Rezension über:

Silvio Cataldi (a cura di): Poleis e politeiai. Atti del Convegno Internazionale di Storia Greca. Torino, 29 maggio - 31 maggio 2002 (= Fonti e studi di Storia Antica; 13), Turin: Edizioni dell'Orso 2004, 549 S., ISBN 978-88-7694-713-1, EUR 70,00
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Rezension von:
Johannes Engels
Institut für Altertumskunde, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Engels: Rezension von: Silvio Cataldi (a cura di): Poleis e politeiai. Atti del Convegno Internazionale di Storia Greca. Torino, 29 maggio - 31 maggio 2002, Turin: Edizioni dell'Orso 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 10 [15.10.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/10/8597.html


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Silvio Cataldi (a cura di): Poleis e politeiai

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Der Band bietet 27 Einzelstudien mit einer Einleitung des Herausgebers Silvio Cataldi (1-18), in der bereits mit zahlreichen Verweisen auf die jüngere Sekundärliteratur das außerordentlich weite Bedeutungsfeld der beiden thematischen Leitbegriffe "Polis" und "Politeia" umrissen wird, sowie abschließenden Bemerkungen Mauro Moggis (521-526). Chronologisch spannt sich der Bogen der Beiträge von der archaischen Polis bis zur oft prekären Existenz der Poleis in den hellenistischen Königreichen und als Provinzstädte des römischen Reiches. Im Rahmen dieser Besprechung kann ich nicht auf sämtliche Studien eingehen. Ich werde daher exemplarisch einige Beiträge herausgreifen.

Die Politeia, die "Seele der Polis" (Isokrates), umfasst erheblich mehr als das verfassungsmäßige Gefüge der Institutionen und Magistraturen der Polis. Die Politeia umschließt die gesamte gemeinsame Lebensform der Bürger (koinonia, Aristoteles) in einem politischen, sozialen, militärischen und kultischen Verband. Ob es überhaupt eine "Normalpolis" in der griechischen Antike gegeben haben kann, wird immer fraglicher. War doch jede der hunderte von Poleis ein individuell gewachsenes Gemeinwesen mit seiner spezifischen, unverwechselbaren Politeia, die sich in der oft jahrhundertelangen Geschichte einer Polis zudem erheblich veränderte. Hinzu kommen bekanntlich noch Politeiai der Ethne oder Koina, deren Verhältnis zu den Politeiai von Einzelpoleis ein eigenes Forschungsgebiet bildet. Allerdings hatte immerhin kein geringerer Kenner als Aristoteles seine Zweifel, ob ein Ethnos oder Koinon überhaupt eine vollgültige Politeia aufweisen könne, oder ob man den Begriff nicht besser auf die Polis beschränken sollte. Die meisten Studien dieses Sammelbandes erörtern die Verhältnisse in einer einzelnen Polis oder mehreren Poleis.

Einen stärker theoretisch-systematischen Ansatz verfolgt dagegen Maurizio Giangiulio in "Stato e statualità nella polis: riflessioni storiografiche e metodologiche" (31-53). Max Webers Staatssoziologie befruchtet die anthropologischen und politisch-sozialwissenschaftlichen Diskussionen über das Wesen der Polis weiterhin, die in jüngerer Vergangenheit u. a. um den Charakter der Polis als einer typisch antiken "Staatsform" oder als "stateless polis" (Moshe Berent) bzw. "stateless society" gehen. Aus althistorischer Sicht dürfte wohl hierzu Mogens Herman Hansen das Entscheidende vorgetragen haben. [1] Giangiulio plädiert für eine stärkere zukünftige Verschränkung von empirischen Einzelstudien zu einzelnen Poleis mit einer gründlichen theoretisch-systematischen Reflexion über das Wesen der Polis in der griechisch-römischen Antike.

In den Beiträgen dieses Bandes wird erfreulicherweise die Diskussion nicht auf die in unserem Quellenmaterial besonders gut dokumentierten Poleis Athen oder Sparta reduziert. Vermutlich war nämlich das Leben in den hunderten kleiner Poleis, die jüngst in einem eindrucksvollen Repertorium vom Copenhagen Polis Center nachgewiesen wurden [2], für die Polis als epochentypische Leitform der staatlichen und gesellschaftlichen Organisation in der griechischen Antike repräsentativer [3]. Zu einigen dieser Poleis wird wertvolles Quellenmaterial wohl bald leichter zugänglich werden. Denn Guido Schepens und Jan Bollansée besprechen "Frammenti di politeiai, nomoi e nomima" als Prolegomena einer geplanten neuen Edition von Politeiai-, Nomoi- und Nomima-Schriften im Rahmen der Fortführung der Fragmente der griechischen Historiker Felix Jacobys, Teil IV C (259-285).

