Rezension über:

Edwin Black: War Against the Weak. Eugenics and America's Campaign to Create a Master Race, New York: Four Walls Eight Windows 2004, XXVIII + 550 S., ISBN 978-1-56858-258-0, USD 27,00
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Rezension von:
Kiran Klaus Patel
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Kiran Klaus Patel: Rezension von: Edwin Black: War Against the Weak. Eugenics and America's Campaign to Create a Master Race, New York: Four Walls Eight Windows 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 4 [15.04.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/04/5824.html


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Edwin Black: War Against the Weak

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Dass Eugenik und damit der Versuch, die Qualität des Erbguts einer bestimmten Menschengruppe zu verbessern, im 20. Jahrhundert nicht nur im Nationalsozialismus zu einer wichtigen Denkfigur und zur politischen Praxis wurde, ist seit längerem bekannt. Während in der Sowjetunion die "bolschewistische Eugenik" eine Episode blieb, zeigten sich gerade einige industrialisierte, häufig sozialdemokratisch geprägte Demokratien, wie in Skandinavien, erstaunlich anfällig gegenüber eugenischem Gedankengut. In seiner neuen Studie lenkt der Journalist Edwin Black nun den Blick auf die USA. Nachdem Black bereits mit einem provokanten Buch über die Verstrickung von IBM in den Holocaust hervorgetreten ist, versucht er nun zu zeigen, dass die Vereinigten Staaten seit der Wende zum 20. Jahrhundert zum Schrittmacher auf dem Feld einer Eugenik geworden seien, die auf die Herstellung einer überlegenen nordischen Rasse gezielt habe. Aber nicht nur das Programm zur Verbesserung des menschlichen Erbguts sei dort formuliert worden. Insgesamt wurden auch in den USA rund 60.000 Menschen zwangssterilisiert, und die Pläne, die manche US-Eugeniker verfolgten, zielten auf noch weit größere Teile der Bevölkerung. Darüber hinaus habe der in den USA ausformulierte, pseudowissenschaftlich legitimierte und teilweise auch implementierte "Krieg gegen die Schwachen" eine fatale internationale Ausstrahlung gehabt.

Blacks Werk setzt mit einer Regionalstudie über den Bundesstaat Virginia in den 1930er-Jahren ein, wo weiße Angehörige der Unterschicht zwangssterilisiert wurden, angeblich weil sie "schwachsinnig" waren. Eugenik, so Black, sei von Amerikas reichsten, mächtigsten und gebildetesten Kreisen gegen die Verwundbarsten und Schwächsten der Nation gerichtet gewesen. Damit ist der Ton des Buches gesetzt, in dem Black im folgenden Kapitel auf die internationale Vorgeschichte eugenischer Forschungen eingeht, um sich dann mit der US-Rezeption der Ideen von Francis J. Galton und anderen seit der Wende zum 20. Jahrhundert zu beschäftigen. Black zeichnet die Vernetzung und Institutionalisierung der nordamerikanischen Eugeniker ebenso nach wie ihre Versuche, auf Gesetzgebung und Politik Einfluss zu nehmen. Dass die Eugenik in kurzer Zeit bedeutsam wurde, zeigt sich etwa daran, dass 1907 der US-Bundesstaat Indiana als erster Staat weltweit ein Gesetz einführte, das Zwangssterilisation aus eugenischen Gründen zuließ. Noch erfolgreicher waren die US-Eugeniker im frühen 20. Jahrhundert auf dem Feld des Fund-Raising: Die Namen der Stiftungen, die schon vor dem Ersten Weltkrieg entsprechende Institute und Projekte unterstützten, lesen sich wie ein Who-Is-Who der amerikanischen Stiftungslandschaft. So eröffnete bereits 1904 die Carnegie Institution in Cold Spring Harbor ein eigenes Institut, das sich der eugenischen Forschung widmete. Finanzielle Unterstützung kam aber zum Beispiel auch von der Rockefeller Foundation oder aus dem Erbe des Eisenbahnbarons Harriman. Und es war das U.S. State Department, das sein Briefpapier für Einladungen zum ersten internationalen eugenischen Kongress 1912 in London hergab.

Black entfaltet zunächst dieses Spektrum eugenischer Positionen, Personen und Verbindungen in den USA. Neben Charles Davenport und Harry Laughlin, den Zentralfiguren der amerikanischen Eugenik, geht er unter anderem auf die Geburtenkontrolle-Bewegung um Margaret Sanger ein, bei der ein emanzipatorisches Anliegen eine stramm eugenische Ausrichtung nicht ausschloss, sowie auf den eugenischen Zweig der Forschung zur Prävention von Blindheit um Lucien Howe. Wie eng eugenische und xenophob-rassistische Diskurse miteinander verbunden waren, zeigt sich zudem anhand einer durch das US-Arbeitsministerium finanzierten Studienreise, die der Prüfung verschiedener emigrationswilliger europäischer Völker in Hinblick auf ihren eugenischen Wert dienen sollte.

