Rezension über:

Jens Hoppe: Jüdische Geschichte und Kultur in Museen. Zur nichtjüdischen Museologie des Jüdischen in Deutschland (= Internationale Hochschulschriften; Bd. 393), Münster: Waxmann 2002, 390 S., ISBN 978-3-8309-1178-4, EUR 39,80
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Tobias Arand
Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, Aachen
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Tobias Arand: Rezension von: Jens Hoppe: Jüdische Geschichte und Kultur in Museen. Zur nichtjüdischen Museologie des Jüdischen in Deutschland, Münster: Waxmann 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 3 [15.03.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/03/2328.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Jens Hoppe: Jüdische Geschichte und Kultur in Museen

Textgröße: A A A

Die Auseinandersetzung mit der Museologie des Jüdischen steht im Mittelpunkt der Dissertation von Jens Hoppe, die bei Wolfgang Jacobmeyer am Institut für Didaktik der Geschichte an der Universität Münster verfasst wurde. Wenngleich sich Hoppe auch in einem Kapitel mit der 'Jüdischen Museumsarbeit' beschäftigt, geht es in seiner Arbeit doch im Wesentlichen um die nichtjüdische Museologie des Jüdischen. Hoppe spannt dabei nicht nur einen weiten Bogen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, sondern beleuchtet das Thema aus verschiedenen Perspektiven. Einen erstaunlichen Befund präsentiert Hoppe bereits in der Einleitung mit der Feststellung, dass eine tiefer gehende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der "jüdischen Vergangenheit in Arbeiten zum Museumswesen" (2) bisher fehle. Auch in Arbeiten zur konkreten Geschichte der Stadt- und Heimatmuseen, von denen die wichtigste wohl noch immer jene von Martin Roth aus dem Jahre 1990 ist, fehlt dieser nicht unerhebliche Aspekt. Auch der Rezensent, der noch im Jahr 2000 selbst eine Ausstellung zur Geschichte der niederrheinischen Heimatmuseen von 1871-1945 teilweise mitkonzipiert hat, musste erst durch Hoppes Dissertation auf die Bedeutung dieser Fragestellung aufmerksam gemacht werden.

Das Erkenntnisinteresse der Beschäftigung mit der nichtjüdischen Museologie des Jüdischen dreht sich um die Frage, welchen "Stellenwert die jüdische Minderheit im kulturellen Gedächtnis der Mehrheit einnimmt" (3) beziehungsweise einnahm und wieweit die nichtjüdischen heimatorientierten und kulturhistorischen Museen als 'lieux de mémoire' des Bildungsbürgertums mit oder eben ohne Judaica im Bestand Aussagen über die "Selbstbeschreibung der Mehrheitsgesellschaften" (3) zulassen. Ob allerdings Heimatmuseen und kulturhistorische Einrichtungen tatsächlich die Mehrheitsgesellschaften in ihrer Gesamtheit widerspiegeln, erscheint zumindest diskussionswürdig. Bedingt durch die bildungsbürgerlichen Aktivitäten haben diese Museen den wesentlichen Anspruch, bürgerliche Geschichtsbilder als regionale Selbstidentifikationsangebote, aber eben auch als Identifikationsangebote für jene Schichten anzubieten, bei denen die Museumsgründer und -leiter aus politischen, religiösen oder klassenspezifischen Gründen einen identifikatorischen Mangel im Verhältnis zur regionalen Kultur und Geschichte glaubten vermuten zu müssen. Viele Heimatmuseen waren und sind daher doch eher Selbstbeschreibungen der bildungsbürgerlichen Mehrheitsgesellschaften und Fremdbeschreibungen eben jener anderen Teile der Gesellschaft, die sich diesen Identifikationsangeboten zwar meist mehrheitlich anschließen, sie zum Teil aber auch ablehnen. Dass sich beispielsweise so mancher Landwirt in der meist obligatorischen 'Bauernstube' seines örtlichen, häufig durch den Dorflehrer konzipierten, Heimatmuseums nicht recht wieder finden konnte und wollte, ist bekannt.

