Rezension über:

Vinzenz Czech: Legitimation und Repräsentation. Zum Selbstverständnis thüringisch-sächsischer Reichsgrafen in der frühen Neuzeit (= Schriften zur Residenzkultur; Bd. 2), Berlin: Lukas Verlag 2003, 463 S., ISBN 978-3-931836-98-6, EUR 70,00
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Rezension von:
Astrid Ackermann
Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Astrid Ackermann: Rezension von: Vinzenz Czech: Legitimation und Repräsentation. Zum Selbstverständnis thüringisch-sächsischer Reichsgrafen in der frühen Neuzeit, Berlin: Lukas Verlag 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/10/5997.html


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Vinzenz Czech: Legitimation und Repräsentation

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Vinzenz Czech widmet sich in seiner 2003 erschienenen Potsdamer Dissertation dem Zusammenhang von Herrschaft, dynastischer Selbstdarstellung und Legitimität. Er geht Fragen der Erinnerungskultur nach und berührt dabei auch den Komplex der frühneuzeitlichen Hofkultur. Davon ausgehend, dass die Repräsentationsfähigkeit, die zur Schau gestellte höfische Kultur, zentrale Bedeutung für die Beurteilung einer Dynastie hatte, zeigt sich Repräsentation als Mittel der Herrschaftssicherung und -konsolidierung. Leit- und Schlüsselbegriffe sind dabei Prestige, Traditionsstiftung, Geschlechterbewusstsein, Legitimationsstiftung und das dynastische Gedächtnis. Diesen Aspekten geht Czech in erster Linie anhand der Grafen / Fürsten von Schwarzburg, der Grafen von Stollberg, der Herren / Grafen von Reuß und der Herren / Grafen von Schönburg - den bis zum Ende des Alten Reiches überlebenden Dynastien - sowie der Burggrafen von Kirchberg nach. Er bezieht die Fülle der landesgeschichtlichen Literatur ein, geht aber über die damit wesentlich auch geleistete Zusammenschau, den Vergleich und die Synthese weit hinaus.

In seinen vier Großkapiteln "Dynastie und Vergangenheit", zur gräflichen Heiratspolitik, "Rangerhöhung und Repräsentation" sowie "Magnifizenz und Wahrnehmung" zeigt Czech die Heterogenität der untersuchten Gruppe auf, die sich zum Ende des Untersuchungszeitraumes - vom 15. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts - sozial weiter ausdifferenzierte. Am erfolgreichsten, gemessen am ständischen Rang, konnten sich die Schwarzburger entwickeln. Wie die anderen nicht-sächsischen Dynastien hatten sie sich dabei stets der sächsischen Konkurrenz zu erwehren. Die von ihnen erreichten ehelichen Verbindungen werden zum beispielhaften Indikator für Aufstiegs- und Abstiegsprozesse. Sie konnten, auch dank ihre finanziellen Ressourcen, seit dem 17. Jahrhundert vor allem fürstliche Ehen eingehen. So halfen die Heiratsverbindungen mit dem Haus Oldenburg in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, ein familienpolitisches Netzwerk in Norddeutschland zu etablieren. Damit unterschied sich das Heiratsverhalten der Schwarzburger deutlich gegenüber dem von Standesgenossen anderer deutscher Regionen.

Für ihre thüringisch-sächsischen Nachbarn kann Czech jedoch, aufbauend auf einer Reihe von Arbeiten zum adligen Heiratsverhalten (unter anderem von Peter Moraw, Karl-Heinz Spieß, Michael Stolleis, Johannes Arndt, Ernst Böhme, Georg Schmidt), bisherige grundlegende Annahmen und Ergebnisse bestätigen: Auch die Familienpolitik dieser Grafen und Herren war, wie für solch kleinere Geschlechter typisch, in erster Linie auf die "Erhaltung von Stamm und Namen" gerichtet. Reußen und Schönburger mussten aber zunehmend standesunterschreitende Heiraten hinnehmen. Die von ihnen lange verfolgte Praxis der Landesteilung im Erbfall - die Czech wie Karl-Heinz Spieß als Mittel interpretiert, dem Aussterben einer Dynastie vorzubeugen (129/176) - erkauften sie sich mit einem zunehmenden Prestige- und Machtverlust, deren Symptom und schließlich dann auch Mitursache (186) jene standesunterschreitenden Heiraten waren.

Dynastisches Prestige beruhte neben der Gewinnung von standesgemäßen Ehepartnern auf dem Residenz(aus-)bau, der Hofhaltung und drückte sich auch bei der Münzprägung aus. Alle Dynastien legten darüber hinaus besonderen Wert auf das dynastische Gedächtnis, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert. Gerade im Falle der Memorialkultur zeigt sich, dass in Zeiten der konkreten Bedrohung der Herrschafts- und Souveränitätsansprüche einer Dynastie ein verstärkter publizistischer Aufwand zu ihrer Absicherung betrieben wurde.

