Rezension über:

Daniel Schönpflug: Der Weg in die Terreur. Radikalisierung und Konflikte im Straßburger Jakobinerclub (1790-1795) (= Pariser Historische Studien; Bd. 58), München: Oldenbourg 2002, 432 S., ISBN 978-3-486-56588-1, EUR 49,80
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Rezension von:
Klaus Deinet
Fachbereich 1, Universität Duisburg-Essen
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Deinet: Rezension von: Daniel Schönpflug: Der Weg in die Terreur. Radikalisierung und Konflikte im Straßburger Jakobinerclub (1790-1795), München: Oldenbourg 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 9 [15.09.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/09/2828.html


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Daniel Schönpflug: Der Weg in die Terreur

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Die Französische Revolution ist nicht tot. Dafür spricht zumindest die Zahl der Veröffentlichungen gerade außerhalb Frankreichs, die seit 1989 eher noch zugenommen hat. Aber der Akzent hat sich verlagert. Es ist nicht mehr der von der Pariser Zentrale bestimmte 'main-stream' der Revolution, der das Interesse der Forschung bestimmt. Nach dem Versanden der noch von Soboul und Furet angezettelten Diskussion über die Rolle der Girondisten, so scheint es, bewegt sich die Forschung endlich weg von den "großen" Themen und der Paris-zentrierten Sichtweise, die zwar so manches akribisch recherchierte Monumentalwerk hervorgebracht hat, die aber auch immer Gefahr lief, das vielfältige und chronologisch wie regional zerklüftete Gesamtgeschehen "Französische Revolution" auszublenden beziehungsweise es nur als Folie der kanonisierten Pariser Vorgänge zu betrachten.

Einen Einblick in die schöpferische Inkongruenz zwischen der Pariser Revolution und der Revolution in der "Provinz" bietet jetzt die Arbeit von Daniel Schönpflug. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als eine Geschichte des Straßburger Jakobinerklubs, dessen Entwicklung sowohl in seinen wichtigsten Stadien chronologisch verfolgt wie auch in der sozialen und mentalen Ausdifferenzierung seiner Mitgliederschaft und der diesen Prozess prägenden Themen dargestellt wird. Ergänzt wird die Studie durch ein von Claude Betzinger angelegtes Verzeichnis der Mitglieder des Straßburger Jakobinerklubs, das etwa 100 Seiten der anzuzeigenden Arbeit umfasst.

Der Fall Straßburg ist insofern ein besonderer, als die Stadt viel stärker als andere französische Städte von der Durchmischung der beiden Kulturen, der deutschen und der französischen, gekennzeichnet war. Dies äußerte sich in einer Gemengelage, in der sowohl soziale wie auch konfessionelle und sprachliche Parameter eine Rolle spielten. So bildete die deutschsprachige protestantische Gemeinde (Handelsbürgertum und Handwerkerschaft) einen deutlichen Gegensatz zu den aus dem inneren Frankreich Zugewanderten, die - zumeist katholisch - einen Teil des Verwaltungspersonals und der intellektuellen Berufe stellten. Die Spannung manifestierte sich in der Zusammensetzung der Mitgliederschaft der Klubs in den ersten Revolutionsjahren. Während die deutschsprachigen Straßburger zumeist in der von der Revolution neu geschaffenen Stadtverwaltung Platz fanden, entwickelte sich der 1790 gegründete Jakobinerklub rasch zum Organ der französischen Zuwanderer wie auch derjenigen deutschen Exulanten, die noch nicht in die Straßburger Gemeinde integriert waren.

In der ersten Phase des Jakobinerklubs ist diese Dichotomie allerdings noch nicht so deutlich greifbar. Die Gestalt des Bürgermeisters Dietrich, der, obwohl schon unter dem Ancien Régime als 'commissaire du Roi' tätig, aus den Munizipalwahlen von 1790 als dominierende politische Figur hervorging, überragte mit ihrem Einfluss auch den am 15. Januar 1790 gegründeten Jakobinerklub und ließ ihn zeitweise als eine Art Wahlverein der städtischen Verwaltung erscheinen. Erst die Flucht des Königs im Juni 1791 minderte die Machtstellung der Honoratioren, ohne jedoch, wie in Paris, den Jakobinerklub zu zerreißen. Die Spaltung erfolgte erst im Februar 1792 unter dem Eindruck des sich verschärfenden Gegensatzes zwischen den Verteidigern der "constitution" und des Königtums auf der einen Seite (die nun im so genannten 'Auditoire' tagten) und den konfliktbereiten, auf eine Kaltstellung des Königs hinarbeitenden 'jacobins' auf der anderen Seite (sie versammelten sich im 'Miroir'). Die militante Fraktion, die unter dem Einfluss von Charles Laveaux und Eulogius Schneider stand, fokussierte den nationalen 'Feuillants'-'Jacobins'-Gegensatz auf einen Kampf um die Dominanz der Stadtverwaltung; eine Konfrontation, welche die von den Gemäßigten beherrschte Munizipalität mit Gegenmaßnahmen wie der vorübergehenden Verhaftung Laveaux' beantwortete.

Erst die zweite Revolution des 10. August 1792, die in Straßburg zunächst überhaupt nicht stattfand, dann aber schon wegen der prekären militärischen Lage der Stadt von Paris aus rasch an Boden gewann, bewirkte 1792/93 eine sukzessive Auswechslung des städtischen Personals zu Gunsten einer immer deutlicheren Dominanz der Jakobiner, die allerdings in den entscheidenden Momenten immer auf die Hilfe aus der Zentrale angewiesen blieben. Die relative Stärke der Gemäßigten zeigte sich auch in der Krise vom Mai/Juni 1793, als die 13 Sektionen der Stadt sich gegen die von den Pariser Sansculotten erzwungene Säuberung des Konvents stellten. Die Straßburger Jakobiner verfügten zur Durchsetzung ihrer Ziele nicht über einen entsprechenden Rückhalt in der Bevölkerung - in Straßburg gab es keine Sansculotten! - und eroberten die entscheidenden Positionen immer nur durch die Intervention der vom Konvent entsandten 'représentants en mission'.

