Rezension über:

Ernst W. Wies: Kaiser Maximilian I. Ein Charakterbild, München / Esslingen: Bechtle 2003, 264 S., ISBN 978-3-7628-0570-0, EUR 22,90
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Rezension von:
Reinhard Seyboth
Regensburg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Reinhard Seyboth: Rezension von: Ernst W. Wies: Kaiser Maximilian I. Ein Charakterbild, München / Esslingen: Bechtle 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/4766.html


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Ernst W. Wies: Kaiser Maximilian I.

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Es unterliegt kaum einem Zweifel, dass Kaiser Maximilian I. zu den faszinierendsten Monarchen der älteren deutschen Geschichte zählt. Wer eine Vorliebe für besondere Attribute hat, mag ihn gar als glamourös bezeichnen und seinen Hang zu gewissen Extravaganzen in der Lebensführung herausstellen. Diese besondere Stellung des Habsburgers gründet sich zum einen auf der unverwechselbaren Individualität seiner Person, hängt aber auch mit dem speziellen Charakter der Epoche Maximilians zusammen.

So vielstrapaziert und bisweilen unangebracht der Begriff "Zeitenwende" auch sein mag - für die Lebensjahre Maximilians von 1459 bis 1519 trifft er sicherlich zu. Der auf vielen Gebieten sichtbare und spürbare Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit spiegelt sich auch in der Persönlichkeit dieses Kaisers wider, der wie kaum ein anderer typische Kennzeichen einer zu Ende gehenden Epoche und Merkmale eines heraufziehenden neuen Zeitalters in sich vereinigte. War seine Herrschaft auch noch stark mittelalterlichen Traditionen verhaftet, so hatte Maximilian doch ein ausgeprägtes Gespür, ja geradezu eine Witterung für neue Trends und die sich daraus für ihn ergebenden Möglichkeiten. Unter anderem beteiligte er sich bedenkenlos an dem Ende des 15. Jahrhunderts allmählich beginnenden Machtkampf der europäischen Staaten um die Erweiterung ihrer Einflusssphären, für politische Propagandazwecke bediente er sich eifrig der wenige Jahrzehnte zuvor von Johannes Gutenberg erfundenen neuen Drucktechnik und scheute sich auch nicht, mithilfe der reichen Finanzressourcen der Fugger und anderer frühkapitalistischer Kaufmannsfamilien seine stets schwierige, häufig sogar prekäre finanzielle Lage zu verbessern. Auch auf dem Gebiet des Militärwesens und der Waffentechnik zeigte sich der ständig in Kriege und Konflikte verwickelte Habsburger innovativ und fortschrittlich, unter anderem durch den Einsatz von Landsknechtsheeren.

Die so überaus faszinierende und facettenreiche Gestalt Maximilians hat denn auch die Fantasie der Historiker zu allen Zeiten in besonderer Weise angeregt. Immer wieder stellten sie sich der Herausforderung, dieser komplexen, oftmals widersprüchlichen Herrschergestalt gerecht zu werden. Aus der langen Reihe der Maximilian-Biografen ist - neben Heinrich Ulmann im 19, Jahrhundert - vor allem Hermann Wiesflecker hervorzuheben, der die Erforschung des großen Habsburgers geradezu zu seinem Lebenswerk gemacht und neben zahllosen Einzelstudien eine monumentale fünfbändige Biografie über ihn vorgelegt hat, die mit ihrer Detailfülle noch auf Jahrzehnte hinaus als maßgebliche Maximilian-Publikation zu gelten hat.

