Rezension über:

Gabriel Adriány: Die Ostpolitik des Vatikans 1958-1978 gegenüber Ungarn. Der Fall Kardinal Mindszenty (= Studien zur Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas; Bd. 3), Herne: Schäfer Verlag 2003, 185 S., ISBN 978-3-933337-29-0, EUR 19,50
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Rezension von:
Tibor Dömötörfi
Institut für Geschichte der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Budapest
Empfohlene Zitierweise:
Tibor Dömötörfi: Rezension von: Gabriel Adriány: Die Ostpolitik des Vatikans 1958-1978 gegenüber Ungarn. Der Fall Kardinal Mindszenty, Herne: Schäfer Verlag 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 7/8 [15.07.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/07/6763.html


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Gabriel Adriány: Die Ostpolitik des Vatikans 1958-1978 gegenüber Ungarn

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Gabriel Adriányi ist Professor emeritus für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte mit Einschluss der Kirchengeschichte Osteuropas an der Universität Bonn. Der gebürtige Ungar zählt zu den besten Experten seines Faches in Deutschland. Er wollte seine wissenschaftliche Tätigkeit - nach eigener Aussage - von Anfang an zwei Zielen widmen: zum einen "den Studenten und einem breiten Publikum die wechselvolle Geschichte und die traurige Gegenwart meiner Heimatkirche nahe [zu] bringen, zum anderen durch Forschungen und Publikationen der bedrängten Kirche der Heimat zu Hilfe [zu] eilen" (7). Diesem Vorhaben hat er sicherlich durch seine über 20 Jahre dauernde Lehrtätigkeit und durch seine zahlreichen Veröffentlichungen bereits mit Erfolg Genüge getan. Als Herausgeber der Buchreihe "Dissertationes Hungaricae ex historia Ecclesiae" ist Adriányi auch über seinem engeren Fachbereich hinaus bekannt. In dem vorliegenden Band befasst er sich mit einem Thema, das ihn seit 1961 - seiner Flucht nach dem Westen - nicht mehr "losgelassen hat": mit der so genannten "Ostpolitik" des Vatikans bzw. mit dem Schicksal des ehemaligen ungarischen Primas József Kardinal Mindszenty in diesem Zusammenhang (1892-1975).

Man darf nicht vergessen, dass eine realistische Betrachtung der neuesten Kirchengeschichte und eine fundierte wissenschaftliche Beschäftigung mit religiösen und kirchenpolitischen Themen im staatssozialistischen Ungarn - so wie in den übrigen Ländern des sowjetischen Herrschaftsbereichs - praktisch nicht möglich war. Nach 1989/90 erlebte man dagegen das Erscheinen einer Menge einschlägiger Publikationen, die aber größtenteils weniger wissenschaftlicher Natur waren bzw. nur bereits vorhandene Dokumente neu kommentierten. Systematische, quellenkundige kirchengeschichtliche Forschungen über die vergangenen fünfzig Jahre haben heute noch Seltenheitswert.

Nach der demokratischen Wende entschloss sich der emigrierte Theologe Adriányi - wie viele seiner Schicksalsgenossen -, in seiner alten Heimat ebenfalls tätig zu werden. Er nimmt aktiv am Wissenschaftsleben Ungarns teil: er ist assoziiertes Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, er hält Vorträge und publiziert in den ungarischen Medien. Sein vorliegendes Buch ist 2004 in Budapest auch auf ungarisch erschienen. [1]

Der Autor behandelt sein Thema chronologisch: in drei Abschnitten stellt er die vatikanische "Ostpolitik" von Pius XII. (1939-1958), Johannes XXIII. (1958-1963) und - schwerpunktmäßig - von Paul VI. (1963-1978) gegenüber Ungarn dar, wobei der Begriff "Ostpolitik" im Falle des erst genannten Kirchenoberhauptes etwas anachronistisch wirkt. Ein ganzes Kapitel beschäftigt sich mit dem einmaligen Vorgang, wie der seit November 1956 in der Budapester US-Botschaft als Zufluchtsort lebende, dann 1971 gen Westen entlassene und desavouierte Kardinal Mindszenty vom Papst Paul VI. im Jahre 1974 seiner kirchlichen Ämter enthoben wurde. Zum Schluss bekommt der Leser einen Einblick in das "sich normalisierende Verhältnis" zwischen dem Vatikan und der Volksrepublik Ungarn Ende der 1970er-Jahre.

