Rezension über:

Waltraud Naumann-Beyer: Anatomie der Sinne im Spiegel von Philosophie, Ästhektik, Literatur (= Literatur - Kultur - Geschlecht. Studien zur Literatur- und Kulturgeschichte. Kleine Reihe; Bd. 19), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, XII + 378 S., ISBN 978-3-412-09903-9, EUR 24,90
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Rezension von:
Christine Künzel
Institut für Germanistik II, Universität Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Maren Lorenz
Empfohlene Zitierweise:
Christine Künzel: Rezension von: Waltraud Naumann-Beyer: Anatomie der Sinne im Spiegel von Philosophie, Ästhektik, Literatur, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 3 [15.03.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/03/3853.html


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Waltraud Naumann-Beyer: Anatomie der Sinne im Spiegel von Philosophie, Ästhektik, Literatur

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Wer sich heute mit der Ordnung der Sinne befasst, sieht sich nicht nur mit einer Flut von Bildern, Metaphern und traditionellen Vorstellungen konfrontiert, sondern auch mit einer großen Zahl von Publikationen aus den unterschiedlichsten Disziplinen. Da ist es nicht leicht, sich mit einer weiteren Arbeit zum Thema zu positionieren und sich gegenüber vorliegenden Arbeiten abzugrenzen. Waltraud Naumann-Beyer hat trotz allem eine umfassende Studie vorgelegt, in der sie wesentliche Themen ihrer bisherigen wissenschaftlichen Arbeit [1] noch einmal aufgreift und in einen ideengeschichtlichen Zusammenhang gestellt hat. Der Autorin geht es in ihrer Untersuchung nicht darum, eine "Sachgeschichte der Sinne" (XI) zu schreiben, "nicht um geschlossene historische Linienführungen, sondern um exemplarische Konstellationen in der Geschichte des ästhesiologischen Denkens" (29), um die "Beschreibung des Redens und Denkens über die Sinne" (XI). Diese Beschreibung soll denn auch nicht einer "Wahrheit über die Sinne" gelten, sondern der "Vielfalt der Meinungen von der Antike bis zur Gegenwart" (XII) auf den Gebieten von Philosophie, Ästhetik und Literatur. Zwar besticht die Arbeit durch eine ungeheuere Quellenkenntnis, doch leider vermisst man bei der Vielfalt der zitierten Meinungen nicht nur die Positionierung der Autorin, sondern auch die kulturhistorischen Hintergründe (immerhin ist der Band in einer entsprechenden Reihe erschienen) und insbesondere die Anbindung an die zeitgenössischen Körperdiskurse.

Die Studie gliedert sich in drei große Teile, wobei der erste Teil, "Ent-Zifferungen: Fünfzahl, Vielzahl, Unzahl der Sinne", Tendenzen der Stabilisierung und Destabilisierung des Fünf-Sinne-Schemas beschreibt. Naumann-Beyer legt dar, dass es bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts Zweifel an der Konstante der Fünfzahl gab und dass sich diese Zweifel Mitte der 1970er-Jahre unter dem Eindruck eines neuen ethnologischen Blickes und eines Impulses von den Naturwissenschaften verstärkten und zu der Ansicht verdichteten, die Fünfzahl der Sinne sei ein kulturelles Konstrukt, die Verallgemeinerung der Fünfsinne eine "eurozentristische Extrapolation" (3). [2] Einflüsse biochemischer und bioelektrischer Forschungen führten zu einer regelrechten "Vermehrung der Sinne" (6). In diesem Kontext erscheint es durchaus sinnvoll, dass dieser Teil der Studie sich nicht auf eine Diskussion der fünf traditionellen Sinne (Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch, Gefühl) beschränkt, sondern auch historische Varianten eines moralischen Gefühls ("moral sense") und ästhetischen Geschmacks ("taste") diskutiert (77 ff.).

Der zweite Teil, der mit "Ordnung und Unordnung der Sinne" betitelt ist, besteht aus einem Mosaik von acht Detailstudien, die sich nur schwer zusammenfassen lassen. Es werden im Wesentlichen Hierarchisierungs- und Dehierarchisierungstendenzen in der Ordnung der Sinne aufgezeigt. Ausgehend von der "Konkurrenz der höheren Sinne" (113) Auge und Ohr wird die Bedeutung der Sinne vor dem Hintergrund von Ästhetik und Philosophie zwischen Aufklärung und Romantik diskutiert. Interessante Einsichten bieten die Kapitel 12 und 13, in denen sich die Autorin ihrer Ausgangsfrage zuwendet, nämlich der Frage, wie über die Sinne gesprochen wird. In dieser Perspektive wird unter anderem die Semantik der Begriffe Hören, Gehören und Gehorchen im Hinblick auf Herrschafts- und Domestizierungspraktiken ausgelotet.