Nachdem bereits zwei neue Ausgaben der historischen Fragmente der Politeiai des Aristoteles und seiner Nomima Barbarika erschienen sind [4], darf man von diesem angekündigten Band ebenfalls eine erfreuliche Erweiterung unserer Kenntnisse über Verfassungsordnungen und lokale Bräuche auch der kleinen Poleis Griechenlands erwarten. Zudem wird man die aristotelische Lehre über die Politeia von der Meinung anderer antiker Autoren klarer differenzieren können. Von antiken Werktiteln und Fragmenten von Politeia-Schriften ausgehend gelangten übrigens Felix Jacoby zu einer Einteilung in drei Gattungen von Politeiai (erstens politische Politeiai bzw. Pamphlete und tagespolitische Tendenzschriften, zweitens philosophische Politeiai insbesondere mit dem Ziel der Beschreibung der besten Verfassung, drittens wissenschaftlich-systematische Verfassungsbeschreibungen), Max Treu dagegen zu einer Zweiteilung (in Einzelpolitien einer bestimmten Polis oder polisübergreifende Traktate). Auf der Basis des Materials in FGrHist IV C wird sich wohl auch die verbreitete Meinung als irrig erledigen, es habe in der griechischen Antike eine scharfe Trennung zwischen streng historischer und antiquarisch-gelehrter Forschung gegeben. Die fließenden Übergänge zwischen antiker (Auto-)Biografie und Geschichtsschreibung oder historischer und kulturgeografischer (chorografischer) Literatur sind ja bereits deutlich geworden.

Marcel Piérart fragt nach der bürgerlichen Identität im demokratischen Argos des 5. Jahrhunderts v. Chr.: "Qu'est ce qu'être Argien? Identité civique et régime démocratique à Argos au Ve s. avant J.-C." (167-185). Sicherlich betont er zu Recht, wie sehr die demokratischen Argiver ihre stolze Identität aus der ruhmreichen Rolle argivischer Heldenfiguren in der Mythologie (Perseus und Herakles, Danaos und Hypermestra) und der Vormachtstellung der Argolis in der frühen griechischen Geschichte bestärkten. Aber leider ist uns die Politeia der Argiver des Aristoteles nur in wenigen Fragmenten erhalten (Fr. 479-482 Rose, Hose 18-19) und auch die Tendenz der patriotischen demokratischen Lokalhistoriografie lässt sich nur aus Fragmenten (FGrHist 304-314 mit Komm. zu III B, IX. Argos, Leiden 1955) und wichtigen Spuren in der Perihegese des Pausanias erahnen. Noch hinderlicher ist bei dem Versuch, die demokratische argivische Identität zu beschreiben, die Tatsache, dass sich keine Reden oder politische Broschüren eines demokratischen Argivers erhalten haben. Reden, die athenische Historiker Argiver halten lassen, sind als Quellen problematisch. In gewissem Maße können hier aber argivische Inschriften und archäologische Befunde aus der Polis und ihren Heiligtümern Erkenntnisse ermöglichen.

Mario Lombardo untersucht "Poleis e Politeiai nel mondo 'coloniale'" (351-367). Wie weit bestimmte die Politeia der Mutterpolis die Verfassungs- und Lebensordnung einer Apoikie? Gab es im kolonialen Raum an den Rändern der archaischen und klassischen Poliswelt größere Möglichkeiten, bei der Neugründung einer Polis die gewohnte Politeia zur Disposition zu stellen, die Veränderbarkeit der politisch-sozialen Ordnung unmittelbar zu erleben und z. B. den Zusammenhang zwischen der Verteilung der neuen Kleroi und der politischen Isonomie zu schärfen? Wie weit wurde die Politeia den Erfordernissen der Kontakte der Griechen mit ihrer jeweiligen neuen "barbarischen" Umgebung angepasst? Die exklusive Abschottung des Politenverbandes scheint im kolonialen Raum weniger strikt gewesen zu sein als im griechischen Mutterland. Auch wurden häufiger ganze Bevölkerungsgruppen erst längere Zeit nach der Gründung in die Polis integriert.

