Rezension über:

Tomasz Kizny: Gulag. Vorworte von Norman Davies / Sergej Kowaljow / Jorge Semprun. Aus dem Französischen von Michael Tillmann, Hamburg: Hamburger Edition 2004, 496 S., 13 Farb-, 431 s/w-Abb., 13 Karten, ISBN 978-3-930908-97-4, EUR 49,00
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Rezension von:
Jürgen Zarusky
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Zarusky: Rezension von: Tomasz Kizny: Gulag. Vorworte von Norman Davies / Sergej Kowaljow / Jorge Semprun. Aus dem Französischen von Michael Tillmann, Hamburg: Hamburger Edition 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6 [15.06.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/06/7215.html


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Tomasz Kizny: Gulag

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"The latter don't catch the imagination in the same way." Das ist eine Antwort auf die Frage, warum die Geschichte und Bedeutung nationalsozialistischer Lager in der Öffentlichkeit so ungleich stärker präsent ist, als die der stalinistischen, mit der sich die amerikanische Journalistin Anne Applebaum in ihrem "Essay about the absence of memory of communist crimes" von 1996 [1] auseinandergesetzt hat. Imagination hängt mit Images, mit Bildern zusammen, und tatsächlich taucht auf dem inneren Bildschirm des gebildeten westlichen Durchschnittsbürgers bei der Nennung des Begriffs "GULag" vermutlich in den meisten Fällen das Porträtbild Alexander Solschenizyns auf, nicht aber irgendeine konkrete Vorstellung von der sowjetischen Lagerwelt.

Das hat seine Gründe: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager wurden von den alliierten Truppen befreit, die sich beeilten, die Weltöffentlichkeit in Wort und Bild über das unvorstellbare Grauen zu informieren, das sie dort antrafen. Die Verhältnisse in den Nazi-KZs, die sich in der Agonie des NS-Regimes durch Überfüllung, Hunger und Seuchen zum Inferno gesteigert hatten, waren so weit jenseits des Vorstellbaren, dass etwa General Eisenhower sofort eigens prominente Zeugen in Gestalt führender Verleger und Journalisten aus den USA nach Deutschland holte, weil er befürchtete, die Nachwelt werde die Berichte der Soldaten und Überlebenden nicht glauben. [2] Die Bilder von den Leichenbergen in Dachau und Bergen-Belsen gingen um die Welt. Filme und Bilder spielten auch im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher eine wichtige Rolle. Die meisten Häftlinge des GULag wurden hingegen von Stalins Nachfolgern freigelassen, die, da selbst zutiefst verstrickt in die Verbrechen der vorausgegangenen Ära, nur ein beschränktes Interesse daran hatten, die Öffentlichkeit über die Wirklichkeit der Lager zu informieren. Den Gipfel der Publizität bildete die Veröffentlichung von Solschenizyns Novelle "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" in der Literaturzeitschrift "Nowyj mir" auf dem Höhepunkt von Chruschtschows antistalinistischer Kampagne 1962. Mit solchen Freiheiten war es aber bald wieder vorbei. Natürlich gab Solschenizyn in seinem bahnbrechenden Werk "Archipel GULag" anschauliche Schilderungen, aber das waren für die meisten im Westen doch Beschreibungen einer sehr fremden Welt, zu denen die Bilder im Kopf fehlten.

Der polnische Fotograf Tomasz Kizny will diesem Mangel jetzt mit einem monumentalen, großformatigen Fotoband abhelfen, der 2003 in Paris und im darauf folgenden Jahr in deutscher Ausgabe in der Hamburger Edition erschienen ist. Die über 400 Schwarz-Weiß-Bilder sind zwei verschiedenen Genres zuzurechnen. Kizny hat viele historische Fotos aus dem GULag gesammelt, er hat aber auch Orte und Überlebende aufgesucht und eigene Aufnahmen gemacht. Es geht also nicht allein um eine Dokumentation, sondern auch um eine fotografisch-künstlerische Auseinandersetzung mit der Geschichte stalinistischer Verfolgung. Sechs Schauplätze hat Kizny ausgewählt: Die Solowezki-Inseln, die Keimzelle des GULag; den Belomorkanal, 1931-1933 eine riesige mit Sklavenarbeit betriebene Baustelle, nach der eine noch heute verbreitete Zigarettenmarke benannt ist; die Expedition zur Polarinsel Waigatsch im Weißen Meer (1930-1936), wo mit primitivsten Mitteln und Häftlingszwangsarbeit Zink und Blei, aber nicht das erhoffte Gold gefördert wurde; die Kolyma im fernen Osten des Landes, wo hingegen unter denkbar menschenfeindlichen klimatischen Bedingungen von 1931 bis 1955 Gold, aber auch Zinn und Uran gewonnen wurde; Workuta im hohen Norden, wo von 1931 bis 1956 mit zehntausenden von Gefangenen Kohlebergbau betrieben wurde; und schließlich Stalins letztes großes und wahnhaftes Bauprojekt, die Todesstrecke, doroga smerti, eine Eisenbahn, die auf der Höhe des Polarkreises durch Sibirien führen sollte und für die ab 1947 zeitweilig 70.000 Gefangene gleichzeitig eingesetzt wurden; zwei Wochen nach Stalins Tod wurde der sinnlose Bau eingestellt, von dem heute nur noch Schienenreste, verfallene Lagerbaracken und einsame, anonyme Häftlingsgräber zeugen.

