Rezension über:

Michael Kempe: Wissenschaft, Theologie, Aufklärung. Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) und die Sintfluttheorie (= Frühneuzeit-Forschungen; Bd. 10), Epfendorf: bibliotheca academica 2003, 477 S., 40 Abb., ISBN 978-3-928471-33-6, EUR 49,00
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Rezension von:
Olaf Mörke
Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Olaf Mörke: Rezension von: Michael Kempe: Wissenschaft, Theologie, Aufklärung. Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) und die Sintfluttheorie, Epfendorf: bibliotheca academica 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/10/6168.html


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Michael Kempe: Wissenschaft, Theologie, Aufklärung

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Der Zürcher Arzt und Universalgelehrte Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) ist Spezialisten als einer der Väter der wissenschaftlichen Alpenforschung, als empirisch arbeitender Naturwissenschaftler, Reiseberichtautor und Ethnograf bekannt. Seine umfangreiche Korrespondenz und die Mitgliedschaft in den wichtigsten Akademien der Zeit zeugen von der Verankerung im europaweiten Gelehrtennetzwerk, ohne dass er indes zu dessen Kerngestalten gehörte.

Kempe beabsichtigt mit seinem Werk, einer bei Dieter Groh in Konstanz entstandenen Dissertation, keine Biografie seines Protagonisten, sondern eine "Diskursgeschichte der Durchschnittsdenker" (22), deren Ausgangs- und Mittelpunkt ein Zentralelement im Denken Scheuchzers bildet: seine Sintfluttheorie. Deren Entwicklung markiert nach Kempe einen fundamentalen Wendepunkt des (früh-)aufklärerischen Natur-, Menschen- und Geschichtsbildes, nämlich den Wandel in der Sicht auf die Sintflut von einer pessimistischen Interpretation ihres Zäsurcharakters als Verlustpunkt des Wohlgeordneten und Beginn einer dem Untergang geweihten sündhaften Welt hin zur optimistischen Sicht auf die menschlicher Gestaltungsfähigkeit unterworfene Einheit von Natur- und Menschheitsgeschichte im Rahmen eines naturtheologischen Konzeptes. Scheuchzers Sintfluttheorie lebt von der Einheit von Wissenschaft und Theologie oder besser: von einem vernunftgeleiteten Glaubenskonzept, in dem sich die Dynamik der Entfaltungsmöglichkeiten rationaler, säkularisierter Wissenschaftlichkeit andeutet.

Die Entwicklung des sich in dieser Richtung vollziehenden Erkenntnisprozesses im Dialog mit den wissenschaftlichen Autoritäten der Zeit, vor allem im angelsächsischen Raum, stellt Kempe mit stupender Kenntnis der Quellen dar. Der Detailreichtum seiner dichten Beschreibung des Kommunikationszusammenhangs, in dem sich Scheuchzers Sintfluttheorie und die mit ihr in einem dialektischen Befruchtungsprozess stehenden wissenschaftlichen Teildisziplinen - von der Geologie über die Paläontologie bis hin zur Anthropologie - entwickelten, ist nicht selbstzweckhaftem Vollständigkeitsdrang geschuldet. Vielmehr ist er unabdingbarer Bestandteil der Herangehensweise an das Thema. Es geht Kempe nämlich auch darum, die Motorik des Wandels der Sicht auf Natur- und Menschheitsgeschichte in der Komplexität ihrer Verweisungen auf nahezu alle Wissensfelder nicht nur bei Scheuchzer selbst, sondern auch in der res publica litteraria der Epoche insgesamt aufzuzeigen.

Hierfür ist es notwendig, zum einen die Verästelungen des wissenschaftlichen Interesses bei Scheuchzer aufzuspüren. Dazu gehört die Interpretation von Fossilienfunden ebenso wie die Reflexionen über "Schönheit und Nützlichkeit der Alpen", so der Titel des sechsten Kapitels, und über den "Homo Alpinus", dem Kempe sich in Kapitel neun zuwendet. All diese jeweils für sich genommen schon höchst anregenden Einzeldarstellungen führt er zielsicher auf die Darstellung einer systematischen Zentrierung des Scheuchzer'schen Erkenntnisinteresses auf die umfassende Erklärung der Erdgeschichte als Resultat göttlichen Impulses und naturimmanenter Logik zu, deren Zusammenhang sich für Scheuchzer nur aus einer Sichtweise öffnete, die Theologie und auf die Moderne verweisende Naturwissenschaft vereinte. Scheuchzers Sintflutinterpretation, resultierend aus der Verbindung eines Ernstnehmens der biblischen Offenbarung und der sich andeutungsweise verselbstständigenden Erkenntnis des Naturprozesses, bietet sich für Kempe nachgerade als der Punkt an, an dem dieser Zusammenhang seinen erdgeschichtsprozessualen Fokus fand.