Naumann-Beyers Sinn-Studie zeichnet sich darin vor anderen Arbeiten zum Thema aus, dass sie die Brüche und Inkonsistenzen in scheinbar homogenen Diskursen über die Sinne in Philosophie und Ästhetik aufzeigt. Und das nicht nur im Hinblick auf philosophische und ästhetische Epochendiskurse, sondern auch im Werk einzelner Philosophen - wie etwa bei Platon, Kant oder Hegel. So ist der dritte und letzte Teil der Arbeit drei Werkstudien gewidmet, die die Spur der Sinne in Platons "Symposion", in Ovids "Liebeskunst" und in Goethes "Werther" bis ins Detail verfolgen. Gelungen ist im Kontext der Ovid-Lektüre besonders die Zusammenführung des Fünf-Sinne-Schemas mit dem Konzept der "quinque lineae amoris" (208), der fünf Stufen der Liebe, die sich an der Ordnung der Sinne zu orientieren scheinen. Im letzten Kapitel kommen dann endlich auch die Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auf ihre Kosten. Hier bietet Naumann-Beyer eine Werther-Lektüre auf der Folie von Ovids "Liebeskunst", in der es in erster Linie um die "erotische Wahrnehmung bei Goethe" (316) geht: "Blickt man von Ovid her auf die dem Werther-Roman eingeschriebene erotische Ästhesiologie und auf die Bedeutung des Tastsinnes, so ergibt sich für den gesamten Text ein 'Sinn', der bisher manchem Interpreten verborgen geblieben ist" (326).

Doch bei aller Liebe zu den Details verliert sich Naumann-Beyers Studie zuweilen in diesen. Besonders im zweiten Teil vermisst man einen roten Faden, der die unterschiedlichen Exkurse verbindet. Viele Details hätten in Fußnoten untergebracht werden können, die hier lediglich dazu dienen, Autoren und Werke in Kurzform zu nennen, was bei weniger bekannten Namen eine zeitliche Einordnung der zitierten Texte erschwert. Auch werden zahlreiche Textpassagen in der jeweiligen Originalsprache zitiert, wobei es nur in Ausnahmefällen eine deutsche Übersetzung gibt (117). Darüber hinaus zeigt sich die Autorin nicht bemüht, zentrale Begriffe (wie etwa den Unterschied zwischen Ästhetik und aisthēsis) zu erläutern. So stößt man mehr oder weniger zufällig erst auf Seite 189 auf eine Definition des Terminus "Ästhesiologie", der im Kontext der Arbeit doch eine wesentliche Rolle spielt. Insgesamt entsteht dadurch der Eindruck einer unanschaulichen, sprich: unsinnlichen (und das in der Auseinandersetzung mit den Sinnen!) und wenig adressatenbezogenen Schreibweise. Der Text präsentiert sich weitgehend als ein hermetischer Diskurs, der in seiner Unbekümmertheit im Umgang mit einer sperrigen ästhetisch-philosophischen Terminologie eher abschreckt, als dass er interessierte Leserinnen und Leser für das Thema gewinnen könnte.

Die Literaturwissenschaftlerin hätte sich gewünscht, dass außer Goethe auch andere Autoren ausführlicher in die Untersuchung einbezogen worden wären. So ist es kaum verständlich, dass das Genre der Lyrik hier gänzlich unberührt bleibt - zumal vor dem Hintergrund der Ovid'schen "Liebeskunst", die sich wie ein roter Faden durch die gesamte europäische Liebeslyrik zieht. Insgesamt orientiert sich die Studie zu stark auf philosophisch-ästhetische Diskurse, ohne dass diese anhand von Beispielen aus Literatur, Musik und bildender Kunst überprüft oder ergänzt werden. So gibt es in dem Kapitel, das sich mit der Ästhetik Schopenhauers und dessen Aufwertung des Akustischen auseinandersetzt, nicht einmal einen Hinweis auf Richard Wagner und sein Konzept des Gesamtkunstwerks, das auf eine Synthetisierung der Einzelkünste ausgerichtet und nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit Schopenhauer, dessen "Auffassung von Musik" ihn "überraschte" [3], entstanden war.

Gänzlich vernachlässigt werden auch gender-spezifische Konnotationen im Hinblick auf die Hierarchisierung von Sinnen und Künsten. [4] Das wäre zu verzeihen, wenn die Arbeit nicht gespickt wäre mit scheinbar unspektakulären Details (37, 161,163, 287), die ihre Brisanz erst entfalten, wenn man sie vor dem Hintergrund einer "Ordnung der Geschlechter" [5] diskutiert - so etwa Philons Auslegung einer Passage aus dem 5. Buch Mose, in der die weibliche Seele als diejenige bezeichnet wird, "die ihre Kraft wie eine Hand ausstreckt, um blindlings das erste beste zu betasten" (168). Auch im Hinblick auf die Konkurrenz zwischen dem aktiv verschließbaren Auge und dem passiven, immer geöffneten Ohr (Maria empfängt immerhin durch das Ohr) sowie in der Assoziation von Weiblichkeit mit Musik, ließe sich unter dem Aspekt der Gender-Forschung sicherlich eine andere Ordnung der Sinne aufzeigen.


Anmerkungen:

[1] Zu den bisherigen Arbeitsschwerpunkten der Autorin siehe http://www.zfl.gwz-berlin.de/staff/detail.htm?who=12&show=staff.

[2] Robert Jütte hat in seiner Studie "Geschichte der Sinne" (München 2000) darauf hingewiesen, dass die Fünfzahl der Sinne durchaus auch in außereuropäischen Kulturen eine Rolle spielt.

[3] Udo Bermbach: Der Wahn des Gesamtkunstwerks. Richard Wagners politisch-ästhetische Utopie, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Stuttgart / Weimar 2004, 286. Vgl. auch Stefan Pegatzky: Das poröse Ich. Leiblichkeit und Ästhetik von Arthur Schopenhauer bis Thomas Mann, Würzburg 2002.

[4] Vgl. Corina Caduff / Sigrid Weigel (Hg.): Das Geschlecht der Künste, Köln / Weimar / Wien 1996.

[5] Claudia Honegger: Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaft vom Menschen und das Weib 1750-1850, Frankfurt am Main 1992.

Christine Künzel