Die im Laufe der Frühen Neuzeit vermehrten Aufstiegsprozesse stellten alle untersuchten Dynastien vor die Notwendigkeit, zumindest nach einer Festigung ihres Ranges, wenn nicht sogar nach einer Rangerhöhung zu streben. Das langjährige Zögern der Rudolstädter Linie der Schwarzburger, den 1697 angebotenen Fürstentitel anzunehmen, lässt aber auch deutlich werden, wie formale Standeserhöhungen um die Wende zum 18. Jahrhundert hin zunehmend unattraktiv wurden. Die Praxis unvollständiger Erhöhungen durch den Kaiser, verbunden mit einer ablehnenden Politik der alten Geschlechter gegenüber den neuen, ließ die Gefahr wachsen, sich bloß "ridicul" zu machen, wie Czech Heinrich XIII. von Reuß-Untergreiz zitiert. Auch den Schwarzburgern - obwohl ein bereits im Mittelalter überregional agierendes und mit Günter XXI. einen Gegenkönig stellendes Geschlecht - sollte es nicht gelingen, "von den alten reichfürstlichen Häusern als gänzlich gleichberechtigt und ebenbürtig akzeptiert zu werden" (270).

Die Demonstrationen von Rang, eine aufwändige Hofhaltung und Luxuskonsum sowie die sorgfältige Beachtung des Protokolls waren Czech zufolge vorrangig auf die Standesgenossen ausgerichtet. Seine Auswertung von tatsächlich vor Ort anwesenden Besuchern ergibt, dass sich an den Höfen der thüringisch-sächsischen Grafen und Herren im seltensten Fall mehr als die engere Verwandtschaft versammelte. Wen also konnte die zur Schau gestellt Majestas erreichen? Die "höfische Öffentlichkeit des Reichs" höchstens indirekt. Anders könnte dies im Falle der verbreiteten Genealogien oder dem Beharren auf einer bestimmten Titulatur ausgesehen haben, doch ist deren Wirkung einsichtigerweise noch schwieriger nachzuweisen. Was nützte damit der Aufwand? Czech antwortet darauf, Residenzausbau und das Bemühen um Hofhaltung seien "unter dem Gesichtspunkt einer allgemein zunehmenden Notwendigkeit zur Visualisierung der eigenen Magnifizenz" (214) zu interpretieren. Keineswegs seien sie nur oder vorrangig Ausdruck eines zielgerichteten Strebens nach einem Fürstentitel. Entsprechend hat ja bereits Roswitha Jacobsen in Auseinandersetzung mit der These der Prestigekonkurrenz festgestellt, dass "Formen der höfischen Kultur [...] auch dann praktiziert" wurden, "wenn mit einer nennenswerten Außenwirkung gar nicht zu rechnen" war. [1] Diesen mindermächtigen Dynastien ging es in erster Linie um das "Prestige" innerhalb ihrer Gruppe; auch sie konnten nicht auf die Wahrung bestimmter Standards bei ihrer Selbstdarstellung verzichten.

Es ließen sich weitere Fragen anschließen, so danach, was es für die politische Konstellation in diesem Raum bedeutete, wenn die Schwarzburger sich durch fürstliche Eheverbindungen von den Grafen und Herren entfernten (166). Zu fragen wäre auch, worin sich das durch eine fürstliche Ehefrau gewonnene soziale und kulturelle Prestige niederschlug, abgesehen von Besuchen der Herkunftsfamilie der Frau. Und: Wie lässt sich gerade das frühzeitige schwarzburgische Streben nach der Erhebung in den Fürstenstand und das dies begleitende "ausgesprochen repräsentative Auftreten" (243) in die Argumentation integrieren, die Prachtentfaltung diene vor allem der Visualisierung des eigenen Ranges und der landesherrlichen Souveränität?

Insgesamt handelt es sich um eine überzeugende Darstellung zu Fragen des dynastischen Selbstverständnisses in der Frühen Neuzeit. Die Studie zeichnet sich durch sprachliche Klarheit, gute Lesbarkeit und den stringenten Aufbau aus. Czech geht immer wieder auf Fragen der Methode und der Quellenüberlieferung ein und lässt damit seine Herangehensweise plausibel werden. Sehr nützlich für den Leser sind auch die Zusammenfassungen am Ende der Unter- wie zum Abschluss der jeweiligen Großkapitel. Allerdings ergeben sich bei der Lektüre des gesamten Bandes gewisse Wiederholungen, die vielleicht vermeidbar gewesen wären. Ein Quellenanhang, eine ansprechende, aussagekräftige Bebilderung und ein Register runden ihn ab.


Anmerkung:

[1] Roswitha Jacobsen: Prestigekonkurrenz als Triebkraft höfischer Kultur - Fürstenbegegnungen im Tagebuch Herzog Friedrichs I. von Sachsen-Gotha und Altenburg, in: Dies. (Hg.): Residenzkultur in Thüringen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, Bucha 1999, 187-207, hier 203. Von einem steigenden Bedürfnis nach der äußeren Darstellung des Ranges geht beispielsweise auch aus: Aloys Winterling: Die frühneuzeitlichen Höfe in Deutschland. Zur Lage der Forschung, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 21 (1996), H. 1, 181-189.

Astrid Ackermann