Rezension über:

Manfred Hildermeier: Die Sowjetunion 1917-1991 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte; Bd. 31), München: Oldenbourg 2001, IX + 235 S., ISBN 978-3-486-56179-1, EUR 24,80
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Rezension von:
Hans-Henning Schröder
Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen
Empfohlene Zitierweise:
Hans-Henning Schröder: Rezension von: Manfred Hildermeier: Die Sowjetunion 1917-1991, München: Oldenbourg 2001, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/5425.html


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Manfred Hildermeier: Die Sowjetunion 1917-1991

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Die Auflösung der Sowjetunion Ende des Jahres 1991 haben mehrere Verlage zum Anlass genommen, Überblickswerke zur russischen und zur sowjetischen Geschichte auf den Markt zu bringen. Das war einerseits einem verstärkten öffentlichen Interesse geschuldet, andererseits erlaubte der Untergang der UdSSR auch einen neuen Blick auf ihre historische Rolle. Nun ist eine Neubewertung des sowjetischen Gesellschaftsmodells als "historische Alternative" möglich, und viele Ereignisse der russisch-sowjetischen Geschichte - wie etwa die "Oktoberrevolution" - erscheinen in einem anderen Licht.

Allerdings leiden alle neuerschienenen Werke unter einem ähnlichen Mangel: Grundlegend neue Erkenntnisse auf der Basis der nun wenigstens teilweise offenen Archive standen zunächst nicht zur Verfügung. Erst allmählich gewann die Geschichtswissenschaft Einblick in die arcana des Stalin-Regimes. Die Aufarbeitung der dreißiger Jahre machte Fortschritte, und in den letzten Jahren begann die Forschung sich mit der Nachkriegszeit zu befassen. Für die Chruščev-Jahre und die Brežnev-Zeit hingegen liegen noch keine neuen Studien vor. Für diese Phase greifen die Überblicksdarstellungen daher auf die zeitgenössischen westlichen Arbeiten zurück und arbeiten in der Regel die heute zugänglichen Informationen nicht systematisch auf. Auch die vorliegende Arbeit, die in der Reihe "Oldenbourgs Grundrisse der Geschichte" erschienen ist, steht unter diesem Vorbehalt.

Die "Grundrisse" sind als eine besondere Form der Überblicksdarstellung gedacht, die sich an den "nacharbeitenden Historiker, insbesondere den Studenten und Lehrer" wenden, der damit an den aktuellen Forschungsstand herangeführt werden und in die Lage versetzt werden soll, sich mit einem Gegenstand vertieft auseinanderzusetzen. Daher verbinden die "Grundrisse" eine vergleichsweise knappe Skizze der historischen Entwicklung mit einem Abschnitt, der die wichtigsten Grundprobleme der Forschung anspricht, und einer ausführlichen Bibliografie, die es dem Leser ermöglicht, eigenständig weiterzuarbeiten.

Dieses ausgesprochen produktive Konzept wird von Manfred Hildermeier klug umgesetzt. Im ersten Abschnitt gibt er auf 100 Seiten einen Abriss der sowjetischen Geschichte von 1917 bis 1991. In souveräner Manier schildert er Ursachen und Verlauf der Revolution von 1917 und macht deutlich, wie das Regime der Bolschewiki im Bürgerkrieg herausgeformt wurde. Er stellt die Neue Ökonomische Politik dar und zeigt, wie sich, während die Wirtschaft nach der Katastrophe des Kriegskommunismus wieder Tritt fasste, innerhalb der alleinregierenden Partei eine autoritäre Führungsfigur durchsetzte. Die Ausbildung des stalinistischen Regimes in einer Phase sozialen und ökonomischen Umbruchs, als in den dreißiger Jahren forcierte Industrialisierung, Kollektivierung der Landwirtschaft und gesellschaftliche Mobilisierung Hand in Hand mit Massenrepressionen ging, wird knapp und treffend dargestellt. Auf dieser Skizze baut der Bericht über die Ausformung des Systems in der Phase des "Großen Vaterländischen Krieges" und im Wiederaufbau "nach altem Muster" auf. Im Anschluss daran zeigt der Autor das Auf und Ab der Entstalinisierung in der Chruščev-Ära und den Aufstieg der UdSSR zur "anderen Supermacht" in den Brežnev-Jahren, die im Innern aber durch Vergreisung, Bürokratisierung und wirtschaftliche Stagnation gekennzeichnet war. Zum Schluss skizziert er mit wenigen Strichen den Versuch zur Systemreform, den Gorbačev unternahm, und den Zerfall des Staatsverbandes im Jahre 1991. Die Überblicksdarstellung ist knapp, aber inhaltsreich und spiegelt den aktuellen Forschungsstand wider.

