Rezension über:

Maria Crãciun / Ovidu Ghitta / Graeme Murdock (eds.): Confessional Identity in East Central Europe (= St Andrews Studies in Reformation History), Aldershot: Ashgate 2002, 226 S., ISBN 978-0-7546-0320-7, GBP 49,50
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Rezension von:
Anna Ohlidal
Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) an der Universität Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Ute Lotz-Heumann
Empfohlene Zitierweise:
Anna Ohlidal: Rezension von: Maria Crãciun / Ovidu Ghitta / Graeme Murdock (eds.): Confessional Identity in East Central Europe, Aldershot: Ashgate 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 3 [15.03.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/03/1392.html


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Maria Crãciun / Ovidu Ghitta / Graeme Murdock (eds.): Confessional Identity in East Central Europe

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Der Titel des anzuzeigenden Sammelbandes mag beim Leser die Befürchtung auslösen, man habe es mit einem Potpourri von Texten zu tun, die nur durch den gemeinsamen Raum Ostmitteleuropa und den hochgradig definitionsbedürftigen Begriff der konfessionellen Identität miteinander verbunden sind. Jedoch zeigt bereits die Einleitung der Herausgeber, dass dem Band, der aus einer 1999 im rumänischen Cluj abgehaltenen Tagung hervorgegangen ist, ein sehr konkretes Erkenntnisinteresse zu Grunde liegt: Im Zentrum der Fallstudien sollte die ausgesprochen komplexe Beziehung zwischen Büchern und Glaubenssystemen, das heißt die Rolle der gedruckten religiösen Literatur (vor allem der Katechismen) im Prozess der religiösen Reform sowie der Herausbildung von konfessioneller Identität in multikonfessionellen Regionen der Frühen Neuzeit stehen. Die Herausgeber empfinden es als ein gewisses Manko, dass sich acht der zehn Aufsätze auf Südosteuropa und hier insbesondere auf Siebenbürgen beziehen. Gerade dieser unfreiwillige Verzicht auf eine Abdeckung des gesamten ostmitteleuropäischen Raumes trägt aber wesentlich zu Geschlossenheit und innerer Kohärenz des Bandes bei.

Bevor man die Frage beantworten kann, ob es den Herausgebern gelungen ist, ihren eigenen Zielen gerecht zu werden, sollen zumindest kurz die einzelnen Beiträge angesprochen werden. Aus dem geografischen Rahmen Südosteuropas fallen die Aufsätze von Thomas Fudge ("Luther and the 'Hussite' Catechism of 1522") und Judith Kalik ("Attitudes towards the Jews and Catholic identity in eighteenth-century Poland") heraus. Fudge beschreibt den Katechismus der böhmischen Brüderunität als Versuch, eine "via media" zwischen radikaler mittelalterlicher Häresie und zeitgenössischem Protestantismus zu beschreiten; Kalik untersucht antijüdische Schriften des polnischen katholischen Klerus, um so dem Einfluss der Juden auf die Herausbildung einer christlichen Identität nachzuspüren.

Der Block zu Südosteuropa beginnt mit einem gelungenen Überblicksaufsatz von Krista Zach zu protestantischen volkssprachlichen Katechismen des 16. Jahrhunderts auf dem Boden des ehemaligen Königreichs Ungarn und deren Beziehung zu religiöser Reform. Zach untersucht die Publikation von Katechismen in den verschiedenen Sprachen der Region, die Absichten der Autoren sowie die Beziehung zwischen Sprachgemeinschaft und konfessioneller Identität in Ostmitteleuropa. Dabei wendet sie sich gegen die eindimensionale Verknüpfung von sprachlicher beziehungsweise ethnischer Zugehörigkeit und Bevorzugung einer bestimmten Religion, die von der älteren Historiografie häufig vorgenommen worden ist. Bei dem Versuch, die Frage zu beantworten, wie bedeutend die Rolle von volkssprachlichen Texten und besonders von Katechismen für die Rezeption religiöser Reform in Ostmitteleuropa war, benennt Zach das grundlegende Problem der meisten im Band versammelten Untersuchungen: Es fehlt an Quellen zur Rezeption auf lokaler Ebene, sodass die Analysen sich auf die Texte und die mit ihnen verfolgten Ideen beschränken müssen. Zach wagt abschließend dennoch die These, dass die Katechismen zwar die Entwicklung der Volkssprachen in der Region beeinflussten, aber keinen langfristigen Einfluss auf die Glaubenssysteme hatten - ein Ergebnis, das nicht von allen Beiträgern des Bandes geteilt wird.

Carmen Florea analysiert am Beispiel von Cluj nicht nur den theologischen Inhalt antitrinitarischer Katechismen, sondern beschäftigt sich auch mit dem Versuch des Stadtklerus, im Anschluss an die eliteninterne Festlegung der Lehre eine breitere soziale Basis für den Antitrinitarismus in ganz Siebenbürgen zu schaffen. Der Beitrag von Graeme Murdock thematisiert die vielfältigen Gründe für die Nutzung von Katechismen in der ungarischen reformierten Kirche und fragt nach den Veränderungen, die diese Absichten zwischen 1560 und 1660 erfahren haben. Murdock geht es um die grundsätzliche Möglichkeit des Ideentransfers in einer fast illiteraten Gesellschaft: Hinter den Erfolg von Katechismen bei der Vermittlung reformierter Glaubenssätze setzt er ein berechtigtes Fragezeichen, aber zugleich reicht seiner Ansicht nach die Memorierung einiger "Essentials" bereits aus, um bei Klerus und Laien das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur reformierten Kirche zu erzeugen.

