Rezension über:

Hansjürgen Koschwitz: Wider das 'Journal- und Tageblattsverzeddeln'. Goethes Pressesicht und Pressenutzung (= Kommunikationsgeschichte; Bd. 10), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2002, 284 S., 38 Abb., ISBN 978-3-8258-4896-5, EUR 25,90
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Rezension von:
Werner Greiling
Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Redaktionelle Betreuung:
Ute Lotz-Heumann / Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Werner Greiling: Rezension von: Hansjürgen Koschwitz: Wider das 'Journal- und Tageblattsverzeddeln'. Goethes Pressesicht und Pressenutzung, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/2542.html


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Hansjürgen Koschwitz: Wider das 'Journal- und Tageblattsverzeddeln'

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Die Zeit von Johann Wolfgang von Goethes "bewusstem" Leben stimmt weitgehend mit jenen Jahrzehnten überein, für die sich in der Historiografie mit Blick auf den Übergang von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft der Terminus "Sattelzeit" eingebürgert hat. Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen zwischen 1770 und 1830 waren vielfältig, und es liegt nahe, danach zu fragen, wie sie von jenen wahrgenommen wurden, die sie erlebten und erlitten. Hierfür eignet sich ein wacher und vielfältig interessierter Zeitgenosse wie der Weimarer Dichter und Geheime Rat, von dem eine immense Fülle an kommentierenden und reflektierenden Texten überliefert ist, in besonderem Maß. Mit den Stichworten "Pressesicht" und "Pressenutzung" rückt Hansjürgen Koschwitz insofern einen wichtigen Teilbereich des "bürgerlichen Wandels" ins Blickfeld, nämlich "Öffentlichkeit" und deren Politisierung, den Zusammenhang von Pressefreiheit und Zensur sowie die Frage, inwieweit Publizität zum Richter über die Handlungen der Fürsten und Regierungen geeignet ist, ob man der Presse insgesamt also - zumindest perspektivisch - eine Rolle als "vierte Gewalt" zubilligt.

Nun ist die kritisch-distanzierte Haltung Goethes zur zeitgenössischen Presse der Forschung natürlich bekannt. In einigen der Goethebiografien wird dieses Phänomen ebenso thematisiert wie in den Untersuchungen zum "politischen Goethe". Eine spezielle Studie hierzu fehlte jedoch bislang, und es ist das Verdienst des Verfassers, diese Lücke in ebenso umfangreicher wie systematischer Weise geschlossen zu haben. Aus der immensen schriftlichen Hinterlassenschaft seines Protagonisten hat Koschwitz insbesondere den Briefwechsel, die Tagebücher, die Tag- und Jahreshefte, Reiseberichte sowie diverses autobiografisches, aber auch das amtliche Schrifttum und wesentliche Teile des eigentlichen dichterischen Werkes ausgewertet, um "das Verhältnis des Dichters und Staatsministers zur periodischen Publizistik, zum Zeitungs- und Journalwesen" (13) zu untersuchen. Dabei richtet sich das Interesse des Verfassers insbesondere auf "das grundsätzliche Presseverständnis, den praktischen Pressegebrauch, die persönliche Presseaktivität" (13). Dies alles wird in der Überzeugung thematisiert, dass sich "in Goethes besonderem Verhältnis zur periodischen Publizistik die generelle Entwicklung auf diesem Felde" widerspiegelt (13).

Koschwitz nähert sich seinem Thema in zehn Kapiteln, denen er seine Thesen meist voranstellt, um sie sodann auf breiter Quellengrundlage zu verifizieren. Er verdeutlicht die allgemeinen Trends der öffentlichen Kommunikation im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert, beleuchtet Goethes persönliche Sicht auf den sich intensivierenden publizistischen Ideen- und Nachrichtenverkehr, zeigt dessen Bild von den Zeitungen und Journalen und analysiert die von Goethe kritisch bewertete Tendenz zur Einmischung in die Angelegenheiten von Staat und Gesellschaft durch die öffentlichen Blätter. Goethes Dissens mit dem "publizistischen Zeitgeist", welcher auf eine weitgehend unbeschränkte Pressefreiheit hinauslief und den öffentlichen Diskurs aller relevanten Fragen einschloss, wird dann im Kontrast zur ausgiebigen Nutzung der Presse durch den Dichter und Staatsmann deutlich gemacht. Goethe nutzte eine Vielzahl von Periodika zur Information über kulturelle und politische Entwicklungen im Ausland, nicht zuletzt in Frankreich, aber auch zur Rezeption vielfältiger Neuigkeiten aus dem Inland. Unterschiede zwischen den eigentlichen Tagesblättern und Journalen werden dabei ebenso deutlich wie Goethes pointierte Urteile über einzelne Periodika. Meist fallen diese Vota trotz eigener eifriger Pressenutzung negativ aus, und weitgehend negativ werden auch der quantitative Anstieg des Pressewesens und die zunehmend ausufernde Rezeption in breiten Teilen der Bevölkerung durch Goethe bewertet. Das "Journal- und Tageblattsverzeddeln", das "Journallesen", galt ihm dabei nicht zuletzt als Zeitverschwendung (vergleiche 221). Publizistische Stellungnahmen zu Fragen der Staatspolitik galten ihm schlicht als Anmaßung Unbefugter und führten zudem zum "Anfachen des Parteisinnes, der Parteilichkeit", die er zu den schlimmsten Auswüchsen der Meinungssucht rechnete (57). Einzelnen Blättern, namentlich Cottas "Allgemeiner Zeitung", zollte er dennoch großen Respekt.