Im zweiten Block thematisiert Hildermeier die wichtigsten Forschungskontroversen. Naturgemäß stellt er zunächst die Schlüsselfrage, nach den Ursachen für die historische Wende von 1917. War das zaristische Regime vor 1914 unreformierbar und deshalb auf Grund innerer Widersprüche zum Untergang verurteilt oder handelte es sich um einen historischen "Zufall" - Zerrüttung durch den Krieg, Versagen der bürgerlichen Politiker respektive Verschwörung der Bolschewiki? Hildermeier referiert die Kontroversen nüchtern, er versucht nicht, dem Leser ein Urteil aufzudrängen. Die überkommenen Debatten der Linken, ob Trotzki, Lenin oder Stalin den entscheidenden Beitrag zur Revolution geleistet habe, lässt er mit Recht beiseite. Vielleicht hätte er aber stärker auf die Diskussion darüber eingehen können, wie sich Agrarrevolution und städtischer Umsturz zueinander verhielten - welche Rolle den Sowjets, der Konstituante oder der Bauernbewegung jeweils zukam. Nach dem Umbruch von 1917 hat die Wende von 1928/29, der Abbruch der NĖP sowie der Übergang zu Kollektivierung und forcierter Industrialisierung eine intensive Diskussion ausgelöst, die Hildermeier in den wesentlichen Punkten referiert. Er zeigt auch, dass die zentrale Frage nach dem Charakter des Stalinismus in der Forschung ganz unterschiedlich beantwortet wird. Das Spektrum der Deutungsansätze reicht vom theoriegeleiteten Konzept totalitärer Herrschaft über empiriegesättigte Sozialgeschichte bis hin zu einer Neubewertung des persönlichen Faktors.

Hildermeier veranschaulicht, wie sich mit der Öffnung der Archive Erklärungsmuster verschoben und fortentwickelt haben, er geht auch auf die Frage der Massenrepressionen ein, deren Ursachen und Ausmaß erst jetzt fassbar werden. Im Kontext des Krieges greift er drei Themen heraus: den Hitler-Stalin-Pakt, den Kontext des Angriffs 1941 - Hildermeier macht noch einmal deutlich, dass die Fachwissenschaft durchweg und mit guten Gründen die Präventivkriegsthese ablehnt - und den Zusammenhang von Stalinismus und Krieg.

Die Jahre seit dem Kriegsende, die immerhin fast zwei Drittel der gesamten sowjetischen Geschichte ausmachen, werden vergleichsweise kurz behandelt. Das überrascht nicht, da die Geschichtswissenschaft erst jetzt damit beginnt, die unmittelbaren Nachkriegsjahre aufzuarbeiten und sich mit Chruščev und Brežnev noch gar nicht ernsthaft befasst hat. Es ist allerdings bedauerlich, dass der "Grundriss" die Stalinschen Nachkriegsjahre 1945-1953 ganz außer acht lässt. Denn hier liegen mittlerweile erste Studien über Wiederaufbau, gesellschaftlichen Strukturwandel und Wiederbelebung der Repressionen vor, die eine Erwähnung verdient hätten. Die innere Entwicklung der Chruščev-Jahre, die durch Neuordnung des Herrschaftssystems und sozialen Strukturwandel gekennzeichnet war, hätte man ebenso thematisieren können wie den Prozess der Entstalinisierung.

In den Brežnev-Jahren sind noch viele Fragen offen. Hildermeier referiert die zeitgenössischen westlichen Deutungsversuche von Alfred G. Meyers "USSR Inc." über das Interessengruppenmodell von Skilling/Griffith bis hin zum Konzept des "bürokratischen Sozialismus". Es wäre sicher hilfreich gewesen, wenn er auf einige neuere Deutungsversuche eingegangen wäre, insbesondere Kornais Analyse der politischen Ökonomie des Kommunismus [1] und das Konzept des "administrativen Marktes". Die Untersuchung der informellen Beziehungsnetzwerke hat erst begonnen [2], doch aus ihnen werden wir sehr viel mehr über die Funktionsweise der sowjetischen Gesellschaft erfahren, als wir bisher wissen. Bei der Bewertung der Politik der Brežnev-Ära wäre die Frage des Rüstungswettlaufs und der Militarisierung von Wirtschaft und Gesellschaft einer näheren Betrachtung wert gewesen [3]. Auch die Innovationsunfähigkeit der sowjetischen Ökonomie und die Bedeutung der "Informatisierung" mit ihren Implikationen für Gesellschaft und Herrschaftssystem müssen thematisiert werden, wenn man sich mit der Situation in der Sowjetunion am Ende der Brežnev-Ära auseinandersetzt.

Wenn der "Grundriss" all diese Fragen nicht aufgreift, so spiegelt sich darin der Forschungsstand wider. Die Geschichtswissenschaft ist bisher nicht über die unmittelbaren Nachkriegsjahre hinausgelangt, und die Politikwissenschaft hat es bisher nicht der Mühe für wert gehalten, sich im Rückblick systematisch mit der sowjetischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auseinanderzusetzen, obwohl sich aus den Mustern, die hier erkennbar wären, Erklärungen für den Transformationsprozess hätten ableiten lassen.


Anmerkungen:

[1] János Kornai: Das sozialistische System. Die politische Ökonomie des Kommunismus, Baden-Baden 1995.

[2] A.V. Ledeneva: Russia's Economy of Favours. Blat, Networking and Informal Exchange, Cambridge 1998.

[3] Vgl. dazu die Studien von C.G. Gaddy: The Price of the Past. Russia's Struggle with the Legacy of a Militarized Economy, Washington, D.C. 1996; J. Sapir: Logik der sowjetischen Ökonomie oder die permanente Kriegswirtschaft, Münster / Hamburg 1992.

Hans-Henning Schröder