Artikel "Vergangenheitsaufarbeitung, Entstasifizierung" (Helmut Müller-Enbergs) hingegen werden die Überprüfungsverfahren der Länder auf etwaige Zuarbeit für das Ministerium für Staatssicherheit überhaupt nicht erwähnt, während die Verdienste der CDU/CSU und der Konrad-Adenauer-Stiftung fünfzehn Zeilen einnehmen (677). Hier hätte die Redaktion auf mehr Einheitlichkeit dringen müssen. Die Beispiele für die fehlende Verzahnung zwischen den Teilen des Lexikons beziehungsweise für unzureichende Erläuterungen ließen sich fortsetzen. Der Hinweis der Herausgeber: "Dieses Handbuch ist in relativ kurzer Zeit fertig gestellt worden" (8) muss so als Warnung betrachtet werden!

Als ein Standardnachschlagewerk für ein breites Publikum ist das Lexikon in seiner jetzigen Form nicht geeignet. Der speziell an der Parteiengeschichte der Bundesrepublik Interessierte wird aber für viele Übersichten und Fakten dankbar sein und die ausführlich geschilderte Reflektion in den Unionsparteien über den Umgang mit der Ost-CDU mit großem Interesse zur Kenntnis nehmen.

Anmerkungen:

[1] Landeskirchenarchiv Dresden, Best. 2, Nr. 32.

[2] Siegfried Bräuer: "...nach möglichst vielen Seiten ein Gespräch mit der Welt": Die Evangelische Akademie in Meißen 1949-1980, in: Herbergen der Christenheit 24 (2000), S. 123-161, 123.


Carlies Maria Raddatz