Rezension über:

Christian Janecke (Hg.): Haar tragen. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2004, 308 S., ISBN 978-3-412-19103-0, EUR 29,90
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Rezension von:
Angela Koch
München
Redaktionelle Betreuung:
Maren Lorenz
Empfohlene Zitierweise:
Angela Koch: Rezension von: Christian Janecke (Hg.): Haar tragen. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/4600.html


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Christian Janecke (Hg.): Haar tragen

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Der Band "Haar tragen" geht auf eine Tagung im Jahr 2003 zurück, die von der TU Darmstadt und der Wella AG veranstaltet wurde. Er wurde um einige Beiträge erweitert und als grundlegendes Einführungswerk zum Thema "Das Kopfhaar in kulturwissenschaftlicher Perspektive" konzipiert. Der hier vorliegende Band legt einen Schwerpunkt auf den Aspekt des Haar-Tragens als soziale Praxis. Ein weiterer geplanter Band soll sich vor allem mit der künstlerischen Dimension, das heißt mit künstlerischen Visualisierungen und Inszenierungen, des Haar-Tragens beschäftigen.

Diese Unterscheidung ist, das sei gleich vorweg gesagt, nur wenig einleuchtend. Der Versuch des Herausgebers, das Haar-Tragen performanztheoretisch zu fassen, erscheint angesichts der Trennung der Themenfelder in soziale Praxis und Repräsentation widersprüchlich, da er die Repräsentation allein auf die medial-künstlerische Vermittlung bezogen sieht und den menschlichen Körper, die Sprache und das Handeln davon ausspart.

Christian Janecke versucht einleitend eine grundlegende kulturwissenschaftliche Fundierung der Beschäftigung mit dem Kopfhaar zu leisten. Dabei verortet er das Haar-Tragen im bekannten Spannungsfeld zwischen Körper und Kultur und will sowohl die historischen Dimensionen und die Geschlechterdifferenzen als auch einen subjektorientierten Ansatz berücksichtigen und mit der Idee des Haars als körperlichem Artefakt verbinden. Trotz ausgefeiltester Techniken hinsichtlich der Färbung, der Frisurenkunst, der Schnitte sind Konsistenz, Spannkraft, Masse der Haare und die spezielle Kopfform körperliche Gegebenheiten, die bei der weiteren Ausgestaltung immer eine Rolle spielen. Hierauf beziehen sich auch die Physiognomen, die in der Natur des Haars - und selbstverständlich auch in der Gestaltung am Kopf - charakterliche Aussagen zu treffen vermeinen (die Blondine kann hier als umstrittenstes und äußerst persistentes Beispiel erwähnt werden). Heike Jenß zeigt in ihrer Untersuchung zu aktuellen Sixties-Retrofrisuren, dass auch die scheinbar natürliche Konsistenz des Haares durch veränderte Pflegemethoden wandelbar ist; insofern werden heutzutage im Akt des Kopierens der 60er-Jahre-Frisuren neue Originale geschaffen. Die Selbstinszenierung beim Haar-Tragen, sei es durch Gesten, Erscheinungsformen, den Umgang mit Alterungsprozessen, identifiziert Janecke als herausragendes Moment. Es ist eng verzahnt mit der Wahrnehmung durch Andere, denn die Art des Haar-Tragens bezeichnet immer auch eine Gruppenzugehörigkeit, sei sie nun geschlechtlich, schichtspezifisch, altersbedingt oder auf eine bestimmte körperliche Verfasstheit verweisend. Gerade die geschlechtlichen Differenzen im Haar-Tragen deuten auf eine wichtige Dimension der Inszenierungen: die Repräsentationsfunktion der Frau. Sie zeigt sich unter anderem in den aufwändigsten Frisuren und Maskeraden, während das männliche Individuum und Subjekt mit einer sich stets wiederholenden, immer gleichen "typgerechten" Frisur (vergleiche den Beitrag von Svenja Kornher) als Mitglied einer bestimmten Statusgruppe erkennbar war. [1]