Adriányi setzt sich mit den diplomatischen Bemühungen des Vatikans, die Positionen der katholischen Kirche in den damaligen Ostblockländern durch Arrangements mit den kommunistischen Machthabern zu verbessern, sehr kritisch auseinander. In der Person des Kardinals Mindszenty zeichnet er eine tragische Figur, die trotz weitestgehender Kirchentreue und persönlichen Leidens ein verratenes Opfer der vatikanischen "Ostpolitik" wurde. Nicht ohne Grund standen seiner Meinung nach die Betroffenen - Priester, Ordensleute und Gläubige in Ungarn - schließlich mehrheitlich resigniert der "Kompromißfreudigkeit des Vatikans" gegenüber (145-146). Angesichts der stets zynischen Haltung der kommunistischen Führung fällt Adriányi ein hartes Urteil über den "Ostpolitiker" Papst Paul VI.: "Seine Auffassung und Hoffnung, [...] das System in den kommunistischen Ländern aufzulockern oder gar zu ändern, erscheint heute noch als eine grenzenlose Naivität" (144). Resümierend stellt der Autor sogar fest: Die Handlungen Roms gegenüber Ungarn "stellen eine derart unehrliche, verlogene Ostpolitik des Vatikans dar, die in der ganzen Geschichte der päpstlichen Diplomatie keine Parallele findet" (151).

Zweifelsohne ist die Darstellung Adriányis nicht frei von subjektiven Elementen und kontroversen Aussagen. (Wie er im Vorwort selber erwähnt, lehnte der katholische Schöningh-Verlag das fertige Manuskript mit der Begründung ab, dass es eine "Streitschrift" sei; 9) Man darf hier vielleicht darauf hinweisen, dass Adriányi selber ein "Opfer" der kommunistischen Kirchenpolitik war: Er musste 1960 in Ungarn heimlich zum Priester geweiht werden, daraufhin flüchtete er im Mai 1961 - kurz vor dem Mauerbau - über Berlin in die Bundesrepublik. Er war in Westdeutschland zuerst als Seelsorger tätig und schlug dann eine akademische Laufbahn ein.

Das Buch von Adriányi ist allerdings ein Beweis für die schwierige Quellenlage in dem gewählten Forschungsbereich und ist (auch) aus dieser Hinsicht unentbehrlich. Die meisten staatlichen und kirchlichen Archive sind nämlich für die fragliche Epoche noch gesperrt. Die diesbezügliche allgemeine Forschungssituation in den vatikanischen Archiven ist bekannt. In die kirchenpolitischen Akten hat man in Ungarn mittlerweile (begrenzt) Einsicht, jedoch ließ der Heilige Stuhl die bilateralen Dokumente kurz nach der Wende wieder sperren, zum Teil bis auf weitere 75 Jahre (8). Adriányis Werk basiert grundsätzlich auf Memoiren (sowohl die Erinnerungen Mindszentys als auch die des vatikanischen Chefdiplomaten Casaroli sind zugänglich) und auf Originaldokumenten bzw. Kopien aus seinem reichen Privatarchiv. (Die wichtigsten dieser Dokumente sind im Anhang des Buches als Faksimile beigefügt.) Der Autor hatte anscheinend gute Kontakte zu den ungarischen Exilpriestern in Rom und in Westeuropa, von denen er zum Teil wichtige Informationen etwa über die Umstände der "Exilierung" Mindszentys erhalten hatte. Aufgrund dieser Dokumente scheint zum Beispiel die Annahme begründet zu sein, dass von Seiten des Vatikans der ungarische Primas bewusst hintergangen worden ist, damit er Ungarn ohne weitere Einwände verließ (101 ff.). Erwähnt werden muss an dieser Stelle allerdings, dass von ungarischen Historikern sowohl in den US-amerikanischen [2] als auch in italienischen [3] Archiven wichtige Fonds zu der Mindszenty-Problematik bereits entdeckt wurden, die in dem vorliegenden Buch noch nicht berücksichtigt sind.