Die Sintflut als "zweite Chance" (234), die der Schöpfer der Welt und dem Menschen eröffnete und die von diesem auch wahrgenommen wurde, wird zur Voraussetzung eines fortschrittsorientierten Waltens der Naturgesetze. Sie in Anthropologie und Naturgeschichte wieder zu finden, ist nach Scheuchzers Verständnis Aufgabe der Wissenschaft. Kempes Interesse an einer Darstellung, die über die von Scheuchzers Denk- und Arbeitsweise weit hinausgeht und letztlich die Beziehung von längerfristigen Wandlungsprozessen und Umbrüchen im Weltbildwandel des 17. und 18. Jahrhunderts fassen will, impliziert zum anderen eine Perspektive, die nicht nur die kognitiven Inhalte berücksichtigt, sondern diese "aus einem Zusammenhang historisch gewachsener, allgemeiner kultureller Deutungsmuster heraus verständlich zu machen sucht" (22).

Dem Autor gelingt dieser Versuch nicht zuletzt deshalb, weil er minuziös den Kontext, in dem sich Scheuchzers Schaffen entwickelte, aufdeckt. Dazu gehört der sich in einem Netzwerk des Austauschs von Meinungen und konkreten Befunden vollziehende Wettbewerb divergierender Welt- und Naturauffassungen sowie Menschenbilder. Scheuchzers Entwicklung wird immer wieder in die Darstellung jenes zum Teil auch von materiellen Interessen bedingten gesamteuropäischen Kommunikationsprozesses um das Sintflutthema eingebunden. Deutliche Kontur erlangen dabei die Räume, in denen sich jener Prozess vollzog, von der innerzürcher und -schweizerischen Debatte über die "Anglo-Swiss-Connection" Scheuchzers bis hin zur europäischen Dimension. Das Miteinander von Wissenschaftsorganisation und Erkenntnisprozess wird dabei in einer Weise herausgearbeitet, die in dieser Deutlichkeit nur in einer Fallstudie zum Tragen kommen kann.

Das Buch steht damit in der Forschungslandschaft einer umfassend kultur-, gesellschafts- und organisationsgeschichtlich orientierten Wissenschaftsgeschichte, die in den letzten Jahren in der Geschichtswissenschaft an Bedeutung gewonnen hat, deren Erkenntnispotenzial aber noch lange nicht ausgereizt ist. Die vor allem in den neueren Gesamtdarstellungen zur Geistes- und Kulturgeschichte des Aufklärungszeitalters zwar berücksichtigten, jedoch im Argumentationsduktus weitgehend voneinander getrennten Dimensionen der Formen des wissenschaftlichen Kommunikationsprozesses - formelle und informelle Netzwerke, Medienentwicklung und Öffentlichkeit - und der verhandelten Inhalte - Fortschrittsoptimismus, Theologie und neue Rationalität - werden bei Kempe zusammengeführt. Sein Buch gehört damit zu den noch immer wenigen Spezialuntersuchungen zur Geschichte der Aufklärung, die diesen integrativen Ansatz wählen. Nicht zuletzt deshalb gelingt es ihm, an einem konkreten Beispiel in umfassender Weise die Genese von Kernelementen modernen naturwissenschaftlichen Denkens aus einem Wissenschaftsverständnis, das die Beziehung von Anthropologie und Naturgeschichte auf der einen und biblischer Schöpfungsgeschichte auf der anderen Seite zunächst als gegeben akzeptiert, nachzuvollziehen. Die so oft auf allgemeiner Ebene konstatierte Dialektik von philosophisch-theologischer Tradition, langfristigem Wandel und Umbruch nimmt nachvollziehbare Gestalt an.

Sucht man nach interpretatorischen Kritikpunkten, so findet man sie allenfalls im Detail. So etwa in den oben bereits erwähnten Abschnitten, in denen Kempe materialgesättigt Scheuchzers umfangreiches Fossiliensammeln und seinen Blick auf die Schweizer Alpen und ihre Bewohner präsentiert. Hier deutet sich meines Erachtens ein säkularisierter Erkenntnisdrang an, der auf die moderne Ausdifferenzierung und Verselbstständigung der Wissenschaftsdisziplinen hinausläuft. Kempe lässt dies zwar in seine Argumentation einfließen, hält aber grundsätzlich an dem für Scheuchzer maßgeblich erkenntnisleitenden Zusammenhang mit der Sintfluttheorie und damit mit einem theologisch abgeleiteten Welterklärungskonzept fest. Vielleicht, und dies ist letztlich mehr Frage als Kritik, ist der Prozess der Verselbstständigung und Ausdifferenzierung von Diskursen zu Gunsten der Eigenständigkeit der nicht mehr an der Theologie orientierten Wissenschaftsdisziplinen bei Scheuchzer aber noch deutlicher zu zeigen, als dies in Kempes Untersuchung der Fall ist.

Gleichwohl, das Buch Kempes kann man nur als fulminant bezeichnen. Dissertationen mit solch umfassendem Erkenntniswert sind selten. Die Lektüre des bisweilen geradezu elegant formulierten, niemals unnötig komplizierten, doch stets angemessen komplexen Textes gleicht einer Wanderung durch die intellektuelle Landschaft der Frühaufklärung. Der Sintflut sei Dank, dass die Beschäftigung mit ihr solch grundgelehrte Werke hervorzubringen in der Lage ist.

Olaf Mörke