Zwischen diese Sektionen hat Kizny überdies eine Abteilung über Theater im GULag integriert. Auch das gab es, und nicht in wenigen Lagern. Die Kommandanten und Wachmannschaften in den entlegenen Gegenden wollten unterhalten werden, ihnen standen nicht selten hochrangige Profis zur Disposition und eine leistungsstarke Kulturbrigade konnte den Anschein der Erfüllung des erzieherischen Auftrags der "Besserungsarbeitslager" - so die offizielle Terminologie - unterstreichen.

Die einzelnen Sektionen des Buches sind nach einem einheitlichen Schema gegliedert. Auf eine kurze Einführung folgen die historischen Fotos, danach eine als "Historische Notiz" bezeichnete knappe Chronologie des jeweiligen Lagers und darauf die zeitgenössischen Fotografien von Kizny selbst, eindrucksvolle und aussagestarke Aufnahmen von Spuren und Überresten des GULag und sprechende Porträts von Überlebenden, von Kindern Verfolgter und von Menschen, die heute an den Orten des Schreckens leben. 17 Jahre, von 1986 bis 2003 hat Kizny sein Projekt verfolgt, das dem GULag ein Gesicht gibt und seine Spuren in der Landschaft und den Gesichtern von heute zeigt. Dabei erweist sich Kiznys Sammlung als äußerst facettenreich, und sie hält so manche Überraschung bereit, etwa eine Aufnahme des lettischen Kommunisten Eduard Bersin, des Gründers und Leiters der Kolyma-Lager von 1932 bis 1937, mit seinem Rolls Royce (330 f.)! Die Nobelkarosse war ein Geschenk aus Moskau und hatte zuvor Lenins Witwe Nadjeschda Krupskaja gehört. Bersin konnte sich allerdings nicht allzu lange daran erfreuen, denn er wurde 1937 im Zuge des Großen Terrors verhaftet und 1938 hingerichtet. Bis heute gibt es aber in der Ortschaft Jagodnoe in der Kolyma eine Bersin-Straße. Władysław Chrustuk, ein alter Pole, einst Hauptmann und Agent der Polnischen Heimatarmee, wohnt in diesem Ort. Kizny hat ihn an einer Ecke der Bersin-Straße fotografiert. Eine tiefe Melancholie prägt das Bild des Mannes, der nach fünfjähriger Lagerhaft die Kolyma und später die Sowjetunion lange Zeit nicht verlassen durfte und sich schließlich für immer niederließ - keineswegs ein Einzelfall.

So anschaulich und informativ Kiznys Band auch ist, stößt er doch an eine Grenze: Fotos, die die Qualen und das Grauen des GULag unmittelbar zeigen, scheint es nicht zu geben, was indes nicht sehr verwundert. Bilder davon allerdings gibt es, naive und zugleich oft grauenvolle Zeichnungen und Aquarelle: In Deutschland wurden 1991 die gemalte Lager-Autobiografie von Jefrosinija Kersnowskaja und 1993 die oft schockierenden brutalen GULag-Zeichnungen des ehemaligen sowjetischen Kriminalbeamten Dancik Baldajew veröffentlicht [3] - für jeden, der sich vom GULag "ein Bild machen" möchte, eine wichtige Ergänzung zu Kiznys beeindruckendem Werk, das mit viel diskreteren Mitteln arbeitet.

Gleich drei bedeutende Zeitgenossen haben Vorworte zu Kiznys Bildband beigesteuert: der Historiker Norman Davies, bekannt durch seine Arbeiten zur polnischen Geschichte, der ehemalige Buchenwald-Häftling, spätere Schriftsteller und ehemalige spanische Kulturminister Jorge Semprun und der Dissident, ehemalige politische Gefangene und erste russische Menschenrechtsbeauftragte Sergej Kowaljow. Vorworte sind keine Textsorte, die man auf die Goldwaage legen soll. In erster Linie haben die Autoren mit ihren Respekt gebietenden Namen ein wichtiges Buch befördert und einige bedenkenswerte Gedanken geäußert. Man muss aber doch bemerken, dass manche der Vergleiche und Aussagen über die Opferzahlen des GULag angesichts der Tatsache, dass sie sich auf keinerlei belastbares Datenmaterial stützen, etwas zu vollmundig geraten sind. Das indes ist ein Randaspekt, der nichts daran ändert, dass es sich bei Kiznys Werk um ein Buch handelt, das man sich unbedingt anschauen sollte, weil es - im wahrsten Sinn des Wortes - den Gesichtskreis erweitert.


Anmerkungen:

[1] Anne Applebaum: A Dearth of Feeling. An essay about the absence of memory of communist crimes, The New Criterion, Oktober 1996; URL: http://www.anneapplebaum.com/communism/1996/10_crit_feeling.html.

[2] Vgl. Norbert Frei: "Wir waren blind, ungläubig und langsam". Buchenwald, Dachau und die amerikanischen Medien im Frühjahr 1945, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 35 (1987), 385-401.

[3] Jefrosinija Kersnowskaja: "Ach Herr, wenn unsere Sünden uns verklagen". Eine Bildchronik aus dem Gulag, Frankfurt a. M. 1993; Dancik Sergejewitsch Baldajew: GULag-Zeichnungen, Frankfurt a.M. 1993.

Jürgen Zarusky