Rezension über:

Elizabeth C. Goldsmith: Publishing Women's Life Stories in France, 1647-1720. From voice to print, Aldershot: Ashgate 2002, 180 S., 10 s/w-Abb., ISBN 978-0-7546-0370-2, GBP 42,50
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Claudia Opitz-Belakhal
Historisches Seminar, Universität Basel
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Claudia Opitz-Belakhal: Rezension von: Elizabeth C. Goldsmith: Publishing Women's Life Stories in France, 1647-1720. From voice to print, Aldershot: Ashgate 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 11 [15.11.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/11/1364.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Elizabeth C. Goldsmith: Publishing Women's Life Stories in France, 1647-1720

Textgröße: A A A

Dass nur jene Frau eine gute Frau ist, von der man in der Öffentlichkeit nichts hört, ist ein Verdikt (nicht nur) der antiken Geschichtsschreibung, das jedoch (mindestens) bis ins frühneuzeitliche Frankreich hinein Gültigkeit beanspruchte. Wenn Frauen dennoch nicht nur "ins Gerede kamen", sondern sich auch mit Wort und Schrift dagegen zur Wehr setzten oder sich gar selbst "ins Gerede" brachten, ist das für die kulturhistorische Frauen- und Geschlechterforschung allemal ein Anlass zu Neugier und vertiefter Analyse.

So auch für Elizabeth C. Goldsmith, Romanistin und intime Kennerin der französischen Kulturszene des 17. Jahrhunderts. Sie verfolgt in ihrer jüngsten Studie die Wege "vom gesprochenen zum gedruckten Wort" jener Hand voll Frauen, die in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts über sich und ihr Leben schrieben - und dies dann schließlich "publizieren" ließen. Dabei bringt sie so unterschiedliche Autorinnen und Schicksale zusammen wie jenes der Huronen-Missionarin Marie de l'Incarnation, der besessenen Nonne Jeanne des Anges, der Mystikerin Jeanne Guyon, der ehemaligen Mätresse Ludwigs XIV. Marie Mancini und ihrer Schwester Hortense sowie der Romanautorin Madame de Villedieu.

Ausgehend von methodischen Überlegungen, wie sie Roger Chartier für die historische Leseforschung formuliert hat, untersucht E. Goldsmith in insgesamt fünf Kapiteln einerseits die Lebenswege, die diese Frauen zur Niederschrift ihrer Erfahrungen brachten, und andererseits die Schicksale dieser weiblichen Schriftprodukte - die bisweilen höchst verschlungenen Wege bis zur Publikation und die Rolle, die Ehemänner, Söhne, Seelsorger oder "Herzensfreunde" bei diesen nicht risikolosen Unternehmungen spielten. Sie zeigt auf, dass das Verlassen des häuslich-ehelichen Umfeldes und damit der "klassischen" Frauenrolle des 17. Jahrhunderts eine wichtige Voraussetzung war für das Bedürfnis nach schriftlicher Kommunikation - und dass dieses Verlassen des häuslichen Umfeldes, aber auch die Möglichkeit zur schriftlichen (häufig brieflichen) Kommunikation in diesem Zeitraum maßgeblich durch Veränderungen im Post- und Verkehrswesen unterstützt wurde. Schriftkultur und Reisekultur, Postkutschen-Reisen und weiblicher (Abenteuer-)Roman, Amerika-Kolonisierung und weibliche Missionstätigkeit - all dies traf zusammen und förderte die weibliche Autorschaft - nicht zu vergessen allerdings auch die individuellen Motivationen des "Bezeugens" religiöser Erfahrungen (wie im Falle von Marie de l'Incarnation, Jeanne des Anges und Jeanne Guyon), der Selbst-Rechtfertigung oder gar der juristischen Intervention (wie bei den Schwestern Hortense und Marie Mancini, die mit allen Mitteln versuchten, sich von ihren ungeliebten Ehemännern scheiden zu lassen).

Das Buch selbst ist Ausdruck großer Erzählfreude und liest sich deshalb ausgesprochen angenehm, ein Eindruck, der durch die insgesamt 10 Abbildungen und die sehr sorgfältige Ausstattung noch abgerundet wird.

Allerdings bleiben nach der zunächst erfreulichen Lektüre doch recht viele Fragen offen. Einige davon stellt Goldsmith selbst, ohne sie - jedenfalls explizit - zu beantworten. So vor allem die Frage, was denn die Memoiren der Schwestern Mancini auf der Flucht vor ihren eifersüchtigen Ehemännern mit den Geständnissen von Nonnen, die vom Teufel besessen waren, oder gar mit den eher nüchternen Berichten einer Missionarin gemeinsam haben? Und ob beziehungsweise inwiefern die religiösen Ergüsse und Geständnisse etwa einer Jeanne Guyon, die deutlich auf ein religiös bewegtes Laienpublikum zielen, mit den - mehr oder weniger - fiktiven Autobiografien jener Autorinnen vergleichbar sind, die für ein höfisches Publikum schrieben?

Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Auswahl ist das Faktum, dass es sich hier um weibliche Autoren handelt, die zweifellos unter deutlich anderen Voraussetzungen zur Schriftkultur und zum gedruckten Wort Zutritt erhielten als männliche Autoren. Des Weiteren schlägt sich bei der Auswahl der Quellen die Tatsache nieder, dass es sich in allen Fällen um - mehr oder weniger authentische - weibliche Lebensberichte handelte, die da in den Druck gelangten. Beides jedoch wird von der Verfasserin nicht ausdrücklich thematisiert, wie ohnehin die strukturellen Bedingungen dieses Weges vom gesprochenen zum gedruckten Wort, die in der Einleitung und im Schlusskapitel zumindest ansatzweise umrissen werden, leider insgesamt unscharf bleiben und lediglich durch weiterführende Literaturhinweise ein Weg gezeigt wird, um sich die notwendigen Informationen selbst zu verschaffen. Problematischer noch erscheint mir, dass hier geschlechts- und medienspezifische Dimensionen des Schreibens und Publizierens weitgehend in eins gesetzt werden - und auch die stände- und kulturspezifischen Dimensionen (etwa religiöse versus höfische Kommunikationsformen) dieser Kommunikations- und Rezeptionsbedingungen werden nicht weiter ausgeleuchtet.

So weckt das hübsche kleine Buch mit seinen bio-bibliografischen Miniaturen allenfalls den Appetit aufs Weiterlesen. Eine umfassende oder auch nur einführende Darstellung dessen, wie "Frauenleben" in der "époque classique" in die Druckerpresse beziehungsweise auf den Buchmarkt kamen, ist es nicht.

Claudia Opitz-Belakhal