Rezension über:

Karl-Reinhart Trauner: Identität in der Frühen Neuzeit. Die Autobiographie des Bartholomäus Sastrow (= Geschichte in der Epoche Karls V.; Bd. 3), Münster: Aschendorff 2004, 424 S., ISBN 978-3-402-06572-3, EUR 55,00
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Rezension von:
Lorenz Heiligensetzer
Universitätsbibliothek Basel
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Lorenz Heiligensetzer: Rezension von: Karl-Reinhart Trauner: Identität in der Frühen Neuzeit. Die Autobiographie des Bartholomäus Sastrow, Münster: Aschendorff 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/6252.html


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Karl-Reinhart Trauner: Identität in der Frühen Neuzeit

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Zu den in der Selbstzeugnisforschung oft zitierten Quellen gehört die faszinierende Autobiografie des Stralsunder Bürgermeisters Bartholomäus Sastrow (1520-1603). Während zu vergleichbaren Referenztexten des 16. Jahrhunderts bereits Monografien vorliegen - zum Beispiel für Ludwig von Diesbach oder Hermann Weinsberg [1] -, schließt nun Karl-Reinhart Trauner in seiner an der Universität Wien verfassten Dissertation diese Lücke für den pommerschen Protestanten Bartholomäus Sastrow. Sein Interesse an diesem Einzeltext begründet Trauner in der Einleitung (Teil 1) historisch-anthropologisch, geht es ihm doch nicht darum, "die Geschichte eines konkreten Menschen nachzuzeichnen, sondern den konkreten Menschen in seiner Geschichtlichkeit zu erfassen" (37). Sastrows deutschsprachige Lebensbeschreibung dient ihm dabei als Ausgangspunkt, um im Sinne einer Fallstudie Aussagen zum Selbstverständnis - beziehungsweise zur Identität (wie im Titel angegeben) - eines Vertreters aus dem protestantischen Bürgertum Norddeutschlands der zweiten Reformations-Generation zu machen.

Bevor sich Trauner jedoch solchen inhaltlichen Fragestellungen zuwendet, führt er zunächst in die Lebensgeschichte Sastrows (Teil 2) ein und präsentiert dessen Autobiografie (Teil 3), die Sastrow 1595 im Alter von 75 Jahren zu schreiben begonnen hatte. Zu Recht legt Trauner dabei sein Augenmerk auf die auffälligen Gewichtungsunterschiede, die Sastrow in seinem vierteiligen Werk den verschiedenen Lebensphasen zukommen ließ. Denn Teil 1 der Lebensbeschreibung befasst sich mit der in Greifswald, Stralsund und Rostock verbrachten Jugend sowie den Ausbildungs- und Wanderjahren bis 1546. Teil 2 und 3 beschäftigen sich dagegen mit wesentlich kürzeren Zeitspannen, nämlich seiner Dienstzeit im Sold der pommerschen Herzöge (bis 1550) sowie der Zeit seiner Eheschließung und freiberuflichen Tätigkeit als Notar in der Heimatstadt Greifswald (bis 1555). Teil 4 hat wahrscheinlich wieder eine längere Zeitspanne abgehandelt - Sastrows Jahre als Stadtschreiber, Ratsherr und Bürgermeister der Nachbarstadt Stralsund -, doch da dieser Teil verloren gegangen ist beziehungsweise vermutlich vernichtet wurde, wissen wir nichts Genaueres darüber.

Trauner hat die in Stralsund aufbewahrte zweibändige Originalhandschrift - vermutlich das Werk eines Schreibers, mit eigenhändigen Nachträgen und Korrekturen Sastrows - konsultiert, zitiert jedoch ansonsten aus der annähernd originalgetreuen Edition Mohnikes von 1823/4. [2] Plausibel legt er im Rahmen seiner Textanalyse (Form, Inhalt, Motive) dar (Teil 3), dass wesentliche Teile des Selbstzeugnisses auf älteren Vorlagen beruhen müssen (Tagebücher, Gesandtschaftsberichte), oder kommt anhand verschiedener Beobachtungen zum Schluss, dass entgegen Sastrows eigener Vorgabe der Adressatenkreis weit über die eigene Familie hinausreicht. Ob allerdings erst ein gewisser Grad an expliziter Selbstreflexion gattungsmäßig aus einem "'Ego'-Dokument" eine "'Auto'-Biographie" macht (126), wie Trauner vorschlägt, muss möglicherweise nochmals überdacht werden, denn ist nicht mit jedem autobiografischen Schreiben - und dem damit verbundenen Zwang zur Auswahl und Anordnung einzelner Begebenheiten - ein reflexives Moment verbunden?

Im ersten der beiden Teile, in denen sich Trauner inhaltlich mit Sastrows Lebensbeschreibung auseinandersetzt, analysiert er die Art von dessen Geschichtsschreibung, wobei hier die präzisen reformationsgeschichtlichen Kenntnisse Trauners auffallen (Teil 4). Zu den Eigentümlichkeiten des autobiografischen Werks gehört nämlich, dass große Partien chronikalisch geprägt sind und der Text somit nicht nur Selbst-, sondern auch Zeitzeugnis ist. Sastrow wollte dabei nicht nur einen Beitrag zum Verständnis der Zeitgeschichte liefern, sondern er verstand sein Schreiben erklärtermaßen auch als Korrektiv zur zeitgenössischen Historiografie. Um sich dafür zu autorisieren, legte Sastrow im Rahmen seiner Darstellung großen Wert auf eigene Augenzeugenschaft. Sein historisches Urteil gründete dabei, wie Trauner herausarbeitet, auf einer reformationsfreundlichen Haltung sowie einem akzentuiert patrizischen Standpunkt, der jegliche Bedrohung der bestehenden Ständeordnung entschieden verurteilte. Dies bedeutet, dass Sastrow sich also eng mit jenem Stand identifizierte, in den er sich selbst - als Enkel eines Bauern und Sohn eines Kaufmanns - erst gerade hinaufgearbeitet hatte.

