Rezension über:

Gerard Labuda / Stanisław Salmonowicz (Hgg.): Historia Pomorza [Geschichte Pommerns], Bd. 3 (1815-1850), T. 3: Kultura artystyczna i umysłowa. [Kunst- und Geistesgeschichte], Poznań: Wydawnictwo Poznańskiego Towarzystwa Przyjaciół Nauk 2001, 268 S., ISBN 978-83-7063-326-4
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Gerard Labuda / Stanisław Salmonowicz (Hgg.): Historia Pomorza [Geschichte Pommerns], Bd. 4 (1850-1918), T. 1: Ustrój, gospodarka, społeczeństwo [Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft], Poznań: Wydawnictwo Poznańskiego Towarzystwa Przyjaciół Nauk 2000, 501 S., ISBN 978-83-87639-35-8
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Gerard Labuda / Stanisław Salmonowicz: Historia Pomorza [Geschichte Pommerns], Bd. 4 (1850-1918), T. 2: Polityka i kultura [P, Poznań: Wydawnictwo Poznańskiego Towarzystwa Przyjaciół Nauk 2002, 567 S., ISBN 978-83-87639-46-4
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Rezension von:
Hans-Jürgen Bömelburg
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Marco Wauker
Empfohlene Zitierweise:
Hans-Jürgen Bömelburg: Historia Pomorza / Geschichte Pommerns (Rezension), in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/6994.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Historia Pomorza / Geschichte Pommerns

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Das polnische Handbuchprojekt einer Geschichte Pommerns und Ost- und Westpreußens - so die Übersetzung des polnischen Titels in der mehrheitlich im Deutschen verwandten regionalgeschichtlichen Terminologie - wird bereits seit 40 Jahren betrieben. Mit dem vorzustellenden Teilband wird Band 3 abgeschlossen; erschienen ist seit 2000 auch Band 4 in zwei Teilbänden. Diese Veröffentlichungen zeigen, dass die Arbeit an dem Handbuch trotz der Umbrüche in der polnischen Geschichtswissenschaft, die zeitweise das Gesamtprojekt gefährdeten, fortgeführt wurde, und beweisen die Bedeutung, die der Darstellung zugemessen wird. Deshalb sollten die von 16 Autoren mit circa 30 Beiträgen verfassten Bände in der pommerschen und preußischen Landesgeschichte wie auch in der ostmitteleuropäischen Geschichte zur Kenntnis genommen werden. Weiterhin ist historiographie- wie beziehungsgeschichtlich von Bedeutung, inwieweit der Übergang von einer gelenkten Geschichtswissenschaft in der Volksrepublik Polen zu einer freien Wissenschaftspraxis in den vorliegenden Bänden zu einer Neukonzeption und veränderten Akzentuierung führte.

Anhand der vorliegenden Bände kann schließlich diskutiert werden, inwieweit das "Pomorze"-Paradigma wissenschaftlich fruchtbar ist, da ausschließlich in dem Zeitraum 1815-1918, den die vorliegenden Bände behandeln, alle Teile der Großregion in einem Staat vereinigt waren und die für die älteren wie neuesten Epochen auftauchenden erheblichen darstellerischen Probleme entfallen. In der Gliederung findet dies seinen Ausdruck darin, dass im Unterschied zu den älteren Bänden nun auf eine Aufteilung in "Pomorze Zachodnie" (Pommern) und "Pomorze Wschodnie" (Ost- und Westpreußen) gänzlich verzichtet und ein synthetischer Zugriff gewagt wird.

Inhaltlich weisen die Bände 3 und 4 eine Vierteilung auf, nach der einleitend 1) Verwaltung und Demographie (circa 10% der Druckseiten), 2) die sozioökonomischen Verhältnisse (40%), 3) die politische Geschichte (20%) und 4) kulturelle Probleme (20-30%) behandelt werden, worunter auch die materielle Kultur, das Schul- und Pressewesen, Literatur, Theater, Musik, bildende Kunst und (nur in Band 4) Religion und Konfession subsumiert werden. Erkennbar wird in dieser Aufschlüsselung das starke Gewicht der wirtschafts- und gesellschaftsgeschichtlichen Ausführungen, das bereits in den älteren Bänden zu beobachten war.

