Rezension über:

Kai Struve / Philipp Ther (Hgg.): Die Grenzen der Nationen. Identitätenwandel in Oberschlesien in der Neuzeit (= Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung; 15), Marburg: Herder-Institut, 324 S., ISBN 978-3-87969-298-9, EUR 38,00
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Rezension von:
Manfred Alexander
Seminar für osteuropäische Geschichte, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Manfred Alexander: Rezension von: Kai Struve / Philipp Ther (Hgg.): Die Grenzen der Nationen. Identitätenwandel in Oberschlesien in der Neuzeit, Marburg: Herder-Institut, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 5 [15.05.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/05/3004.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Kai Struve / Philipp Ther (Hgg.): Die Grenzen der Nationen

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Der Titel des Sammelbandes ist bewusst doppeldeutig: Zum einen zerschnitten nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzen von drei Nationalstaaten das historische Oberschlesien, zum anderen stößt man bei der Beschreibung der Region Oberschlesien an die Grenzen der Begrifflichkeit der herkömmlichen Nationalismusforschung. Was der Titel nicht verrät, war die Grenzüberschreitung der dem Band zugrunde liegenden Tagung im Herder-Institut vom Oktober 2000, als vornehmlich junge Historiker aus mehreren Ländern die gleiche Sprache der historischen Methodik verwendeten und sich meist problemlos in der Sprache des jeweiligen Nachbarn ausdrücken konnten; das Thema der Tagung, konkurrierende Nationalismen und ihre Bedeutung für die Bildung kollektiver Identität, erwies sich so gesehen unter den Teilnehmern selbst als längst überwunden.

Die Herausgeber haben in einer zum Nachdenken anregenden Einleitung die Grundprobleme der Nationenbildung in der Neuzeit und ihr Scheitern in Oberschlesien skizziert, aus dessen gegenwärtiger Situation sich auch die "Historizität des Nationalismus" belegen lässt. Aus der Rivalität der nationalen Historiographien oder dem "Kampf der Geschichtsbilder" (Günther Stökl) ist heute eine Betrachtung geworden, in der ein "nationaler Standpunkt" der Historiker nicht mehr sichtbar wird. Im Zentrum der Beiträge steht nicht nur die Politik der konkurrierenden Nationalstaaten Polen, Deutschland und Tschechoslowakei (nach dem Ersten Weltkrieg), sondern deren Auswirkung auf die lokale Bevölkerung, bei deren Benennung schon fast unüberwindliche Probleme auftauchen: "Oberschlesier" waren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges die einheimischen deutschen und die slawischen Bewohner, deren Dialekt von manchen schlicht als "polnisch" reklamiert, von anderen als "wasserpolnisch" diffamiert wurde; nur auf tschechischer Seite gab es einen Bevölkerungsteil, der sich als "Schlonsaken" bezeichnete, also in polnischer Version schlicht als "Schlesier".

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Deutschen durch Flucht, Vertreibung oder Aussiedlung verschwunden, jedenfalls blieben in der amtlichen Version nur "Polen" und "Tschechen" im Lande, unterschieden nach "Autochthonen" und "Zugewanderten". Dies ist aber nur die Oberfläche, denn diese Begriffe decken nicht die Fülle von Schattierungen in der politischen Zuordnung, der nationalen Präferenz oder der sich im Laufe der Zeit wandelnden Selbstzuordnung der "slawischen Oberschlesier" ab, als deren Ergebnis sich heute Menschen ohne Deutschkenntnisse als "Deutsche" bezeichnen.

Die Bezeichnung "Identität" ist ein schillernder Begriff, der hier am Beispiel der Region Oberschlesien von allen Autoren aufgegriffen und diskutiert wird. Alle Verfasser deuten "Identität" als Zusammensetzung aus verschiedenen Elementen der Selbstdefinition, die sich logisch scheinbar ausschließen können, sich aber im jeweiligen Kontext für den Betroffenen als in sich stimmig darstellen. In den Beiträgen sind Wiederholungen und Überschneidungen nicht zu vermeiden, aber in der Vielfalt der Annäherungen und in der Vermeidung einer oberflächlichen terminologischen Vereinheitlichung liegt gerade die Stärke und der Reiz des vorgelegten Tagungsbandes.

Karin Friedrich untersucht das (überethnische) Landesbewusstsein der Region in der frühen Neuzeit, betont dabei neben dem Adel den Anteil der Stadtbevölkerung und verfolgt die Entwicklung bis zur preußischen Zeit. Der Linguist Tomasz Kamusella betont, dass die Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der starke Einfluss der konkurrierenden Nationalbewegungen das regionale Sonderbewusstsein der Bevölkerung nicht ablösen konnten; die in der deutschen Forschung lange Zeit verbreitete Vorstellung von einem "schwebenden Volkstum" erweist sich dabei als Fehldeutung.