Die berühmtesten dieser Prokonsuln waren Saint-Just und Lebas, die im Oktober vom Wohlfahrtsausschuss entsandt wurden. Sie errichteten eine regionale Diktatur, indem sie sich an den schon vorhandenen Repräsentanten vorbei direkt mit den städtischen und regionalen Behörden ins Benehmen setzten, diese dabei freilich zu bloßen Befehlsempfängern degradierten. In der Endphase dieser Entwicklung kam es zu einer offenen Konfrontation zwischen den beiden Regierungsvertretern einerseits und dem die radikale Strömung der Straßburger Jakobiner repräsentierenden Eulogius Schneider andererseits, der bei dieser Auseinandersetzung als 'enragé' selbst zum Opfer jener Guillotinenjustiz wurde, die er 1793 als öffentlicher Ankläger beim Kriminalgericht des Départements Haut-Rhin erstmals im Elsaß zum Einsatz gebracht hatte.

Schönpflug beschränkt sich freilich nicht auf die politische Geschichte des Straßburger Jakobinerklubs, sondern verfolgt darüber hinaus den politischen Diskurs zwischen den Jakobinern und ihren Gegnern in den verschiedenen Phasen des Konflikts. Auch wenn dabei keine völlig neuen Erkenntnisse zu Tage treten, so bilden die Zitate aus Sitzungsprotokollen des Klubs und verschiedenen Straßburger Zeitungen doch interessante und anschauliche Belege für eine sprachliche Radikalisierung, die von den kosmopolitischen Einheitsbegriffen des Anfangs ('tolérance', 'unité') über eine fortschreitende Ausgrenzung Andersdenkender bis zu einem Ausschließlichkeitsanspruch auf den 'patriotisme' seitens der militanten Jakobiner am Ende reicht.

Der Reiz der Arbeit, allerdings auch ihre Schwäche, liegt darin, dass sie die Pariser Vorgänge weitgehend ausblendet. So wird man Zeuge einer Entwicklung, die zwar in ihren wesentlichen Schritten der bekannten Radikalisierungsprogression folgt, dabei aber ihre eigenen Zäsuren und ihre eigenen politischen Zuordnungen kennt. Dies wird besonders augenfällig in Bezug auf die aus Paris bekannten Abschuppungen innerhalb der jakobinischen Bewegung von den Feuillants über die Girondisten bis zu den Montagnards: Ein Gemäßigter in Straßburg musste nicht unbedingt ein Feuillant sein, ebenso wenig wie ein 'jacobin' ein Montagnard, auch wenn die Bezeichnungen dies zuweilen suggerieren mochten.

Wichtig ist es, bei einer solchen Vorgehensweise die Scharniersituationen zwischen der Pariser Entwicklung und der in Straßburg in den Blick zu nehmen, und hier lässt die Arbeit gelegentlich die nötige Übersicht vermissen. So ließe sich das Hin und Her um die Beherrschung der Stadtverwaltung im Winter 1792/93 und der von Schönpflug nicht weiter kommentierte mehrfache Standortwechsel des Straßburger Abgeordneten Ruehl vermutlich nur aus der Konfrontation von Girondisten und Montagnards im Pariser Konvent erklären, deren Kampf sich auf alle Bereiche des politischen Feldes, also auch die Besetzung der großen Munizipalitäten in der Provinz, ausdehnte. In den kritischen Umbruchsituationen, das wird hier indirekt deutlich, spielte die Pariser Zentrale offenbar doch die aktive Rolle in wichtigen Entscheidungen, während die übrigen Städte und das weite Land zwar bis zu einem gewissen Zeitpunkt eine alternative Entwicklungslinie verfolgen mochten, sich dann aber mehr oder weniger gezwungenermaßen dem revolutionären Imperativ unterordneten oder - wie Lyon und Marseille - mit brutaler Gewalt dazu verpflichtet wurden. Paris war eben - das macht diese Studie im Umkehrschluss deutlich - nicht nur die Hauptstadt, sondern auch der Generator der Revolution, in dem Sinne, dass die aus ganz Frankreich stammenden Vertreter der verschiedenen politischen "Willen" hier aufeinander trafen, hier ihre Kämpfe mit dem Königtum und der Pariser Volksbewegung austrugen und deren Ergebnisse wiederum in die Provinzen zurücktransportierten. Dies gilt sowohl für die Girondisten, die aus den Konventswahlen vom September 1792 den Auftrag mitbrachten, die Pariser Volksbewegung zu entmachten und letztlich an diesem Vorhaben scheiterten, wie auch für die Führungsgruppe der Montagnards um Robespierre, die ihren Kampf mit den Hébertisten - also ebenfalls mit der politischen Spitze der Pariser Volksbewegung - in die Départements exportierten und zum Kampf zwischen der Zentrale und den verbliebenen föderalen Elementen stilisierten.

Mit dieser Einschränkung soll jedoch die Notwendigkeit solcher Regionalstudien nicht bestritten werden. Ihren Reiz und ihren eigentlichen Wert werden sie freilich erst dann erhalten, wenn eine neue Geschichte der Französischen Revolution ihre Ergebnisse in eine allgemeine, die Interdependenz von Zentrale und Peripherie miterfassende Darstellung integriert.

Klaus Deinet