Rezension über:

Günter Bayerl / Dirk Maier (Hgg.): Die Niederlausitz vom 18. Jahrhundert bis heute. Eine gestörte Kulturlandschaft? (= Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt; Bd. 19), Münster: Waxmann 2002, 360 S., zahlr. Abb., 1 Karte, ISBN 978-3-8309-1197-5, EUR 25,50
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Rezension von:
Alexander Schunka
Historisches Institut, Universität Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Stellungnahmen zu dieser Rezension:
Empfohlene Zitierweise:
Alexander Schunka: Rezension von: Günter Bayerl / Dirk Maier (Hgg.): Die Niederlausitz vom 18. Jahrhundert bis heute. Eine gestörte Kulturlandschaft?, Münster: Waxmann 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/4387.html


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Günter Bayerl / Dirk Maier (Hgg.): Die Niederlausitz vom 18. Jahrhundert bis heute

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Mit der Niederlausitz verbindet man im Rest der Republik heutzutage häufig kaum mehr als Spreewaldgurken. Von einem Niederlausitzer Landesbewusstsein ist nach außen hin wenig bekannt. Dies ist einerseits schade, andererseits kaum verwunderlich, stand die Niederlausitz doch im Lauf der letzten Jahrhunderte immer unter der Herrschaft eines ihrer Nachbarterritorien: als Nebenland der Böhmischen Krone, später unter sächsischer und preußischer Verwaltung, als Teil Polens sowie des DDR-Bezirks Cottbus und schließlich als östlichstes Gebiet des jungen Bundeslandes Brandenburg. Sandige, fruchtbare Böden, Braunkohlebergbau und sein Niedergang prägten das durchaus eigenständige Gebiet, dessen urbaner Mittelpunkt Cottbus genau genommen historisch eine brandenburgische Exklave und kein Bestandteil der Niederlausitz war. Einen eigenen Herrscher hatte die Niederlausitz nicht, und im Gegensatz zur blühenden Städtelandschaft der südlich gelegenen Oberlausitz haben sich die Niederlausitzer Kommunen als Zentren von Wirtschaft, Bildung und Wissenschaft kaum überregional einen Namen machen können.

Dies scheint sich neuerdings zu ändern, wie die Einrichtung des ersten Brandenburgischen Sonderforschungsbereiches zur "Entwicklung und Bewertung gestörter Kulturlandschaften" mit dem Fallbeispiel der Niederlausitzer Bergbaufolgelandschaft an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus zeigt. Der vorzustellende Sammelband entstammt einem umwelthistorischen Teilprojekt des Sonderforschungsbereiches. Vor dem Hintergrund des dramatischen Rückgangs der Braunkohleförderung in den letzten Jahren und der daraus entstehenden neuen ökologischen, ökonomischen und sozialen Anforderungen stehen die Entwicklung der Kulturlandschaft Niederlausitz seit etwa 1800 und die Frage nach möglichen "Störungen" dieser Kulturlandschaft im Zentrum des Bandes. Was die Herausgeber genau unter einer "gestörten Kulturlandschaft" verstehen, bleibt unscharf. Verbindende Klammer scheinen aber wohl die Veränderungen eines vorwiegend ästhetisch definierten Landschaftsgefüges zu sein, die von bestimmten historischen Akteuren als negativ gegenüber dem möglicherweise idealisierten Vorzustand wahrgenommen wurden. Die Beiträge kreisen allerdings im Folgenden weniger um so etwas wie die Erschütterung einer Niederlausitzer Identität, sie befassen sich mehr mit der Wahrnehmung bestimmter ökologischer und ästhetischer Phänomene der Niederlausitz und konfrontieren sie mit den historischen Entwicklungen der Außenwelt. Fallstudien im zweiten Teil des Bandes behandeln die Entwicklung der Glashüttenwirtschaft, den Wasserhaushalt der Spree oder etwa den Braunkohlebergbau im Muskauer Faltenbogen.

