Rezension über:

Reinhard Bobach: Der Selbstmord als Gegenstand historischer Forschung (= Suizidologie; 16), Regensburg: Roderer Verlag 2004, 94 S., ISBN 978-3-89783-439-2, EUR 18,00
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Rezension von:
Jürgen Brunner
München
Redaktionelle Betreuung:
Florian Steger
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Brunner: Rezension von: Reinhard Bobach: Der Selbstmord als Gegenstand historischer Forschung, Regensburg: Roderer Verlag 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6 [15.06.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/06/8398.html


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Reinhard Bobach: Der Selbstmord als Gegenstand historischer Forschung

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Reinhard Bobach legt einen im Wintersemester 2001/2002 am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin gehaltenen Vortrag (7) erweitert und um Anmerkungen ergänzt vor.

Im ersten Kapitel (8-26) will der Verfasser einen Überblick über die Diskursgeschichte des Suizids geben. Der philosophiegeschichtliche Teil wird kursorisch abgehandelt, indem der Bogen von der Antike bis in die Gegenwart gespannt wird und die verschiedenen Autoren dichotom in zwei Kategorien (Befürwortung versus Ablehnung eines Rechts auf Suizid) eingeteilt werden. Ähnlich werden auch andere Disziplinen kursorisch gestreift. Dabei werden allgemein anerkannte Fakten der Suizidforschung wie die Tabuisierung des Suizids nur unzureichend gewürdigt respektive geleugnet; so wird behauptet, ein Suizidversuch habe in der ehemaligen DDR "kaum eine Form der Stigmatisierung nach sich" gezogen (14). Bobach erwähnt die kaum bekannte und 2001 neu edierte Schrift "Vom Selbstmord" (1846) von Karl Marx. Diese Arbeit zählt der Autor zu den wenigen Publikationen des 19. Jahrhunderts, die bis heute eine hervorragende Bedeutung hätten.

Im zweiten Kapitel (27-62) versucht der Verfasser in methodisch kaum nachvollziehbarer Weise, einen Zusammenhang zwischen amtlichen Suizidstatistiken und Mentalitätsgeschichte zu konstruieren. Die Suizidstatistiken könne man angeblich "wie 'Fieberkurven' der Geschichte lesen. Ihre Bewegung lässt historische Ereignisse und deren kollektive Wahrnehmung [...] plastisch werden" (37). Begründet wird dies mit folgenden Worten: "Dass man die Selbstmordstatistiken für die Einschätzung längerfristiger mentaler Entwicklungen wie zum Ablesen unmittelbarer Reaktionen auf, zum Beispiel, politische Ereignisse heranziehen darf, beruht [...] darauf, dass sie die Schwankungen des wirklichen Suizidgeschehens verhältnismäßig akkurat widerspiegeln" (40). Wie der Verfasser von den Suizidstatistiken auf mentalitätsgeschichtliche Zusammenhänge schließt, bleibt unklar. Seinen methodischen Ansatz kritisiert der Verfasser selbst, wenn er die bekannte Tatsache reflektiert, "dass die offiziellen Suizidraten nicht in der Lage sind, das reale Selbstmordgeschehen einer Gesellschaft quantitativ genau widerzuspiegeln" (27). Der Verfasser ist sich der Tatsache bewusst, dass die Aussagekraft amtlicher Suizidstatistiken sehr eingeschränkt ist. In einer Fußnote (38, Anm. 87) wird auf die gravierende Problematik der Suizidstatistik im Nationalsozialismus verwiesen. Dennoch werden diese Zahlen herangezogen (37 f.). Auch an anderer Stelle wird auf die Problematik amtlicher Suizidstatistiken eingegangen, wobei die in diesem Kontext gemachten und unbelegten Behauptungen hierzu diskrepant sind: "gesellschaftlich wurde der Selbstmord weder [...] in der DDR noch in Russland als ein besonderes Stigma empfunden, Staat und Partei jedoch haben darin ein zu verschweigendes Verfallskennzeichen gesehen" (41). An anderer Stelle wird ebenfalls auf die Problematik amtlicher Suizidstatistiken eingegangen: "Es steht [...] nicht fest, dass zum Beispiel Norwegen tatsächlich eine so niedrige Selbstmordrate hat, wie sie offiziell ausgewiesen wird" (40). Bei der Interpretation der Suizidstatistiken kommt der Verfasser zu widersprüchlichen Ergebnissen: "Über die reale Höhe der Selbstmordhäufigkeit des Werther-Fiebers im engeren Sinne ist selbstverständlich am wenigsten bekannt. Aber es lässt sich wohl davon ausgehen, dass sie statistisch nicht signifikant gewesen wäre" (48). Nur wenig später (54) ist dann von einer "statistisch indizierbaren Selbstmordwelle der 1770er/80er Jahre" die Rede.