Darüber hinaus hat sich die historische Forschung in den letzten Jahrzehnten auch editorisch sehr eingehend mit der Person und der Politik Maximilians I. beschäftigt. Erwähnt seien vor allem die bislang erschienenen Hefte der "Ausgewählten Regesten des Kaiserreiches unter Maximilian I." sowie die "Deutschen Reichstagsakten unter Maximilian I.", von denen bis dato zehn Teilbände vorliegen. Zusammengenommen enthalten diese Editionen eine enorme Fülle an Quellenmaterial zur maximilianeischen Außen-, Innen- und Familienpolitik, zu den künstlerischen, literarischen und sonstigen Neigungen des Kaisers in den ersten knapp zwanzig Jahren seiner Regierung

Diese wenigen Bemerkungen zur Komplexität der Person und Herrschaft Maximilians und zum aktuellen Stand ihrer Erforschung verfolgen an dieser Stelle durchaus keinen Selbstzweck, vielmehr sollen sie eine ungefähre Vorstellung davon vermitteln, vor welch große Aufgaben und Herausforderungen sich ein Historiker gestellt sieht, der einen weiteren neuen Versuch unternimmt, diesen Monarchen biografisch zu erfassen. Das hier anzuzeigende Ergebnis hinterlässt - um es vorweg zu sagen - einen recht zwiespältigen Eindruck. Dass das einbändige Werk streng wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügt, darf man ihm beziehungsweise seinem Verfasser, der bereits eine ganze Reihe populärwissenschaftlicher Biografien über bedeutende mittelalterliche Persönlichkeiten von Karl dem Großen bis Albrecht Dürer verfasst hat, nicht anlasten. Hauptzielgruppe all seiner Werke ist sicherlich nicht die historische Fachwelt, sondern ein breiteres geschichtlich interessiertes Publikum.

Dieses mag aus dem vorliegenden Buch auch durchaus einigen Nutzen ziehen. Alle wichtigen Stationen und Ereignisse im Leben Maximilians sind berücksichtigt und werden in farbiger und bilderreicher, wenn auch zum Teil nicht mehr ganz zeitgemäßer Sprache geschildert. Der Leser erhält dadurch einen anschaulichen, bisweilen sogar spannenden, von der Wiederholung alter Klischees allerdings nicht freien Einblick in die bewegte Lebenswelt Kaiser Maximilians. Als leichte und unterhaltsame Lektüre ist das Buch also gut zu gebrauchen.

Problematisch wird es immer dort, wo von komplexen oder theoretisch-abstrakten Sachverhalten die Rede ist, wie etwa den Verfassungsverhältnissen im spätmittelalterlichen Reich, die im Zentrum einer jahrzehntelangen machtmäßigen Auseinandersetzung zwischen Maximilian und den Reichsfürsten standen. Mit solchen in der Tat schwierigen Zusammenhängen ist die Darstellung völlig überfordert und gelangt zu Aussagen, die die behandelten Probleme auch nicht annähernd adäquat erfassen. Hier macht sich deutlich bemerkbar, dass - wie ein Blick in das Quellen- und Literaturverzeichnis zeigt - viele zentrale Werke der Maximilianforschung, darunter sämtliche oben genannten Editionen und etliche Darstellungen, überhaupt nicht oder - wie etwa die Biografie von Wiesflecker - nur ganz punktuell berücksichtigt wurden.

Im Vergleich zu diesen strukturellen Defiziten wäre es ein Leichtes gewesen, etliche sachliche Detailfehler zu vermeiden. Nur einige wenige davon seien herausgegriffen. So wird etwa die Stadt Mecheln in Brabant fälschlich "Mechelen" (118), der ungarische König Matthias Corvinus ebenso unrichtig "Corvinius" geschrieben (117). 1486 wählten nicht sieben Kurfürsten den jungen Maximilian in Frankfurt zum römischen König (121), sondern nur sechs, da der Siebte, König Wladislaw II. von Böhmen, aus politischen Gründen nicht zur Wahl geladen worden war. Diese und weitere Missgriffe hätten mit mehr Sorgfalt und genauerer Lektüre der Sekundärliteratur durchaus vermieden werden können.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass das vorliegende Werk dem bestehenden Maximilianbild kaum neue Facetten hinzuzufügen vermag. Um die Erforschung dieses Monarchen weiter voranzubringen, fehlen ihm wesentliche methodische Voraussetzungen. Als Einstieg in die Beschäftigung mit dem großen Habsburger ist es hingegen durchaus brauchbar.

Reinhard Seyboth