Nach einem Forschungsüberblick nähert sich Hoppe der Beantwortung seiner Frage aus einem ersten Blickwinkel mit der Darstellung der "wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte und Kultur" (31) in Geschichtswissenschaft, Volkskunde, Kunstgeschichte und Denkmalpflege. Mitte des 19. Jahrhunderts setzte nach Hoppe in der Wissenschaft eine vorsichtige Annäherung an jüdische Themen ein, wobei diese Auseinandersetzung aber weitgehend jüdischen Forschern überlassen blieb. Die politischen Umbrüche der Jahre 1871 und 1918 änderten an diesem Umstand wenig. Mit der Vertreibung und Ermordung jüdischer Wissenschaftler im Nationalsozialismus endete die seriöse wissenschaftliche Beschäftigung mit Judaica. Nichtjüdische Erforschung jüdischer Geschichte und Kultur erfolgte nur noch mit antisemitischer Zielrichtung. Bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein blieb es bei einer Negierung des Themas. Erst die sechziger, vor allem aber die siebziger Jahre zeigten insbesondere in der nun allerdings ausschließlich nichtjüdischen deutschen Geschichtswissenschaft eine stärkere Hinwendung zur Beschäftigung mit der deutsch-jüdischen Vergangenheit.

Im Anschluss daran wertet Hoppe die Ergebnisse einer eigens 1998 durchgeführten Fragebogenerhebung unter 588 angeschriebenen kultur- und heimatgeschichtlichen Museen vorwiegend in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz aus. Die regionale Beschränkung der Erhebung erschließt sich dem Leser dabei allerdings nicht ganz. Im Mittelpunkt der Erhebung standen Fragen zur Sammlungsgeschichte im Hinblick auf Judaica und zu eventuell durchgeführten oder geplanten Sonderausstellungen zur jüdischen Geschichte der jeweiligen Regionen. Auf der Grundlage der 304 Rückantworten kommt Hoppe unter anderem zu dem Resultat, dass immerhin rund 30% der angeschriebenen Häuser mittlerweile auch jüdische Geschichte thematisieren, sie dies allerdings zu über 80% erst seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts ernsthaft betreiben.

Im Folgenden beschäftigt sich Hoppe mit der Genese von Judaica-Sammlungen ausgewählter Museen. Hier werden große Häuser wie das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg oder das Landesmuseum Mainz, aber auch kleinere Heimatmuseen wie jenes eher unbekannte von Mellrichstadt intensiv beleuchtet. Es werden einzelne Aspekte insbesondere der bekannten Museen vorgestellt, die in diesen Zusammenhängen sehr anregend und neu sind. So zeigt sich unter anderem exemplarisch, dass jüdische Geschichte dort häufig ausschließlich als Religionsgeschichte behandelt wurde und sich die Museologie erst seit den letzten drei Decennien des 20. Jahrhundert auch anderen Bereichen des jüdischen Lebens wieder öffnete und öffnet. Auch dass der Nationalsozialismus häufig keinen radikalen Bruch in der nichtjüdischen musealen Darstellung des Jüdischen darstellte, sondern die ohnehin vorhandenen Ressentiments und Tendenzen nur aufgreifen und etwas steigern musste, zeigt Hoppe auf.

Breiten Raum nimmt dann berechtigterweise die wichtige Darstellung der Frage ein, wie und warum die einzelnen Objekte zur jüdischen Kultur und Geschichte im Einzelfall konkret gesammelt wurden. Hier nimmt Hoppe insbesondere eine sehr sinnvolle Kategorisierung der einzelnen Sammlungsschwerpunkte innerhalb der Judaica vor.