Bereits in der klassischen Epoche, stärker noch in der hellenistischen Blütezeit der griechischen Föderalstaaten entstand die neuartige Herausforderung an die Politeiai der traditionellen Einzelpoleis, sich mit den Politeiai der Koina zu arrangieren. Dies hatte oft einschneidende Konsequenzen für die bisherige Definition der Polis, wenn man an die Ausbildung eines föderalen Bürgerrechtes oder an die Strukturen der Isopolitie denkt. Cinzia Bearzot, "Politeia cittadina e politeia federale in Senofonte" (229-257), untersucht ein frühes Stadium dieser Entwicklungen, in dem die Hellenika aus Oxyrhynchos und Xenophons Hellenika die frühesten Belege für das föderalstaatliche sympoliteuein bieten. Das wichtige Thema wird aber auch in anderen Beiträgen aufgegriffen (insb. von Sebastiana Nerina Consolo Langher, "Natural giuridica e valori del federalismo greco. Il conflitto fra autonomia ed egemonia", 315-333). Die polisübergreifenden Herrschaftsorganisationen verpflichteten die Mitglieder des Konion dazu, gemeinsamen Gesetzen zu folgen. Hierdurch entstanden Konflikte mit der Bewahrung der patrioi nomoi, da den neuartigen Sympoliteia-Verbänden zunächst die Autorität und Legitimität von Einzelpoleis und ihren Gesetzen noch fehlte. Wie eng das asty-Zentrum und die umliegende chora einer griechischen Polis zusammenhingen und wie interessant sich das Leben der Gesamtpolis auch z. B. auf der lokalen Ebenen der Demen widerspiegelte, wird von Giovanna Daverio Rocchi, "Forme urbane e rappresentazioni geografiche della politeia" (293-303), hervorgehoben. In diesen Kontext gehören auch die Sonderfälle der polis kata komas (z. B. Sparta) oder der komopolis.

Die Politen der einzelnen Poleis unterschieden sich bekanntlich in ihrer Zusammensetzung und Identität erheblich voneinander. Es ist aber kürzlich zu Recht von Armin Eich darauf hingewiesen worden [5], dass auch die Politen einer bestimmten Polis keineswegs ein homogenes und stabiles Kollektiv bildeten, das bereits durch ihre gemeinsame Politeia und die Institutionen der Polis dauerhaft konstituiert worden wäre. Vielmehr blieb auch die Zugehörigkeit zum Politenverband einer bestimmten Polis durch ihre Bindung an Demen und Phratrien dauerhaft prekär. Sie musste immer wieder aufs Neue erarbeitet und bestätigt werden, indem man sich in den Politenverband auf vielen Ebenen des gemeinsamen Lebens einfügte. Diese Beobachtung für die griechische Antike stimmt auch für heutige Bürgergesellschaften nachdenklich.

Der Band ist abschließend gesagt wegen der großen thematischen Breite und methodischen Vielfalt seiner Beiträge empfehlenswert. Er richtet sich aufgrund seines anspruchsvollen Niveaus offensichtlich in erster Linie an Fachkollegen und bereits fortgeschrittene Studenten. Die meisten Beiträge sind in italienischer Sprache, einige in Französisch oder Englisch. Zuverlässige Namens- und Sachregister erschließen den Band.


Anmerkungen:

[1] Mogens Herman Hansen: Was the Polis a State or a Stateless Society?, in: Thomas Heine Nielsen (Hg.): Even More Studies in the Ancient Greek Polis, Stuttgart 2002, 17-48.

[2] Vgl. hierzu die Rezension von Mischa Meier, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 10; URL: http://www.sehepunkte.de/2005/10/7336.html.

[3] Vgl. Mogens Herman Hansen / Thomas Heine Nielsen (Hgg.): An Inventory of Archaic and Classical Poleis, Oxford 2004.

[4] O. Gigon: Aristotelis opera, vol. III Librorum deperditorum fragmenta, Berlin / New York 1987; Aristoteles: Die historischen Fragmente, Aristoteles Werke in deutscher Sprache Band 20/III, hg. von Martin Hose, Berlin / Darmstadt 2002.

[5] Armin Eich: Probleme der staatlichen Einheit in der griechischen Antike", in: ZPE 149 (2004), 83-102.

Johannes Engels