An die etwas schematischen Ausführungen von Murdock schließen die fundierten Überlegungen von Maria Crăciun zur Formierung einer rumänischen reformierten Gemeinde in Siebenbürgen während des 17. Jahrhunderts an. Während die ältere Historiografie die Anstrengungen ungarischer Calvinisten als Versuch der "Madjarisierung" gewertet und für komplett gescheitert erklärt hatte, kann Crăciun belegen, dass die reformierte Mission durchaus eine kleine rumänische reformierte Gemeinde entstehen ließ, die nicht nur aus Adeligen bestand. Dabei dienten die Katechismen in rumänischer Sprache, mit denen ein kohärentes alternatives Glaubenssystem zur Orthodoxie angeboten werden sollte, in erster Linie als Instrument für den rumänischen reformierten Klerus, um die Bibel zu dekodieren und ihre Gemeinden zum wahren Glauben zu führen.

Die folgenden zwei Beiträge von Csilla Gábor ("Catholic devotional literature in seventeenth-century Transylvania") und Joachim Bahlcke ("Catholic identity and ecclesiastical politics in early modern Transylvania") wenden sich dem Katholizismus in Siebenbürgen zu. Gábor erläutert die Rolle, die vor allem gedruckter Andachtsliteratur bei der Unterstützung katholischer Glaubenspraxis in der von Protestanten dominierten Umwelt Siebenbürgens zukam. Bahlcke versucht als einziger Beiträger, Einsichten in die Entwicklung katholischer Identität in Siebenbürgen nicht durch eine Analyse gedruckter Literatur, sondern über eine Untersuchung der Interaktion zwischen Klerus und Politik zu gewinnen. Sein faktenreicher Artikel beschreibt mit einem dezidiert politikgeschichtlichen Ansatz die langsame Neuetablierung der katholischen Hierarchie sowie den Wettbewerb zwischen rivalisierenden katholischen Institutionen, die im Verlauf des 18. Jahrhunderts zur Herausbildung der katholischen Identität im hohen Klerus beitrugen.

Auf die Behandlung der protestantischen Richtungen und des Katholizismus folgen zwei Aufsätze zur Situation der griechisch-katholischen Kirche in Siebenbürgen: Ovidiu Ghitta vergleicht die ersten griechisch-katholischen Katechismen des Jesuiten László Bárányi und des griechisch-katholischen Bischofs von Mukačevo, Joseph de Camellis. Er kommt zu dem Schluss, dass den Katechismen trotz gemeinsamer Interessen ihrer Verfasser an der Verteidigung der Union diametral entgegengesetzte Ansichten über die Natur der "neuen Kirche" zu Grunde liegen, die das ganze 18. Jahrhundert hindurch für Spannungen sorgen sollten. Der Aufsatz des 2001 verstorbenen Historikers Pompiliu Teodor über die konfessionelle Identität der griechisch-katholischen Kirche in Siebenbürgen gehört sicherlich zu den spannendsten Beiträgen des Sammelbandes, auch weil er bewusst mit alten Traditionen nicht nur der rumänischen Historiografie bricht. Teodor fragt nach der Entwicklung unierter Identität in Siebenbürgen im 18. Jahrhundert und analysiert die Rolle gedruckter Literatur bei der Verteidigung der griechisch-katholischen Position "zwischen den Stühlen". Unmittelbar nach der Union wurden Doktrin und Identität der neuen Kirche zumeist von nicht-rumänischen Jesuiten geformt, während der rumänische hohe Klerus diese Aufgabe erst Mitte des 18. Jahrhunderts übernahm. Diese Kleriker konzentrierten sich darauf, die wesentlichen Punkte der Union zu vermitteln und hielten sich angesichts der diffizilen Lage in den Gemeinden mit Forderungen nach Veränderungen in Ritual und Liturgie zurück. Das in diesem Zusammenhang entstehende griechisch-katholische Schriftgut richtete sich in erster Linie an drei Adressatengruppen, nämlich die katholische Hierarchie inner- und außerhalb Siebenbürgens, den eigenen Pfarrklerus und das Kirchenvolk. Dessen Widerstand gegen die unierte Kirche basierte besonders auf dem Wunsch Formen traditioneller Frömmigkeit zu erhalten, sodass der hohe Klerus sich in Reaktion darauf gegen jede weitere "Latinisierung" der eigenen Konfession aussprach. Teodor beschreibt die griechisch-katholische Religion als Religion einer intellektuellen Elite, die nur langsam von der konservativen ländlichen Gesellschaft der siebenbürgischen Rumänen akzeptiert wurde.

Wie nahe ist der Sammelband in seinen Einzelbeiträgen dem in der Einleitung gesteckten Ziel gekommen? Die Beschränkung auf gedruckte Literatur als mögliches Mittel der Identitätsbildung erweist sich als klug, weil sie zumindest eine Analyse der Diskursebene und eine Annäherung an die Identität des in fast allen Beiträgen als wesentlichen Adressaten der Katechismen identifizierten Klerus ermöglicht. Vielfach angesprochen, aber auf Grund des Quellenmangels nur selten wirklich erfasst wird das Kirchenvolk: Es scheint kaum möglich zu sein, etwas zur tatsächlichen Rezeption der jeweiligen konfessionellen Propria durch die Gemeinden und damit zum "Erfolg" der Katechese zu sagen, um der Diskursanalyse hierdurch eine gewisse Bodenhaftung zu verleihen. Dieses allgemeine Problem schmälert aber nicht das Verdienst des gut lesbaren, in Teilen fast monografisch dichten Sammelbandes, der zudem en passant und auf hohem Niveau das hartnäckige Vorurteil von der "methodischen Rückständigkeit" osteuropäischer Historiker widerlegt.


Anna Ohlidal