Methodenkritische Einwände werden vom Verfasser expressis verbis übergangen, wenn er behauptet, "dass die stets als besonders unsicher eingeschätzten gesellschaftlichen Registrierungen des Selbstmords auch schon für die frühe Neuzeit wesentlich verlässlicher sind als ihr Ruf. [...] Es ist [...] nicht so - wie die kulturgeschichtlichen Darstellungen der letzten zwei Jahrzehnte fast durchgängig nahelegen -, dass die stets erkennbar gewesenen Steigerungen und Schwankungen der Selbstmordhäufigkeit in erster Linie ein Aufmerksamkeits- bzw. Medienphänomen gewesen sind. [...] Diese Bewegungen sind [...] offensichtlich real und nicht das Ergebnis einer 'gesellschaftlichen Konstruktion', wie man heute vorzugsweise sagt." (53 f.). Methodisch mangelhaft ist der ahistorische Vergleich von zeitlich und geografisch inkompatiblen Phänomenen: "Die Grafik 13 demonstriert etwas an sich völlig Unwahrscheinliches. In ihr sind die [...] Selbstmordzahlen der Herzogtümer Schleswig und Holstein für das 18. (!) Jahrhundert mit denen aus der Stadt Zürich des 17. (!) Jahrhunderts kombiniert. Es handelt sich also um Angaben, die man sowohl territorial als auch zeitlich normalerweise nicht für miteinander vergleichbar halten würde. Das Ergebnis ist frappierend: Man kann die Kurven Stück für Stück durchgehen, es gibt [...] buchstäblich keine Bewegung einer der Kurven, die nicht eine Entsprechung auf der anderen hätte" (52 f.). Diese "Kurvendiskussion" ist nicht nachvollziehbar (89, Grafik 13). Es werden absolute (nicht auf die jeweilige Einwohnerzahl bezogene) Suizidzahlen angegeben. Statistische Methoden kommen nicht zur Anwendung.

Im dritten Kapitel "Was ist Selbstmord?" (63-76) kommt der Verfasser zu einer Schlussfolgerung, die im Widerspruch zu seinen bisherigen "Ergebnissen" steht. Nun wird kritisch hinterfragt, ob die angeblichen "Selbstmordwellen und Niveauunterschiede jemals existiert haben oder ob sie vielleicht doch nur ein modernes 'Wahrnehmungsphänomen' sind" (63). In Bezug auf Amok macht der Verfasser Zukunftsprognosen: Amok werde "wieder zurückgehen" (68), "in Deutschland nicht stehen bleiben, sondern sich früher oder später auch auf Ostmittel- und Osteuropa ausdehnen" (68). Das Kapitel enthält eine - in der Suizidforschung ungebräuchliche - Privatterminologie des Verfassers, der von einem "komischen" (70), "zynisch[en]" oder "apathisch[en]" (71) sowie von einem "melancholischen" (71) Suizid spricht. Die Definition suizidalen Verhaltens wird in unzulässiger Weise überdehnt und ausgeweitet auf "exzessives Arbeiten oder Genießen", sodass der Verfasser zu dem Schluss kommt: "Nur wer überhaupt nicht lebt, bringt sich nicht um." (68). Die Abhandlung endet mit der enigmatischen Sentenz: "Der Selbstmord ist die letzte Form, worin der Mensch sich selbst erkennt." (76). Es folgt ein grafischer Anhang (77-94) mit 18 Abbildungen.

Die vom Verfasser vorgelegte Arbeit ist in methodischer Hinsicht kritisch zu bewerten. Methodenkritische Einwände werden zwar diskutiert, jedoch bei der Interpretation ignoriert. Der Verfasser kommt zu widersprüchlichen Resultaten. Zentrale Ergebnisse der Suizidforschung der letzten Jahrzehnte werden ohne schlüssige Begründung übergangen. Dies ist bei einem interdisziplinären Thema als schwerwiegend zu werten. Eine Bibliografie fehlt. Die Literaturangaben in den Fußnoten sind nicht auf dem neuesten Stand. Standardwerke werden in alten Auflagen zitiert. Neben zahlreichen sprachlichen Unschönheiten wurde leider für den Titel und durchgängig der moralisch abwertend konnotierte und in der Suizidologie zurecht obsolet gewordene Terminus "Selbstmord" verwendet.

Jürgen Brunner