Der erste Teil des Werkes enthält demgegenüber vier übergreifende Beiträge, die von frühneuzeitlichem Landschaftsverständnis im Allgemeinen über die ökonomischen und ökologischen Veränderungen in der Niederlausitz seit etwa 1800 bis zur Frage reichen, ob die Jahrhunderte lang an der Peripherie diverser Länder gelegene Niederlausitz nicht in bestimmter Hinsicht geradezu als europäisches Zentrum betrachtet werden kann. Der Beitrag von Helmut Maier über die "Verknotungen" der Niederlausitz in die europäische Elektrizitätswirtschaft (149-195) öffnet in dieser Hinsicht neue Perspektiven. Der Autor zeigt, dass sich hier mehrere europäische Hochspannungsfreileitungen trafen, die dank des Baus zentraler Umspannwerke und der Übertragung von Strom im Bereich von 100 Kilovolt die Distanz zwischen der Niederlausitzer Braunkohleverbrennung und dem Strombedarf in europäischen Metropolen aufhoben und zu einem veränderten Raum-Zeit-Gefüge beitrugen. Zu dem Ergebnis, dass industrialisierungsbedingte Neuerungen in der Niederlausitz nicht von vornherein als "Störung" wahrgenommen werden mussten, sondern dass "die Industrie [...] als ein typisches Element der Niederlausitz in das regionale Landschaftsbild mental integriert" wurde (133), kommt auch Dirk Maier in seinem Beitrag über die Wahrnehmung der Niederlausitz seit 1850 (119-147). Mit dem Aufkommen der Natur- und Heimatschutzbewegung entstanden umgekehrt freilich schon im frühen 20. Jahrhundert Überlegungen zur Rekultivierung von Naturlandschaften nach deren industrieller Nutzung.

Es scheint daher zu einfach, die Industrialisierung mit einer aufkommenden "Störung" der "Kulturlandschaft" Niederlausitz gleichzusetzen, wie dies im Beitrag von Günter Bayerl geschieht (115 und öfter). Auf der Basis einiger Reisebeschreibungen und landeskundlicher Werke um 1800 die Standortgebundenheit von Reiseschriftstellern zu konstatieren (40), aus ihren Berichten dann aber die Rückständigkeit der Niederlausitz und die soziale Statik ihrer Bevölkerung abzuleiten, ist unbefriedigend und scheint vor allem der Betonung der Zäsur um 1800 zu dienen. Damit bleibt der Beitrag manches Mal auf dem Stand des monumentalen Werkes von Rudolf Lehmann zur Niederlausitzer Geschichte von 1963 stehen. Lehmann selbst, der Doyen der niederlausitzischen Landesgeschichte, kommt dafür im Anhang des vorliegenden Bandes unkommentiert ausgerechnet mit dem Zitat aus seiner "Geschichte der Niederlausitz" zu Wort, es seien "deutsche Siedler" gewesen, "die Pionierdienste auch in dieser Landschaft leisteten und ihren sorbischen Schicksalsgenossen Wege und Ziele wiesen. Was die Niederlausitz wurde, wie sie es wurde, verdankt sie diesem Kulturwillen" (365). Im Rahmen des Bandes hätte es sich nicht nur gelohnt, über die Bedeutung der Sorben, sondern vor allem über die völkischen Verstrickungen Rudolf Lehmanns zu reflektieren, der unbenommen seiner Verdienste um die Geschichte der Niederlausitz seit den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts immer wieder mit solchen und ähnlichen Äußerungen aufwartete.

Problematisch ist, dass einige Beiträge über das Verhältnis von "Realität" und "Wahrnehmung", von "Störungen" und "Kulturlandschaften" kaum reflektieren. Der einleitende Text zur Konstruktion von Landschaft in der Frühen Neuzeit enttäuscht überdies durch sehr selektive Literaturrezeption, was zu fraglichen Schlüssen führt, die vor dem Hintergrund der mittlerweile breiten umwelt- und wahrnehmungsgeschichtlichen Forschung so nicht mehr zu halten sind. Als Fazit bleibt daher die Hoffnung, dass zukünftige Veröffentlichungen die Niederlausitzer Landes- und Umweltgeschichte stärker befruchten werden, als dieser Band es tut.

Alexander Schunka