Der letzte Teil der Studie befasst sich mit dem religiös-kirchlichen Selbstverständnis Sastrows (Teil 5), und hier - in der Aufschlüsselung der konfessionellen Haltung des Autobiografen sowie seiner Glaubensvorstellungen - finden sich die stärksten Passagen von Trauners Buch. Ursprünglich noch katholisch sozialisiert, erzählt Sastrow, so Trauner, in der Folge keine Konversionsgeschichte, sondern die Geschichte einer allmählichen "Bewusstwerdung des bereits erworbenen Selbstverständnisses" (299). Erst parallel zur zunehmenden Verhärtung der religiösen Fronten in den 1540er-Jahren stellt Trauner dabei eine deutlich konfessionalisiertere Schreibhaltung in Sastrows Autobiografie fest. Für die toleranteren Züge in der Darstellung des Stralsunder Bürgermeisters mag dabei die hübsche Passage als Beleg dienen, in der Sastrow anlässlich seiner Italienreise aus lauter Disputierlust in einer Diskussion den katholischen Part übernahm (298). Der Wandel in der konfessionellen Selbstdarstellung wird im Übrigen, wie Trauner aufmerksam anmerkt, auch durch eine terminologische Verschiebung Sastrows markiert. Hatte er die reformatorisch Gesinnten zunächst als 'Christen' bezeichnet, begann er erst mit voranschreitendem Erzählverlauf die konfessionsbildenden Begriffe 'evangelisch' und 'papistisch' zu verwenden.

Trauner weist weiter nach, dass Sastrow zahlreiche typisch reformatorische Denkfiguren in seinen Text mit aufnahm (Lutherverehrung, Papst als Antichrist, Romabneigung, Antiklerikalismus) und - wie der Vergleich mit Luther-Schriften zeigt - mit seinen religiösen Vorstellungen fest in der evangelischen Glaubenstradition stand. Als Beleg dafür dienen ihm die vielen Bibelzitate, der Teufels- und Engelsglaube Sastrows, die Ablehnung von Aberglauben oder das Fehlen jeglichen Heiligenkults und jeglicher Marienfrömmigkeit. Religiöses Hauptthema der autobiografischen Schrift ist jedoch der Glaube an die göttliche Vorsehung, die sowohl in rettender wie strafender Hinsicht ständig in der Lebensgeschichte präsent ist. Überhaupt deutet Trauner die Autobiografie Sastrows im Kern als Providenzgeschichte: "Das eigene Leben wird als Heilsgeschichte dargestellt, die eigene Vita dient [...] als Exempel für das gnädige Handeln Gottes an den Menschen" (317). Mit dieser didaktischen Zwecksetzung - an die eigenen Kinder gerichtet - ordnet sich das Selbstzeugnis Sastrows in das damals gängige Muster autobiografischen Schreibens ein.

Selbstzeugnisse sind, wie Trauner richtigerweise anmerkt, zwar subjektiv geprägte Quellen, doch können gerade die darin enthaltenen "Ansichten und Beurteilungen, Einstellungen" (14) zum Gegenstand historischer Forschung werden. Für den Bereich des Religiösen hat Trauner anhand der Lebensbeschreibung Sastrows eine spannend zu lesende Analyse erstellt. Darüber hinaus informiert die Untersuchung Trauners verlässlich über Sastrows Lebensgeschichte sowie dessen Autobiografie, wobei ein Personen-, Orts- und Sachregister die Benützung der Studie erleichtert; ein zusammenfassender Schlussteil fehlt jedoch leider. Sastrows Autobiografie ist in der Forschung zwar schon öfters behandelt worden [3], zudem schöpft Trauners Studie ausschließlich aus gedruckter Literatur und verzichtet auf den Einbezug von Archivquellen. Dies soll jedoch nicht das Verdienst des Autoren schmälern, erstmals eine Gesamtwürdigung zu einem zentralen Referenztext des 16. Jahrhunderts vorgelegt zu haben.


Anmerkungen:

[1] Urs Martin Zahnd: Die autobiographischen Aufzeichnungen Ludwig von Diesbachs. Studien zur spätmittelalterlichen Selbstdarstellung im oberdeutschen und schweizerischen Raume, Bern 1986; Gérald Chaix: De la cité chrétienne à la métropole catholique. Vie religieuse et conscience civique à Cologne au XVIe siècle, 3 Bände, Straßburg 1994.

[2] Gottlieb Christian Friedrich Mohnike (Hg.): Bartholomäi Sastrowen Herkommen, Geburt und Lauff seines gantzen Lebens, auch was sich in dem Denkwerdiges zugetragen, so er mehrenteils selbst gesehen und gegenwärtig mit angehöret hat, von ihm selbst beschriben, 3 Teile, Greifswald 1823/24.

[3] Hans-Rudolf Velten: Das selbst geschriebene Ich. Eine Studie zur deutschen Autobiographie im 16. Jahrhundert, Heidelberg 1995, 122-130; Stephan Pastenaci: Erzählform und Persönlichkeitsdarstellung in deutschsprachigen Autobiographien des 16. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur historischen Psychologie, Trier 1993, 27-48.

Lorenz Heiligensetzer