Es ist ein ambivalentes Bild, das Koschwitz vom Verhältnis Johann Wolfgang von Goethes zur Presse und zu seinem Umgang mit ihr zeichnet und das er in seinem knappen Resümee nochmals pointiert bündelt. Es ist ein Bild, das man so oder so ähnlich zwar bereits kannte, das jetzt jedoch weit differenzierter als bisher erscheint und durch eine Fülle von Belegen als gesichert gelten kann. Goethes Urteil über die Presse im Allgemeinen war negativ, seine Einstellung zu ihr war von Misstrauen, Zweifel und Distanz geprägt. Als Medium von Aufklärung und Bildung ließ er die Tagespresse nicht gelten, er betonte vielmehr ihre negativen Eigenschaften und Folgen. Zeitungsschreibern sprach er meist nicht nur die Fähigkeit zu öffentlicher Kritik der Angelegenheiten von Staat und Gesellschaft ab, sondern auch das Recht dazu. Dennoch war er selbst, so Koschwitz, "ein Musterbeispiel medialer Welterschließung" (273). Die Intensität seiner persönlichen Pressenutzung und sein prononciert negatives Urteil über Qualität, Zweck und Nutzen der Presse bildeten einen markanten Kontrast.

Es liegt also eine nützliche und materialreiche Studie aus der Feder des Göttinger Emeritus für Kommunikationswissenschaft vor, zu der dennoch einige Monita nicht verschwiegen werden sollen. Hier ist zunächst der schwerfällige und oftmals auch schwer verständliche Stil des Verfassers zu bemängeln, der angesichts der Thematik und vor dem Hintergrund manch funkelnden Zitats besonders ins Auge sticht. Zum Zweiten wurde die inzwischen recht differenzierte kommunikationsgeschichtliche Spezialliteratur zu den verschiedenen Aspekten der Thematik nur zum Teil berücksichtigt, was sich etwa in den Passagen über Heinrich Ludens "Nemesis" und Lorenz Okens "Isis" (vergleiche 84-89), aber auch beim Blick auf die Weimarer Presse um 1800 insgesamt zeigt. So wird etwa zwischen der von Christian Gottfried Schütz gemeinsam mit Friedrich Justin Bertuch gegründeten "Allgemeinen Literatur-Zeitung" und der erst nach dem Abwandern des Originalblattes nach Halle gegründeten "Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung" nicht unterschieden (vergleiche 199 ff.). Die wichtige Zäsur von 1803, das "Jenaer Krisenjahr", wird damit ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass Goethe bei der Neugründung der "Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung" an zentraler Stelle tätig war und auch in der Folge über seinen engen Vertrauten Heinrich Karl Abraham Eichstädt intensiv in redaktionelle Vorgänge eingegriffen hat.

Trotzdem sind die Defizite im Detail meist durchaus zu verschmerzen, zumal sie den Blick auf das eigentliche Thema des Buches nicht verstellen. Als ärgerlich empfunden hat der Rezensent jedoch den Sachverhalt, dass der Verfasser häufig sowohl bei banalen als auch bei komplizierteren Sachverhalten auf die veraltete und in weiten Teilen schlichtweg überholte, unbefriedigende Gesamtdarstellung von Margot Lindemann aus dem Jahr 1969 rekurriert.

Ein Sachregister wäre wünschenswert gewesen, ist aber sicherlich schwer zu realisieren. Der Verzicht auf ein Personenregister allerdings will dem Rezensenten nicht einleuchten und ist zu kritisieren. Dennoch: Mit der Studie von Koschwitz wird nicht lediglich eine empirische Forschungslücke geschlossen, sondern ein fundierter, auf breiter Quellenbasis beruhender Forschungsbeitrag geliefert, welcher der gegenwärtigen kommunikationsgeschichtlichen und kulturhistorischen Forschung durch den detailliert nachvollzogenen Blick eines ebenso kritischen wie prominenten Zeitgenossen auf den Aufstieg der Presse und die Politisierung der Öffentlichkeit durchaus Impulse zu geben vermag.

Werner Greiling