Die Bewertung einiger zitierten Quellen durch Adriányi sind aus Sicht des Zeithistorikers nicht unproblematisch. Dabei geht es in erster Linie um die so genannten kirchlichen Agenten des ungarischen Staatssicherheitsdienstes. Gegenwärtig wütet in Ungarn ein reichlich verspäteter Streit über die Rolle und Bedeutung der "Agenten" sowie über den Zugang zu den einschlägigen Archivmaterialien. In der offensichtlich aus politischem Kalkül generierten Diskussion wird häufig über die Kollaboration der Kirche mit der kommunistischen Macht geredet. Unabhängig davon benennt auch Adriányi mehrere katholische Bischöfe als Agenten des Staatssicherheitsdienstes (137 ff.). Sein Ziel ist dabei zu zeigen, inwieweit der katholische Klerus durch die kommunistische Macht infiltriert war - als unmittelbare Folge der zu nachgiebigen und verfehlten vatikanischen Personalpolitik. Ohne Zweifel gab es aktive Kollaborateure in der damaligen Kirche, sowohl unter der Geistlichen als auch unter den Laien. Die anhand der zugänglich gewordenen Stasi-Akten eruierten Namenslisten bedürfen allerdings einer gründlichen Quellenkritik. In einem kürzlich in Budapest erschienenen Buch beweist der renommierte Theologe und Soziologe Ferenc Tomka überzeugend, wie die Staatssicherheit ihre Personalakten manipulierte, fingierte "Berichte" fabrizierte, ahnungslose Personen als "Agenten" führte und so weiter. Tomka widerlegt konkret einige diesbezügliche Verdächtigungen von Adriányi. [4]

Bedauerlicherweise haben sich in Adriányis Buch hier und da faktische oder Druckfehler eingeschlichen; wir möchten hier auf einige hinweisen: János Péter, ehemaliger ungarischer Außenminister, lebt nicht mehr, er verstarb 1999 (67, Anm. 215); Papst Paul VI. war als G. B. Montini nicht 1958 , sondern 1938 in Budapest, anlässlich des Eucharistischen Kongresses (69); offensichtlich wegen eines zusätzlich eingefügten Faksimiles sind die numerischen Hinweise auf den Anhang durchgehend falsch (101 ff.); die in einer Fußnote wiedergegebenen Jahreszahlen sind falsch (117, Anm. 295); Mindszenty wurde im Mai 1990 durch das zuständige Hauptstädtische Gericht nicht "offiziell und vollständig" rehabilitiert, das Gerichtsverfahren gegen ihn wurde pauschal für null und nichtig erklärt (151). [5] Leider verfügt das Buch über kein Namensregister. Die Lesbarkeit ist durch die verwendete photomechanische Vervielfältigung etwas beeinträchtigt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das engagierte Buch von Gabriel Adriányi eine unverzichtbare Lektüre für diejenigen ist, die sich mit der neuesten Kirchengeschichte Ostmitteleuropas beschäftigen. Seine Schlussfolgerungen sind allerdings nur dann zu verifizieren - vor allem was die Standpunkte, Ziele und Strategien des Heiligen Stuhles betrifft -, wenn die entsprechenden archivalischen Quellen zugänglich werden.


Anmerkungen:

[1] Adriányi Gábor: A Vatikán keleti politikája és Magyarország 1939-1978. A Mindszenty-ügy, Budapest 2004. (Merkwürdigerweise findet sich in dieser leicht gekürzten ungarischen Fassung kein Hinweis auf die deutsche Erstausgabe.)

[2] Vergleiche die Quellenausgabe von László Borhi: Iratok a magyar-amerikai kapcsolatok történetéhez, 1957-1967 [Dokumente zur Geschichte der ungarisch-amerikanischen Beziehungen, 1957-1967], Budapest 2002.

[3] Vergleiche die Hinweise von József Pankovits: A Mindszenty-kérdés és a magyar-olasz kapcsolatok, 1956-1977 [Die Frage Mindszenty und die ungarisch-italienischen Beziehungen, 1956-1977], in: Múltunk (Budapest), 49 (2004), Heft 2, 3-33.

[4] Ferenc Tomka: Halálra szántak, mégis élünk! Egyházüldözés 1945-1990 és az ügynökkérdés [Wir wurden zum Tode geweiht und wir leben doch! Kirchenverfolgung 1945-1990 und die Agentenfrage], Budapest 2005, besonders 287 ff.

[5] Vergleiche die diesbezüglichen Angaben von Margit Balogh: Mindszenty József, Budapest 2002, 330.

Tibor Dömötörfi