Neben dieser formalen Schwerpunktsetzung sind folgende Sektoren und Teilprobleme einer Regionalgeschichte durch eine besonders ausführliche Darstellung herausgehoben: 1) Im Vordergrund steht die Beschreibung der Agrargeschichte und der ländlichen Gesellschaft, während der Stadtgeschichte und der städtischen Kultur deutlich weniger Platz zugewiesen wird, als deren Einwohnerschaft um 1900 ausmachte (um 1900 27-40% der Gesamtbevölkerung). Sichtbar wird dies in den entsprechenden Abschnitten zur ländlichen (60 Seiten) und städtischen Gesellschaft (15 Seiten). Im Bereich der materiellen Kultur setzt sich diese Akzentuierung in einer Heraushebung insbesondere der kaschubisch-masurischen Dorfkultur und Volkskunde (Bände 4 und 2, 228-270) fort, während auf die Großstadtkultur zweieinhalb Seiten entfallen. 2) In der politischen Geschichte werden der katholisch-polnischen Nationalbewegung sowie der Sprachen- und Minderheitenpolitik überproportional viel Raum gewidmet: Beispielsweise wird für den Zeitraum 1850-1870 das "deutsche politische Leben" (51) auf 30 Seiten abgehandelt, während im Folgenden dem Sprachenproblem, der polnischen Nationalbewegung und den Einstellungen gegenüber dem Januaraufstand 25 Seiten eingeräumt werden. Fraglich erscheint insbesondere, ob die polnische Parteienlandschaft wie die Nationalbewegung ohne ihren parallel entstehenden preußischen beziehungsweise deutschen Gegenpart angemessen interpretiert werden kann.

Noch stärker ins Auge fallen diese Proportionen bei der Behandlung der Kirchen und des religiösen Lebens: Einer breiten Behandlung der katholischen Kirche 1850-1918 (35 Seiten) steht eine kursorische Darstellung (18 Seiten) der "anderen Bekenntnisse" (so die Kapitelüberschrift) gegenüber, die allerdings in der Großregion circa 75% der Bevölkerung ausmachten. Sicherlich sind diese Schwerpunktsetzungen teilweise dem Forschungsstand der polnischen Historiographie wie älteren Forschungsinteressen geschuldet, doch ist andererseits kein Versuch erkennbar, diese problematischen Proportionen auszugleichen. Strukturell akzentuieren diese Schwerpunkte über Gebühr die Rückständigkeit der Region, während die Großstädte und deren moderne Kultur kaum in den Blick geraten.

Die für die Abgrenzung der Einzelbände gewählten Zäsuren ergeben sich aus der preußischen wie der internationalen Geschichte. Reflektiert werden sollte jedoch, ob es eine sinnvolle Entscheidung ist, den Ersten Weltkrieg am Ende von Band 4 abzuhandeln. Dagegen kann angeführt werden, dass der Krieg insbesondere seine Schatten auf die folgenden Jahrzehnte warf und für die krisenhafte Zuspitzung der Zwischenkriegszeit ursächlich mitverantwortlich war. Eine Platzierung am Anfang von Band 5 hätte diese Zusammenhänge unterstrichen.

Die jeweiligen Teile zur Kulturgeschichte der Großregion belegen eine wachsende Berücksichtigung kultureller Fragestellungen. Zugleich führt die sektorale Aufteilung (bildende Kunst und Architektur, Verlags- und Pressegeschichte, Schulwesen, höheres Schulwesen und Wissenschaft, Literatur, Theater, Musik) dazu, dass oft nur ein Namens- und Werkverzeichnis möglich wird, ohne Kommunikations-, Epochen- und Stilprobleme angemessen zu reflektieren. Als zentrales Problem wird weiterhin erkennbar, dass die Großregion im hier behandelten Zeitraum über kein künstlerisches Oberzentrum verfügte, sondern unter dem Einfluss Berlins und der weiterentwickelten west- und mitteldeutschen Regionen stand; Künstler- und Stilmigrationen sprengen den regionalen Rahmen. Weiterhin trägt die Entscheidung, die entsprechenden Abschnitte Allgemein- und nicht kompetenten Kunst- und Literaturhistorikern zu übertragen, nicht zur qualitativen Steigerung bei: So entsprechen die Abschnitte über Literatur und Theater nicht dem Wissensstand der polnischen Literatur- und Theaterwissenschaften zur Großregion.