Die flexible Haltung der katholischen Kirche in der Sprachenfrage erläutert James E. Björk und erörtert die Komplementarität des deutschen Schulwesens und polnischer Religionsausbildung. Przemysław Hauser erläutert, dass keineswegs alle, die sich vor dem Weltkrieg für eine Ausbildung in polnischer Sprache einsetzten, deswegen auch Sympathien für Polen besaßen, eine Aussage, die im Widerspruch zur älteren polnischen Literatur steht.

Die oft vergessene tschechische Komponente Oberschlesiens thematisiert Dan Gawrecki, wobei hier das Bild wegen der evangelischen Konfession der Bewohner Teschens noch bunter wird; polnische Leser werden mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, dass gerade die Protestanten eher zum katholischen Polen neigten, die katholischen Teschener eher zu den Tschechen. Hier zeigt sich am schönsten, wie in der Realität historische Stereotypen ins Rutschen kommen können.

Der Beitrag von Bernard Linek unterscheidet zwischen einer aktiven und einer passiven Tätigkeit der Nationalstaaten in Oberschlesien, wobei der Verfasser bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges die Parallelität von deutscher und polnischer Dominanz hervorhebt, mit der jeweils durch Lockung und Diskriminierung eine Vereinheitlichung der Bevölkerung angestrebt wurde. Dies erwies sich ebenso als vergeblich wie die anschließende passive Politik des kommunistischen Regimes in Polen nach 1950, als die Probleme zwischen "Autochthonen", den Zugezogenen aus Polen und den aus Ostpolen Umgesiedelten, die jeweils ein Drittel der Bevölkerung ausmachten, geleugnet oder tabuisiert wurden. Hier schließt sich nahtlos der Beitrag von Philipp Ther an, in dem der Wandel der Identität der slawischen Oberschlesier angesichts der Unterdrückung ihrer Eigenheit durch deutsche und polnische Behörden thematisiert wird; beider Anstrengungen erwiesen sich als kontraproduktiv und verstärkten das Eigenbewusstsein, das sich in der Betonung des "deutschen" Elementes äußerte und äußert.

Der Soziologe Franciszek Jonderko untersucht dasselbe Problem von Diskriminierung und Selbstisolation der einheimischen Bevölkerung im Alltag; aus der Marginalisierung führte der Weg oft in die Aussiedlung in die (idealisierte) Bundesrepublik Deutschland, was das Vorurteil der Polen verstärkte, es handele sich bei den Autochthonen eben doch um verkappte Deutsche.

Für das tschechische Oberschlesien führt der amerikanische Linguist Kevin Hannan die Bedeutung der Kirche mit den langen Auswirkungen der Diözesangrenzen an, die sich bis in die Umgangssprache der Einheimischen ausgewirkt hat. Nur in diesem Bereich hat sich eine politische Bewegung der "Schlonsaken" unter Josef Koždoň herausgebildet, die sich dezidiert gegen Polen richtete. Die schwierigen Wechselbeziehungen zwischen der polnischen und der tschechischen Minderheit in demselben Gebiet schildern Gabriele Sokolová und Rudolf Žáček; die Situation wurde durch den Zuzug von Slowaken und Roma weiter kompliziert, weicht in der Gegenwart aber einer wachsenden Toleranz.

Spannend ist auch der Beitrag von Danuta Berlińska, in dem die Zeit seit 1989 auf der Grundlage von Befragungen Betroffener abgehandelt wird. Die Verfasserin zeigt den Identitätswandel unter den Bewohnern des Oppelner Gebietes auf, die "Schlesier" sein wollten und "deutsch" fühlten. Sie betont die Bedeutung von Haus, Dorf und Region für die Einheimischen, die von den Behörden und den eingewanderten Polen oft in ihrer "Würde" gekränkt wurden, vielfach einen Ausweg nur in der Auswanderung fanden und erst heute mit der Anerkennung des deutschen Anteils ihrer Identität die "Multikulturalität" dieser Region verankert sehen.

Einen eher politischen Bezug vermittelt der Beitrag von Kazimiera und Jacek Wódz, die aus der Bildung einer (unhistorisch erweiterten) Wojewodschaft Kattowitz Probleme für deren innere Entwicklung erwachsen und in der Regionalisierung Polens Konsequenzen für die alte polnische Vorstellung der nationalen Einheit und der zentralen Verwaltung kommen sehen.

Der Sammelband erweist sich als ein gelungenes Beispiel der interdisziplinären Betrachtung einer höchst komplexen Region Mitteleuropas, in der die nationalen Spannungen in der Vergangenheit eine besondere Zuspitzung erfahren haben, die sich in den Beiträgen jedoch als überwunden darstellen.

Manfred Alexander