Blacks Studie ist flott geschrieben und mit großem dramaturgischem Geschick aufgebaut. Er zieht den Leser zu immer noch tieferen Abgründen und bringt so die nordamerikanischen Eugeniker in die Nähe nationalsozialistischer Positionen. Dabei bleibt er jedoch nicht stehen. Vielmehr untersucht er in mehreren Kapiteln auch den internationalen Einfluss der US-Eugeniker. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf den (pseudo-)wissenschaftlichen Kontakten ins nationalsozialistische Deutschland. Er kann zeigen, dass es zwischen Eugenikern nicht nur intensive Verbindungen über den Atlantik hinweg gab, sondern auch, dass US-Stiftungen bis weit ins "Dritte Reich" hinein eugenische Forschungsvorhaben finanzierten. So gab zum Beispiel die Rockefeller Foundation noch bis 1939 Geld an deutsche Institute, die damit Forschungen in dieser wissenschaftlich begründeten Sozialtechnologie finanzierten.

Blacks Studie hat deshalb durchaus Verdienste. Es stellt zusammenhängend und quellennah die Geschichte der amerikanischen Eugenikbewegung dar und weitet diese um eine transnationale Perspektive, indem er systematisch die Wissenschaftskontakte zum "Dritten Reich" untersucht. Eindrucksvoll sind vor allem seine Ausführungen zur finanziellen Förderung eugenischer und rassenhygienischer Forschungen im "Dritten Reich" durch US-Stiftungen.

Allerdings hat das Buch auch sehr problematische Seiten. Black, der sich eher als investigativer Journalist denn als Historiker versteht, hat sein Werk für einen breiten Markt geschrieben. Leider lässt er sich häufig zu sensationsheischenden Formulierungen hinreißen. Auch auf inhaltlicher Ebene hat die Arbeit zahlreiche Mängel, von denen drei besonders gravierend sind:

Erstens waren viele der von Black geschilderten Sachverhalte keineswegs so wenig bekannt, wie er immer wieder insinuiert. Zur Geschichte der amerikanischen Eugeniker liegen zahlreiche Studien vor, und auch die internationalen Vernetzungen waren teilweise schon aufgearbeitet.

Zweitens dekontextualisiert Black, um seiner Argumentation Dramatik zu geben, über weite Strecken die Bedeutung eugenischer Positionen in den USA. Es ist zwar ebenso eindrucksvoll wie erschreckend, dass viele der großen amerikanischen Stiftungen früh und massiv die eugenische Forschung unterstützten und Eugenik in begrenztem Ausmaß staatliche Politik wurde. Trotzdem sollte der Einfluss der Bewegung nicht überschätzt werden. Nach ihren Erfolgen in der Vorkriegszeit verloren die Eugeniker schon im Verlauf der 1920er-Jahre deutlich an Einfluss. Diese Dimension blendet Black über weite Strecken aus, ebenso wie die vielen nichtrassistischen eugenischen Positionen, die es in der ersten Jahrhunderthälfte ebenfalls gab. Allgemein spielen Ambivalenzen und Gegenkräfte zu den Versuchen, eine weiße Herrenrasse zu schaffen, bei Black eine zu geringe Rolle.

Drittens und vor allem wirkt das Werk, das für den US-amerikanischen Buchmarkt geschrieben wurde, in Bezug auf den Nationalsozialismus letztlich verharmlosend. Vor lauter "J'accuse" gegenüber der US-amerikanischen Gesellschaft verliert Black die Proportionen aus dem Auge. Das wird schon an der Widmung des Werkes deutlich: Black eignet das Buch seiner Mutter zu, die sich an eine Zeit erinnere, als die "American principles of eugenics came to Nazi-occupied Poland" (V). Was sich zunächst als Spitze gegen die amerikanische eugenische Bewegung liest, ist in Bezug auf das NS-Regime apologetisch. Denn es bedurfte weder amerikanischer Ideen noch Dollar, um die nationalsozialistische Euthanasiepolitik in Gang zu setzen oder - was die Widmung nahe legt - gar den Rassen- und Vernichtungskrieg. Offensichtlich fehlt Black das Instrumentarium, um die transnationalen Verflechtungen angemessen gewichten zu können. Bei ihm klingt es so, als ließen sich Ideen eins zu eins verpflanzen, als setzten sie sich zudem ziemlich direkt in soziale und politische Praxis um. Konsequenter Weise erfährt man in dem Werk kaum etwas über die Genese der deutschen Eugenik bis 1933. Wenn Black den Nachweis für Hitlers Rezeption der US-Eugenik führt, glaubt er schon, die Politik des NS-Regimes aufgeschlüsselt zu haben. Auch das in der Forschung seit längerem umstrittene Verhältnis von Eugenik, Antisemitismus und Rassismus lotet Black analytisch nicht aus - Formulierungen wie "Hitler's eugenicide" (zum Beispiel 396) verschleiern mehr als sie erklären.

So sehr Blacks Ansatz, einmal die rein nationalhistorische Perspektive zu überschreiten, zu begrüßen ist, muss man vor "War Against the Weak" letztlich warnen: Ein so sensibles Thema hätte einer konzeptionell ausgereifteren, sorgfältigeren und weniger aufgeregten Arbeit bedurft.

Kiran Klaus Patel