Äußerst fragwürdig erscheint schließlich die Übertragung nationaler Segregationsprozesse auf die bildenden Künste: So geht die Autorin zum Musikleben der Region von einer weitgehenden Trennung des polnischen und des deutschen Musiklebens aus (3/3, 174, 179, 187; 4/2, 398, 411) und unterscheidet zudem noch zwischen polnischen und deutschen Künstlern. Die Stichhaltigkeit dieser Kategorien wird dabei kaum reflektiert. Auch in den weiteren Grundrissen kultureller Sektoren wird der Frage, ob nicht das Leben in einer Großregion gemeinsame literarische und stilistische Phänomene und Themen schuf, kaum diskutiert. Persönlichkeiten, die nationale Grenzüberschreitungen beziehungsweise Akkulturationsprozesse verkörperten (unter anderen Antoni Gąsiorowski-Gonschorowski, Johannes Sembrzycki, Martin Gerss), werden in ihrer Vielschichtigkeit selten wahrgenommen.

Insgesamt erreichen die vorliegenden Bände der "Historia Pomorza" eine in den bisherigen Handbüchern unerreichte faktische Dichte, die weitgehend beschreibend-referierend, dagegen selten problematisierend und Forschungsfragen aufgreifend dargeboten wird. Insbesondere sind die gleichmäßige Berücksichtigung der polnisch- und deutschsprachigen Literatur und der Rückgriff auf Archivalien positiv hervorzuheben. Gegenüber vergleichbaren deutschen Handbüchern (zum Beispiel den entsprechenden Passagen des "Handbuchs der Geschichte Ost- und Westpreußens") bietet die "Historia Pomorza" über weite Strecken ausgewogenere und umfangreichere Informationen sowie breitere Nachweise. Als vorbildlich hervorgehoben seien die Abschnitte über das Druck- und Pressewesen (3/3, 45-104), das Schulwesen (3/3, 127-172; 4/2, 271-303), die demographischen Probleme und Migrationen (4/1, 70-132) sowie die katholische Kirche (4/2, 470-505). Wenig berücksichtigt bleibt Vorpommern, dessen Bildungs- und Kulturgeschichte marginal behandelt oder ausgeklammert wird (3/3, 106, 173).

Die zentrale Frage, inwieweit die gemeinsame Behandlung der gesamten südlichen Ostseeküste in einer kulturellen Großregion für den Zeitraum trägt, bleibt unentschieden. Im Bereich der Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte sowie einer weiter aufgefassten Kultur- und Bildungsgeschichte trägt die Konzeption zu einer breiteren, über die Provinz hinausreichenden Perspektive bei, enttäuscht jedoch in den Bereichen politische Geschichte, Malerei und Musik, wo zwischen Pommern und Preußen erhebliche Unterschiede bestanden und lediglich eine Aufzählung der Parteien- und Elitenkultur gelingt. Abschnitte zur Mentalität der Bevölkerung ("Charakter Pomorzan") und zur Regionalkunst ("Pomorzanie w kręgu sztuki"), in denen nicht einmal der Begriff des Preußentums auftaucht, geschweige denn dessen Reichweite diskutiert wird, machen allzu deutlich, dass dem Pomorze-Konzept weiterhin eine ideologische Richtungsentscheidung gegen den Preußenbegriff zu Grunde liegt. Bedauerlich ist, dass kaum der Versuch einer integrierenden Betrachtung preußischer, deutscher und polnischer Milieus und deren wechselseitiger Beeinflussung unternommen wird.

Nicht genutzt erscheint schließlich die Chance einer Darstellung aus der Außenperspektive einer zu 80% anderssprachigen und -kulturellen Bevölkerung. Regional- und Beziehungsgeschichte, die Entstehung der polnischen Nationalbewegung und Statistiken zur Polonia werden ohne Nennung klarer Kriterien miteinander verbunden und führen zu erheblichen Disproportionen und Verzerrungen in der Darstellung. Als Fazit muss deshalb festgehalten werden, dass die Darstellung in der Tradition einer sozioökonomisch akzentuierten Geschichtsschreibung der 1970er-Jahre steht und wenige Ansätze zu einer modernen europäischen Regionalgeschichte liefert.

Hans-Jürgen Bömelburg