Ausstellungskonzeptionen und Präsentationen jüdischer Geschichte und Kultur widmet sich dann der nächste Blickwinkel der Untersuchung. Auch die Rezeption dieser Ausstellungen durch die zumeist nichtjüdischen Museologen wird dargestellt. Dass Häufigkeit, Qualität und Objektivität der Ausstellungen wie der Rezeption von den jeweiligen Handelnden abhängt, ist eine wenig überraschende Feststellung, die Hoppe aber dennoch mit Recht betont. Wenn zum Beispiel noch 1998 der Vorstand des Heimatmuseums in Maintal mitteilt, dass er "nicht die Absicht habe, 'sich mit dem Judentum Maintals zu befassen [...]' weil dafür der Verein, der das Museum trägt, zu klein sei" (259), lässt dies auch für Hoppe Interpretationsspielräume offen, die durchaus etwas über die Traditionslinien des offenen wie latenten deutschen Antisemitismus als Begründung für manch vergangenes, aber auch aktuelles Fehlen jüdischer Geschichte in kultur- und heimatgeschichtlichen Museen vermuten lassen können.

Auch wenn man die hier im Mittelpunkt stehenden Museen als Orte der Selbstbeschreibung der bildungsbürgerlichen Mehrheitsgesellschaften begreift, birgt dieser Ansatz noch ein weiteres Problem, wie Hoppe in seiner Darstellung der nun genuin jüdischen Museumsarbeit selbst zeigt. Denn die jüdischen Museologen waren ja ebenfalls Bildungsbürger, deren Haltung zu den Identifikationsangeboten der nichtjüdischen Bildungsbürger nun aber zwischen Übernahme, Beeinflussungsversuchen und Ablehnung durchaus schwanken konnte. So zeigt Hoppe zum einen Versuche jüdischer Gemeinden, durch Schenkungen jüdischer Kulturzeugnisse an der Konstruktion einer gemeinsamen Regionalidentität in den Heimatmuseen mitzuwirken oder sogar ein Teil dieser Identität zu werden, zum anderen aber auch Ansätze jüdischer Museumswissenschaftler, die sich durch eigene Projekte ihrer spezifisch anderen Identität versichern wollten. So verweist auch der Bereich der jüdischen Museologie auf den seit der Emanzipation evidenten innerjüdischen Konflikt zwischen Vertretern von Assimilation, Kompromiss und Abgrenzung. Ein vergleichbares Phänomen zeigt sich zum Beispiel auch in der Frage der Gestaltung kaiserzeitlicher Synagogen, deren Baugestaltung als maurisch oder gotisch von Juden wie Nichtjuden durchaus als Aussage über das Verhältnis der jeweiligen Gemeinde zu ihrer christlich-deutschen Umgebung verstanden wurde. Solche weiteren Bezugsetzungen des Bereichs 'Museum' auf andere kulturelle und gesellschaftliche Felder unterlässt Hoppe allerdings weitgehend. Angesichts der Fülle des ohnehin zu bewältigenden Materials und des eigentlichen Themas ist dies aber verständlich.

Zum Schluss seiner Untersuchung zieht Hoppe für wesentliche Zeiträume der nichtjüdischen Museologie des Jüdischen ein ernüchterndes Fazit: "Die Nichtberücksichtigung jüdischer Geschichte und Kultur in zahlreichen Museen sowie ihre durch den Nationalsozialismus bewusst erfolgte Ausgrenzung stellen damit den Versuch dar, die jüdische Vergangenheit als irrelevant abzuqualifizieren" (325). Eine vertiefte Synthese der unterschiedlichen Perspektiven der Arbeit liefert Hoppe in diesem Schlusskapitel allerdings nicht, sodass die Einzelkapitel am Ende ein wenig unverbunden wirken.

Insgesamt aber ist Hoppes Studie eine sehr anregende, detail- und kenntnisreiche Darstellung, die ein wichtiges und vernachlässigtes kulturgeschichtliches Thema erstmals in dieser Form Gewinn bringend aufarbeitet. Es ist zu hoffen, dass die Studie intensiv rezipiert werden und einen Anstoß zu weiteren Forschungen geben wird.


Tobias Arand