Janecke versucht sich dem Haar-Tragen immer wieder vermittels der kulturellen Praxis des Kleidens zu nähern, wobei das Kleid eben nicht in dem von ihm herausgestellten Spannungsfeld von Natur-Kultur zu verorten ist. Den meines Erachtens viel deutlicheren Bezug zur Haut, aus der das Haar nicht nur entspringt, sondern auch besteht (genauer: aus der Hornhaut der Epidermis und des Bindegewebes), unterschlägt er fast gänzlich. Gerade die Haut stellt in einem noch viel stärkeren Maße als das Haar ein gleichermaßen biologisches und kulturelles Phänomen dar. [2] Haut und Haar sind Orte der Markierung, der Inszenierung und des Austauschs. Dem Haar aber mangelt es im Unterschied zur Haut an Tiefe. Das Haar ist nicht überlebensnotwendig, es ist spürbar, aber nicht selbst empfindend. Insofern ist das Haar viel stärker ein Medium der Oberfläche als die Haut. Es könnte daher in einem Zwischenbereich zwischen Haut und Kleid verortet werden.

Die Vielzahl der sozialen Praxen des Haar-Tragens gliedert Janecke in die Bereiche "Haare bearbeiten", "Haare aufführen" und "Frisuren", denen sich die Autorinnen und Autoren aus den Disziplinen Geschichte, Kunstgeschichte, Soziologie, Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft und Pädagogik mit der üblichen Vielfalt an Perspektiven annähern.

Gerade im historischen Rückblick zeigt Angela Paul-Kohlhoff, dass der Friseurberuf nicht nur aufgrund der Koppelung von Frauenberuf und geringer Bezahlung gering geschätzt wird, sondern dass diese Abwertung auf einer lang tradierten Kombination von sexualisierter Körperarbeit und der Ende des 19. Jahrhunderts erfolgten Spezialisierung in Damen- und Herrenfrisiersalons beruht. Sie spricht daher von einer "Beibehaltung der Geringschätzung des Berufs" (60). Allerdings fragt sich hier vermutlich nicht nur die Rezensentin, wie die neuere Entwicklung der schicken Frisiersalons, in denen nicht nur selbstbewusste Männer, sondern auch Frauen als Designer und Designerinnen auftreten und für die wir regelmäßig eine Menge Geld hinlegen, einzuschätzen ist. Könnte der Beruf des Frisierens nicht wie alle anderen zeitgenössischen Körperkult- und Wellness-Berufe eine neue Aufwertung erfahren haben, die sich zumindest in den Großstädten längst schon durch eine Vielzahl an Hair-Design-Studios äußert? Tilmann Allert verweist diesbezüglich noch auf eine andere Entwicklung: Der Salon als Ort der Kommunikation und kreativen Gestaltung hat sich zum Workshop oder Studio gewandelt, in dem Friseurin und Kundin gleichermaßen am Projekt der Einmaligkeit und Individualität arbeiten.

Dem Wandel der Frisuren ist eine Vielzahl der Beiträge gewidmet, die jedoch nur dann inspirierend sind, wenn sie über eine Bestandsaufnahme und die bloße Frage der Frisur hinausgehen und eine Kontextualisierung mit anderen kulturhistorischen Phänomenen leisten. So bedienen die Aufsätze von Nicole Tiedemann und Norbert Grube über die langen Männerhaarmoden der 60er-Jahre Gemeinplätze über das Haar als widerständisches Moment. Interessant vor allem für die Hippie-Kultur hätten die Frage nach der Angleichung der geschlechtlichen Muster des Haar-Tragens und das Spannungsfeld zwischen androgynem männlichem Äußeren und persistentem männlichen Dominanzverhalten sein können.

Besonders pointiert beschreibt dagegen Alexander Schug die Entwicklung vom body management der Weimarer Republik zum Rassismus der 30er-Jahre. Der 'neue Mensch' der Weimarer Republik zeichnete sich durch die Möglichkeit der individuellen Selbstgestaltung bei gleichzeitiger normativer Anpassung aus. Das Styling des Körpers geriet zu einem sozialen wie marktwirtschaftlichen Kapital. Dabei galt das Kopfhaar als optimaler Ort der Selbstrepräsentation und wurde immer öfter gewaschen, gelegt und gepflegt. Gleichzeitig aber wurde das Gesichts- und Körperhaar im Zuge der zunehmenden Entblößung bekämpft, geschnitten und ausgerupft. Der Kunstkörper, so ließe sich ergänzend zu Schug konstatieren, sollte keine Spuren von Biologie oder gar Begehren aufweisen, sondern Sex höchstens verheißen. Die Selbstinszenierung, zu allen Zeiten ein politisches Phänomen, wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten existenziell. Blondes Haar verwies auf eine deutsche Herkunft und damit auf Dominanz und Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. Aber diese Attribute waren den Nationalsozialisten nicht eindeutig genug - die Markierungen und damit einhergehend die Entmenschlichung begannen.

Mehrere Aufsätze befassen sich mit dem Zusammenhang von Sexualität und Haar-Tragen, wobei insbesondere das Frauenhaar sowohl zur Projektionsfläche sexueller Männerfantasien wird als auch Zeichencharakter für den sexuellen Status der Frau hat. Der Beitrag von Christine Künzel beschäftigt sich hier im Unterschied zu den meisten anderen Aufsätzen mit der Unordnung des Haars: dem wirren Haar. Diese Symbolik tritt in Erzählungen und Bildern von sexueller Gewalt auf und hat ihren Ursprung in der mittelalterlichen Rechtsprechung und der antiken Liebesmetaphorik. Das gesträubte Haar einer Frau repräsentiert den Akt der sexuellen Gewalt als sichtbares Zeichen vor Dritten, denn sexuelle Gewalt hinterlässt vor allem Verletzungen im Inneren (des Körpers, in der Psyche), damit wird sie oft nicht wahrgenommen. Das geraufte Haar des Opfers vor Gericht ist einerseits als imitierender und wiederholender Akt zu verstehen, der die Gewalttat anschaulich macht, andererseits als Akt der Abwehr und des Schreckens. Das wirre Haar vor Gericht ist insofern als ein performativer Akt zu verstehen, der sowohl die Tat (gesträubtes Haar) als auch den Widerstand dagegen (gerauftes Haar) sichtbar machen soll.

Auch wenn einige der Aufsätze eher auf der Abbildungsebene des Haar-Tragens verharren und eine "kulturwissenschaftliche Annäherung" vermissen lassen, so bietet der Band doch ein reichhaltiges Spektrum an Analysen, welche die Inszenierung des Kopfhaars als kulturelles Phänomen und Zeichen mit Verweiskraft begreifen. Haar-Tragen ergänzt somit die bestehenden historisch-anthropologischen Untersuchungen zum Körper und wirft einen erfrischenden Blick auf ein scheinbar banales Alltagsphänomen. Mit Spannung kann der zweite Band erwartet werden, der eine Auseinandersetzung mit den kulturellen Repräsentationen des Haars verspricht.


Anmerkungen:

[1] Vergleiche zum Beispiel zum bürgerlichen Anzug Sabina Brändli: "Der herrlich biedere Mann": Vom Siegeszug des bürgerlichen Herrenanzuges im 19. Jahrhundert, Zürich 1998.

[2] Sara Ahmed / Jackie Stacey (Hg.): Thinking through the skin, London 2001; Claudia Benthien: Haut. Literaturgeschichte, Körperbilder, Grenzdiskurse, Reinbek bei Hamburg 1999; Mike Featherstone (Hg.): Body Modification, London 2000.

Angela Koch